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Neilsge Ilw Mulöaev Zeitung.

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jg 14 ScrmsLclg, den 18. Icrnucrv 1896. 23. Jahrgang

Zur fjlufnuvrwauriSiährigtuGrüuduussfeier des Deutschen Reiches.

ew -* -f ernt heut' ein Geist herniederstiege Aus jener Zeit der höchsten Schmach, Als im unsel'gen Bruderkriege

Dem Korsen man zu Füßen lag, Franziskus voller Schmerz und Würde Entstieg Karol's des Großen Thron Und niederlegte seine Bürde, Die dornenreiche Kaiserkron',

Mit freud'gem Stolze würde schauen Der nun sein trautes Heimathland; Vom Fels zum Meer die deutschen Gauen Umschlungen nur von einem Band! Allwärts umkreist in macht'gen Bogen Der Kaiseraar das deutsche Land Von seines Niles grünen Wogen Bis zu der Beresina Strand!

Nie mehr der Spielball der Nationen Erstrahlt es nun im Staatenbund Als hellste Perle aller Kronen Wohl auf dem weiten Erdenrund! Umflicht aus's Neue mit dem Schleier Germania drum dein edles Haupt, Zu deiner Silberhochzeitsfeier Vom frischen Lorbeerkranz umlaubt!

Emil ». Boxberger.

Das letzte Gericht.

Erzählung aus dem Leben.

Niemand konnte sich erinnern, den alten Friedens­richter Gripson lachen gesehen zu haben. Er war vor vielen Jahren, ehe die „Nordländer" in dem Staate zu dominiren anfingen, nach Arkansas gekommen, und Jahr um Jahr behielt er durch den Willen der Wähler sein Amt. Die Advokatm, welche in seinem Gerichte praktizirten, scherzten niemals mit ihm, da sie bald ein­sahen, daß der Greis nicht aus seinem Ernste zu bringen war. Jeden Morgen, gleichviel wie schlecht das Wetter auch sein mochte, nahm der alte Herr seinen Platz hint.r den Schranken ein, die er mit eigenen Händen angefertigt hatte, und jeden Abend schloß er zur be- stimmten Zeit seine Bücher und ging nach Hause. Niemand hatte jemals ein Privatgespräch mit ihm, da er mit Keinem reden wollte. Niemand kam in seine Wohnung, in eine kleine Hütte vor der Stadt, da er sich nie den Anschein gab, als ob ihm ein Besuch, selbst seiner Nachbarn, willkommen wäre.

Sein Amt hatte er nicht durch persönlichen Einfluß erhalten, denn niemals noch hatte er einen Wähler um eine Stimme gebeten. Zum ersten Male wurde er ge- wählt, weil er in einem Falle, in dem er als Schieds­richter ausgerufen wurde, bedeutende juristische Fähig- feiten entwickelte. Er hatte bald den Ruf eines „strengen" Richters gewonnen, und jeder Advokat in ArkanfaS bcuote sich vor seinen Entscheidungen. Seine Anord­nungen wurden niemals von den höheren Gerichten umgestoßen. In seinem Urtheile ließ er sich nie von seinen Eu pfindungen beeinflussen, sondern er stand stets auf dem Boden des Gesetzes, das er zu seinem Studium machte, und Niemand widersprach ihm.

Eines Tages wurde ihm ein Weib zugeführt, da- eines Verbrechens schuldig war.

„Der Alte scheint heute hinfälliger zu sein, denn je," meinte ein Advokat, als der Richter seinen Platz einnahm, „ich kann nicht begreifen, wie so ein alter Mann die Mühfalen eines Richter- noch lange ertragen

,'Jch bin heute unwohl," fügte der Richter, zu den Advokaten gewendet, „und ersuche Sie deshalb, alle Fälle, die Sie haben, so schnell und gut als möglich zu erledigen."

Jeder sah, daß der greise Richter ungewöhnlich schwach war, und Keiner dachte daran, die Verhand­lungen unnöthig zu verlängern, denn alle Advokaten hatten ihn achten gelernt.

„Ist das die Frau?" ftagte der Richter; „wer ver- theidigt Sie?"

„Ich habe keinen Vertheidiger, Euer Ehren," er­widerte das Weib. „Und ich glaube auch keinen nöthig zu haben, denn ich bin hier, meine Schuld zu ge­stehen .... Kein Mensch kann mich vertheidigen," fuhr die Angeklagte fort und schaute den Richter mit eigenthümlichen Blicken an. „Ich bin wegen Ruhe- störungen verhaftet und gewillt, dafür meine Strafe hinzunehmen. Ich habe die Auszehrung und bin dem Tode nahe, Herr Richter, und weiß, daß kein Urtheil auf mich großen Einfluß haben kann." Ein hohler, krampfhafter Husten erschütterte ihre Gestalt, und wie vor Kälte schaudernd zog sie ihren alten, schwarzen Shawl enger um sich. Da- Gesicht des Richters be­hielt seinen gewöhnlichen Ausdruck bei, mir seine Augen­lider senkten sich und er erhob sie auch nicht, als die

Frau zu sprechen fortfuhr: „Wie gesagt, kein Mensch kann mich vertheidigen. Ich bin bereits zu tief in den Abgrund der Sünde verfunken. Vor Jahren war ich ein Kind, auf dar meine in Kentucky wohnenden Eltern ihre größte Hoffnung setzten. Ich wuchs heran und ward bewundert und verehrt von Allen, welche uns kannten. Dann kam ein Mann, der mir gestand, daß er mich liebe. Herr Richter, ich sage dieses nicht, um Ihre Sympathie zu erwecken. Man hat mich schon ost vor die Gerichte geschleppt, aber niemals sprach ich von meinem früheren Leben."

Sie hustete wieder und fing einen Blutstrom mit dem Taschentuche auf, das sie an ihre Lippen preßte.

„Ich rede jetzt davon, weil ich weiß, daß dieses das letzte Gericht ist, vor das ich auf Erden gebracht »erben kann .... Ich war 17 Jahre alt, als ich den erwähnten Mann kennen lernte. Mein Vater sagte mir, er sei schlecht, aber ich liebte ihn. Er kam wieder und wieder und als mein Vater ihm das Haus verbot, entfloh ich mit ihm und ward sein Weib . . . Mein Vater sagte sich von mir loS. Ich war stets sein Stolz gewesen und hatte ihn innig geliebt, aber er verwies mir für immer das HauS — das Elternhaus, die Heimath meiner Jugend und meines Glückes. Wie sehnte ich mich nach ihm, wie lechzte ich danach, mein Haupt an seine Brust zu legen und seine Verzeihung zu erbitten .... Mein Gatte ergab sich dem Trünke. Er mißhandelte mich. Ich schrieb meinem Vater und bat ihn, mich heimkommen zu lassen. Er antwortete mir: „Ich kenne Dich nicht!" Mein Mann starb — ja, er fluchte Gott und starb! .... Heimathrlos und elend zog ich mit meinem Kinde in die Welt. Mein Knabe kam im Elend um ... . Abermals schrieb ich meinem Vater, aber er erwiderte mir: „Ich kenne Jene nicht, welche meine Gebote mißachten!" Von da sank ich von Stufe zu Stufe und jetzt bin ich hier."

Mehrere Advokaten eilten auf sie zu. Eine rothe Gluth quoll von ihren Lippen. Sie lehnte ihr leblose- Haupt gegen den Stuhl zurück.

Der alte Friedensrichter saß starr und unbeweglich auf seinem Sessel.

„Großer Gott!" rief ein Advokat. „Er ist tobt!" Die Angeklagte war feine Tochter.

Um getilgte Schuld.

Erzählung von Anton Schott.

(18. Fortsetzung.)

Als er Papier unb Schreibzeug holte, lächelte er selbstzufrieben in sich hinein. Er hatte es ihm um bie Nase gerieben.

Bedächtig setzte er ben Empfangsschein auf, Wort für Wort. Zweimal laS er ihn burch, ehe er seine Unterschrift barauf setzte.

„Also, jetzt kannst schon aufzählen," mahnte er später.

„Gieb mir auch bie Schulbscheine zurück," sagte ber Moosbauer unb zog bie Brieftasche aus bem Rocke. Er öffnete sie jeboch nicht, er wartete noch auf bie Schulbfcheine.

„Wozu?" frug ber Müller erstaunt. „Wenn Du ben Empfangsschein hast, haben ja bie Schuldscheine so wie so keinen Werth mehr. Unb Du ersparst mir viel' Mühe mit bem Zusammensuchen. Der eine wirb ba liegen, ber anbere bort. Wer weiß, ob ich überhaupt nicht schon einige verloren ober verworsen habe."

„Suche sie nur zusammen . . . Mein Bub', ber ben Hof übernimmt, soll nicht in bie Lage kommen, in ber . . . ber Geschirrhauer-Sepp ist." Es hatte ihm Mühe gekostet, biefe harte Rebe herauszubringen. Nun war es gesagt.

„Wie meinst Du bas?" fuhr ber Müller wie von einer giftigen Natter gebissen auf. Ein stechenber Blick traf ben Sprecher tiefer Worte unb in ben Augen begann es unheimlich zu flimmern unb zu flunkern.

„Reb' nicht lang! Such' bie Papiere unb ich zahl' Dir Dein Gelb, baß wir fertig werben mitsammen."

Ferbl war hastig aufgestanben. Unter ber Bank zog er bie Stiefeln heraus unb fuhr wie ber Blitz hinein. Im Nu hatte er Joppe unb Mütze vom Nagel gerissen unb war hinausgeeilt.

Weder ber Müller noch ber Moosbauer hatten es bemerkt. Sie waren beibe mit anberen Gedanken be­schäftigt.

Der Müller fuchte die Papiere eins nach dem anderen aus der Truhe heraus. Dann warf er den Deckel derselben zu und ging mit den Scheinen zum düster flackernden Oellämpchen, sie noch genau anzu- sehm, ob sie auch die richtigen Wären.

„Da hast sie," sagte er dann unwirrsch und warf sie vor den Bauer hin. „Nun gieb da- Geld her!"

Der Moosbauer zählte das Geld auf. „Isis recht?" frug er bann, unb als ber Müller nickend nach ben bebrudten Papieren langte, griff er bie Schuldscheine und den Empfangsschein auf und steckte sie in die Brieftasche.

Der Müller drehte und wendete jedes Stückchen Geld hin und her. Es lag ihm wie ein Kieselstein auf dem Herzen, aber er fand die geeigneten Worte nicht. Als aber der Moorbauer aufstand und gehen wollte, Hub er an:

„Auf ein Mörtel noch, Moosbauer. Bleib noch sitzen, auf ein Mörtel!"

„Wenn rS nur ein Mörtel ist, lohnt sich'S nimmer der Mühe, daß ich mich fetze. Red', Stegmüller."

„Hast das vorhin wirklich fo gemeint, wie eS herausgekommen ist. . . das mit den Schuldscheinen und bem Geschirrhauer-Sepp?"

„Genau so hab' ich eS gemeint. Unb beretwegen hab' ich auf bie Herausgabe ber Schuldscheine ge­drungen. Du hast mich so wie so geschnürt genug. Manchen Kreuzer hab' ich Dir heut' gezahlt, den ich Dir nicht schuldig gewesen wäre, manchen Gulden. Aber ich hab' es gezahlt, alles. Ich rechte nicht mit Dir darum, nimm Dir's aus's Gewissen ... mit in die Ewigkeit. Ich hab' Dich gezahlt, wir sind jetzt fertig mitsammen. Gelt? . . . Gute Nacht und Dank für die Gefälligkeit!" Er ging.

„Ja, wir sind fertig . . . fertig, Mooskauer!" keuchte der Müller hinter ihm drein. „Fertig!" Krampf­haft ballte sich feine Faust und mit einem derben Fluche schloß er daS Geld in die Truhe ein.

Der Moosbauer suchte vor der Hausthüre nach seinem Stecken, ben er bort lehnen gelassen, als er gekommen, unb schritt [bann auf ber Landstraße heim­wärts. Es dunkelte schon stark. Die Flocken fielen noch dicht zur Erde herab, eine an der anderen; aber eS war schneelicht.

Leichten Herzens stapfte er in den tiefen Schnee dahin. Die Schuld, die ihn am meisten gedrückt, war weggezahlt. An drei ober vier Orten hing er noch mit ein paar Gulben; aber bie machten alle nicht ben vierten Theil aus. Im Frühjahre, wenn ber Holz­händler bie ganze Summe auszahlte, staub er schulden­frei da und hatte noch einige Hunderter übrig, mehr als Finger an beiden Händm. Sein Herz pochte heftiger und fein Gang wurde rascher. Davon kann er den Karl wegheirathen, und bis ber Michel das HauS übernehmen konnte, hatte eS noch gute Weile. Er rechnete schon, wie viel er sich bis dahin noch er­übrigt haben konnte, wenn er sparte unb nicht mehr spielte.

So in Gebanken versunken war er ein kleines Stück auf ber Lanbstraße weiter gekommen, als er zu gehen hatte. Der Weg zu seinem Gehöfte zweigte weiter hinten ab.

Er kehrte um unb ging bann ben Hang hinauf. Vorn Wege sah er nichts mehr; ber war eben voll Schnee, unb man konnte ihn bei Tage kaum unter- scheiben. Er hielt sich beShalb hart am WalbeSranbe.

Plötzlich fühlte er sich von einer kräftigen Faust im Genick gefaßt unb zu Boden geworfen.

„Wart', MooSbaner! Ich werbe Dir Dein Maul verstopfen!" schrie ihm einer ins Ohr. Schnell hatte er sich aber von bem jähen Schrecken erholt. Er kannte bie Stimme. Sie gehörte bem Ferbl des Stez- müllers.

Derweil hockte ihm ber schon auf ber Brust unb holte zum betäubenbett Schlage au«. „Wart! erst Du, heut' Du, ein anbermal ber Lump, ber Simmerl," keuchte er währenb bem Ausholen.

Da traf ihn ein wuchtiger Faustfchlag ins Gesicht, baß er währenb bem Zuschlägen taumelte und hinab- stürzte. Der Geschlagene fiel in ben Schnee zu bes Moosbauern Häupten. DaS war baS Thun eines Augenblickes.

Im nächsten stanb ber Moorbauer schon auf ben Füßen unb maß bem im Schnee Liegenden einige derbe Hiebe mit feinem Stecken auf die Rückseite.

„So, Ferbl! das zur Mitzigung," sagte er bann unb ging seines Weges.

Als Ferbl ben Mössbauern eine Strecke weit weg» sah, raffte er sich auf unb unter gräßlichem Fluchen eilte er heimwärts.

Sie saßen gerade bei ber Nachtsuppe als er in bie Stube stürmte. „Ferbl, was ist Dir denn . . . Was ist geschehen? ... Wo bitt benn zu bem Gesichte ge­kommen?" So riefen alle brei schier zu gleicher Zeit.

„Der! Der! . . . Umbringen thu' ich ihn, kommt er mir wieber unter die Hände." keuchte Ferbl mtb Hub vor lauter Zorn zu flennen an. Alles Fragen war nun umsonst, er vermochte nichts mehr zu reben.

(Fortsetzung folgt.)