M 297 Freitag, den 27. Dezember 1895. 22. Jahrgang
FiildaerWZtitllng
mit NrrtrrhaltrrngK-Kettage „Sterne und Klumen".
Erschrmt täglich, 6wm» «* geiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Ab onne mentsv rei r ohne Briuqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 30 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
W. Volkswirtschaftliche Weisheit in dunkler Klosterzelle.
Darüber sind hei te Alle einig, daß da« unselige Borgsystem ein wirthschaftlichesUnglück ist und daß, wenn die Baarzahlunq allgemein dmchgeführl würde, der Kampf um die wirihschaftliche Existenz von Vielen leichter zu führen wäre. Kapitalismus und Borgfystem müffen den Mittelmann im Gefchästsleben t umreit. Liefe Wiffenfchaft ist nicht etwa eine Errungenschaft unserer Zeit; sie ist vielmehr vor Jahrhunderten erkannt und von den angeblichen Mächten der Finsterniß öffentlich gepredigt worden. Der berühmte Volksprediger des Mittelalters, der Franziskaner Berthold von Regensburg (1272) forderte in öffentlicher Predigt die Herren auf, bei d> r Auslohnung ihrer Arbeiter um so pünktlicher und freigebiger zu fein, da ein noch so hoher Lohn kein volles Entgelt für treue Arbeit ist, weil ja der Arbeiter ebenso edel ist, wie sein Herr, und der Leib, der die harte Arbeit gethan hat, von Gott mit unaussprechlicher Würde bekleidet ist. Den Dienstboten und Taglöhnern den schuldigen Lohn auch nur eine Nacht gegen ihren Willen vorenrhalten, nennt der ftermüthigeOrdcnkmann eine himmelschreiende Sünde.
Berthold gibt auch dm säumigen Schuldnern den Grund an, weshalb er auf baldige Zahlung dringt; er sagt: „Wer borgen muß, muß für einen Eimer Wein ein halbes Pfund bezahlen; wer aber baar bezahlt, kaust ihn für fünf ober höchstens sechs Schillinge, also viel billiger."
Auch im Mittelalter scheint es schon Leute gegeben zu haben, welche den Arbeitern den ausbedungenen Lohn auf alle mögliche Weise zu kürzen suchten. Bon diesen sagt Berthold: Manche pfl gen nicht direkt, aber durch allerlei Wucherkniffe ihre Arbeiter um den wohlverdienten Lohn zu betrügen. Sie leihen etwa einem Dürftigen 10 Pfennige und Icffen sich dafür an Hous- und Feldarbeit das Doppelte leisten. „Sofort bist Du in einer himmelschreienden Sünde, welche über Deinen Leib und über Deine Seele ruft Tag und Nacht vor Gott. Bist Du doch vor Gott schuldig, ihm umsonst zu leihen, wenn Du kannst, und Tu sollst nicht armen Leuten ihre Arbeit abgewinnen."
Gerade 200 Jahre später — 1471 — starb der Mönch Dionysius aus dem strengen Karthäuserorden. Derselbe hat außer vielen anderen Schriften auch eine Abhandlung über dar Lob der Eheleute geschrieben, in welcher er den Herrschaften ihre Pflichten gegen die Dienstboten und Untergebenen an's Herz legt und besonders ermahnt, daß die Dierstboten nicht mit Arbeit überladen und daß sie liebevoll behandelt werden sollen; er betont, daß die Dienstboten ihren Lohn richtig erhalten sollen.
Schm oller stellt den Mönchen über ihr wirth- schaftliches System ein schönes Zeugmß ans, wenn er schreibt: „Von den Cisterciensern w ssen wir, daß sie
Um getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(Nachdruck verboten.)
1.
Steil streben die Bergmassen aus dem Thalesgrnnde auf, rechts und links. Dunkler Hochwald bedeckt die Hänge und Rücken; nur stellenweise schimmern rot* gelte Flecken daraus hervor. Es sind Buchengruppm, deren Laub der H rbst so gefärbt. Im Thale und hoch hinauf auf den Hängen sind die F.uren kahl und fahl. Nur hoch oben, wo die Gehöfte sammt den herumliegenden Wiesm und Feldern wie stille Jnfeln auS dem dunklen Waldesgrün herauslugen, steht der Hafer noch grün und die Kattoffeln sind noch im Felde.
Die Gehöfte stehm vereinzelt im Thalesgrunde und on dem Gehänge umher. Unten sind sie von einem Wäldchen ton Obstbäumen umgeben; aber je höher hinauf, desto seltener und spärlicher werden die ftucht- bringenden Bäume, und ganz oben gedeihen nur noch Vogelkirschen und Vogelbeerbäume. Aber den Leuten oben munden ihre Vogelbeeren ebenso, wie die Aepfel Und Birnen, die im Thale wachsen.
Im Grunde des ThaleS zieht sich die Landstraße dadin. Neben ihr rauscht der Wildbach, und auf der andemt Seite streben die Hänge in die Höhe. Am Ufer des WildbacheS wachsen Alpen» und Grauerlen, Feller*
im 12. Jahrhundert in bedeutendem Umfange für den Markt zu produziren anfingen. Die Klagen über ihre Ordenslaufleute werden ost in den Konventen behandelt und wiederholt Beschlüffe gefaßt, welche das Verkaufen von Wolle im Voraus, das Verkaufen mit Verheimlichung von Fehlern, das theuere Verkaufen gegen lange Kreditfristen, daS Wiederverkäufen von eingekaufter Wolle und AehnlicheS strenge verbieten, in jeder Beziehung jene Solidität und Ehrlichkeit anempfihlen, welche eben ihre Waare so beliebt machte." (Schmoller, Die Straßburger Tucher- und Weberzunst. S. 361.)
Als der hl. Franziskus Laverius aus der Gesellschaft Jesu 1548 den P. Kaspar BarscaS nach der Hafenstadt Ormütz sandle, geb er ihm eine besondere Anweisung mit, in welcher es u. A. heißt: „Den reichen Herren, besonders jenen, welche viel mit Handel und Geld umgehen und die da meinen, alles sei erlaubt, was Brauch ist; die ohne Recht mit Staatsgeldern alles zusummenkaufen, um es später den Armen um den höchsten Preis wieder au fzunöthig en;jene, welche Wucher treiben, Atmengelder zurückhalten oder deren Bezahlung hinaus- schieben, um ihren Gewinn zu vermehren oder nur dann bezahlen, wenn der Betreffende ihnen einen Theil der Summe zurückläßt: biife und a. dgl. mußt du über alles dieses und ähnliches mit vieler Sanft» muth befragen und ihnen einschärfen, daß sie ohne Zurückerstattung nicht selig werden können."
Diese Mahnung enthält auch den klarsten Beweis für die Unhaltbarkeit der von Bebel und Genoffen aufgestellten Behauptung, daß die Diener der Kirche in den vergangenen Jahrhunderten sich der Armen und Unterdrückten niemals angenommen, sond-wn stets auf Seiten der Unterdrücker gestanden hätten.
Daß nicht bloß in der Bergangenhert, sondern auch in der Gegenwart die Bewohner der Klöster den Werth der Baarzahlung zu würdigen wissen, bezeugt die Lebensqeschichte der Marie de 8. Euphrasie Pellitier (f 1868), Generaloberin des Ordens vom guten Hirten; denn sie ermahnte ihre Schwestern: „Verkümmert nicht die Zeit einem armen Handwerker .... und den Abend, wo er seiner Familie Brod bringen soll." Wenn sie die Arbeiter vom Hause bezahlte, ließ sie ihnen neben dem gewöhnlichen Lohne noch Obst geben und verschaffte ihnen alle mögliche Erleichterung. Sie wurden behandelt, als ob sie zur Familie deS guten Hirten gehörten. Alles, was man für die Haushaltung einkaufte, wurde nut der größten Pünktlichke t bezahlt, damit niemals irgend Jemand benachtheiligt werde.
Aus den angeführten Thaisachen ergibt sich klar und deutlich, daß die ob ihrer angeblichen Unwissenheit so viel geschmähten Ordensleute der Vorzeit über dem Streben noch dem Himmel keineswegs die Welt vergaßen, ihr gleichgiltig oder gar feindselig gegenüberstanden. Die Mönche nahmen an dem Leben unb
Streben des arbeitenden Volkes den regsten Antheil und unterstützten dessen berechtigte Forderungen durch Wort und Thai.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Dezember.
!* Beim Kaiserpaare im Reum Palais fand gestem Nachmittag um 4 Uhr ein Diner statt, zu w.lchem die Damen und Herren der Hofstaaten, die KabinetschefS, f sowie die Herren deS Hauptquartiers Einladungen er« ' halten ha tm. An dieses Diner schloß sich die Weih- | nachtsdescheerung im Muschelsaale des Neuen PalaiS.
* DieBetriebsergebuiste der preußischen Staats- eiienbahueu betrugen irn Monat November 82,118,000 | Mk (gegen 1894 ein Plus von 5,150,267 Mk), auf < den Kilometer 3015 (-f- 133) Mk. Davon entfielen . auf den Personen- uuö Gkpäckoerkehr 17,847,000 Mk. j 871,327 Mk ), auf beit Güterverkehr 64,271,000 t Mk (+ 427,940 Mk ). Vom Beginn des Etatjahres s an betrugen bie Verkehrs - Einnahmen zusammen 1 665,815,000 (+ 34,178,417) Mk., auf den Kilometer 24,726 (+ 857) Mk Davon entfielen cuf den Personen- und Gepäckverkehr 203,100,000 (+ 14,805,874) Mk., auf dm Güter - Verkehr 462,715,000 Mark (4- 19,372,543 Mk ).
* Die Gesummt - Ergebnisse der Ergiiuzuugs- 4 steuer-Veranlagung für das Jahr 1895/96 liegen § jetzt vor. Sie ergeben, daß in btm bezeichneten Jahre Jrunb 60 Milliarden an Vermögen zur Steuer veranlagt find. Diese Zahl stellt aber allerdings nicht I den Gesommtoetrag des Vermögens für Preußen dar: i denn abgesehen von den Mängeln, w-lche naturgemäß i der erstmaligen Veranlagung anhasten, kommt in Betracht, daß alle Vermögen unter 6000 Mark steuerfrei find und daß auch unter bestimmten Voraussetzungen höhere Vermögen, insbesondere Vermögen einkommen- steuerfreier Personen bis zur Höhe von 20,000 Mark Steuerfreiheit genießen. Erwägt man, daß unter die fteuerfrekn Vermögen z. B. der ganze Betrag her Sparkassen - Einlagen mit rund 4 Milliarden Mark fällt und daß sich unter den steuerfreien Vermögen wegen der Berücksichtigung der Schulden zahlreiche Grundbesitze und Gewerbebetriebe befinden, welche einen an sich höheren Berrnögenswerth als 6000 Mark r>p:äsentiren. aber wegen ihrer Verschuldung doch steuerfrei find, so rechnet man sicher nicht zu hoch, wenn man den Gesammtbctrag der steuerfreien Vermögen auf weitere 20 Milliarden schätzt. Man gelangt sonach zu einem Gesammtvermögensbestand von rund achtzig Milliarden Mark.
* Für diejenigen Provinzen, in denen Lavdwirth- schastskammern errichtet sind (dazu gehön bekanntlich auch unsere Provinz Hessen-Naffau), geht man jetzt darauf aus, die landwirthschaftlichen Centralvereine zu bestimmen, sich aufzulösen und ihre Einrichtungen auf die neuen Laudwirthschaftskammern
flauten und Haselnußbüsche bunt durcheinander, und dazwischen strebt da und dort eine Pappel ober eine Birke in jbie Höhe. Nur das Laub btr Alp merken ist noch grün; alles andere Laub hat der Herbst und seift Reif rothgoldig gefärbt. Im Scheine der Herl stsonne schimmert und gleißt e-, als wäre alle- aus lauterem Golde.
Heute aber ist's anders. Heute sitzen die grauen Wolken oben auf den langestreckten Bergesrücken, und die Kuppen, die sonst so stolz unb trotzig gegen den blauen Himmel aufragen, sind ganz in Wolken gehüllt, und man sieht sie nicht. Düster und unheimlich ist es im Thale unb fast grauenerregend. Die Wolkenmassen drücken auf das Gemüth; die Hänge, auf denen sonst eitel Licht und Sonnenschein lag, sehen finster und unheimlich aus, und der Hochwald ist voll Nacht und Grausen.
In zerrissenen und zerfranzten Fetzen ziehen die Wolken von einem Rücken zum anderen, und einige derselben reichen tief herunter ins Thal. Traurig tönt der Klang der Schellen von den Hängen, und das allzeit muntere und aufgelegte Volk der Hütbubeft ist heute stiller als sonst.
ES ist ein Spätherbsttag im Walde. . . .
Die Landstraße entlang schritten zwei Leutchen.
Er ein hochgewachsener, breitschulteriger Bursche, voll von strotzender Kraft und Leben. Aber heute
schlich er gar still und müde dahin. DaS von Wind und Wetter gebräunte und von einem leichten, lichtblonden Barte umrahmte Gesicht beschattete ein breit- krämpiger Filzhnt ohne jede Zier und den kräftigen Körper umhüllte ein nicht gerade anschließendes, schwarztucheneS Gewand.
Sie war ebenfalls ganz in Schwarz gekleidet, leichte-, schwarzes Zeug; Sammt und Seide tragen die Leute im Walde nicht. Sie war ein Dirndl, wie sie die Arbeit aroßzieht; nicht stärker, nicht schmächtiger. Ihr Gesicht war blaß und die hellblauen Augen roth geweint.
Schweigend schritten die beiden neben einander dahin auf der Straße.
En holte die Holzpfeife aus der Tasche und stopfte sie während deS Gehens. Nachher setzte er sie in Brand. Sie seufzte nur zeitweise auf.
Hart an der Straße stand eine Mühle. Sie klapperte nicht, aber an der Radstube und dem brausenden Wasser mußte sie jeder erkennen. Eln großer stattliches Haus war's mit grün angestrichenen Fensterladen unb großer, etwa- abseits stehender Scheune. Die Gred war mit zerbrochenen Mühlsteinen gepflastert und entlang der Mauer lehnten mehrere ganze, zum großen Theile noch ungebrauchte Steine.
In der HauSthüre stand behäbig ein dicker, mehlbestaubter Mann mit feistem Gesichte, aus dem ein