23. Jahrgang
Montag, den 20. Januar 1896.
Die Feier des 25.Erinnerungstages der ■ £er Neubegründung des Deutschen Reiches. • ®
Am 18. Januar 1871 fand im Schlosse zu Ver- . ja ÜeS die Kaiserproklamation statt, und am 18. Ja. j- nuar 1896 wurde im Königlichen Schlosse zu B irlin | die Jubelfeier dieses denkwürdigen Attes feierlich tie- • qangen. Die Jubelfeier wurde, wie es bei wichttqen ■ Staatsakten üblich ist, durch einen Gottesdienst em- f q« leitet, der für die evangelischen Festtheilnehmer in - der Schloßkapelle, für die katholischer! in der St.Hed- wrgSkirche abgehalten wurde. Nach dem Gottesdienste v-rfammelten fich die Geladenen (Minister, (generale, ReichStagSabqeordnete rc.) im Weißen Saale des Kgl. Schlosses. Die Kaiserm nahm mit ihrem Gefolge auf der Kopellentribüne des Weißen SaalrS, die Kaiserin Friebr-ch und die übrigen fürstlichen Damen auf der Seitentribüne Platz. Nachdem der Reichskanzler dem Kaiser gemeldet hatte, daß die Festversammlung geord- net se', begab der Kaiser sich unter großem Vortritt in den Weißen Saal. Als Se. Majestät den Saal betrat, brachte der Präsident d-s Reichstage-, Frhr. v. Buol, ein Hoch ouf den Kailcr aus. Der Kaiser nahm nun auf dem Throne P!atz und verlas folgende Botschaft:
Wir Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc., thun kund und fügen hiermit zu wissen:
Nachdem fünfundzwanzig Jahre verflossen sind seit dem Tage, an welchem unseres in Gott ruhenden Herrn Großvaters Majestät der einmüthigen Aufforderung der Deutschen Fürsten und Freien Städte und dem Wunsche der Nation enttprechend die Deutsche Kaiserwürde angenommen hat, haben wir be- ichlossen, das Gedächtniß dieses denkwürdigen Ereignisses feierlich zu begehen, welches dem langen Sehnen des Deutschen Volkes endliche und glänzende Erfüllung brachte und dem wieder- errichteten Reiche die Stellung schuf, die ihm nach seiner Ge- schichte und kulturellen Entwickelung in Mitten der Völker des Erdreichs gebührt.
Wir haben dazu die Bevollmächtigten unserer Hohen Ver- bündeten und die Vertreter des Volkes, sowie diejenigen Männer entboten, welche in jener großen Zeit an dem Werke der Einigung der deutschen Stämme hervorragend mitgewirkt haben.
Umgeben von den Fahnen und Standarten ruhmreicher Regimenter, den Zeugen des TodesmutheS unserer Heere, bte an jenem Tage den ersten Deutschen Kaiser grüßten, erinnern wir uns tiefbewegten Herzens des erhebenden Bildes, welches das in seinen Fürsten und seinen Völkern geeinte Vaterland den Zeitgenossen bot.
Im Rückblick auf die verflossenen fünfundzwanzig Jahre fühlen wir uns zunächst gedrungen, unserem demüthigen Danke gegenüber der göttlichen Vorsehung Ausdruck zu geben, deren Segen sichtlich auf dem Reiche und seinen Gliedern geruht hat.
Das bei der Annahme der Kaiserwürd- von unseres unver- geblichen Herrn Großvaters Majestät abgegebene und von seinen Nachfolgern an der Krone übernommene Gelöbniß, in deutfcher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands zu stützen und die Kraft des Volkes zu stärken, ist mit Gottes Hilfe bis dahin erfüllt. ..
Bon dem Bewußtsein getragen, daß es berufen sei, Nie- mandem zu Liebe und Niemanden zu Leide im Rathe der Böller seine Stimme zu Gunsten des Friedens zu erheben, hat das junge Reich sich ungestört dem Ausbau seiner inneren Einrichtungen überlassen können.
In freudiger Begeisterung über die heiß erseh «te und schwer
in festlichem, wie vorher geordneten Zuge den Weißen Saal. ___________
Der warme Ton, in welchem Se. Majestät der Kaiser in der Jubiläums-Thronrede zum deutschen Volke redet, wird sicher in allen deutschen Herzen lebhaften Widerhall und auch weit über Deutschlands Grenzen hinaus Beachtung und Zustimmung finden. „Das deutsche Reich aber wird, weit entfernt davon, eine Gefahr für andere Staaten zu sein, begleitet von der Achtung und dem Vertrauen der Völker, nach wie vor eine starke Stütze des Friedens bleiben. Daß dem so sei, dar walte Gott" schließt die Thronrede, und wir schließen unS diesem Wunsche von ganzem Herzen an. Möge das deutsche Reich als starke Stütze des Friedens nach außen hin auch den Frieden im Innern finden, dessen eS bedarf, um ein wahrhaft glückliches Reich zu sein!
errungene Einheit und Machtstellung, in festem Vertrauen auf „.e Führung des großen Kaisers und auf den Rath bewährter Staatsmänner, insonderheit seines Kanzlers des Fürsten v.Bismarck, stellten sich die werkthättgen Kräfte der Nation rück- haltlos'in den Dienst der gemeinsamen Arbeit. Verständnißvoll und opferbereit bethätigte das Reich seinen Willen, das Er- worbene festzuhalten und zu sichern, die Schäden des unrtip schaftlichen Lebens zu heilen und bahnbrechend den Weg zur Förderung der Zufriedenheit der verschiedenen Klassen der Bevölkerung vorzuzeichnen.
Was in dieser Beziehung geschehen und geschaffen ist,
Um getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(19. Fortsetzung.)
5.
ES war am Lichtmeßtage.
Draußen stöberte und wehte es, daß eS etn GrauS war. An den Fensterscheiben prasselten die festge- froreneu Schneekörner und im Rauchsange heulte der Wrnd. , . . ,
Im MooShofe saßen sie betsammen in der Stube. Der MooSbauer, sein Bub, der Michel, und der In- Häusler saßen um den Tisch herum und die Werbers- mite hielten sich hübsch beim warmen Kachelofen.
„Heul' zerreißt der Bär die Hütte ordentlich, meinte der JnhäuSler und deutete auf daS grause Ge- pöber hinaus. „Wenn eS dem nachgeht, kriegen wrr em zeitiges, warmes Frühjahr."
„Wohl, wohl!" nickte der MooSbauer. „Die Altvordern haben es gesagt, nnd vieles trfft von ihren Regeln zu. . . . Es thät aber noth. Schon einige Jahr habm wir keinen würzen Hafer eauen können. Der wäre der beste."
„Eh'!" stimmte der JnhäuSler bei.
Das Gespräch am Tische verstummte plötzlich. Alle drei horchten zum Ofen hin, wo die JnhäuSlerin gerade eine wichtige Neuigkeit erzählte.
- dessen wollen wir uns freuen.
? Neben der Ausbildung unserer Wehrkraft, welche zum Schutze der Unabhängigkeit des Vaterlandes auf der Höhe der Leistungsfähigkeit zu erhalten unsere Kaiser!. Pflicht ist, haben Gesetzgebung und Verwaltung in deutschen Landen die Wohlfahrt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und der wirthschaftlichen Thätig- keit zu pflegen sich angelegen sein lassen.
Freie Bahn für die Entfaltung der geistigen und materiellen Kräfte der Nation, Hebung des durch diefe Entfaltung bedingten Wohlstandes, Herstellung einheitlichen Rechtes, Sicherung unparteiischer, achtunggebietender Rechtspflege und Erziehung der Jugend zur Gottesfurcht und Treue gegen das Vaterland, das sind die Ziele, welche das Reich unablässig erstrebt hat.
So werthvoll aber die bisher erreichten Erfolge auch fern mögen nicht müde werden wollen wir bei der Fortsetzung des uns v'orgczeichneten Weges. Der weitere Ausbau der Rerchs- 5 einrichtungen, die Festigung des Bandes, welches die deutschen I Stämme umschlingt, die nothwendige Abwehr der mancherlei s Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, erfordert neben den An- ? sprächen einer schnell voranschreitenden Entwickelung aller Zweige 5 men'chlicher Thätigkeit dauernd unsere rastlose und hrngebende
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Januar.
* Bei dem heutigen Ordensfeste wurden im Ganzen 1073 Orden und Ehrenzeichen (579 Allgemeine Ehrenzeichen) verliehen. U. a. erhielt Staats - Sekretär v Pofadowsky den Stern zum Rothen Adlerorden 2 Klaffe mit Eichenlaub und der Hochw. Bischof von Fulda Dr. Komp den König!. Kronenorden 2. Klaffe. . ,,
* Der ,Reichsanzeiger' ist, wie schon telegraphisch gemeldet wurde, am Samstag Morgen in einer Extra - Ausgabe erschienen, in welcher zunächst Gnadenerlasse für Preußen und für Elsaß-Lothringen, sowie für die Marine — durchweg für Strafen bis zu 6 Wochen bezw. 150 Mk. — veröffentlicht werden, dagegen bezeichnender Weise nicht der vom .Vorwärts' mitgetheilte Gnadenerlaß für Militärpersonen. Der Kaiser hat außerdem einer größeren Anzahl von Personen, welche wegen Majestätsbeleidigung oder Beleidigung eines Mitglieder des König!. Hauses verurtheilt sind, die ihnen auserlegten Strafen und die noch rückständigen Kosten in Gnaden erlassen. — Der .ReichSanz.' veröffentlicht ferner die Urkunde über die Stiftung des WilhelmS-OrdenS, welcher besonders wegen hervorragender Verdienste auf s o z i a l» politischem Gebiete verliehen werden soll. Außer den schon genannten Personen haben den neuen Orden erhalten Geh. OberregierungSrath Prof. Dr. Hmzpkter, Pastor v. Bodelschwingh und Fabrikbesitzer Franz Brandts (Vorsitzender des katholischen Volks- Vereins). x u , ...
* Am Freitag (17. Januar) war der Geburtstag des sel. Windthorst. Die CentrumSftaktionen des Reichstages und Landtags, die diesen Tag alljährlich mit einem ErinnerungSmahle begehen, werden diesmal den Geburtstag ihres verewigten Führers zugleich mit dem 25jährigen Fraktionsjubiläum begehen. Im
Da gewahrte der MooSbauer, daß der Funke auf daS Leichen des Bartel gesprungen und dort da» Zeug anzubrennen begann. Schnell tappte er nut der Hans darnach und drückte das Glimmen ab.
Da wär' bald ein Loch worden," meinte er.
Der Bartel legte nun den glimmenden Schwamm auf den Tabak und stäubte bann noch an der gefähr- beten Stelle.
„ßunnt’ Einer leicht fein bestes Leib! anfchüren. Die Zündhölzer wären schon bester und bequemer, aber ich tarnt halt nicht lassen von dem Feuerstein und dem Schwamme. Eine alte Gewohnhett ist eine eiserne Hand. t _
Die JnhäurlerSleute erhoben sich und gingen. Der Kohlenbauer mochte Geschäfte oder sonst etwas bringen« des mit bem MooSbauern zu besprechen haben. Zur Kurzweil konnte er ben Weg heute nicht gemacht Haden. Unb er hatte ja selbst gesagt, daß eS oft so ist, daß eS sein muß. Wer weiß, waS er hatte unb sie wollten nicht int Wege sein.
Der Kohlenbauer rückte schon ungebulbtg umher auf seinem Stuhle unb konnte sichtlich nicht ermatten, bis bie zwei Leutchen bie Thüre hinter sich zugezogen. Er war eigentlich kein Bauer wie bte anbern; er war nur ein KleinhäuSler. Als ber Kohlenhof unter den Hammer tarn unb in die Brüche ging, hatte er da» Haus jammt einigen Joch Wiesen und Felder erstanden,
des Friedens bleiben.
Daß dem fo fei, das walte Gott!
Gegeben Berlin im Schloß, den 18. Januar 1896.
(L. S.) Wilhelm.
Fürst zu Hohenlohe.
Nach der Verlesung dieser Botschaft ergriff der Kaiser die Fahne des ersten Garde-RegimentS, senkte dieselbe vor der Versammlung und sprach mit erhobener Stimme solgende Worte:
Angesichts dieses ehrwürdigen Feldzeichens, welches eine fast »weihundertjährige ruhmbedeckte Geschichte bezeugt, erneuere Ich das Gelübde: Für des Volkes und des Landes Ehre einzustehen, sowohl nach Innen als nach Außen: Ein Reich, Ein Volk, Ein @Ott$ierauf trat der bayerische Minister-Präsident Freiherr von Crailsheim vor und brachte aus Seine Majestät ein Hoch auS, in welcher die Versammlung mit Begeisterung dreimal einftimmte. Alsdann verließ der Kaiser, nach allen Seiten huldvoll grüßend, wiederum
Da kam ein Mann tn bte Stube. Die ganze Gewandung war schneeweiß und der struppige Bollbart war voll Schnee unb Eiszapfen.
„Ist dar ein Wetter!" schnaufte er.
Ah, ber Kohlenbauer!" wunderte ber MooSbauer. „9?a" setz' Dich gleich zum Ofen. Bartel! Oder geh' zu un» her an ben Tisch; es ist ba auch recht schön warm. Unb bie jähe Hitz' könnt' Dir nicht gut thun."
Der Kohlenbauer setzte sich an ben Tisch. Mit dem Taschentuchs wischte er sich ben Schnee vom Barte unb nachher holte er bie Pfeift heraus. An seinem ganzen Gehaben war eine etgenthümlichr Hast unb Unsicherheit, unb seine Augen streiften fortwährenb bie JrchäuSlerKleute. .
„Daß Du Dich aber heute herauSgewagt hast bet dem Wetter!" meinte ber MooSbauer unb blickte unablässig auf den Befucher, besten Hast ihm gleich auf« gefallen. ,, „ „ ,
„Run, nun. Es ist oft, baß es fein muß. Nach- her scheut man auch kein Wetter. Gelt, daß E-nem zeitweise so waS vorkommen kann . . . Unb nachher, von der Stube aus schaut sich baS Wetter viel ärger an Ist man einmal braußen, bäucht eS Einem nicht mehr so arg." Er hatte bie Pfeift voll gestopft unb schlug nun mit bem Messerrücken auf ben Feuerstein los, daß bie Funken nur so herumstoben. Der Schwamm glimmte schon lange, aber er schlug noch immer.
«m. Stiertaae -usaeuommc». — VierteftShrücher eurSvrei « ohne Bringerloh« und Bellellneld in Fulda und auswärts l Mark 50 Mennig
«Emdzerlc orderen Shmm 16 Pf, Reklamen die PetttMe sL Pf, ber Wwd-ttwiungcn -nnorech-nder Rabatt.____________
iildaerMZeitiiiig
mit Nnterhaltu«g»-Seilagr .Lterne «ud Hiumcn". ___
911 beit
l Wie wir selbst von Neuem geloben, dem Borbilde unseres z in Gott ruhenden Herrn Großvaters in treuer Pflichterfüllung l nachzueifern, so richten Wir an alle Glieder des Volkes unsere l Kaiser!. Aufforderung, unter Hintansetzung trennender Partei- ■ Interessen mit uns und unseren hohen Verbündeten die Wohl- ; fahrt des Reiches im Auge zu behalten, mit deutscher Treue sich i in den Dienst des Ganzen zu stellen, um so in gemeinsamer Ar- beit die Größe und das Glück des geliebten Vaterlandes zu fördern.
I Geschieht dies, so wird, das hoffen Wir zuversichtlich, auch - ferner der Segen des Himmels uns nicht fehlen, dann werden l wir, wie in jener großen Zeit, geeint und fest allen Angriffen ■ auf unsere Unabhängigkeit begegnen und ungestött der Wege I unserer eigenen Interessen uns hingeben können.
1 Das Deutsche Reich aber wird, weit entfernt davon, eine - Gefahr für andere Staaten zu sein, begleitet von der Achtung l und dem Vertrauen der Völker, nach wie vor eine starke Stütze