«*£ 294 Samstag, den 21. Dezember 1895 22. Jahrgang
FilldlltrWZeitlliig
mit Unterhaltungsbeilage „Sterne nab Klnmen«.
kricheiÄ «gkich.Somt- «d ye«>t»ge atefegeweemea. — Bieeteljührücher Abonnr »»»tSvreis oh« Brmgmiohn und Bestellgeld in Fulda und auSwärtS 1 Mark 30 Pfennig. 3-serate tosten bte emstnÄigr ®ormo«b$eÄe oder beten«towm 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., b«t Wiederholangen entsprechender Rabatt.
WV* Drittes Blatt.
«r Protestantisch-kirchliche Sozialpolitik.
Berechtigtes Aufsehen erregt ein Erlaß der Präsidenten des „Evangelischen KirchenrathS", Dr. v. Barkhausen, der sich gegen die Betheiligung der protestantischen Prediger an der christlich-sozialen Bewegung richtet, indem er der Neigung „namentlich jüngerer Geistlichen zu Reisen, um sich an Versammlungen, Kongressen, Kursen usw. zu betheiligen", nachdrücklich entgegengewirkt wissen will.
Dieser Erlaß ist ein neuer Beweis für den Mangel an innerem Halt und Konsequenz, der ein so charakteristisches Kennzeichen des gesammten Protestantismus ist. „Auch ein Zickzack-KurS!" ruft daS christlichsoziale ,Volk' ganz mit Recht Ms, indem es auf die Thatsache hinweist, daß erst vor fünf Jahren, nämlich am 17. April 1890, ein Erlaß des nämlichen Oberkirchenraths im strengsten Gegensätze zu dem jüngsten Erlasse die Geistlichen auffordert, nicht nur in Konferenzen und Kursen mit ihresgleichen Sozialpolitik zu treiben, sondern sogar „in freien Versammlungen, verbunden mit Rede und Gegenrede, den Arbeitern unter die Augen zu treten". Stöcker konnte damals sagen: „Vor zehn Jahren wurde den Geistlichen verboten, in Versammlungen zu gehen. Heute werden sie von der obersten Kirchenbehörde dazu aufgefordert." Und jetzt, nach fünf weiteren Jahren könnte Herr Stöcker sagen: „Wozu die Geistlichen vor fünf Jahren aufgefordert wurden, das wird ihnen heute wieder verboten." Das ist in Wahrheit ein Zickzack- Kurs, der die Inkonsequenz deS protestantischen „Kirchen- thumS" ins hellste Licht setzt.
Dieser kirchliche Zickzack-Kurs steht — daS sieht Jeder auf den ersten Blick — zu dem politischen Zickzack-Kurse im deutschen Reichstage in dem 83er» hältniß der Wirkung zur Ursache. 1880 führte Bismarck noch das Regiment, und sein sozialpolitischer Kurs kam in dem unseligen Sozialistengesetze zum schärfften Ausdruck. 1890, am 17. April, war Bismarck wenige Wochen vorher gestürzt; gestürzt über den Gegensatz, der besonders m sozialpolitischer Beziehung ihn damals vom Kaiser trennte, kurz nach den berühmten, leider bis jetzt größtentheilS unausgeführt gebliebenen sozialen Erlassen des Kaisers und der Arbeiterschutzkonferenz. Damals besann sich auch
I der „Evangelische Oberkirchenrath" auf die sozialen Pflichten der „Kirche" und gab, aufgeschreckt aus seinem trägen Schlummer, jenen Erlaß vom 17. April 1890 von sich. Heute aber ist so war nicht mehr modern, nicht mehr politisch kursfähig; heute neigt der Kurs der Reichssteuerung nach der Richtung der Herren Stumm und Genossen — und heute kommt der wohl- löbliche Oberkirchenrath und nennt schwarz, was er vor fünf Jahren weiß genannt hat! Diese pünktliche Befolgung deS politischen durch den protestantisch-kirchlichen Kurs ist ein lehrreiches Beispiel für die Stellung, welche die protestantische Kirchenleitung zur Staats- leitung einnimmt, ein Beweis, daß dem Protestantismus jeder innere Halt gebricht, so daß er der StaatS- raison, die ihm zum Entgelt wenigstens einigen äußeren Halt gibt, jedes verlangte Opfer unweigerlich bringen muß. Freilich würde seine Konsequenz- losigkeit den Protestantismus auch ohne das staatliche Gängelband nicht vor seltsamen Zickzackwegen bewahren; so rasch aufeinander und so grell würden sich die Gegensätze aber wohl kaum folgen, wenn der Protestantismus nicht gänzlich von der Staatspolitik abhängig wäre.
Und doch: was wäre er ohne diese Abhängigkeit? Soweit die „evangelische Kirche" noch gläubige Christen enthält, wäre sie dann wohl innerlich gefesteter, aber äußerlich, an Zahl und Bedeutung, um so schwächer. In seiner Gesarnrntheit aber würde der ganze Protestantismus Deutschlands dann genau so, wie derjenige Amerikas, wo die Kirche vom Staate getrennt ist, nur ein wirres Durcheinander der verschiedensten Sekten darbieten. Was der Protestantismus mit staatlicher Bevormundung ist, das zeigt der neueste Erlaß des preußischen OberkirchenratheS; war er ohne dieselbe ist, zeigt Amerika. In keinem Falle also bietet der Protestantismus jener Bild, das jedem Christen gemäß den Worten ihres Stifters von der Kirche Jesu Christi vorschweben muß; dieses Bild gewährt vielmehr allein die römisch-katholische Kirche!
vermischtes.
* Für Schnupfer dürste nachstehende Berechnung von Interesse sein, die am Sonntag ein alter Verehrer des duftigen Marino-Maroko in Höchst a. M. am Biertisch zum Besten gab. Der lustige Statistiker ist der jetzt im 76. Jahre stehende Schuhmachermeister L. daselbst. In seinem 17. Jahre wurde ihm wegen eines Augenleidens der Gebrauch von Schnupftabak vom Arzt empfohlen und L. blieb bis heute ein folgsamer Patient. Er bezog seitdem allwöchentlich ’/« Pfund Tabak aus der Handlung von Bolongaro in Frankfurt, in den bis heute verflossenen 59 Jahren also rund 15* - Zentner. In besonderer Ehrung des
treuen Kunden hat ihm der Lieferant schon vor langer Zett den Preis für das Pfund Tabak um einen Groschen ermäßigt, ihm auch vor 9 Jahren — gelegentlich des 50jährigen Schnupfjubiläums — eine prachtvolle Dose zum Geschenk gemacht. Trotz dieses Vorzugspreises hat die Schnupserei dem Dosenveteranen doch schon über 1850 M. gekostet (bei einem Preise von 1 M. 20 Pfg. oder 42 pro Pfund), und der alte Herr hofft zuversichtlich, auch die 2000ste M. noch durch die Nase verpulvern zu dürfen. Wie viel „Hatzi" und wie viel „Proft" und „Wohlsein" der Wirkung der L.'schen Dose bisher ihre Entstehung zu verdanken hatten, ist nicht angegeben.
Literarisches.
Der kleine Kaufmann und seine Buchführung nebst Wechsellehre. Ein Handbuch zum Selbstunterricht von R. Winkler, Lehrer an der Leipziger Fortbildungs- und Gewerbeschule. Verlag von Feodor Reinboth, Leipzig. Preis 1 Mark.
Obwohl schon längst jeder Kaufmann oder Gewerbetreibende, der sein Geschäft kaufmännisch betreibt, gesetzlich verpflichtet ist, eine geordnete Buchhaltung zu führen, so wird gerade dieser wichtige Theil seines Geschäftes vielfach aus Un- kenntniß noch allzusehr vernachlässigt. Aber immer mehr bricht sich auch unter den kleineren Kaufleuten und Gewerbetreibenden die Ueberzeugung Bahn, daß nur eine geordnete Buchführung zu einem wirklich gedeihlichen Fortgang des Geschäfts führen kann. Für diese Kreise ist dieses Buch geschrieben, welches so recht geeignet ist, auch dem der Buchhaltung Unkundigen den richtigen Weg schnell und sicher zu zeigen. Die einfache und klare Sprache, die praktische und systematische Anordnung dieses Merkchens ermöglichen es Jedem, die Buchführung ohne jede fremde Beihilfe sofort zu erlernen und selbständig verwerthen zu können. Dabei ist dieser anscheinend so spröde Stoff so trefflich bearbeitet, daß er den Leser niemals ermüdet, sondern im Gegentheil bis zuletzt gefesselt hält. Wir erachten es seiner als einen ganz besonderen Bortheil dieses Merkchens, daß ihm ein Leitfaden der Wechsellehre beigefügt worden ist. Das Büchlein ist hübsch ausgestattet und kann durch alle Buchhandlungen bezogen werden.
X Die soziale Frage, eine sittliche Frage. Bon Professor Dr.
Theobald Ziegler in Straßburg. G. I. Göschcn'sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart. Preis 2 M. 50 Pfg. Wenn Professor Ziegler von Sittlichkeit spricht, fo dentt er dabei an eine rein natürliche Sittlichkeit, die unabhängig von Gott und Religion ist, und von diesem „sittlichen" Standpunkte aus behandelt er in dem vorliegenden Buche die soziale Frage, die er mit Recht nicht als eine bloße Magenfrage betrachtet wissen will. Wir stimmen darin dem Verfasser bei, daß die soziale Frage in weit höherem Maße eine sittliche Frage ist; aber für uns ist sie eine religiös-sittliche Frage — eine Sittlichkeit, die von der Religion unabhängig ist, kennen wir nicht. Trotz unferes prinzipiell verschiedenen Standpunktes haben wir jedoch in dem vorliegenden Buche einzelne beachtenswerthe Gedanken uüd Ausführungen gefunden. Verschiedene gehässige Ausfälle gegen Andersdenkende, z. B. gegen die „vielen cölibatären katholischen Priester im Reichstage" dienen allerdings dem Buche nicht zur Empfehlung.
Der Postdampfer „Friesland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 17. Dzemeber wohlbehalten in New-Uork angekommen.
Mehl-Verkauf.
Montag den 23. d. M., Vormittags 91/« Uhr werde ich irn Speditionslager des Herrn Joseph Feuerstein Hierselbst
100 Leck WchtMkhl00 dessen Annahme vom Adressaten verweigert wurde, öffentlich meistbietend gegen Baarzahlung versteigern. [3332
Fulda, den 19. Dez. 1895.
Hochmuth, _______Gerichtsvollzieher. Mehl - Verkauf.
Freitag den 27. d. M., Vormittags 11 Uhr werbe ich auf der hiesige« Güter- abferttguugSstelle der Frankfurt- Bebraer Eisenbahn
100 Lack siozgkmehl I deren Annahme vom Adressaten verweigert wurde, auf Grund des Artikels 343 des Handels- gesetzbuches öffentlich meistbietend gegen Baarzahlung in zwei Loosen je zu 50 Sack versteigern.
Fulda, den 21. Dezember 1895. Hochmuth,
Gerichtsvollzieher.
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