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M 6 Donnerstag, den 9. Januar 1896. 23. Jahrgang

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mit Wntrrhaltrrrtgs Beilage „Sterne und Klumen".

rchheiut täglich, 6*w m* Feiertage ausgenommen. — «ierteljührlicher AdounemeutspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Mennig Inserate kosten die eins-aktige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

□ Das Jahr 1895.

VI.

Unseren Rückblick auf die politische Entwickelung der JahreS 1895 im Auslande beginnen wir mit dem stammverwandten, befteundeten Oesterreich. Für Oesterreich war dar vergangene Jahr reich an wichtigen Ereignissen. Die erste Hälfte deS Jahres sah den Todeskampf der widersinnigen „Koalition" grund­sätzlich gegnerischer Parteien und des aus ihnen ge­bildeten Ministeriums Windischgrätz. Noch ehe dieses Koalitionsministerium an die Lösung seiner eigentlichen Aufgabe, der Wahlreform gehen konnte, derentwegen Graf Taa ff e gestürzt wurde, um sobald schon — im letzten Herbst — auch auS dem Leben zu scheiden, stolperte es über eine verhältnißmäßig untergeordnete Frage: über die Errichtung slovenischer Parallelklassen am Gymnasium zu Cilli in der Steier­mark. Die Liberalen, von ihren Wählern bedrängt, vermochten nicht, dieser Forderung des Etats zuzu­stimmen, von deren Annahme andererseits die Slovenen ihr Verbleiben in der Koalition abhängig machten. So ging die Koalition in die Brüche, und das Mini­sterium Windischgrätz machte zunächst dem Beamten­ministerium Kielmannsegg Platz, dem dann vor Beginn des parlamentarischen Winterfeldzuges das Ministerium Sabetti folgte, das fast nur aus Liberalen und Polen besteht. Graf Badem begann seine Lauf­bahn mit großen Worten voller Kraftmeierei ä la Bis­marck und bewies dann doch alsbald eine schimpfliche Schwäche gegenüber dem Judenliberalismus diesseits und jenseits der Leitha. Dem Drucke der österreichischen und ungarischen Freimaurer und Juden nachgebend, bestimmte er den schwächlichen Kaiser Franz Joseph, dem neugewählten christlichen Bürgermeister Wiens, Dr. Lueger, die Bestätigung zu verweigern. Das war ein Faustschlag ins Angesicht der christlich denken­den Bevölkerung der Reichshauptstadt, die, nachdem sie endlich das Joch der „liberalen" Geld- und Gewalt­herrschaft abgeschüttelt, einen zu zwei Dritteln christ­lich-sozialen Gemeinderath gewählt und in der Person des christlich-sozialen Führers Dr. Lueger den Mann ihres Vertrauens zu ihrem Oberhaupte erkoren, nun ihren Kaiser und seine Rathgeber auf der Seite ihrer bisherigen Unterdrücker, der geschlagenen Judenliberalen sehen mußte! Die christliche Gemeinderathsmehrheit blieb fest und wählte abermals Dr. Lueger zum Bürger­meister. Anstatt diesen Beschluß abermals der Genehmi­gung des Kaisers zu unterbreiten, wie es die Verfassung vorschreibt, löste Badeni jetzt den Gemeinderath ohne Weiteres auf, und bis heute sind die Neuwahlen noch nicht ausgeschrieben. Hrffentlich wird seine Hoffnung, die Wiener dadurch mürbe zu machen, sich nicht er­füllen. Ein Gutes hat seine Handlungsweise wenigstens jetzt schon bewirkt: Die Parteinahme der Mehrheit des („konservativen") Hohenwartklubs für die Regierung nöthigte die wahrhaft katholisch denkende und mit dem

Um getilgte Schuld.

Erzählung von Anton Schott.

(9. Fortsetzung.)

Derweil tobte der Stegmüller in seiner Stube herum wie ein angeschossener Eber.

„Das ist auch noch abgegangen! DaS hat'S noch noth gehabt. Mit dem Hunde soll man solch Bettel­volk weghetzen vom Haus. Daß gleich auf der Stell' . . . Hab' ich ihr geschrieben, sie soll kommen? DaS Volk soll arbeiten, nachher braucht es nicht betteln zu gehen . . . Das werden sie mir gönnen, die — die Gerechten alle mitsammen. Aber wart', noch nicht. Niemand hat'S gesehen. Kein Mensch. Rosel!" Im Nu war sein Gesicht ein anderer und der tückisch lauernde Zug und daS süß-säuerliche Lächeln war wieder da.

Die Gerufene kam aus einer Kammer herbei.

„Rosel," Hub der Müller an, „hist auch schon gehört, was bie Seitt’ sagen ? Ich hält' bas Bettelweib erschlagen, sagen sie."

„DaSselb' habe ich gerabe vorhin reben hören. Ich bin in bett Schuppen braußen gestanden und der Lenz und der Wagner sind oben auf der Landstraße vor­beigegangen und haben so geredet." Auf ihrem Ge- stchte lag ein wehmüthig-schmerzlicher Zug und ihre Stimme bebte, als sie redete.

Volke fühlende Minderheit derselben, auS dem Klub auszutreten und eine neue Partei, die katholische Volkspartei, zu gründen, die — auch vom deutschen Centrum mit lebhafter Sympathie begrüßt — den Kern bildet für eine neue polittsche Organisation der öster­reichischen Katholiken. Man kann also, wie Mephisto­pheles von sich, von Badeni sagen, daß er ist

„ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

Das Gleiche gilt auch von der Freimaurer- und Judenclique, die mit Hilfe des ihr sklavisch ergebenen „apostolischen Königs" das katholische Volk Ungarns tyrannisirt. Denn gerade durch diese Tyrannei ist dort erst eine katholische Bewegung erstanden, eine katholische Volkrpartei, die zwar in Folge deS in Ungarn üblichen Regierungsdruckes bei den Wahlen noch keine parlamentarischen Erfolge erringen konnte, aber wiederholt bei Wahlen zu den Selbstverwaltungs­körpern und auch bei Parlamentsersatzwahlen gezeigt hat, daß sie die Mehrheit der Wähler auf ihrer Seite hat und bei unparteiischer Handhabung der politischen Wahlen dem herrschenden „Liberalismus" alsbald den Garaus machen würde. Auch so muß dieser über kurz oder lang die Herrschaft verlieren, und dann wird die Zeit gekommen sein, wo die jetzt mit Ach und Krach durchgedrückten Kulturkampfsgesetze wieder abge­tragen werden. Roheiten wie die, welche der Minister­präsident Banffy gegen den päpstlichen Nuntius Agliardi beging, sind nur geeignet, die katholische Bewegung zu stärken. Man bedenke auch: der Nuntius wird erst vom Baron Banffy geradezu aufgefordert, nach Ungarn zu kommen — nämlich weil dieser er­wartete, Agliardi werde die katholische Volkrpartei zur Nachgiebigkeit gegen bie Regierung ermahnen —, unb nachdem der Nuntius wirllich nach Ungarn gekommen war, aber die Erwartung Banffy's natürlich nicht hatte erfüllen können, beschwert sich dieser bei dem Minister deS Aeußern Grafen Kalnoky über angebliche Ein­mischung des Nuntius in ungarische Verhältnisse! Noch mehr: Graf Kalnoky nennt in einem vertrau­lichen Briefe an Banffy, auf Grund der Mittheilungen desselben, das Verhalten des Nuntius „taktlos," fordert aber doch Beweise; Banffy jedoch erdreistete sich, diesen vertraulichen Brief in öffentlicher Parlamentssitzung zu verlesen! Dagegen mußte Kalnoky natürlich Einspruch erheben — und der Erfolg? Kal­noky wird abgedankt und Banffy bleibt! Ja, man be­stürmte sogar den hl. Vater mit der stechen Forderung, den beleidigten NuntiuS obendrein noch von seinem Posten abzurufen, eine Forderung, die von der ganzen katholischen Welt mtt Enttüstung ausgenommen und von Leo XIII. selbstverständlich abgelehnt wurde. Es ist klar, daß solche das kath. Gefühl aufs schwerste verletzende Vorgänge nur dazu angethan sind, die katholische Bewegung in Ungarn wie in Oesterreich zu stärken und zu beleben. Der Nachfolger Katnoky'S, Graf GoluchowSki, ist ein Pole wie Badeni;

„So. die Zwei haben geredet? Hast nicht ver­standen was? Run, es ist mir ja ganz gleich, was sie geredet haben Geschimpft werden sie halt haben. Ich kann mit'8 denken. Aber eS ist ja gar nicht wahr. DaS Weiblein ist ja gestolpert auf der Thürschwelle und der Länge nach hinausgefallen auf die Gred. Was kann denn ich dafür, daß es keine besseren Füße mehr hat? Gelt, daß es so war? Du bist ja im Hause gestanden oder irgendwo herum. Ich weiß es nimmer, aber ich hab' gesehen, daß Da nachher hinauS- gegangen bist zu ihm und hast ihm aufhelfen wollen. Gelt, so ist's gewesen." Lauernd und forschend hasteten seine Augen auf ihr.

Ihr Gesicht nahm plötzlich einen anderen, harten, trotzigen Zug an und die Wangen färbten sich lebhaft.

„Ich bin im Hausflur gestanden," preßte Rosel heraus. „Ich hab' alles gesehen und gehört. Alles. Und ich habe auch gesehen, wie Ihr das Weib hinaus­gestoßen habt, mit Gewalt. Und da ist es auf den Mühlstein aufgefallen mit dem Kopfe. Das hab' ich gesehen." Fest und trotzig hatt' sie daS herausgesagt, und ihre Stimme war zum Ende der Rede scharf und schneidend geworden.

„Dirn! Was hast da gesagt?" schrie der Müller auf und sein Gesicht verzerrte sich zur wilden Grimaffe.

„WaS ich gesehen hab'," sagte Rosel gelassen.

daß er an der Dreibimdpolitik festhält, versteht sich von selbst.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Januar.

* Der Kaiser empfing heute Vormittag den Reichs­kanzler Fürsten zu Hohenlohe-SchillingSfürst und den Direktor der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amtes Wirklichen Geheimen LegationSrath Dr. Kayser zum Vorträge. Abends um 6 Uhr wohnte daS Kaiserpaar einer Trauerandacht am Sarge deS Prinzen Alexander in dessen Palais bei. Darauf nahm das Kaiserpaar im hiesigen Schlosse seinen Winteraufenthalt. Die königlichen Prinzen und die Prinzessin werden morgen vom Neuen Palais nach dem hiesigen Schlosse über­siedeln.

* In Preußen wird auch eine kirchliche Feier des 25jährigen Jubiläums der Kaiserproklamatiou statt­finden. Die evangelischen Geistlichen sollen dahin verständigt werden, daß sie in den am Sonntag, den 19. d. Mts., zu haltenden Gottesdiensten des Gedenktages in angemessener Weise Erwähnung thun und ihre Ge­meinden daran mahnen, durch unwandelbare Treue gegen Kaiser und Reich dazu beizutragen, daß die in großer Zeit errungene Einigung der deutschen Stämme unter Führung des preußischen Herrscherhauses erhalten bleibe. Die würdige Ausgestaltung der Gottesdienste bleibt dem pflichtgemäßen Ermessen der einzelnen Geist­lichen überlassen, denen es auch fteisteht, auf Wunsch ihrer Gemeinden an dem eigentlichen Gedenktage selbst eine kirchliche Feier zu veranstalten. — Ob auch in den katholischen Kirchen eine Gedenkfeier stattfinden und dieserhalb vielleicht schon Unterhandlungen mit den Hochw. Herren Bischöfen eingeleitet sind, ist bisher nicht bekannt worden.

* Der .Reichsanzeiger' schreibt: Am 17. d. M., Vormittags 93/» Uhr, findet zur Vorfeier des Kapitels der Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler in der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche ein Gkdächtnitzgottesdienst statt, an welchem sich der Kaiser und die Kaiserin sowie alle in Berlin anwesen­den Fürstlichkeiten mit ihren Gefolgen, die Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler (auch die katho­lischen? D. Red) und eine geringe Anzahl geladener hoher Gäste, im Ganzen etwa 300 Personen, betheiligen werden. Die übrigen Plätze sind für die Gemeinde der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche, aber nur gegen Eintrittskarten, reservirt.

* Fürstliche Ehren wie den Häuptern der regieren­den Fürstenfamlien sind dem Fürsten Bismarck für den 18. Januar zugedacht, ober — er kommt nicht. Der Bismarckischen ,Berl. Börienztg.' wird nämlich geschrieben: „Das Programm für die Ein­holung der fürstlichen Personen, welche zur Feier deS 18. Januars in Berlin eintreffen, ist vom Kaiser genehmigt worden. Danach werden aße regieren-

.Mit funkelnden Augen stürzte der Müller auf sie loS. „Sagst mir daS noch einmal?" keuchte er

„Wohl, ich hab's so gesehen."

Ein derber Schlag seiner Faust traf ihr Gesicht, daß sie wankte. Ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich um und ging hinaus.

Der Müller tobte wie von eh' in der Stube auf und ab. „Dre will's gesehen haben? Die?" schnaubte er. „So ein Balg! Ihren Vater will sie ins Loch bringen ? Ader wart', daS soll Dir gemerkt bleiben. Wart' nur, Dirndl! Aber es nutzt aller nichts . . . nichts. Wer weiß eS, daß sie das gesehen hat? Kein Mensch auf der Welt. Sie kann nicht wider mich zeugen, weil sie Niemand dazu aufruft und aufrufen wird. Und nachher, wenn es doch Einem einfiele, sie braucht nicht wider ihren Vater zu zeugen; sie braucht es nicht. Und wollte sie es dennoch thun ... Ich weiß nicht, ich mein’, sie thäts als eine Lebende nimmer. Wär' mir schon alles Eins."

Er wurde wieder etwas ruhiger.

„Und nachher, was thu' ich mich denn da so ab» strudeln? Hat'S schon Jemand angezeigt, hab' ich die Aufforderung schon vom Gerichte? Nichts. Wie man gleich so ins Geschirr fahren kann? ES dürste schon nicht an HalS und Kragen gehen. Ruhig Blut, Müller! Das ist die Hauptsache."

Im Hausflur vernahm er Tritte. Mit einem