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Neilage Mv WulZaex Leitung.

3 Sclmstcrg, den 4. ganuar 1896. 23. Jahrgang

2.

und aufgelegt. , .

Die beiden Mädchen waren so vertieft m ihre Av

8“ ^Was führt denn Dich heut' her?" frug später Bärbel. „

„Nicht viel. Der Vater hat gestern vom Steg, müller zwei Stiere gelaust, und die soll ich hnm- treiben. Und weil ich gerade da vorbeigelommen bin, hab' ich halt ein Weniger hereingeschaut, wer so fleißig ist."

„Seit wann kommt man denn am Geschirrhauerhau- vorbei, wenn man vom Moorhof in die Stegmühl

Fünfzig Gulden bei einem Heller an den alr ein schalkhaft lächelnd Gesicht durch das Schuppen. -■ 9 - r' ihor lugte, und daß zwei frisch dunkelbraune Augen

mit sichtlichem Wohlgefallen aus Bärbel ruhten.

Er war ein strammer, kräftiger Bursche, der am Thürpfosten lehnte und in das Innere de- Schuppens lugte. Die Quaste der Z-pfelhaube pendelte neckisch auf feinem Hinterkopfe umher und die abgeschabte Manchesterjoppe, die gelblich-weiße Lederhose und die in derben Hvlzichuhen steckenden Beine ließen auf den ersten Blick errathen, daß der Bursche von der Arbeit

Um getilgte Schuld.

Erzählung von Anton Schott.

(6. Fortsetzung.)

Ter Müller schien aber die Worte gar nicht gehört ! zu haben. Er zog den Schein dem MooSbauer unter den Händen weg und ging zur Wand, Kalkstaub mit dem Messer darauf zu schaben. Dies machte den Streu­sand überflüssig. Hernach faltete er das Papier sorg­fältig zusammen und verwahrte eS in dem Kasten. Dann nahm er ein Stück Kreide vom ThürsirnS herunter und setzte sich wieder an den Tisch.

„Jetzt müssen wir auch einmal rechnen," sagte er. Mit kräftigen Strichen schrieb er auf dem Tische Z'ff-r um Ziffer und Zahl um Zahl, und darunter zog er einen dicken Strich. , , , , . ,

„Einmal hast so viel auSgeüehen, einmal so viel und ein andermal so viel. Und heut' hast die Oechseln gekauft um Hundertfiebenzig. Gelt, daß alles so ist. Nun schau, jetzt zählen wii'S halt einmal zusammen." Halblaut zählte er die einzelnen Poften zusammen, „ES sind gerade achthundert und neunzig Gulden. Ich hab' doch richtig gezählt?"

„Dar schon," gab der MooSbauer zu.

„ES müßt' nicht recht zugehen, wenn ich mich irren thät'. Mein Lebtag hab' ich mich noch um keinen Kreuzer geirrt. Nie nicht .... Und beit ZinS bist mir auch noch von einem Jahre her schuldig, gelt. Den können wir auch gleich rechnen. Es geht ja AlleS unter Einem."

Der MooSbauer nickte. „Nie mehr!" wiederholte er bei sich selbst und rechnete in Gedanken zusammen, was er die Zeit her verspielt, seit er den Hof über-

geht?" frug Kathl stichelnd.

„Sonst nicht," w-hrte der Bursche ab. „Aber ich hab' gerade waS beim Bergmichl oben zu thun gehabt, md da ha' ich'S auf einen Weg genommen. Aber jetzt muß ich halt in die Mühl um die Oechslein. Laßt Euch'- recht von Statten gehen!"

Er ging über die Gred hinaus.

Als Bärbel später in die Stube ging, einzuherzen und dar Mittagessen zu bereiten, stand er noch am Bienenstände und schaute den fleißigen Thierlein zu, die in der warmen Herbstsonne lustig und hurtig um«

Gesichtsausdrucke. Bald bäuchte eS Einem, er könne I nicht biS fünf zählen, balb wieber war man versucht, einen bösen Geist hinter diesen Mienen zu suchen.

„WaS soll ich?" frug er.

„Mithelfen sollst!" gebot der Müller. „Das Rad sollen wir heraushebeu. Ich mein', wir drei bringen I die Trümmer wohl auS der Radstuüe."

Der sah eine Weile hinunter zu dem Trümmer- gewirre. „Ich kann'S nicht. Ich bin kein Geschirr­hauer," sagte er nachher unßmuthig und drehte sich um.

„Mithelfen wirst!" herrschte sein Vater und faßte ihn am Arme. ,

„Ich hab'S schon gesagt," brummte der und ging.

^Hat man halt ein Kreuz mit bm Kindern," jam­merte der Müller und schlug die Hände zusammen. .Sind sie klein, kann man sie zu nichts brauchen, und wenn sie groß werden, haben sie ihre eigenen Köpf. ES ist ein Jammer."

„Mein Vater hat allemal gesagt: Wie man den Hund zieht, so hat man ihn," meinte Sepp darauf. „ES soll auch wahr sein .... Schafft Arbeiter her, sonst geh' ich auch heim."

Jammernd und scheltend ging der Stegmüller fort. Er suchte den Hutbuben und schickte den nachher um ßcutc.

Sepp beschäftigte sich derweil mit der Zurichtung der Hebevorrichtungen.

Bärbel und des Jörgsteffen Kaihel brechelten im Schuppen eifrig drauf los. Der Nebel von gestern hatte sich über Nacht in'S Thal gesenkt, wo er noch m der Frühe wie eine Mauer lag. Aber als die Sonne höher kam, machte er sich auf und zog in's Land hinaus.

Vom klarblauen Himmel schien nun die Sonne lieblich und goldig strahlend hernieder, und über den Gehängen lag der schönste Herbsttag. Ans den fohlen I W-esen und Stoppelfeldern weideten die Rinder, und Schellengeläut; und Hirtengesang füllte die Luft.

Auch durch dar Schuppenbach herein fick mancher Sonnenstrahl unb wie ein goldener Faden hing er vom Dache zu Boden.

Die Käthe war heute wieder recht lustig und vor­witzig. Ob sie eS zum großen Theile deshalb war, um Bärbel heiterer zu stimmen? Man konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, denn sie war alleweil lustig

Vermischtes.

* Mit welch kleinliche« Mittel« gewisse Beamten in El- saß-Lothringen das Deutschthum stärken und heben zu können glauben, ersieht man aus folgender Geschichte, die einen humoristischen Beigeschmack hat. Herr Finiquel m Straß­burg war bisher im allgemeinen nur bei einer Anzahl „trinkbarer Männer bekannt. Das hat sich aber geändert; seit einigen Tagen 'beschäftigt er die Preste zweier Großmachtstaaten, Frankreich und Deutschland. Er besitzt nämlich in Straßburg eine Restau­ration, und damit labialbedürftige Menschen dieselbe auch als solche erkännten, befand sich davor ein Schild mit der Aufichrift „Restaurant Finiquel." Der Polizei aber gefiel dies Schild gar nicht, und sie zwang Herr Finiquel, dasselbe „protriotijcher" zu gehalten und aus dem Finiquel einen Finickel zu machen. DaS gefiel nun wieder dem Pariser ,Temps' nicht, und er be­hauptete, dann müsse das hohe preußische Ministerium nut gutem Beispiel wenigstens folgen und aus feinem Miquel auch ein Mickel machen. Dagegen warf sich nun aber wieder die Straßb. Post' in Harnisch und erklärte rundweg, Miquel heiße Miquel, Herr Finiquel aber heiße zu Recht Finickel. Die .Straßb. Bürgerzeitung' ihrerseits ist der Ansicht, es ser durch- aus gleichgiltig, aus welchen Nrmen das Restaurant getauft fei, wenn nur der Wein nicht getauft sei. Wir befürchten, sie wird mit einer derartigen Gleichgiltigkeit in den wichtigsten In­teressen des Reiches bei patriotischen Gemüthern übel anlaufen, und es wird ihr wenig helfen, daß sie aus Verdy du Vernois, Caprivi de Montecuculi u. s. w. hinweist, oder auf drc Flotten­demonstration von 1880, wo der Kopitain des deutschen Kriegs­schiffs Valois und der des französischen — Meyer hieß. Sie meint auch, wenn man mit französischen Ueberbleibseln aufräumen wolle so solle man mit den vorsündfluthlichen franzöfischcn Ausnahmegesetzen beginnen. Man sieht, welche Wellenkreise der Fall Finiquel schon erregt hat. Dabei ist die Streitfrage noch immer nicht gelöst, ob der zu internationaler Berühmtheit ge­langte Restaurationsmann nun eigentlich Finickel oder Finiquel heißt. Vielleicht veröffentlicht er nächstens einen Stammbaum mir den gehörigen Civilstands - Belägen, um zu zeigen, ob das historische Recht dem Namen Finickel ober Finiquel zur Seite steht. Im Interesse des europäischen Gleichgewichtes wäre das äußerst erwünscht.

„Du bist noch ba, Karl?" frug Bärbel über- rascht. Er konnte schon längst in bet Stegmühle unten sein. , ,, , ,

„Wohl, wohl!" nickte ber. „Ich hab' halt beit Immen eine Weile zugeschaut, toeit bie Leute sagen, die Thierlein verstürben auch, wenn ihr Herr stirbt. Aber sie sind so lustig unb aufgelegt wie von eh' und richten sich gar nicht zum Sterben. Es wirb doch nichts barem sein."

Bärbel war zum Bienenstanbe gekommen unb sah auch nach den Immen. „Rein, sie richten sich nicht dazu," stimmte sie bei. „ES wär' Schabe um sie. Ich habe sie so gern unb ber Seppl auch. Unb nachher . . . sie werben wohl kaum versterben müssen, weil daS Haus schon über's Jahr dem Seppl verschrieben ist, und seit der Zeit auch bie Immen sein gehören."

„Siehst, baS wirb'S sein ... . Unb noch wegen waS hab' ich gewartet: Ich hab' Dich trösten wollen, wegen Dem Unglück . . • weil Dein Vater gestorben ist." t ,

Barbel'S Augen wurden feucht unb sie wandte sich zum Gehen.

„Mußt nicht böse sein auf mich," bat ber Bursche unb faßte nach ihrer Hanb. „Mußt mir nicht zürnen.

I Ich hab' Dich wirklich trösten wollen, aber Du mußt es mir schon verzeihen, wenn ich eS nicht so herauS- bringe, wie man sonst Jemanb tröstet. Ich thät es gerne. Gelt, baß Du mir nicht gram bist, berent»

Warum sollt' ich Dir auch gram sein? Kannst denn Du was dafür? Red' nicht so. Ich bin noch nie gram gewesen. Nie nicht.... Geh' jetzt und treibe die Oechslein heim. Unb wenn uns em Mensch so stehen sähe beisammen!"

„Ein klein wenig wart noch, Bärbel!" bat ber Bursche. „Ich muß Dir noch was sagen. Der Greger unb ber Züricher-Hanne- haben bem Vater das ganze Ochsengelb abgespielt am Sonntag. Denk' Dir, baS ganze! Nicht einen Kreuzer hat er davon mehr heim­gebracht. Die zwei Lümmel werde ich aber klopfen."

„DaS tbu' nicht, Karl," fuhr Bärbel auf. „DaS nicht, es geschieht ihm recht; warum spult er auch. Es hätten ebensogut die zwei Andern habet verspielen können. Das thu' nicht."

„Sie haben ober falsch gespielt. Ich habe eS wohl erfahren. Und derentwegen haue ich sie durch."

„Ich hab' Dich für gescheidter gehalten," wider- sprach Bärbel halb mißmuthig, halb besorgt. „Er hätte nicht lpielen sollen mit denen."

Der Bursche saun eine Weile. „Recht hast, Bar­beil," nickte er bann. „Er hätte nicht spielen sollen. Ich werde ihnen nichts thun . . . Aber jetzt muß ich doch gehen. Behüt' Dich Gott."

„Behüt' Dich Gott auch."

Er eilte den Hang hinunter.

(Fortsetzung folgt.)

DeS andern TageS in aller Frühe ging S»pp ,n die Mühle, daS zusammengekallene Rad in bie Arbeit zu nehmen. Nur der Wellenbaum war noch gut; Speichen und Kranz lagen in Stücken auf dem Grunde der Radftube durcheinander und da« Wasser floß darüber. „Da müßt Ihr noch vier oder fünf Tag­werker, am besten Zimmerleute, herberschcffen," tief Sepp. „Ich allein kann dar Zeug nicht herauLheben. Und nachher braucht man aucy beim Zusammensetzen und Einhängen die Leute."

„Vier oder fünf Tagwerker noch!" fuhr der Steg­müller auf. „Seppl, hast Dich denn au-g« schlafen? Wo kommt mich daS Rad hin? Da reichen zwei Hun­derte nicht .... Versuch'- doch, ob Du eS nicht zu Wege bringst. Ich und ber Fe,bl werben Dir auch helfen dabei .... Ferdi!" rief er.

„Es nutzt nichts," redete Sepp dagegen. „So viel Verstand müßt Ihr schon selbst haben, daß wir drei dabei zu wenig sind."

Nach einer Weile kamderFerdl herbei. Er war em ,

hagerer, lang aufgeschossener Mensch mit eigenartigem herschwirrten.

nommen hatte.

„DerZink macht einundsiebenzig Gulden und zwanzig Kreuzer," störte ihn der Müller aus seinem Kopfrechnen auf. „Oder hast Du eS besser zusammengerechnet?"

„Es wird schon sö sein," sagte der MooSbauer ge­dankenlos vor sich hin. „Schreib' ihn halt auch dazu." Er stopfte sich eine Pfeife und stand auf.

„Um die Oechseln kannst Du kommen, wann Du willst," meinte der Müller und löschte mit dem Aermel die Ziffern und Zahlen auf dem Tische auS.

„Ich werde sie morgen oder übermorgen Heimtreiben, versprach der Bauer und ging.

Wieder einGeschäst gemacht," lächelte der Muller, , ■

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her kam. , , .

„Braucht Ihr keinen Gehilfen?" rief er bann lachet d in den Schuppen hinein.

Erschrocken fuhren die Mädchen auf.

„Je, der MooSbauern-Karl!" rief Bärbel über­rascht und rin leichte« Roth stieg ihr in die Wangen.

Die Kathl aber tagte nichts. Im Nu hatte sie ein Schwingscheit vom Boden aufgerafft und eilte damit dem Emschleicher nach. Eine Weile sprang der umher, dann ließ er sich fangen. „

„Zur Straf mußt uns em paar Bündel blauen, trug ihm Kathl auf. ,

„So bläue ich halt," sagte er und ging an die Arbeit. Die Stiafe schien ihm eine recht willkommene

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Oechseln verdient unb ... . Ist schon em schönes (Selb, das mir ber Lump schulbig ist. Ein, zwei Jähr- lein noch, nachher werb' ich aus Zahlung bringen. Wo er es hernehmen wird? Der Mooshof, der wär so ein Oertel für die Rosel . . . ." Der Name schien ihm unliebsame Gedanken aufzurütteln. DaS Lächeln auf seinem feisten Gesichte verschwand plötzlich. „Die ist eS gar nicht werth, die Dirn'. Nein, die muß erst die dummen Gedanken wegkriegen."

Der MooSbauer sann so vor sich hin, als er bie Straße entlang schritt. Arf einmal fuhr er sich mit der Hand hinter'- Ohr, daß der Hut vom Kopfe fiel. „Kruzitürken schon über einander!" keuchte er. „DaS ist ja gar nicht wahr. Der verzweifelte Müller! Rech­net der alte Spitzbub' auch den ZinS von einem Jahr für daS Geld, um daS ich ihm eben bie Oechslein ab­gekauft hab'. Nein, so ein Blutsauger! Aber eS ist recht, Müller; leicht hält auch einmal ein Anderer mit Dir eine Abrechnung. Ich zahl' Dich schon. Bei einem Kreuzer sollst das Geld kriegen. Im Frühjahr verkauf' ich ein Stück Wald und zahl' ich Dich. Und spielen. Nie nimmer! Ich hab'S verredet und halt'- auch."