jf? 7 Freitag, den 10. Januar 1896. 23. Jahrgang
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□ Das Jahr 1895.
VII.
Die Leiter Italiens, unseres zweiten Bundesgenossen, haben ebenso wie die Regierenden Oesterreich- Ungarns erfahren müssen, daß die katholische Bewegung an Kraft und Bedeutung zunimmt. Italien hatte nämlich im vergangenen Jahre ivwohl allgemeine Gemeinde- und Provinzial-, als auch ParlamentSwatzlen. Für die letzteren gilt bekanntlich für die überzeugungS- treuen Katholiken daS schon von Pius IX. erlassene und von Leo XIII. wiederholte Verbot der Betheili- gung. In Folge dessen erreichte die Wahlbetheiligung im ganzen Lande noch nicht 50 Prozent, d. h also, daß die Katholiken, wenn sie sich als politische Partei an den Wahlen betheiligen würden, stärker wären als fämmtliche anderen polinschen Parteien zusammen. Bei den Gemeinde- und ProvinzialrathSwahlen, wo sie sich betheiligen dürfen, errangen sie denn auch die glänzendsten Siege. Städte wie Genua, Neapel u. a. haben einen katholischen Gemeinderath, und sogar in der Hauptstadt Rom brachten die Katholiken ihre lammt- lichen Kandidaten glatt durch; wenn sie diesen Erfolg vorauSgesehen hätten, so hätten sie natürlich für fämmtliche Gemeinderathssitze eigene Kandidaturen aufgestellt und auch durchgebracht.. Bei den nächsten Wahlen werden sie das auch zweifellos thun und sich dadurch in den unbestrittenen Besitz der Verwaltung Rom'L setzen — ein empfindlicher Schlag für dar räuberische Jungitalien! — Die rauschenden Septemberfeste, die wir schon im ersten Artikel dieses Rückblicks erwähnt haben, können nichts an der Thatsache ändern, daß das italienische Volk in seiner großen Mehrheit treu »um hl. Stuhle hält und jede Gemeinschaft mit den Räubern de- Kirchenstaates ablehnt Natürlich konnte es bei dem Hochdruck, mit dem Crifpi die Wahlen betrieb, nicht ausbleiben, daß die Mehrheit der Kandidaten und auch der Gewählten sich zur Regierungspartei bekannte. Aber diese Mehrheit ist unsicher und besonder- in letzter Zeit sehr schwierig geworden. Crispi wird jedenfalls mehrere feiner Ministerkollegen über Bord werfen müssen, wenn er im Frieden mit seiner Mehrheit bleiben will, die den Rücktritt dieser Minister verlangt. Wenig genug hat diese Mehrheit auch in der Kammer geleistet; die Skandale — sogar an Prügeleien fehlte es nicht — überwogen die praktische Arbeit. Dazu kommt dann noch, daß Crispi durch die Hindernisse, die er seinerzeit dem Vorgehen des Generals Baratieri gegen Abessynien in den Weg legte, die Schuld an dem jüngsten großen Unglücke der Italiener in ihrer afrikanischen Kolonie trägt. Der dadurch nothwendig gewordene Krieg gegen den König Menelik und seine Vasallen wird den Italienern noch schweres Geld kosten — und daran haben sie bekanntlich keinen Ueberfluß.
Welche Opfer ein Kolonialkrieg kosten kann, haben
die Franzosen in Madagaskar erfahren. Nicht " nur viele Millionen Francs, sondern auch Tausende
von Menschenleben hat ihnen dieser Krieg gekostet, von denen nur wenige den Geschossen der feigen HowaS, um so mehr aber den mörderischen Fiebern erlegen sind. Ueberall zeigte sich die mangelhafte Vorbereitung des Unternehmens. Ein Schrei der Entrüstung ging deswegen durch Frankreich, und es war ein Glück für das Ministerium Rib ot, daß endlich die madagassische Hauptstadt eingenommen wurde und die Königin sich unterwarf. Gleichwohl stürzte das Minist-rmm bald \ darauf, weil die Kammer ihm wegen der Schonung
der Südbahnschwindler ein Mißtrauensvotum \ ertheilte. Jetzt berief Präsident Faure, brr nach dem schnellen Rücktritte Casimir Pöcier's zur höchsten Würde
; emporgestiegene Gwßkausmann aus Havre, den Radikalen Bourgeois zum Ministerpräsidenten, der ein rein radikales Kabinet bildete und damit, obwohl er
; sich eigentlich nur auf die radikal-sozialistische Minder- i heil der Kammer stützen könnte, bisher zu regieren ver- f standen hat. Nicht gelungen ist eS ihm indrssen, den I großen Glasbrennerstreik in Carmaux zu ; Gunsten der Aufständischen oder vielm-hc Ausgesperrten ' zu schlichten. Der Dinklar der Glaswerke, der alte i Resstguier, blieb fest bei seiner Weigerung, die Leiter des Streiks wieder einzustellen. Darauf haben die Sozialisten Geld aufgebracht, um ein neuer Glaswerk für die Ausgesperrten zu errichten. Doch sind sie noch nicht so weit, da sie sich nicht darüber einigen können, ob der erhoffte Reingewinn den Arbeitern oder ihrer Parteikasse gehören soll.
In Belgien errangen die Sozialisten, aber auch die Katholiken große Erfolge bei den Gemein de- w ab len, die zum ersten Male auf Grund des Proportionalsystems stattfanden, und die Liberalen in der Mitte waren, wie überall, die Leidtragenden. An einem Strange zogen dagegen die Liberalen und Sozialisten gegenüber dem verhaßten „klerikalen“, d. h. christlichen Schulgesetze des Ministers Schollaert. Der König wurde mit Revolution bedroht sür den Fall, daß er dieses Gesetz, nachdem cs in beiden Häusern der Parlaments angenommen worden war, unterzeichnen würde. Gleichwohl gab der König dem Gesetze seine Unterschrift.
®ic Spanier haben sehr ernst um ihre wichtigste und reichste Kolonie, die große Antilleninsel Cuba, zu kämpfen. Der Ausstand auf derselben, der auf LoStrennung der Insel von Spanien abzielt und insgeheim von den Amerikanern unterstützt wird, die auf Bereinigung Cuba's mit der Union spekuliren, hat sich sehr weit au-gebreitet und die Spanier genöihigt, 100,000 Mann unter dem Oberbefehle des Marschalls Martinez CampoS gegen die Rebellen aufzubieten. Diese aber sind schwer zu soffen, da sie die offene Feldschlacht möglichst vermeiden und sich lieber aus Raubund PlünderungSzüge, sowie auf Verwüstung der
Um getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(10. Fortsetzung.)
Ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seinen Mund, als er in das Thal zurückkam, aber eS verschwand, als auf der Landstraße ein Büblein dahersprang und bei seinem Anblicke jählings in großem Sogen auSwich.
Er ballte die Faust: „Sollt mich lernten lernen!“ murmelte er, und ging finsteren Blickes weiter, feiner Mühle zu.
Das Wasserrad war fettig geworden.
Um den halben Nachmittag war der letzte Handgriff daran gethan und nun rauschte daS Wasser darauf nieder und drehte eS um und um. Die Mühle begann wieder zu klappern und ein eigenartig fteudigeS Gefühl spürte der Müller in seiner Brust, als er das wochenlang vermißte Geklapper wieder hörte.
„Geh' derweil in die Stube, Seppl!“ sagte er dem. „Ich werd aufschütten; nachher komme ich auch und dann rechnen wir zusammen.“
Er stieg die Treppe empor, wo die Kornsäcke standen, und musterte diese schmunzelnden Blickes. Er berechnete schon im Stillen die Mauth, die ihm davon abfiel, und auch was er sonst noch dazuthun wollte, schätzte er ab.
Als er darauf in die Stube kam, holte er die Kreide vom Thürsims herunter und setzte sich an dm Tisch.
„Also, geh' her, Seppl,“ mahnte er. Und der Seppl setzte sich zu ihm an den Lisch. Er hatte schon im Kopse beisammen, was er für seine Arbeit erhalten müffe. Aber eS war so der Brauch, daß der Arbeitgeber mit der Kreide in der Hand rechnete nach der alten Regel. „Eine- Mannes Red' ist keine Red', man höre sie alle beed.“
„Wie viel Tage hast denn?“ ftug der Müller.
Seppl sagte die Zahl der Tage an. „Einen Gulden halt den Tag, so wird die Geschirrhauerarbeit überall gezahlt. “
„Ist ein wenig viel,“ wandte der Müller ein. „Aber ich will Dich nicht drücken. Hast Dir ihn verdient. Also, einen Gulden den Tag, daS macht so viel Gulden wie Tage. Schau, die Rechnerei ist da recht leicht!“
Er ging nachher in die Kammer und brachte eine Hand voll Gelder, Gulden, Markstücke und Thaler, alles durcheinander. DaS zählte er dem Seppl vor.
„Seh', da haft I Gelt, daß es recht ist?“
„Wohl, wohl,“ nickte der und verwahrte das Geld in einem festen Lederbeutel. Nachher wollte er sich heben und heimgehen.
„Bleib noch ein Weilchen fitzen,“ meinte der
Pflanzungen und Ortschaftm und plötzliche Ueberfälle auf kleinere spanische Avtheilungen verlegen. Einen entscheidenden Erfolg haben die Spanier bisher nicht errungen
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Januar.
* Der Kaiser und die Kaiserin trafen gestern Abend kurz vor 7 Uhr auf dem hiesigen Potsdamer Bahnhof ein und begaben sich von dort nach dem Palais des Prinzen Alexander, um daselbst einer Trauerands cht am Sarge des Verstorbenen beizuwohnen. Kurz vor Mitternacht begab der Kaiser sich nochmals nach dem Palais in der Wilhelmstraße und folgte bei der Ueberführung der irdischen Hülle des entschlafenen Prinzen dem Sarge bis in die Dom- JnterimSktrche. Heute Vormittag empfing der Kaiser den KriegSministrr und den Chef des Militärkabinets zum Vortrag. Mittags 12 Uhr wohnten die Majestäten der Trauerfeier für den Prinzen Alexander von Preußen in der Dom-J aterimskirche bei.
* Die ostafrikanische Schutztruppe, deren vom Gouverneur seither unabhängige Stellung zu vielen Mißhelligkeiten Anlaß gab, soll nach einer gestern der ,Nat.°Ztg.' zufolge vom Kaiser getroffenen Anordnung fortan nach Art unserer GenSdarmerie reor- ganisirt und dem Gouverneur unterstellt werden. Bravo!
* Die württembergische Regieruna wird laut der ,Frkf. Ztg.' im BundeSrathe gegen die Zucker- steuervorlage stimmen.
* Gegen das milde Urtheil der Potsdamer DiS- ziplinarkammer über den Assessor Wehlau wird daS Auswärtige Amt Berufung an den DiSziplinarhof in Leipzig einlegen.
* Die Ereignisse in Transvaal scheinen allmählich in ruhigere Bahnen zu kommen. Der Gesandte der Transvaal-Republik, Beelaerts von Blookland, ist, nachdem er sich 5 Tage in Berlin aufgehalten und wichtige Besprechungen im Auswärtigen Amte und auch wohl mit den Vertretern anderer Mächte gehabt hat, gestern nach seinem ständigen Wohnsitze, dem Haag, zurückgereist. Auch aus dieser Abreise geht hervor, daß die TranSvaal-Frage in das ruhige Stadium diplomatischer Verhandlungen eingelenkt ist. Die offiziellen Beziehungen zwischen Berlin und London haben auch in der letzten Zeit jeder besonderen Schärfe entbehrt. Die fast komischen ZornesauSbrüche und Kriegsdrohungen englischer Blätter nimmt man bei unS durchaus nicht tragisch. Der Pariser ,Temps' findet die Lage zwischen England und Deutschland ernst, hofft aber aufrichtig, die Spannung werde nicht zunehmen. Kein gebildeter Franzose hege Haß gegen England. Andererseits dürfe man den aggressiven englischen Chauvinismus nicht vergessen; Frankreich sei in den Müller. „Wir können ja allerhand reden. Sin Weilchen nur!“
Er blieb noch sitzen und sie redeten von dem und jenem, waS halt gerade des Redens war.
„Du, Seppl,“ Hub nach einer Weile der Steg- Müller an. „Du, ich thät' Dir gern waS sagen. Aber eS darf Dich nicht kränken, well ich el Dir sag. Gelt nein?“
Seppl sah ihn groß an. „Warum soll s mich denn kränken? Redet nur, Müller.“
thät' mir leid, wenn Du mich unrecht ver- stehen wolltest,“ redete der herum. „ES ist nichts Schlechtes, eS kann jedem vorkommen. Man denkt an dies und an jenes und eine Kleinigkeit übersieht und vergißt man gar oft. Aber, daß Du mich ja nicht unrecht verstehst! Wir sind alleweil gute Nachbarn gewesen, Dein Vater, Gott hab' ihn selig, und ich, und wir zwei wollen auch gute Freundschaft halten. Gelt! . . . Wenn ich müßt, eS wäre Dir nicht recht, ich sagte gar nichts. Kannst mir'S glauben, Seppl! Gar nichts sagte ich, kein SterbenSwörtel.“
: „Macht keine langen Flausen!“ drängte Seppl. Er
i konnte nicht begreifen, was ihm der Müller zu sagen i haben konnte, daS ihn kränken sollte oder könnte. ■ Leicht von wegen der Rose!? Aber davon wußte keine Seele, nur er allein. Und von der Seite, wenn chn ■; der Müller anfaßte, konnte er sich auf eine treffende ; Gegenrede gefaßt machen.