Einzelbild herunterladen
 

23. Jahrgang

Donnerstag, dm 2. Januar 1896.

FiiIdilerMZtitiiilg

mit Wntrrhaltiwgs-Hrttagr „Sterne und KLurnrn". ,3______

50 Pfennig.

MM — Stiettaae ausgenommen. — Vierleljährticher AbonnementSvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda unh hd

VtWetnt toffettMe eiufyaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entivreche

eimS Bismarck, hat die

Wie es dem einzelnen Menschen frommt, bei jedem Jahreswechsel auf ieiner Pilgerfahrt durch'« Leben gleichsam auf kurze Zeit anzuhalten und zurückzublicken auf die Wegstrecke des vergangenen JahreS, so ist es auch der Gesammtheit heilsam, an der Schwelle eines jeden neuen Jahres sich noch einmal zu vergegen­wärtigen, was dar alte Jahr ihr gebracht hat, zstr Lehr' und Nutzanwendung für die fernere Zeit.

IJI HUlUigtmup UHU vup vvi

solchen Rückblicke der Erdenweg der Kirche Gottes den ersten Platz einnimmt. Tas Jahr 1895 gab ihr selbst schon zu einem Rückblicke auf eine größere Spanne Zeit, auf 25 Jahre, Anlaß, denn vor 25 Jahren trat in Rom daS vatikanische Konzil zusammen, das zu einem Prüfstein für die Mitglieder, zu einem Stein des Anstoßes für die Feinde, zu einem Eckstein für den Bau der Kirche werden sollte. Insbesondere die Verkündigung des Dogmas von der hirtenamtlichen Unfehlbarkeit des Papstes hatte diefe dreifache Bedeutung und Wirkung. ES gingen der Kirche ein­zelne Glieder verloren, die Wuth ihrer Feinde ver­doppelte sich und entzündete in Deutschland den Kultur­kampf, aber der Abfall war doch nur gering und daS Häuflein „Allkatholiken" bedeutet heute gar nicht- mehr, und die Verfolgung seitens ihrer Feinde, voran

□ Das Jahr 1895 i.

Um getilgte Schuld.

Erzählung von Anton Schott.

(4. Fortsetzung >

Zur selben Stunde kam ein graubärtiges Männlein mit gebücktem Rücken in die Stegmühie.

„Ist mein Mehl schon fertig?" fragte es.

„Schon," sagte der Müller barsch. „Rosel, geh' und gib es ihm!"

Die Angeredete war ein junge- Dirnlein von kräftigem Körper und hübschem Gesicht, auf dem alle­weil ein frohes Lächeln spielte. Sie war des Müllers Tochter und hatte keinen Feind im ganzen Thale.

„Kommt!" tagte sie zu dem Alten und ging voraus in die Mühle. Unter den Säcken suchte sie ein kleine- Rümpfchen heraus, auf dem oben noch ein etwa vier Fäuste große- Päcklein nachgefüllt war. „Ich mein', daS wird das Eure sein," sagte sie.

Das Gesicht de- Alten verzog sich vor Hellem Ent­setzen. „Hast Dich nicht geirrt, Rosel?" keuchte er.

„Rein. Ich mein' nicht." Sie besah den Sack. „E- ist Euer Sack und Euer Mehl," sagre sie.

„Du gerechter Gott!" jammerte der Alte. „Da- soll da- Mehl von einem halben Ell*) Korn sein. Hat Einer schon so etwas erlebt? Ich weiß nicht, ob

*) Alter Name für Metze.

lerMttte seiner Heerde geiissen und im Gefängnisse als „Paulus Melchers, Sttohfleckttt" hatte schmachten lassen, bis er das Gefängniß mit dem Exue vertauschte. Es ist eine Schmach für Deutschland, daß dcutsche „liberale" Blätter selbst am offenen Sarge des Ver­ewigten noch ihrem H^sse gegen den. großen Bekenner einen geradezu teuflischen Ausdruck gaben, obwohl sie das bessere Beispiel des deutschen Kaisers vor Augen hatten, der die Erlaubniß zur Bestattung des im Leben von deutscher Erde Ausgeschlossenen im Kölner Dome huldvollst ertheilte.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Dezember

* Der Kaiser und die Kaiserin nahmen heute Vor­mittag im S^erbezimmer der Kaisers Friedrich im Neuen Palais da- Abendmahl, das der Militär-Ober- pfarrer, Hoforrdiger Dr. Fr-uumel ihnen reichte. Später empfing der Kaiser den Gouverneur von Berlin, Generaladjutanten,Generalobersten der Kavallerie Frhrn. v. Loe.

* Im Abgeorduetenhause sind zur Zeit noch vier Mandate erledigt: Berlin 4, Köln 1, Breslau 3 und Potsdam 3. Die gegenwärtige Pari eist ärk«^ ist: Konservative 135, Cmtrum 93, Frei-Konservative 62, Nationalliberale 89. Freisinnige Volkspartei 13, Freisinnige Bereinigung 5, Polen 17, Fraktionslos 11. davon wohl zwei Dutzend Knödel würden. Aber gar zu genau sollt' Dein Vater doch nicht sein, Dirndl. ES ist schon auS der Art. Alle Lern' sagen, ks käme ihm nicht darauf an, wenn er die Mauth zweimal nähme; sie sagen es für gewiß Die Andern spüren es am Ende nicht so; sie haben mehr Getreide. Aber ich . . . Mir sollt' et das nicht thun. Schau, ich hab' mir die paar Körnlein wohl auS zwanzig Häusern zusammengetcvgen. Um jede Handvoll hab' ich eigen- bitten müssen. Und jetzt hab' ich erst nicht- davon. Schau, Dirndl, so soll Dein Vater doch nicht sein. Mit den armen Leuten schon gar nicht."

Betroffm hörte ihm Rosel zu. Sagten das die Leute wirklich? Und wenn, sagten sie es auch mit Recht? Ihre Wangen wurden roth und unwillkürlich schlug sie die Augen nieder.

„ES kunnt sein, daß sich mein Vater geirrt hat," meinte sie entschuldigend. Es ist wenig von einem halben Ell; eS kunnt mehr sein. Aber wartet, Simmerl, ich will noch ein Weniges Hinzuthun. Ihr sollt nicht zu kurz kommen." Sie leerte das in dem oberen Päck­chen befindliche schwarze Mehl in eine Kufe und füllte wohl ein halb Dutzend Schaufeln voll weißes Mehl nach Dann band sie den Sack auf, leerte das schwarze Mehl au- der Kufe wieder in den Sack und that auch da noch eitrige Schaufeln voll darauf.

„So, jetzt nehmt!" sagte sie. „Jetzt wird'- so die

ftcr.ben; im Ganzen aber ging sie aus dieser Zeit inr.erlich gestärkt und äußerlich größer und gemehrt an Ansehen und moralischer Macht hervor.

Mit diesem Jubiläum verbindet sich aber auch da- schmerzliche Andenken an den Raub des Kirchen­staate-, den die Räuber, die Führer Jung-Jtalicns, im September des Jahres 1895 mit ramchenoen Festen gefeiert haben. Größer aber als diese Feste, zu denen die äußere Mache, wie freie Eisenbahnsahrt, Freilogis u. s. w, das Ihrige beitrug, war der Protest der katho­lischen Welt gegen diese Feste und den Raub des Kirchenstaates. Unzählig waren die Adressen, Tele- gramme und anderen Protestkundgebungen und Huldi­gungen, welche dem hl. Vater in jenen Tagen auS der ganzen katholischen Welt zugingen, nicht zuletzt auch aus Deutkchland, insbesondere von dem Münchener Katholikentage. Und diese Kundgebung hatte etwa- zu bedeuten; denn gewaltig war jene Versammlung katholischer Männer, g waltig an Zahl wie an Be- geifterung. Einmüthigkcit und moralischem Gewicht. Unseren Feinden freilich war auch sie ein arger Stein deL Anstoßes, zumal sie ihre Hoffnung zu schänden machte, daß in Bayerns Hauptstadt nach dem bekannten Vorgänge eine deutsche Katholikenversammlung über- v Haupt nicht mehr möglich sein würde. Diese Hoffnung ; war eben so eitel, wie alle anderen Hoffnunge-', die I unsere Gegner schon genährt, namentlich auch die, daß s es auf dem Katholikentage zu einem ..Krach" kommen s

würde. Wie Köln, so war auch München Zeuge einer gewaltigen Kundgebung katholischer Eiligkeit.

Die Kirche hat den großen PiuS IX. verloren, aber sie hat dafür in Leo XIII. einen Oberhirtm ge­wonnen, der mit nicht geringerem Eifer und mit wachsendem Ansehen bei den Andersgläubigen die Rechte der Kirche vertntt und dem Siege der Wahrheit auf bet ganzen Erde vorarbeitet. Auch irn letzten Jahre hat unser hl.Vater?ungebeugt von seinem hohen Greisen­alter, in dieser Richtung rastlos und hingebend ge­arbeitet. An alle Völker, an alle der Kirche entfrem-

Es ist naturgemäß und angemessen, daß bei einens' beten Religionsgemeinschaften insbesondere die arien- --------- - -■ - “ ' talischm und die anglikanische Kirche, hat er Worte inniger Liebe und wahrhaft apostolischer Sorge für ihr ewiges Heil gerichtet, und es zeigten sich auch als- alSbald schon die ersten Ansätze einer Entwickelung, welche diesen Bestrebungen Leo's XIII. für eine, viel­leicht nicht sehr ferne Zukunft vollen Erfolg verheißt. Insbesondere hat durch sein Vorgehen die in der eng­lischen Hochkirche bestehende Bewegung nach Wieder­vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche eine überraschende Stärkung und Neubelebung erfahren.

Wie das ganze katholische Deutschland mit der Erz­diözese Köln in Liefern Jahre das erhebende und glor­reiche Andenken an den Bekennervifchof Clemens August «fließe, so trauert er jetzt mit ihr um einen zweiten Bekennerbischof. um den in der Verbannung ^tzestorbenen Kardinal Paulus Melchers, den die ~ walt eine- Bismarck vor r-ichlich 22 Jahren

* Major v. Witzmauu gedenkt, wie man de Hamb. Kort.' meldet, demnächst von dem Gouvemeu posten in Deutsch-Ostafrika znrückzutreteu. A Grund werden theils Gesundheitsrücksichten, thei Differenzen mit Offizieren der Schutztruppe ang geben. In hiesigen Kolonialkreisen findet die Nachril Glauben.

* In Sachen des Cetemonienmeisters v. Kotze i wie schon gemeldet, jetzt die Entschließung des Kaise über das Seitens des Zitteu - Husaren - Regiments Rathenow gefällte Urtheit ergangen. Dasselbe Hai dahin gelautet, daß Herr v. Kotze des Offizierrang für verlustig erklärt wurde, während Zeremonie meister Fieiherr v. Schrader freigesprochen muri Der Kaiser hat das Urtheil nicht bestätigt, so dem mittels KabinetSordre verfügt, daß daSsel seinem ganzen Umfange nach aufgehoben wer! Die Kabrn-ttsordre verweist die Sache zur erneui Verhandlung an das Generalkommando des X. Arm korps in Hannover, wonach es Sache des kommo direnden Generals ist, als Genchtsherr das Ehr« geeicht aus dem Offizierkorps ihm eines der unti stthenden Truppentheile zu berufen. Beide Ceremoni« meister werden also wiederum vor einem militärisch Ehrengericht erscheinen müssen. Der Kaiser soll i Freisprechung des Ceremonienmeisters von Kl erhoffen. So meldet man wenigstens dem Berlii ,Lokai-Anzekger' aus Hamburg.

* Der .Reichsanzerger, veröffentlicht eine kaiserli Bestimmuna, derzufolge die im Nebenamte beschäftig' ständigen Direktoren der Proviuzialschulkollegi' insoweit sie nicht bereits im Hauptamt- denselben o ' mit einem höheren Range verbundenen Charakter l sitzen, künftig die Amtsbezeichnung „Oberregierun f rath" führen sollen.

* Im Verlauf des kommenden EtatsjahreS sol "van x^annsch-rffen des Beutlaubtenstand zu Hebungen eingezogen werden: 6850 U«. und 7000 Gemeine auf 56 Tage, 9686 Gemeine 49 Tage, 300 Unteroffiziere und 1580 Gemeine 42 Tage, 70 Unteroffiziere und 1590 Gemeine 28 Tage, 200 Unteroffiziere und 1315 Gemeine 20 Tage,-442 Unteroffiziere und 3360 Gen.eine 16 Tage, 14.502 Unteroffiziere und 126,875 Gerne auf 14 Tage und 200 Gemeine auf 12 Tage. Ganzen sollen mithin eingezogen werden: 22,364 Un Offiziere und 151,606 Gemeine. Dazu kommen r an Eisatzreservisten je 640 Mann auf 10, 6 i 4 Wochen.

• Leipzig, 31. Dez. Bekanntlich war der vero wörtliche Redakteur der ,Kathol. Bolksztg.' in Sei wegen eines Artikels, der eine Schilderung der L hältnisse in den Reihen des Protestantismus a der Stöcker'schen .Deutschen Evangelisch Kirchenzeitung' wiedergab und daS darin < wotfene Bud dieser Verhältnisse als ein „Jamm bild des Protestantismus" bezeichnete, von richtige Maß haben. Leicht sind'S auch n paar Stä lein drüber. Uns schaden sie nicht uni ach ist da geholfen."

„Dank Dir fchön, Dirndl," sagte der Alte. „N für'S Mehl, das hab' ich zu fordern. Für Deine G hett dank' ich Dir. Der Herrgott soll sie Dir lohne

Damit nahm er den Sack und wollte ihn die st Stiege hinunterschleppen. Er mußte alle Kraft zusamt nehmen, ihn zu tragen.

Rosel sprang hinzu. „Wartet Simmerl," sagte „Wartet, ich werde Euch das Säckel über die <Sti hinunterschaffen. Ihr seid es nimmer im Stande." < nahm den Sack gar leicht über die Achsel und t ihn hinunter.

„Ja, Dirnlein, das Alter, das Alter," seufzte Simmerl. M hat auch eine Zeit gegeben, wo einen ganzen Ell Weizen mit einer . Hand hob. A fjeut nimmer. Kunnt EinS nicht in den kräftig' Jahren versterben? So hat Eins die Höll' schon dieser Welt." Er tappte über die Stiege nach.

Der Stegmüller stand in der Hausflur. „Ist d daS des Simmerl'- Sack?" fragte er. Der Sack kam zu groß vor.

„Ich mein' schon," bejahte Rosel. „Schaut nur Sack an!"

„Er ist's doch," murmelte bet Müller. „Die Mi gäste sollen sich ihr Mehl selbst übet bie Stiege trage