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Jfä 296 Dienstag, den 24. Dezember 1895. 22. Jahrgang

FiiIi>>lkrWZkitiiiig

mit UnlerhaLtrwgs-KeUage „Kternr und Klnwen".

Erjchemt ttigSch, 6e*w m» Setertagt ausgenommen. — Bierterjährlicher BbonuemeutSpreis ohne Brwgerlohn und Bestellgeld m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Sßfainia Snietate koste« die einspaltige Sarmosdzerle oder der«. Raum 15 Pf., Reklamen die Peticheile 25 Pf., bei Wied»chol««gen entsprechender Rabatt.

Des hohen Weihnachtsfestes wegen er­scheint die nächste Nummer am Freitag.

*/Zum Geburtsfeste des Welterlösers.

An dem Tage, wo wir das wunderbare Geheimniß der Menschwerdung des Gottessohnes feiern, weilen unsere Gedanken mit dankbarer Verehrung und heiliger Rührung in jenem armseligen Stalle von Bethlehem, über dem vor 19 Jahrhunderten der Stern erschien als Führer zu der Quelle alles Lichtes, und der Jubel der Engel auSklang in den erhabenen Lobgesang: „Ehre sei Golt in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind!"

„Ehre sei Gott in der Höhe!" Mächtig schallte dieses Wort in eine Zeit, wo die übergroße Mehrheit des sterblichen Menschengeschlechtes dem ewigen Schöpfer alles Lebens, dem gütigen Spender der Unsterblichkeit der Seelen, die schuldige Ehre und Liebe versagte; in eine Zeit, die von der Gier nach irdischer Macht und irdischem Genüsse beherrscht ward, in der die Welt vor den römischen Cäsaren wie vor Göttern sich beugte; in eine Zeit, wo selbst das aus­erwählte Volk in seiner Mehrzahl nicht sowohl mehr den Sohn Gottes als den Erlöser von den Folgen der Erbsünde, sondern als einen Messias erwartete, der Israel als irdischer König zu neuem Glanze und neuer Macht in dieser Welt führen sollte. Israel strebte nicht weniger, als die heidnischen Völker, nach den Schätzen dieser Erde, nach Reichthum, Ehre, Genuß; sogar in den geheiligten Hallen des Tempels machten sich die Händler, Schacherer und Geldwechsler breit.

„Friede auf Erden!" Als diese Friedensbot­schaft erklang, hallte die Welt wider vom Klirren der Waffen, und die Erde war mit dem Blute unter­jochter Völker gedüngt. Krieg überall! Auch im Reiche des Geistes. Soweit die Menschheit sich über­haupt mit den höheren Fragen nach dem Ursprünge, Wesen und Ziel aller Seins beschäftigte, war sie zer­rissen in eine Unmenge philosophischer Systeme und Sekten, und selbst die größten Weisen jener Zeit sahen sich überall vor Räthseln, die sie nicht lösen tonnten, und keiner konnte sich und seinen Anhängern den Frieden der Seele geben. Ja, selbst dem Volke der Propheten hatte sich die Sonne der Offenbarung ver­dunkelt, und Sekürer zerrissen die Einheit seine- religiösen Glauben-.

In dieser Zeit der Gottentftemdung und schwerer äußerer und innerer Kämpfe erfüllte sich die Ver­heißung : Gott selbst gab durch die Kraft des heiligen Geistes aus dem Schooße der unbefleckten Jungfrau seinen eingeborenen Sohn hin, um die sündige Mensch­heit zu eutsündigen, um allen, die guten Willens sind, den verlorenen Frieden wiederzubringen und Gott selbst die Ehre wiederzugeben, die kein Nachkomme des ersten MenschenpaareS, das durch feinen Ungehorsam Gottes Ehre verletzt hatte, aus eigener Kraft auf Erden wiederherstellen konnte.

DaS war damals — und jetzt? Scheint eS nicht fast, als fei die Gnade der Erlösung wieder von der Menschheit gewichen? „Ehre sei Gott!" Wie furchtbar wird heute von vielen, vielen, die durch die Taufe Christen geworden sind, gegen dieses erste und heiligste Gebot geftevelt! Müffen wir selbst nicht alle an unsere Brust schlagen und bekennen, daß wir gesündigt haben wider Gott und seine Ehre? Und werfen wir gar einen Blick auf da- öffentliche Leben, in die Schulen und zumal die Hochschulen, in die Versamm­lungen und Vereine, in die Bücher und Zeitungen, m die Stätten der Wissenschaft und der Kunst wie lu die der Politik (die Parlamente) und der gewerb- »chen Arbeit: sehen wir da nicht oft genug, wie ohne Scham dem Allerhöchsten offen nicht nut Ehre und Gehorsam, sondern auch die bloße Anerkennung seiner Existenz verweigert wird? „Friede auf Erden!" Ja, wo ist der Friede! Die christlichen Völker seufzen unter der Last ihrer kriegerischen Rüstung, sie starren

in Waffen, jederzeit bereit, über einander herzufallen. Und in ihrem Innern befehden sich heftig die Parteien, und die verschiedenen Stände verfechten mit steigender gegenseitiger Erbitterung ihre widerstreitenden mate- : rieöen Interessen. Die Christenheit ist feit bald 4 Jahr­hunderten zerrissen, und die heilige Kirche Jesu Christi ’ wird von den Verirrten, wie von ben Ungläubigen ; und Juden mit allen Waffen, auch denen der Gewalt, der Lüge und Verleumdung bekämpft.

Scheint eS da nicht beinahe, als bedürften wir ' einer neuen Erlösung, als müßten wir ohne eine solche verzweifelnd ausrufen gleich dem ernsten Römer : Tacitus: „Wir können weder unsere Fehler und Leiden, ! noch deren Heilmittel ertragen?"

O nein! Das Werk der Erlösung bleibt bestehen, unüberwindlich bis auS Ende der Zeiten, alle Heim- i suchungen und Kämpfe überdauernd. „Ehre sei Gott!" Ja, Ehre und Preis wird dem Allmächtigen täglich, stündlich, jeden Augenblick gezollt, und ohnmächttg ist dagegen die Wuth der Hölle und der Leichtsinn der Menschen. Hören wir, wie gewaltig heute der Mund der Glocken, Orgelklang und Lobgesang des Herrn Ehre und Herrlichkeit verkündet! Blicken wir auf die Altäre, von denen immerbar das heiligste Opfer zu Gottes Ehre und der Menschen Frieden dargebracht i wird! Und Frieden auf Erden finden Alle, die guten Willens sind, jenen Frieden, den die eitle Welt nicht geben kann, den Frieden der Seele.

„Ehre sei Gott und Frieden den Menschen, die eines guten Willens sind!" Diese Worte sind ja un­trennbar verbunden, zum Zeichen, daß die Menschheit nur bann Frieben findet, wenn sie Gott ehrt. Und das ist die große Lehre, welche wir von dem GeburtS- fefte des Erlösers mitnehmen sollen in unser privates und öffentliches Leben: sorgen wir alle dafür, jeder an feinem Theile und in seinem Kreise, daß die Ehr­furcht vor Gott immer mehr wieder in die Herzen dringe und sonach und nach den Geist unseres ganzen öffentlichen Lebens in christlichem Sinne erneuere und verjünge. Dann wird es bester werden überall, dann »erben die Starken milder, die Schwachen znftiedener, Alle aber gerechter, versöhnlicher, friedfertiger und — glücklicher werden. Dann, wenn wir alle Gott die Ehre geben, wird auch in immer höherem Maße das trostreiche Wort sich erfüllen:

„Friede auf Erden!"

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Dezember.

* Der Kaiser nahm heute Vormittag den Vortrag der Wirkt. Geh. Rather Dr. v. Lucauus entgegen und hörte daran anschließend die Marinevorträge. — Der hl. Vater hat, wie dem ,Berl. Tageblatt' aus Rom berichtet wird, Herrn v. Bülow, den Gesandten beim päpstlichen Stuhle gebeten, dem Kaiser seinen wärmsten Dank auszusprechen, daß er die Bei­setzung des Kardinals Melchers im Kölner Dom geftattete.

* Ministerwechsel in 7 Jahren. Unter der Re­gierung des jetzigen Kaisers wurden bisher verabschiedet: 2 Justizminister: von Friedberg (1889) und v. Schelling (1894), 3 KriegSminister: Bronsart v. Schellendorf I ?1889), v. Berdy (1890) und v. Kaltenborn-Stachau (1893), 2 Minister der auswärtigen Angelegenheiten: Fürst Bismarck (1890) und Gras Caprivi (1894), 1 Minister ohne Portefeuille: Graf Herbert Bismarck (1890), 1 Finanzminister: v. Scholz (1890), 2 Land- wirthschastSminister: Freiherr v. Lucius (1890) und v. Heyden-Kadow (1894), 2 Kultusminister: v. Goßler (1891) und Graf Zedlitz (1892), 1 Minister der öffent­lichen Arbeiten: v. Maybach (1891), 3 Minister des Innern: Herrfurth (1892), Graf Eulenburg (1894) und von Köller '(1895), zusammen 17 Minister, die „verbraucht" sind, dazu die besonderen Wechsel im Prä­sidium deS StaatsministeriumS, das dreimal gewechselt wurde: 1890 durch die Entlassung deS Fürsten Bis­mark, 1892 durch die Entbindung des Grafen Caprivi von diesem Amte, 1894 durch den Rücktritt deS seit 1892 als Ministerpräsident thätig gewesenen Grafen Botho Eulenburg, sowie durch den 1890 ebenfalls erfolgten Rücktritt Bismarcks vom Handelsministerium. Wer kommt jetzt an die Reihe?

* „vom feige« Bürgerthum ist im Kampfe gegen die Sozialdemokratie nichts zu erwarten." Dieser

Satz sollte, wie Herr Barth in der.Nation' mittheilt, in Breslau bei der neuerlichen Anwesenheit deS Kaisers gefallen sein. Es handelt sich offenbar um die Rebe, die ber Kaiser bei dem Festmahl ber Leibkürassiere baselbst gehalten hat. Nun schreibt aber bie ,Schles. Ztg„In dieser Darstellung sind zwar die daS Bürgerthum beleidigenden Worte nicht ausdrücklich dem Kaiser in den Mund gelegt, der unbefangene Leser aber kann nur annehmen, daß sie vom Kaiser her- rühren. Gegenüber einer solchen Insinuation haben wir zu erklären, daß der von einem Augen- und Ohrenzeugen nnS erstattete Bericht über jene Kaiser­rede dem Inhalte dieser genau entspricht. Einzelne Worte oder Wendungen mögen unserem Berichterstatter entgangen sein; auf das Bestimmteste aber können wir versichern, daß weder der Ausdruck „feiges deutsches Bürgerthum", welches für den „Kamps gegen die Sozialdemokratie" nicht geeignet sei, vom Kaiser ge­braucht, noch sonst etwas gesagt worden ist, was dem Sinne nach einem solchen Ausspruche gleich ober ähnlich gewesen wäre." Daß ber Kaiser jene Worte nicht gesprochen hat, braucht wohl nicht erst versichert zu werden. Wenn Herr Barth aber sicher weiß, daß sie überhaupt damals in Breslau gefallen sind, dann möge er bestimmt sagen, wer sich so wegwerfend über daS deutsche Bürgerthum geäußert hat.

* Die vierten Bataillone sollen reformirt werden. Die ,Köln Ztg.' ist in bie Sage versetzt, ben Plan zu skizzieren. Sie erfährt, der Hauptzweck der Reform, eine entsprechend große Zahl von Reservisten, sowie der Stämme für Neuformattonen, sei wohl erreicht, doch habe die Erfahrung (in so kurzer Zeit!) gelehrt, daß die vierten Bataillone nicht bie nach beiben Rich­tungen nöthige Qualität als Reservisten unb Stamm­mannschaften für Neuformationen erzielen lassen, viel­mehr seien sie berart hinter ben Anforderungen zurück­geblieben, daß die Heeresleitung eine Aeuderung für nothwendig erachte. Die Reform solle diesen beiden Hauptmängeln abhelfen, was dadurch am zweckmäßig­sten geschehe, daß je zwei Halbbataillone in ein ganzes zusammengezogen und letzteres auf den niedrigen Etat gebracht werde. Die Hauptfrage, ob ein Ausgleich des Etats vollständig aus drei an­deren Bataillonen bewirkt werden könne, ohne deren Ansrückstärke fühlbar zu beschneiden, könne bejaht werden. Hierdurch erhalte jede Angabe ein siebenter Bataillon, jedes Armeekorps eine Angabe. Letztere würben im Kriege wie im Frieben grundsätzlich zu denselben Aufgaben, wie die. jetzigen vierten Bataillone bestimmt fein. — Die ,flöht. Ztg.' glaubt, die Um­wandlung auf dieser Grundlage dürste im Reichstage auf Zustimmung rechnen. (?) DaS Blatt versichert, diese Reformerwägungen hätten inzwischen feste Gestalt angenommen, indeß stehe noch nicht fest, ob in dieser Form die Vorlage noch im laufenden. Winter an den Reichstag gelangen werde. (Nun also!)

* Die gegnerischen Blätter entrüsten sich so gern über die angebliche „Intoleranz" der Katho­liken, und wenn sie irgendwo in ber Welt einmal etwas gefunden zu haben glauben, war als Beweis dafür dienen könnte, so wird das mit behaglicher Wonne breft auLgesponnen. So hat vor Kurzem bie ,Nat.- Ztg.' sich au» Bozen in Tyrol über „einen Akt priesterlicher Rohheit" berichten lassen. Ein katholischer Geistlicher soll eine protestantische Begräb- nißhandlung durch Borlesen einer Protestes in laut schreiendem Tone gestört haben; die Bediensteten deS Kirchhofes sollen den Prediger beim Gebete mit den Worten unterbrochen haben: „Hier gibt'S keine Predigt." Obschon nun die,Germania' sofort auf Grund authen­tischer Aktenstücke den Nachweis erbracht hat, daß der hetreffeude katholische Geistliche keineswegs sich eine Rohheit ober auch nur etwas UngeziemlicheS hat zu schulden kommen lassen, baß bagegen ber protfftantische Prebiger seine gesetzlichen Befugmffe überschritten hat, läuft die betreffende Meldung noch immer als „That- sache" durch die katholikenfeindliche Preffe. Wenn man sich denn nun einmal über Intoleranz beschweren will, warum schweift man denn so weit in die Ferne bis nach Tyrol hin, man kann'- doch viel bequemer haben. In Deutschland sind Beispiele genug dafür zu finden, allerdings nicht auf katholischer Seite. Die ,HildeSheimer Zeitung' gibt eine kleine, aber sehr lehr- reicheZusammenstellung von Fällen protestantischer Intoleranz, die nur aus dem Herzogthum SBraun«