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23. Jahrgang

Freitag, dm 17. Januar 1896.

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sind manche in Parkanlagen umgewandelt worden, welche nicht besucht werden dürfen. Bei anderen erhebt man auf die eine oder andere Weise ein Eintrittsgeld, das die niederen Bolksklaffen zurückhält, auch wenn das­selbe noch so gering ist. In vielen Wäldern muß man auf den gebahnten Wegen bleiben. Auf den Wiesen aber sich herumzutummeln ist kaum gestattet, selbst wenn kein Gras mehr zu zertreten ist. Einer Sckule, welche im vergangenen Sommer auf einem Aurfluge zwei Stunden lang auf einer Chaussee marschieren mußte, war es nicht möglich, sich unterwegs auSzu- ruhen, denn als die Schüler sich am Rande des Chaussee- g abenS niederließm, jagte der Pächter des Grases im Chausseegraben sie weg. Die Wmterverznügen auf dem Eise haben gegen früher zugenommen, weil dank der fortschreitenden Industrie die Schlittschuhe billig ge­worden sind, aber dafür können die Schlittschuhläufer nicht mehr laufen, wo sie wollen. Die Schlittschuh­bahnen werden verpachtet und zwar nicht nur von Privatleuten, sondern auch die Kommunen und der Fiskus verdienen dabei und verteuern so den Zutritt zur Schlittschuhbahn.

Biel wichtiger ist es, daß die Freuden, welche die Arbeit und die Familie früher gewährten, heute vielfach geschwunden sind. Die Theilung der Arbeit ist es, welche die Freude an einem'fertigen Stück Arbeit gar nicht mehr recht aufkommen läßt. Wie eintönig ist die Arbeit der Maschine so ost! Daß muntere Reden die Arbeit begleiten, wie eS in Schillers Glocke heißt, ist bei dem Getöse, welche» die Maschinen hervorufen, und bei der Hast, mit der gearbeitet werden muß, oft gar nicht mehr möglich. Man vergleiche nur einmal eine Spinnstube früherer Zeiten, in welcher so lustige und angenehm-schaurige Geschichten erzählt wurden, mit einer heutigen Spinnerei. Welcher Abstand in der Freude, welche mit dem Arbeiten verbunden ist!

Welche Freuden gewährt ein guter Familienleben, welche Freuden der Anblick der Kmder! Wie aber die Entwickelung unserer wirthschastlichen Berhältnisie auf dar Familienleben zerrüttend eingewirkt hat und neben der Sittlichkeit auch die Familienfreuden so vielfach zerstört hat, ist ja bekannt genug. Die Stadt Berlin will Hallen errichten, in welchen Arbeiter, die nicht nach Hause ghen können, ihr Essen einnehmen können, damit sie nicht gezwungen sind, sich b-im Essen dem Sturme und der Kälte auszusetzen. Das ist sehr zu loben, aber die Freude, welche das Einnehmen des Mittagsmahles in der Familie, mit der Frau und den Kindern an einem Tische gewährt, können diese Hullen nicht ersetzen.

Mit der Freude, welche die Fawili: gewährt, kann man die Freuden vergleichen, welche die Religion dar- bietet. Wie aber auch auf diesem Gebiete die Freude früherer Zeiten so vielfach unterbunden ist, braucht man nichr darzulegen.

Dazu kommt nun, daß die Vergnügungen der höheren Bolksklaffen gegen früher gewiß nicht abgenommen, im Äegenthril bedeutend zugenommen haben und üppiger

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„Ein Mühlgaft halt," muthmaßte Ferdl. „Gewiß einer von den Hungerleidern, die mit dem Getreide nicht mehr warten können, dis besieres Wetter wird, weil sie kein Stäubchen Mehl mehr daheim haben." Er lachte hell auf über seine Rede.

Derweil kam der herein, dem diese Rede gegolten hatte. Ts war der Moosbauer.

„Ah, der Moosbauer!" rief der Müller und steckte sein freundlichstes Gesicht auf. „Grüß Dich halt Gott!.....Und bei so einem Wetter traust Dich

hinaus?"

„Ist nicht so arg," meinte der Moosbauer. „Ist halt ein wenig Schnee und keine Bahn. Weiter ist's ja nichts. Und das Bissel Schneien? DaS thut'S im Winter überall auf der ganzen Welt. Wir da heroben im Gebirg', wir sind das schon recht gewohnt."

„Wahr ist's!" lachte der Müller und rückte dem Bauer einen Stuhl zurecht. Dann setzte er sich ihm steif gegenüber auf die Bank. Ferdl rührte sich nicht aus seiner bequemen Stellung. Er steckte die Pfeife in den andern Mundwinkel und paffte ruhig weiter.

„Nun, wie geht's denn alleweil?" fragte der Müller. Er rechnete schon in Gedanken zusammen, wie viel der MooSbauer heute wieder brauchen könnte und wie viel dies mit dem andern zusammen machte.

„Nicht schlechter, nicht besser als sonst," gab der

inj Um getilgte Schuld.

Erzählung von Anton Schott.

(17. Fortsetzung.)

Rosel's Gesicht überflog bei den Worten ihres Bruders eine leichte Röthe. Aber gleich war'- wieder vorüber. Er hatte Recht.

„Müller, das hättest Du nicht thun sollen," wen- bete die Müllerin zaghafi ein. „Du weißt doch ..."

„Ich hab' Dir schon oft gesagt, Du sollst nicht über Dmge reden, die Du nicht verstehst," fuhr der Müller zornig auf und fern Gesicht wurde dunkelroth vor aufwallender Wuth. Die Müllerin seufzte tief auf Lnö spann wieder weiter. Eine Thräne kollerte ihre eingefallenen, blassen Wangen herab und fiel auf die Hand.

Rosel hatte es gemerkt. Unwillig schob sie das Rad bei Seire und stand auf. „Es ist Zeit, daß wir die Nachisuppe zurichten und das Vieh zufrieden stel­len," sagte sie merklich aufgeregt. DieÄrt, wie ihr Vater mit der Mutter verkehrte, wie er sie abgekanzelt, hatte sie tief im Herzen verletzt.

Derweil stampfte Jemand in dem Hausflur. Man hörte, wie er sich den Schnee vom Gewände beutelte und klopfte.

„Wer wird heut' noch kommen?" rief der Muller.

geworden sind. Man braucht nur an die Vergnügungs­reisen, den Besuch der Bäder, der großen Städte u. s. w. zu denken. Diese Vergnügungen sind nun einerseits meistens exklusiver geworden, andererseits erfähtt da» niedere Volk noch viel mehr davon als früher, weil die Zeitungen darüber berichten.

Wenn man alle» dies bedenkt, wird man zugeben müffen, daß die Klagen über die immer zunehmende Vergnügungssucht der niederen Bolksklaffen oft mehr als einseitig sind, und vor allem nichts nützen, wenn nicht die Ursachen einer übertriebenen und verkehrten Lust an manchen Vergnügungen beseitigt werden. Es kann nicht die Aufgabe sein, das Vergnügen der niederen Bolksklaffen durchgehends zu vermindern, sondern viel­mehr ihnen die Möglichkeit und Gelegenheit zu bieten, in befferer und vernünftiger Weise sich Freude und Vergnügen zu verschaffen. Freude und Vergnügen in geordneter Weise muß der Durchschnittsmensch haben, wenn er nicht entweder verkümmern oder ein Menschen­feind, ein Feind der gesellschaftlichen Ordnung und ein Revolutionär werden soll.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Januar.

* Der Kaiser kehrte gestern Nachmittag gegen 4* 1/» Uhr von der Jagd in Britz-Buckow nach dem hiesigen Schlöffe zurück. Heute früh unternahmen der Kaiser und die Kaiserin einen gemeinsamen Spaziergang im Thiergarten. Auf dem Rückwege fuhr der Kaiser bei dem Staatssekretär Freiherrn Marschall v. Bieber­stein vor und nahm in dessen Wohnung den Borttag desselben entgegen. Zurückgekrhrt in'S Schloß hörte der Kaiser von 91/» Uhr ab den Borttag des Kriegs- Ministers Bronsart v. Schellendorff und arbettete darauf längere Zeit mit dem General-Adjutanten v. Hahnke. Um 1 Uhr Mittags wurde der deutsche Gesandte in Brasilien, Geh. Legationsrath Dr. Krauel, von dem Kaiser empfangen. — Auf Befehl des Kaisers findet dieFeier des Krönungs- und Ordensfestes am Sonntag, den 19. d. M , auf dem Königl. Schlöffe statt, wozu die Einladungen an die Ritter und Inhaber Königl. Orden und Ehrenzeichen nach Maßgabe des zur Verfügung stehenden Raumes ergangen sind. — Bei dem Feste des Ordens vom Schwarzen Adler wird der Kaiser morgen die feierliche Investitur des Generals der Kavallerie und General-Adjutanten, Landhoftneister im Königreich Preußen, Grafen Hein- rich v. Lehndorff, deS vortragenden General-Adjutanten und Cbefs des Militär-KabinetS, v. Hahnke, und deS Generals der Infanterie z. D., v. Schlichting, vor­nehmen.

* 106 ehemalige Abgeordnete aus der letzten Session der,norddeutschen Reichstages im Jahre 1870 und aus der ersten Session der deutschen Reichstages im Jahre 1871 sind zur Theilnahme an den Feierlich­keiten deS 18. Januar in Berlin angemelöet.

ruhig und gleichgiltig zur Antwort. Ec war heute überhaupt ruhiger und gesetzter als sonst, wenn er in dir Mühle kam. Dies entging dem Müller wohl nicht, aber maß dem Gehaben und der ruhigen Redeweise keine sonderliche Bedeutung bei.

„Und was bringst denn Schönes ?" forschte er weiter.

„Das Geld bring' ich, das ich Dir schuldig bin." Emen Riß gab es dem Müller, als wenn cha Einer gestochen hätte. „WaS sagst, das Geld bringst mir?"

„Wohl. Bei einem Kreuzer."

„Moosbauer! Greif' Dir an den Kopf!.....

Hab' ich Dich gefordert drum? Hat Dir Jemand auch nur ein Wörtel gesagt davon?" Das hatte er so mt-

willkürlich herauSgefcagt, daß er fast erschrak davor. Aber schnell war er wieder besonnen. „Du hast Dir es gewiß wo aufnehmen müssen. Auf Ja und Nein : hat Einer so vieles Geld nicht erübrigt. Und ich hab' Dich gar richt gedrückl. Weißt auch schon, ob der ■ Andere gerade so brüderlich thut mit Dir?"

„Ich hab' mir es nicht aufzunehmen gebraucht. : Der Holzhändl.r drinnen in der Stadt hat mir das ■ Holz von einigen Joch Waldes abgekaust. Bon dem hab' ich es. Es ist mein eigen."

: „Nachher je. So ist es auch wieder recht. Und

i schau, Moosbauer, daS freut mich von Dir, daß Du

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mit Urrtrrchattnrrgs-HrUagr „Sterme mrd Kluweit".

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[1 Zu den Vergnügungen der t niederen Volksklaffen.

ES gehört zu den beständigen Klagen der höheren - Bolksklaffen, daß die Vergnügungssucht in den niederen . Bolksklaffen von Tag zu Tag größer werde. Man ! tarnt diesen Klagen nicht jede Berechtigung absprechen, aber zu einem nicht geringen Theil beruhen sie doch auf einer Unkenntniß der Vergnügungen, welche die früheren Jahrhunderte geboten haben. Auch berück­sichtigt man nicht, daß ein W echsel in den Vergnügungen stattfindet und stattfinden muß, daß alte Vergnügungen aufhören und neue an deren Stelle treten und auch treten müssen. Ein bloßes Klagen über die Vergnü­gungen der niederen Bolksklaffen nützt nichts, man muß den Ursachen nachgehen, die Vergnügungen nicht bloß eindämmen, sondern so zu gestalten suchen, daß sie der Sittlichkeit und der wirthschaftlichen Wohlfahrt nicht schaden.

Manche Vergnügungen und Freuden vergangener Tage find heute mehr oder weniger weggefallen. Die Hochzeiten sind heute beschränkt auf einen größeren oder kleineren Kreis der Verwandten oder sehr nahestehen­der Bekannten, während früher der Kreis viel weiter gezogen wurde, ja fast das ganze Dorf oder die ganze Stadt daran theilnahm. Zudem dauerten sie oft genug mehrere Tage. Auch die Kirmesfriern dauerten durch­gehends viel länger und wurden viel mehr von den benachbarten Dörfern besucht als heute. Viele alte Gebräuche, an welchen die Leute großes Vergnügen fanden, sind entweder von selbst eingeschlafm oder durch die Polizei mehr oder weniger aufgehoben worden. 1892 hat ein Amtmann in einem westfälischen Amts­bezirke folgende Verfügung erlaffen: „Ich verbiete hierdurch folgende noch bestehenden Gebräuche: DaS Verkleiden als Nikolaus am NckolauSabende, das sogen. Würsteaufheben, daS Neujahrssingen am Sylvesterabend und Neujahr, das Ansagen oder Glückwünschen am Neujahrstage, das Peitschenknallen und sonstiges Skandalverüben vor dem Hause der Verlobten am Abend des Tages, an dem dieselben daS Aufgebot be­antragt haben, das Seilhalten bei der Rückkehr von der Trauung, das jSchießen bei Hochzeiten, und alle ähnlichen Unsitten." (Jentsch, „Weder Kommunismus noch Kapitalismus." S. 350.)

Mag die eine oder andere dieser alten Sitten wirk­lich verdienen beseitigt zu werden, viel Vergnügen haben sie früher dem Volke bereitet, wenn auch der eine oder andere darüber Aerger empfand. — Wie steht eS ferner jetzt mit den Freuden, welche Wald und Feld bereiten? Schon dar Anwachsen der Städte, das ganz natur­gemäß ist, wenn er nicht zu schnell vor sich geht, be- wirtt, daß viele Menschen nur selten daran denken können, im Walde und auf dem Felde sich herum- zummmeln. Wenn sie aber in Wald und Feld berauS- kommcn, wie behindert sind sie oft! Zum Pflücken von Beeren muß man erst Erlaubniß haben. Von den Wäldern und Büschen, die unS noch geblieben sind,