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Zweites Blatt.

Kridvoll und freudvoll.

Novelle von L. v. Neid egg.

(42. Fortsetzung.)

Er lächelte pfiffig, legte einen Finger an die Lip­pen und ließ sich dann von der Tochter in dar Bett helfen.

„O wie gut!" murmelte er, als er darin lag. „Wie daS wohl thut! Ein Bett und Ruhe! Aber eS ist mir so kalt. O, wie friert mich auf einmal." Seine Zähne klapperten, ein Fiebersrost durchschüttelte ihn. Schnell ging Anna, Thee für ihn zu bereiten. Als sie zurückkam, die Tasse in der Hand, entriß er ihr die­selbe und trank den Inhalt gierig aus; seine Finger, welche dabei die ihren berührten, vorhin noch eiskalt, waren nun wieder brennend heiß.

„Vater!" sagtest«, „ich muß Dich jetzt einen Augen- blick verlassen, um Doktor Heimburg zu holen. Du steberst, Du bist sehr krank."

Der Kranke richtete sich im Bette auf; seine Augen glühten wie Kohlen. Abwehrend streckte er beide Hände von sich: „Keinen Arzt, keinen Arzt!" keuchte er. „Schwöre mir, daß Du keinen Arzt holen willst. Er würde mich nur verrathen. Er würde mich ausliefern. Ich will hier sterben, hier im Bette. Nur nicht in's Gefängniß! Ich will nicht auf dem Sttoh verfaulen."

„Beruhige Dich doch, Vater!" beschwichtigte ihn Anna. „Ich verspreche Dir, keinen Arzt herbeizuholen, ehe Du es mir nicht gestattest." Ach, dachte sie, als ste so sprach, wie bald kann aber dasjenige geschehen, vor dem ihm graut; in kurzer Zeit vielleicht führt man ihn und mich, in dieselbe Anklage verwickelt, von hier fort."

Ihr schauderte. Sie machte sich in dem engen Zimmerchen zu schaffen, nur um die innere Unruhe zu betäuben, und fing schließlich an, des Vaters Kleider zu ordnen, welche zerstreut am Boden umherlageu.

„Bleib' da!" rief auf einmal der Kranke, der nur halb beruhigt schien durch das ihm gegebene Versprechen. „Bleib' da! Setze Dich hierher an mein Bett, damit ich sicher weiß, daß Du noch da bist."

Sie folgte dem Rufe und warf seinen Rock, den sie eben in der Hand hielt, eilig über einen Stuhl. Dabei fiel ein Päckchen aus der innern Brusttasche des­selben und schlug am Boden auf.

„Die Perlen!" schrie der Kranke auf und wilder leuchtete daS Feuer in seinen Augen. „Die Perlen! Fort mit ihnen ... fort .. . fort! Verstecke sie, vergrabe sie! Die Perlen sind an allem Unglücke schuld. Findet man sie bei uns, so sind wir Beide verloren!"

Anna athmete tief auf; widerstreitende Gefühle wogten in ihrem Herzen. So waren die Perlen also noch da! Damit war jeder Zweifel an der BaterS Schuld unmöglich geworden. Abermals überkam sie tiefe Beschämung, Erbitterung gegen dm Vater. Da er­tönte wieder sein schmerzliches Stöhnen und damit überwog in ihr das Mitleid mit dem Kranken. Sie setzte sich zu chm an das Bett, legte ihre kühle Hand auf seine brennmde Stirn und sprach ihm zu, sich zu beruhigen. Tröstmd versicherte sie, Niemand könne ihm etwas anhaben, wenn nur diePerlen alle da seien und keine sich verloren habe.

„Alle sind da, alle!" wiederholte er, halb in Fieber- phantasieen. „O, die unglückseligen Perlen! Als sie so dalagen, so weiß und so glänzend, da meinte ich, wenn ich sie hätte, wäre alle Roth zu Ende. Sie winktm mir, sie lachten mich an und ich nahm sie. Als ich sie verkaufen wollte, nur erst eine, da sah mich der Mann scharf an: „Wie kommen Sie zu der schönen Perle?" Und diel Perle, sie schien förmlich zu grinsen. Ich murmelte etwa- von einem Erbstück, schob sie in die Tasche und eilte auS der Stadt. Und dann" — hier sank seine Stimme zum Flüstern herab r- „las ich in einer Zeitung von etwas, daS sich auf Ebersburg zu­getragen hat, und von da gab eS keine Ruhe für mich. Jetzt wußte ich, man würde mich festnehmen, sobald ich meinen Schatz verkaufm wollte. Ich wußte, mit Tausenden in der Tasche müsse ich verhungern, weil ich nirgmds, nirgmds mich schm lassen durste."

Die Stimme der Alten war immer leiser geworden; I nun schloß er die Augen, schwer athmcnd lag er regungs- '

Buch sei allen unseren Leserinnen aus's Angelegentlichste empfohlen !

los da. In trüber Nachsinnen verloren saß die Tochter an seinem Bette; wie ein wilder böser Traum erschiene» chr die Erlebnisse dieser Nacht.

„Wie kamst Du auf den Gedankm, mich hier auf« zusuchm?" fragte ste, als der Kranke die Augen wieder aufschlug.

„Wie? . . . Warte nur, ich muß mich darauf be­sinnen .... Ach der Kopf! der Kopf! er brennt zu sehr ... So war es, jetzt habe ich'S; daS ZeitungS- blatt hatte ja gesagt. Du seiest fort von Ebersburg. Wohin anders hättest Du gehen sollen als hierher? Als mein Geld zu Ende gegangen war, da beschloß ich, Dir zu folgen. Ich ging zu Fuß, immer zu Fuß, auf Umwegm. Wer zu Fuß geht, kann allein bleibm. Eisenbahnen und Postwagen, Aller steckt voller Ver- räther. Oft dachte ich daran, die Perlen wegzuwerfen, in irgend einen Graben. Dann aber fiel mir ein: Du wirfft ein Vermögen fort, behalte sie! Vielleicht kommt für Dich noch ein günstiger Augenblick — vielleicht machm sie Dich noch zum reichen Manne."

Er schwieg einen Augenblick, wie um seine Ge- danken zu sammeln, dann fuhr er eintönig, in unter­brochenen Sätzen fort: „Ich mied alle Ottschasten; wo Menschen sind, sind auch Spione. Ich suchte ein­same Wirthshäuser auf; aber auch dort begegnete ich mißtrauischen Blicken. Tage lang hielt ich mich in Wäldern versteckt und wanderte nur in der Rächt. Endlich kam ich hier an. Durch einen Zufall erfuhr ich, Du wohntest hier in dem kleinen Haufe. Du hattest mich nicht verrathen, das wußte ich. Daß Du mir helfen würdest, setzte ich voraus. Nicht wahr, Du thust es auch? Du schickst mich nicht hinaus ... in die Nacht?" Seine brennenden Finger umklammerten ; eisern ihren Arm; das von Angst verzerrte Gesicht! schaute sie flehend an.

„Sei ganz ruhig, Vater!" antwortete Anna. „Ich i verspreche Dir, eS soll Dir nichts geschehen. Jetzt aber versuche zu schlafen. Ruhe thut Dir vor allem Roth."

Mittlerweile war der Morgen herangebrochen; die Gegenstände, die erst noch grau in grau, kaum kennt­lich sich abgezeichnet, fingen an, in farbigen klaren Umrissen zu erscheinen. Am Himmel zeigten sich goldige Streifen; endlich erstrahlte der herrliche Sonnenball, alles in eine Fluth rosigen Lichtes tauchend. Aus un» - . , ~ . • u ■ — - --

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empor. Auch m Annas Herzen wurde eine stimme 5 Buch sei allen unseren Leserinnen aus's Angelegentlichste empfohlen !

Dieses den Mädchen und Frauen gewidmete Buch stellt sich dar als ein Tagebuch, welche- eine den Mittelständen angehöretlde Frau vom Tage ihres Austrittes aus dem Pensionate bis ins hohe Alter geführt hat. Wir sehen die Lebensgeschichte einer charakterfesten und gottesfürchtigen Frau in allen Hauptmomenten sich vor unseren Augen abspielen, mit all'den großen und kleinen' Pflichten, mit all' den Freuden und Leiden des häuslichen Herdes, den Hoffnungen und Enttäuschungen, den Kämpfen und Siegen, wie sie das Leben in der Wirklichkeit mit sich bringt. Alles Romanhafte ist auS diesem Buche ebenso peinlich ferngehalten wie das pedantisch« Moralpredigen. Das häusliche Reich ist mit den Farben der Wahrheit gemalt ohne die romantischen Nebel­schleier, hinter welchen jugendliche Gemüther sich das Leben so schön vorstellen. Eine christliche Frau lernen wir kennen in ihrem Denken und Handeln als Tochter, als Gattin und Mutter, in ihren Schwierigkeiten, ihren Leiden und Tröstungen. Der Ge-

„Schlafen! schlafen! Ja, ich will er versuchen. Aber Du mußt hier bleiben, hier am Bett; sonst kommen sie und holen mich. Die Perlen aber thu' fort ... die Perle» sind Verräther ... sie weisen den Weg . . . weisen den Weg ..."

Seine Stimme ging in ein vollständiges Gemur­mel über; nach und nach wurde er ruhiger und ver­sank in einen von Fieberphantasieen unterbrochenen Schlaf. Seine Hand, die Anna's Arm krampfhaft umfaßt hielt, zuckte von Zeit zu Zeit. Endlich ließ der Druck derselben nach, und Anna konnte sich aus der Umklammerung lösen. Dennoch blieb sie be­wegungslos am Bette sitzen und dachte nach — dachte — dachte.

Das Brandmal de- Diebstahls würde nun von chr genommen werden, dachte ste, und ihr Herz jauchzte auf. Aber was weiter? Der gebrochene, kranke, aller Hilfsmittel entblößte Greis fiel nun ihr zur Last und mußte durch ihre Arbeit erhalten werden. ES war eine furchtbare Aufgabe und ste erfchauette, als sie die j ganze Größe derselben überdachte. Sie deckte die Hand j über die Augen, aus denen, von tiefer Seelenpein aus- I gepreßt, schwere Thronen herorquollen. Auf ein glück- I liches Leben an der Seite eines geliebten Mannes hatte sie verzichten müssen — nun bürdete ihr Gott daS Kreuz auf, die Ernährerin diese» alten Mannes zu sein, vor besten Lasterhaftigkeit ihr graute! Ihr war, als müffe sie erliegen unter ihrem Geschicke. Ein j wilder Verlangen überkam sie, zu fischen und allein, ungehemmt durch diese neue Fessel, sich ihr Brod zu verdiene».

Bald aber trugen ihr Gottvertrauen und chre Ge« wistenhaftigkeit den Sieg über die augenblickliche Schwäche davon. „Gott hat bis jetzt geholfen — Er I wird auch weiter helfen," ttöstete sie sich. „Ganz klar ist mir der Weg vorgezeichnet, den ich zu gehen habe, j Vorwärts also! Auf die eine oder die andere Weise I muß ja schließlich die Erlösung kommen."

| laut, die von Hoffnung sprach und von der ewigen I Liebe, die über uns wacht.

♦ ♦

Hofrath Roß war gewöhnt, früh aufzustehen. Bald j »ach Sonnenaufgang konnte man ihn täglich in seinem I Garten auf und abgehen sehen. Er nannte die» die | fruchtbarste Stunde im Tage, in der ihm zu seinen I schriftstellerischen Arbeiten die besten Gedanken kämen. | Nicht wenig erstaunte er, als an diesem Morgen Anna | Plötzlich vor ihm stand, sehr bleich, sehr müde auS- I sehend. Sie hielt ihm ein Päckchen hin.

»Hier sind die Perlen, lieber Herr Hofrath!" sagte sie, und ihre Stimme zitterte. „Fragen Sie nicht wefter, und thun Sie mir die Liebe, dieselben alsbald an Gräfin Hollerbrunn abzusenden in meinem Auftrage. Sie wird den Zusammenhang schon verstehen. Sie können daS Absenden besorgen, ohne Verdacht zu er­regen — ich könnte eS nicht. Und noch einer . . ." — sie schlug die Augen nieder und wandte den Kopf ab, um ihm nicht in daS Gesicht sehen zu müssen —

1 „mein Vater ist bei mir. Erscheint schwer krank zu sein. Bitte, schicken Sie zu Doktor Heimburg und ersuche» Sie ihn, sich zu mir zu bemühen."

Um allen weiteren Fragen zu entgehen, wandte sie sich und eilte in das kleine Häuschen zurück.

Doktor Heimburg beeilte sich, Anna aufzusuchev. Er war darauf gefaßt gewesen, einen Schwerkranken zu finden; dennoch schien er betroffen, als er in das fiebergertzthete Gesicht de» Barons blickte. Mit ge- schlostenen Augen, schwer athmend, lag der Kranke da, gänzlich unempfindlich für alles, was um ihn her sich begab. Auf keine Frage gab er Antwott. Als der Arzt aber wiederholt in ihn drang, ihn anzusehen, ihm zu sagen, ob er ihn erkenne, schlug er endlich die Augen auf. Er sah den Frager nut einem leeren Blickt an, schüttelte den Kopf und wandte daS Gesicht, auf welches nach und nach ein ängstlicher Ausdruck getreten war, der Wand zu.

„Er hat sehr starkes Fieber; augenblicklich scheint er nicht im Stande, eine vernünftige Antwort zu geben," meinte der Arzt. „Können Sie mir etwa sage», was seine Krankheit herbeigesühtt hat, und worüber er klagt, Fräulein Anna?"

„Uebermüdung, Nachtwachen, Gemüthsbeweguvgen aller Art haben in letzter Zeit ihn augenscheinlich er- schöpft," entgegnete sie. „Eine Wunde am Bein schmerzt ihn sehr."

Der Arzt besichtigte die Wunde, und immer be­denklicher blickte er drein. „Ihr Vater ist ein aller Mann, gnädiges Fräulein," bemerkte er. „Seine ° Lebensweise hat seine Kraft geschwächt; die Säfte sind verdorben. Ich will indessen thun, waS ich kam."

Er wusch und verband das kranke Bein, ordnete das Nöthige an und versprach, eine Barmherzige' Schwester zu schicken. „DieS ist einer der seltenen Fälle," brummte er im Gehen in sich hinein, „wo ich durchaus keine Trauer darüber empfinde, dem Kranken das Leben absprechen zu muffen. Der alle Sünder: hat es unverdient gut, seine letzten Tage gepflegt von diesem Engel verleben zu dürfen. Die Tochter sotgt für seine leiblichen Bedürfnisse — sie wird auch mit dem bösen Geiste ringen, ihm die Seele zu entreiße». . . . Ja ja! Roß hat im Ganzen doch Recht: die Ehe ist eine schöne, eine heilsame Institution." 1 , (Fortsetzung folgt.) .........

Literarisches.

ö Da» Leben wie es ist. Bon Mathilde Bourdon. Aus dem Französischen übersetzt von G. v. H. Dritte Auflage. Freiburg, Herder'sche Berlagshandlung. Preis 1,20 M., geb. 2 M.