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295 Montag, dm 23. Dezember 1895. 22. Jahrgang

FiildatrWZcitiing

mit Urtterhalturtgs-KeUagr „Sterne und Kiumen".

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Deutsches Reich.

Berlin, 21. Dezember.

* Der Kaiser hörte heute Vormittag den Vorttag des KriegSministerS, Generals der Infanterie Bron- fart v. Schellendorf. Heute Nachmittag fuhr der Kaiser nach Berlin, um hier im Kreise des Offizier­korps des 1. Garde-Feld-Artillerie-NegimentS, das heute die Erinnerung an den Feldzug 1870/71 und besonders den Tag von Le Bourget feiert, das Mit­tagsmahl einzunehmen. Gegen 10 Uhr Abends kehrte der Kaiser von hier nach Wildpark zurück.

* In Bundesrathskreisen ist man der Frage näher getreten, ob von den gegenwärtigen und fäheren Mit­gliedern deS Bundesroths ähnlich wie vom Reickstag eine Gedenkfeier der Wtederanfrichlung des Deutschen Reichs veranstaltet werden soll. Man hat sich geeinigt, zunächst abzuwarten, in welcher Weise die Vertreter der verbündeten Regierungen an der Feier, die der Kaiser am 18. Januar im königlichen Schloß in Berlin veranstalten wird, betheiligt sein werden, und erst später ein Programm für eine etwaige besondere Feier auf­zustellen. Für diese ist der 26. Februar, der 25jähr. Gedenktag der ersten Sitzung des BundeSraths des Deutfcken Reiches, in Aussicht genommen.

* Graf Herbert Bismarck taucht wieder auf der Bildfläche auf. Die ,Schles. Ztg.' läßt sick melden, eS „solle" (!) aus FriedrichSruh „aufiprivatem Wege" (!) die Mittheilung nach Berlin gelangt sein, daß bei der Unterredung deS Kaisers mit dem Fürsten Bis­marck der Wiedereintritt deS Grafen Herbert Bis­marck in. dar preußische Staatsministerium erörtert worden sei. Demgegenüber verweisen wir einstweilen auf die Worte, mit welchen heute der,Hamb. Korresp.' die Gerüchte über den Inhalt der Unterredung deS Kaisers mit Bismarck abthut: „ES sind freie Ber- muthungen, womit phantasievolle Leute die Lücken ihres Wissens und das Senfattonsbedürfniß der Pub­likums ausfüllen, da ihnen Schweigen schon daS Ein- geständniß von Ignoranz erscheint. "MZW?

* Der wegen feines Duells mit dem Rittmeister v. Kotze zu dreimonatlicher Festungshaft verurtheilte Ceremonienmeister Frhr. v. Schrader, welcher von seiner Strafe 5 Wochen in Glatz abbüßte, ist begnadigt worden und reiste sofort nach Berlin ab. Sein Gegner wurde bekanntlich vor mehreren Wochen begnadigt.

* Die ,Saalezeituug' bat, wie die ,Leipz. Reuest. Rachr.' mittheilen, ihr Berhältniß zu jenem Bericht- erstatter, der die falschen Mittheilungen über die Ur­sachen deS Rückttitts deS Minister- brachte, gänzlich gelöst.

* Die Nationalliberalen in der badischen Zweiten Kammer haben jetzt, Dank des Ausfalls der Nachwahl in Lahr Land, die absolute Mehrheit, nämlich von 63 Stimmen 32. In der letzten Session war dies nicht der Fall. Die Zurückeroberung dieser Stellung ist ihnen zwar nicht im Wahlkampfe, aber

Keidvoü rrnd freudvoll.

Novelle von L. v. Neidegg.

(43. Fortsetzung.)

16.

Nun kamen peinliche, angstvolle Tage für Anna. Selbstsucht war von jeher der Grundzug im Charakter ihrer Vaters gewesen; auch in der schweren Krankheit verleugnete sich dieselbe nicht. In seinem Kopfe hatte sich der Wahn festgesetzt, er sei von Verfolgern bedroht, und einzig die Gegenwatt seiner Tochter könne ihn vor deren Nachstellungen retten. Lag er in Fieber-Phan­tasien, so duldete er allenfalls die Geaenwatt und die Pflege der barmherzigen Schwester. So wie das Be­wußtsein aber zurückkehrt, wies er sie von sich. Anna mußte eS sein, welche ihm die Arznei eingab und ihm die nothwendige Nahrung reichte. Gern hätte sie die Beschwerden der angestrengten Pflege auf sich genom­men, hätte sie nur erreicht, den Vater für geistlichen Zuspruch zugänglich zu machen. Diesen jedoch wieS er entschieden von sich. Er erklärte, er wolle keinen Priester sehen; jeder Fremde fei ein Angeber, am gefährlichsten aber sei immer ein Geistlicher. Er gerieth jedeSrnal, wenn Anna davon sprach, in eine derartige Aufregung, daß sie schließlich nachgeben mußte. Eine tiefe Ent- muthigung fing daher an, sich ihrer zu bemächtigen. Sollte sie ihr schweres Opfer umsonst gebracht haben?

auf dem Wege der Wahlanfechtung gelungen, wobei ihnen die beiden konfervaüven Abgeordneten und der Antisemit Knappendienste leisttten. Jetzt verdanken sie überdies den einem Demokraten abaenommenen neuen Sitz dem Unfall der konservativen Wahlmänner. Be­kanntlich war die Wahl des Demokraten Professors Heimburger für ungiltig erklärt und in Nonnen- weiher die Wahl neuer Wahlmänner angeordnet worden. Vorgestern war dann wieder Abgeordneten­wahl. Im ersten Wahlgang erhielten Heimburger 61, Altbürgermeister Flüge (nationalliberal) 57, Altbürger­meister Roth (konservativ) 6 Stimmen. Die meisten konservativen Wahlmänner haben somit schon im ersten Wahlgang sich auf die nationalliberale Seite gestellt. Im zweiten Wahlgang fielen dann noch so viel um, daß die Wahl FlügeS erfolgen konnte. Er erhielt 63, Heimburger 62 Stimmen. Flüge gehörte schon An­fangs der achtziger Jahre dem Landtaa als national- liberales Mitglied an. DaS Unverhoffte, jubelt die ,Köln. Ztg.', ist Wirklichkeit geworden! Bekanntlich verdankt von den beiden konservativen Abgeordneten der eine, Herr von Stockhorner, dem Centrum seinen Sitz. Zum Dank dafür haben die Konservativen jetzt den Gegnern deS CentrumS, den Nationalliberalen, zur Mehrheit in der Kammer verholfen.

* Nach der letzten Volkszählung hat sich die Zahl der Städte mit mehr als 100,000 Einwohner um zwei (Dortmund und Charlottenburg) vermehrt und beträgt jetzt 28. Wir geben sie nachstehend der Reihen-

folge nach:

1895

1890

Mehr

1. Berlin....

1676 352

1578 244

98108

2. Hamburg. . .

622 745

593 319

49 547

3. München . . .

405 521

350 594

54 927

4. Leipzig . . .

398 448

357 147

41301

5. Breslau . . .

372 687

335 186

37 501

6. Dresden . . .

334 066

289 844

44 222

7. Köln ....

320 056

281681

38 375

8. Frankfurt . .

228 750

198 695

30 055

9. Magdeburg . .

214 447

202 324

12123

10. Hannover. . .

209 116

174 455

34 661

11. Düsseldorf . .

175 861

144 642

31 219

12. Königsberg . .

171640

161 666

9 974

13. Nürnberg . .

160 962

142 590

18 372

14. Chemnitz . . .

160 243

145 352

14 891

15. Stuttgart . .

157 700

139 817

17 883

16. Altona . . .

148 811

143 249

5 562

17. Bremen . . .

141 937

125 684

16 253

18. Stettin . . .

140 277

116 228

24 049

19. Elberfeld . . .

139 569

125 899

13 670

20. Straßburg . .

135313

123 500

11 813

21. Charlottenburg .

132 446

76 859

55 587

22. Barmen . . .

126 502

116 444

10 358

23. Danzig . . .

125 700

120 338

5 362

24. Halle ....

116 207

101 452

14 755

25. Braunschweig .

114 686

101 047

13 639

26. Dortmund . .

111 276

89 663

21 613

27. Aachen . . .

110 463

103 470

6 993

28. Crefeld . . .

107 266

105 376

1890

* Reutz, 21. Dez. Bekanntlich hat Frhr. v. Los auf der Generalversammlung des Rheinischen Bauern­vereins die Bettreter der Presse ausgeschlossen und

Sollte, schuldbeladen wie er war, der Vater reuelos vor Gottes Richterstuhl trtten, ohne daß eS ihrem heißen Gebete gelungen wäre, ihn vor dem ewigen Verderben zu rttten?

Einige Tage waren vergangen; der Kranke wurde immer schwächer, die lichten Augenblicke immer seltener. Doktor Heimburg war wieder da gewesen und hatte kräftige Belebungsmittel angeordnet. „Kommt Ihr Vater wieder zum Bewußtsein, Fräulein Anna," sagte er nachdrücklich, als er ging, „so benutzen Sie die gün­stige Zeit. Wer weiß, wie bald der letzte Lichtblick kommen mag."

Schwer war die Bedeutung dieser Wotte auf Anna'- Herz gefallen; im Gebete verharrend, saß sie an deS Vaters Bett und beobachtete mit ängstlicher Spannung jede Veränderung in des Kranken Miene. Einige Zeit, nachdem der Arzt gegangen war, schlug Herr von Neu­dingen die Augen auf, sah mit klarem Blick seine Toch­ter an und nannte sie beim Namen.

„Bitte, holen Sie rasch den Geistlichen herbei!" flüsterte Anna der im Zimmer anwesenden Schwester. zu. Dann reichte sie dem Vater die Arznei, flößte ihm stärkenden Wein ein und kniete an seinem Lager nieder.

„Du scheinst Dich heute wohler und fttscher als gewöhnlich zu fühlen, Vater," sagte sie. „Thue mir deshalb die Liebe und erlaube mir, heute den Herrn ■

seinerseits einen Bericht in Aussicht gestellt. Als dieser Bericht in zahlreichen Centrumsblättern als „offiziell" bezeichntt rourbe, hat er dies entschieden bestritten und erklätt: „Einen „offiziellen Bericht" bringt nur das Organ deS rheinischen Banemvereins, der .Rheinische Sauer'." Dieses „offizielle" Protokoll ist jetzt in Nr. 12 deS ,Rhein. Bauern' erschienen. Wir stellen fest, daß dasselbe, abgesehen von einigen Erweiterungen, wört­lich mit dem „nicht offiziellen" Bericht deS Herrn Schreiner übereinstimmt.

* Essen, 21. Dez. Bekanntlich hat der Wirth Mellage in Iserlohn auch gegen die .Essener VolkSztg.' eine Beleidigungsklage angestrengt. Wie dem genannten Blatte nun amtlich mitqetheilt wird, ist das Verfahren auf Kosten deS Privatklägers eingestellt worden, da er ttotz Aufforderung vom 8. Nov. d. I. bis zum 30. Nov. die infciminirten Artikel nicht zu den Men gebracht hat, obwohl ihm dies bei der Androhung der Einstellung deS Verfahrens aufgegeben war. Dieser Beschluß, den Herr Mellage durch Aufwendung eines Kostenbetrages von höchstens 10 Pfg. mit Leichtigkeit hätte vermeiden können, ist, laut der ,Esiener VolkSztg.', rechtskräftig geworden, da der Privatkläger die ein­wöchige Beschwerdefttst hat verstreichen lassen. Herr Mellage befürchtete wohl, daß der verklagte Redatteur feine Behauptungen beweisen werde, und dann wäre er fürchterlich blamiert, was er in den Augen aller vorurtheilSlosen Menschen ohnehin schon ist.

* München, 21. Dez. Eine unter dem Vorsitze deS Bürgermeisters tagende, von Angehörigen der ver- schiedensten Parteien besuchte Versammlung beschloß eine allgemeine patriotische Feier am 18. Januar, dem JochreStage der Gründung deS Deuffcheu Reiches. (Auch aus verschiedenen anderen Städten wird die gleiche Absicht gemeldet; wir dürfen wohl die Er­wartung aussprechen, daß eine solche Feier möglichst allenthalben veranstaltet wird, wenn auch der nämliche Tag nicht überall aus örtlichen Gründen beibehalten werden kann. Der 18. Januar ist ein Samstag.)

Ausland.

* Brüssel, 21. Dez. Ein Brüsseler katholische- Blatt, der ,Pattiote', erklärt heute kurz und bündig, daß das Haupthinderniß für eine Bekämpfung der Spielhöllen nicht nur augenblicklich, sondern feit Jahren schon der König selbst gewesen, und zwar in so hohem Grade, daß der Kampf um diese Frage zwischen dem König und dem früheren Justiz- mimfter Lejeune eine der Hauptursachen gewesen sei, wegen derer der König und Lejeune stets schlecht mit­einander anSkamen. Das deutete ziemlich klar auch der Justizminister Seger em in feiner Rede im Senate an, wo er darauf hmwies, daß Lejeune bester als Jemand im Senat die Schwierigkeiten zu beuttheilen in der Lage fei, welche sich der Anwendung eines GefetzeS, wie deS von Lejeune beanttagten, entgegen«

Pfarrer hereinzuführen. Er hat verfprochen, mich zu besuchen."

„Ich brauche ihn nicht. Seine Gegenwart ist über« flüfsig, sie wäre mir lästig," antwortete der Saron mit leiser Stimme, aber in feiner alten rohen Weise. „Laste den Schwarzrock nicht zu mir, wenn er kommt."

„Vater! Du weißt nicht, ob eS nicht bald dem Ende zugehen mag. Der Tod sollte Niemand von unS unvorbereitet finden."

„Der Tod? Kommt also der Tod? Nun, meinet« wegen! Ich gehe gern auS der Welt, in der für arme Teufel, wie ich einer bin, ohnehin kein Platz ist. So lange es Einem gut geht, ist das Leben schön. Ist man aber am Grunde des Geldbeutels angelangt, so ist'-'au» mit aller Lebensfteude — dann lieber fort, fort aus der Welt!"

„Aber, Vater! Wenn Du in der That heimgerufen würdest?" fagte Anna traurig und in ihren Augen glänzten Thränen. „Sei Deiner schweren Krankheit ist es wohl möglich. Ist denn gar nichts, wirklich gar nichts, das Du ungeschehen machen könntest?"

„Ungeschehen möchte ich Biele- machen," antwortete er mit dem alten Trotze. „Ich habe Biele- unklug und ungeschickt gemacht. DaS Unglück war mir stet- auf der Ferse; nie ist mir etwas nach Wunsch ge­gangen. Vieles würde ich klüger machen, finge ich daS Leben von vorn an. Aber der Pfaffe?" Er fann nach,