Umlage Mv Mulösev Zeitung.
296 Dienstag, öen 24. Dezember 1895. 22. Jahrgang
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Leidaoll und freudvoll.
Novelle von L. v. Neid egg.
(Schluß.)
Unbeweglich blieb er vor ihr stehen. Unter dem Eindruck seines Blicke« war sie aber unruhig geworden. Sie rückte hin und her; dann schlug sie langsam dir Augen auf und erschrak, als sie Jemand vor sich stehen sah. Sie richtete sich auf, faßte den Fremden fchars ins Auge und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wolle sie ihre Gedanken sammeln, wann und wo sie ihn gesehen.
Der Beamte, ein solcher war es, hatte die Regung deS Mitleids überwunden, die ihn beschlichen hatte; er näherte sich Anna und verbeugte sich flüchtig vor ihr.
„Sollten Sie mich wirklich nicht mehr kennen, Fräulein GraShoff?" fragte er. „Ich bin der Polizei- Kommissar Berg. In EberSburg haben wir uns zuletzt gesehen. Sie hatten damals gerade den Besuch Ihres BaterS erhalten. Auch jetzt ist er wieder bei Ihnen, wie ich erfahren habe. Man fagt, er sei krank; daS wird ihn jedoch nicht hindern, mich bei sich zu sehen. Bitte, führen Sie mich zu ihm."
Schweigend ging Anna zum Nebenzimmer, öffnete die Thüre und wies aus daS leere Bett. „Gott hat ihn Ihren Nachforschungen entrückt," sagte sie leise, schloß die Thüre wieder und stand mit gesenkten Augen und gefalteten Händen vor dem Kommissar.
Herr Berg war sehr betroffen; so war der Dieb ihm also entkommen! Aber es blieb ja noch die Tochter. In EberSburg hatte er fest an ihre Schuld geglaubt und hatte keck seine Ansicht gegen Gräfin Hollerbrunn verfochten — hier fiel eS ihm aber nicht leicht, an derselben fesizuhalten. Sr sah sich nochmals um in dem ärmlichen Zimmer; er blickte auf die mädchenhafte Gestalt vor sich mit dem kummervollen Ausdrucke in den schönen Zügen, auS welchen jede Spur von Unruhe und Unsicherheit, die in EberSburg ihm so sehr aufgefallen waren, gewichen war. Da stieg ein leiser Zweifel an seiner eigenen Unfehlbarkeit in ihm auf.
„Mein Fräulein!" sagte er, und in seiner Stimme lag der unverkmnbare Ausdruck einer Achtung, die er bis jetzt ihr nicht bewiesen hatte. „Verzeihen Sie, daß ich in diesem Augenblicke mich bei Ihnen zeigte. Ich bin soeben erst mit dem Postwagen angekommen, durch Berichte meiner Agenten berufen — ich ahnte nicht« vom Tode Ihre« Vaters. Erlauben Sie mir, daß ich jetzt noch ein paar Fragen an Sie richte ..."
Welche« die Fragen waren, welche Herr Berg an Anna richten wollte, sollte sie niemals erfahren. Die Thüre war aufgegangen, und in derselben waren zwei Mäunergestalten erschienen: Hofrath Roß und Graf Robert Tiefnbach. Während der Hofrath an der Thüre stehen blieb, ging der Graf auf Anna zu.
„Anna, nun komm' zu mir!" sagte er und streckte ihr beide Hände entgegen.
Und sie? Sie wußte, er war gekommen, sie zu holen; er achtete ihre Schmach sür nicht« und hielt sie sür werth, sein Weib zu werden, dem Urtkeil der Welt zum Trotz. Gott aber hatte es so gefügt, daß sie die Seine werden körnte, ohne Sckande über den geliebten Mann zu bringen. Freudig, ohne Bedenken, durfte sie nun die treue Hand ergreifen, die sich ihr darbot.
Mit leuchtenden Augen, einen rosigen Schein de« Glücke« auf den Wangen, ein selige» Lächeln auf den Lippen, stand sie da. Der Kommiffar fragte sich verwundert, ob das wohl dasselbe Mädchen sei, daS vor wenigen Augenblicken bleich und vergrämt vor ihm gestanden hatte.
Sine Hand legte sich auf seinen Arm. Er drehte sich hastig um: „Mein Name ist Roß, Hofrath Roß," sagte derjenige, der ihn berührt hatte. „Ich bin der Hauswirth der Freiin von Neudingen. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?"
„Berg! Polizei-Kommissar Berg!" entgegnete dieser mit einer Verbeugung.
„Ah so!" sprach der Hofrath. „Dann kann ich mir denken, was Sie hierher führt. Graf Tiefenbach" — er deutete auf jenen, der, Anna'S Hand in der seinen, aller in ihrem Anblick zu verg ssen schien —, „der in der Nähe von Schloß EberSburg ansässig ist, hat mir eben Nachricht von dort gebracht. Wenn Sie mir in den Garten folgen wollen, bin ich bereit, Ihnen alle nörhigen Aufklärungen zu geben."
Der Kommiffar nickte beistimmend, und beide Männer traten in den Garten hinaus.
„Ich bin gekommen, nach einem Perlen-HalSband Nachforschungen anzustellen," erklärte der Kommissar, als sie inS Freie getreten waren.
„Ich weiß, ich weiß," unterbrach ihn der Hofrath. „Ich kann Ihnen aber sagen, daß Ihre Mühe vergeben- ist. Die Perlen haben sich gefunden; sie find in EberSburg."
„Gefunden? O, Herr Hoftath, versuchen Sie nicht, mich zu täuschen!"
„Wenn eS Ihnen schwer fällt, dies zu glauben, so kann ich Ihnen ja gestehen, daß in einem Anfall von Kleptomanie — hören Sie, von Kleptomanie — Herr von Neudingen die Perlen an sich genommen hatte. Seine Tochter übergab mir dieselben, und ich schickte sie an Gräfin Hollerbrunn. Diese erfuhr dadurch von der Anwesenheit deS Fräuleins in Prennberg und sandte die Botschaft über die wiedergefundenen Perlen sofort an den Grafen Tiefenbach. Nebenbei bemerkt: er ist der Verlobte deS Fräuleins. Jedenfalls ging dieselbe Nachricht auch an Sie, konnte Sie ober wohl deshalb nicht erreichen, weil Sie incognito sich auf Irrfahrten begeben hatten," schloß schmunzelnd der alte Herr.
„Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen," gab der Beamte zur Antwort. „Uebrigens lachen Sie, so viel Sie wollen: auf der ganz richtigen Fährte habe ich mich befunden; auf das Märchen von Kleptomanie gebe ich nichts. Ich fagte, der Baron habe die Perlen gestohlen, und er hat es gethan. Ich sagte ferner, dos Fräulein wiffe um den Diebstahl, und sie wußte um denselben. Hätte man mir freie Hand gelassen, nicht mit Redensarten von Diskretion, Delikatesse oder sonst war mir Fußangeln gelegt, die Perlen hätten eher den Weg nach EberS- burg wiedergefunden. Mit vornehmen Leuten ist aber selten gut Kirschen essen," setzte er ärgerlich hinzu. „Daß ich hier überflüssig geworden bin, sehe ich ein, habe also die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen."
Er grüßte und ging. Langsam kehrte der Hofrath in daS Zimmer zurück, in welchem die Liebenden am Fenster standen. Tiefenbach hatte den Arm um Anna- schlanke Gestalt gelegt, ihr Kopf lehnte an seiner Schulter. Erröthend machte sie sich los und ging ihrem alten Freunde entgegen.
„Man darf Ihnen also endlich Glück wünschen, gnädige- Fräulein? ... Wie ist'S aber?" setzte er mit wehmitthigem Lächeln hinzu, „wir verlieren Sie wohl zugleich auS unserer Nähe? Sie paffen nicht mehr in diese Umgebung."
„Nein, nein, lieber Hofrath!" rief sie eifrig und reichte ihm mit ihrem lieblichsten Lächeln beide Hände. „Ich bleibe vorerst noch an diesem Ort, der mit eine Heirnath geworden ist durch den langen Aufenthalt mit meiner Mutter. Nicht al« Lehrerin, aber als Ihre Mietherin will ich hier unter Ihrem Schutz bleiben, bis die Trauerzeit vorüber ist, und Graf Tiefenbach . .. Robert" — lächelnd und erröthend sah sie zu diesem auf — „mich von hier als seine Frau heimführt."
„So sei eS!" erklärte Graf Trefenbach. „Ihnen, dem bewährten Freunde, verttaue ich mein Kleinod an. Dagegen rechne ich auf Ihr Zureden, daß Anna nicht aus übertriebenem Zartgefühl die Trauerzeit zu wett ausdehne. Lange, viel zu lange habe ich suchen und entbehren müssen. Ich sehne mich danach, zu meinem Glück zu gelangen, zu unserm Glück!"
Gemeinnütziges.
* Ein sehr einfaches Mittel gegen den Bandwurm ist die Kokosnuß. Der Kranke theilt dieselbe in kleinere Stücke, schabt sie und verzehrt sie langsam;
3 Stunde» später nimmt er 46 Gramm RicinuSöl oder 20 Gramm gewöhnlichenBranntwein, in 5—6 Stunden geht dann der Wurm ab. Das Mittel ist so einfach, daß kein Kranker sich noch besonders von Spezialisten ausbeuten lasse« und einen nicht unbedeutenden Betrag bezahlen sollte.
* Karbolsäure ist gefährlich! In einer Reihe von Fällen trat nach Anwendung von schwachen Karbol- Lösungen (das in der Apoth ke käufliche Karbolwasser ist Zprozentig, d. h. 100 Gramm desselben enthalten 97 Gramm Wasser und 3 Gramm reine Karbolsäure) zu Umschlägen oft schon nach wenigm Stunden Brand der betreffenden Körperstelle eilt. Meist handelte eS sich um Finger, welche auf diese Weise verloren gingen; der Gefahr find hauptsächlich schwächliche Individuen, Frauen und Kinder ausgesetzt. Das Publikum muß vor dem Gebrauch der Karbolsäure dringend gewarnt werden.
* Ueber bett Erfolg der Anwendung von Wiesenkalk schreibt ein Gutsbesitzer aus Ostpreußen: „Ich habe im letzten Winter Mergel mit einem Gehalte von circa 92 Prozent kohlensaurer: Kalk und zwar zwei Fuder pro Morgen auf ein BrrsuchSstück von 25 Morgen bringen lassen. Die größeren Mergelhaufen wurden im Frühjahr kurz vor der Bestellung auSgebreitet und das betreffende Ackerstück — etwa die Hälfte deS Schlages — mit schwarzem Fahnenhafer bestellt. Der Erfolg ist ein eklatanter. Trotz der enormen Dürre diese« Jahres zeigt der Hafer eine blaugrüne Farbe, die wesentlich von der anderen Schlaghälfte sich abhebt. Der Hauptunterschied wird aber voraurstchtlich im Wuchs de« eingesäten Klees hervortreten. Im Vorjahre war daS betreffende Stück mit Gerste bestellt, die einen sehr schlechten lückenhaften Stand hatte, während der Hafer einen starken geschlossenen Wachs zeigte.
* Der Schlamm aus Teichen und Gräben wechselt in seinen düngenden Besiandtheilen je nach dem Wasser, auS dem er sich absetzt, und den örtlichen Verhältnissen, unter denen die« geschieht. Waffer, welcher durch höhergelegene ftuchtbare Felder und durch Dörfer und Städte abfließt, ist viel reicher an fruchtbaren d. h. düngenden Bestandtheilen, als solches, welches durch waldige sumpfige Gegenden und sandige Ebenen schleicht und meist nur einen sehr gering- werthigen Schlamm liefert, dessen Düngerwerth häufig überschätzt wird. Die schwarze Farbe, die nicht selten al« Zeichen seiner Güte gilt, rührt meist von schwarzem Eisenoxydul und sauerer HumuSkohle her, welche beide nachtheilig auf die Begetatton wirken. Es ist daher sehr zu empfehlen, bevor man den Schlamm zur Düngung von Feldern und Wiesen verwendet, denselben in Schichten abwechselnd mit gebranntem Kalk oder Mergel aufzuschichten und durch wiederholtes Umschaufeln so oft mit der Last in Berührung zu bringen, bis sich die Masse umgewandelt und eine braune Farbe angenommen hat. In dieser Form, event. noch mit etwas gut verrottetem Mist durchsetzt, liefert der Schlamm aber einen ganz vorzüglichen Dünger.
Vermischtes.
E. Moskau, 22. Dez. Der Kaiser von Rußland hat genehmigt, daß der XII. Internationale Medizinische Kongreß in Moskau vom 19. bis 26. August (neuen Stiles) des JahreS 1897 unter dem hohen Protektorate S. Kaiserlichen Hoheit des Großsitrsteu Serge Alexandrowitsch stattfinden wird.
-P Das Jubiläum der hundertste« Reise über de« Atlantische« Ozean ist selbst in Seesahrtskreisen ein seltenes Ereigniß; daß aber ein Fahrgast hundert Reisen über den Atlanttschen Ozean vollendet, und daß alle diese Reisen auf den Dampfern derselben Gesellschaft zurückgelegt worden, das gehört selbst in unserem Zeitalter des Verkehrs zu den seltenen und bemerkens- werthen Erscheinungen. Mit dem Schnelldampfer Havel des Norddeutschen Lloyd hat vor kurzem der Inhaber einer 6e- kannten rheinischen Weinfirma (L. Durlacher in Bingen) seine neunundneunzigste Reise über den Ozean angetreten und kehrt gegenwärtig ebenfalls mit einem Dampfer des Norddeutschen Lloyd von New-York zurück. Damit wird der betreff. Herr dann seine hundertste Reise über den Atlantischen Ozean und zwar lediglich auf Schiffen des Norddeutschen Lloyd zurückgelegt haben, ein Borkommniß, welches jedenfalls eben so sehr für die Anhänglichkeit des Fahrgastes wie sür die Bortrefflichkeit der Einrich- hingen des Norddeutschen Lloyd spricht.
♦ Ei,e nette Probe deS modernen Juristendeutsch findet sich in dem Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches für das deutsche Reich. § 248 dieses Entwurfs ist ein Muster des berüchtigten Kanzleistils und lautet wörtlich: „Hat der Schuldner einen bestimmten Gegenstand herauszugeben, so bestimmen sich vom Eintritte der RechtShäugigkett an, soweit sich nicht aus dem Schuldverhältniß oder dem Berzuge des Schuldners zu Gunsten des Gläubigers ein Anderes ergibt, die Ansprüche des Gläubigers auf Herausgabe oder Vergütung von Nutzungen sowie auf Schadenersatz wegen Unterganges ober Verschlechterung und der Anspruch des Schuldners auf Ersatz von Verwendungen nach den Vorschriften, welche für das Berhältniß zwischen dem Eigenthümer und dem Besitzer vom Eintritte der Rechtshängigkeit des EigenthumSauspruchs gelten." — Man muß diesen Satz mindestens dreimal langsam und aufmerksam lesen, ehe man Halbwegs eine Ahnung bekommt, was drin steht.