M 293 ' Freitag, den 20. Dezember 1895. 22. Jahrgang
FuldaerMZeitiiliß
mit Nuterhaltrrrrgs-Keilage „Kterne und KLumen".
Krjchnut täglich, Som« mtb Feiertage ausgenommen. — BierteljähMcher Abonnemeutspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltig« Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
X „Wissensdurst des Proletariats." ii.
Bei weitem zahlreicher als die Zeitungen sind die Broschüren der Partei. Allein bei der Buchhandlung des .Vorwärts' sind im verflossenen Jahre an neuen Druckwerken erschienen unter andern: Bebel: DaS allgemeine Stimmrecht (20,000 Exemplare), Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich (3000 Exemplare), Keßler: Die Ziele der Sozialdemokratie (20,000 Exemplare), Mehring: Gustav Adolf (32,000 Exemplare), C. O. Schmidt: Die Arbeitslosigkeit (10,000 Exemplare). Von den Heften der Umsturz-Debatte im Reichstage sind 173,000 Exemplare im Lande verbreitet worden. Das Protokoll über die Verbandlungen des vorigjährigen Parteitages ist in 40,000 Exemplaren abgesetzt worden. Neben diesen neuen Druckwerken und «Merkchen ist auch eine große Reihe früher erschienener Parteischriften neu aufgelegt worden. Wir nennen: Marx-Engels: Das kommunistische Manifest, drei Auflagen, je 2000 Exemplare innerhalb eines Jahres; Brake: Nieder mit der Sozialdemokratie, vier Auflagen, je 10,000 Exemplare innerhalb Jahresfrist. Ferner wurden neu abgesetzt: Kautsly-Schönlank: Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie. 10,000 Exemplare ;Liebknecht: Wissen ist Macht, 17,000 Exemplare; Parteiproaramm 20,000 Exemplare; Organisationsstatut 12,000 Exemplare, dergleichen wurden Neuauflagen nöthig von Dietz gen: Zukunft der Sozialdemokratie; Lafargue: Kapitalismus und Kommunismus; Braun: Die Kartelle; Bischer: Ostende von London; Brause: Entwicklung der Geschichtr- auffaflung: Müller: Preußische VolkSzustände. Ferner „wurden Tausende und Abertausende von Flugblättern und Broschüren auf Anweisung des ParteivorstandrS zur GrattSvertheilung dm Genossen zur Verfügung gestellt; ebenso erhielten zahlreiche Vereine, deren Mittel beschränk waren und die mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, kleinere und größere Büchersendungen zur Gründung und Vergrößerung ihrer Bibliotheken, um den in der Agitation thätigen Genossen die Waffe der Bildung reichen zu können." — DaS ist, wie gesagt, die Thätigkeit einer einzigen sozialdemotrattschen Buchhandlung innerhalb eines Jahres, einer Buchhandlung, die noch erst 5 Jahre besteht.
Außer der Buchhandlung der .Vorwärts' gibt eS noch die sehr rührigen und viel verlagsreicheren Buchhandlungen der Partei in Hamburg, Stuttgart, München, Nürnberg u.s.w. Die Druckwerke, die von hier auS verbreitet »erben, belaufm sich nicht auf Taufende, sondern Millionen. Und durch ebenso viele Millionen von Kanälen wird das Gift des Sozialismus unter daS Volk geleitet. Denn mag der Titel der Broschüren so oder anders heißen, mag der Inhalt dieses oder jenes besondere Gebiet betreffen: alle Schriften der sozialdemokatischen Partei sind aufge-
zridvoü und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(41. Fortsetzung.)
Herr Roß war ein fleißiger und begabter Schriftsteller; seine Sprache war rein und edel, seine Schrift jedoch war die Verzweiflung aller Verleger und Setzer. Seit Jahren war deshalb seinen Töchtern die Aufgabe zugefallen, von des VaterS Manuskipten Rein- sthristen anzufertigen. Die Hoftäthin nannte dies eine unverantwortliche Zeitvergeudung, die ihr Mann leicht würde vermeidm können, wollte er sich nur die Mühe geben, seine Schrift zu verbefsem. Die Mädchen selbst hatten ost Mühe, dem Gedankenfluge des Vaters zu folgen, weshalb auch in ihren Abschriften hier und da komische Versehen unterliefen. Anna'S Anerbieten, ihnen bei der lästigen Aufgabe behilflich zu sein, war deshalb hochwillkommen und wurde wacker auSgenutzt.
So saß Anna eines Abends in ihrem Stübchen, über ein Manuskipt deS Hofrachs gebeugt. Heute wollte es jedoch nicht vorangehen mit dem Schreiben. Ihre Zöglinge hatten ihre Geduld mehr als gewöhnlich in Anspruch genommen, und sie fühlte sich müde und erichöpft. Als sie an die Unorten dieser Kinder dachte, kehrten ihre Gedanken unwillkürlich zu Martha zurück, dem Kinde, dessen Herz sie besessen, das zu
baut auf dem Boden der materialistischen Weltauf- saffung. Nach dieser gibt er aber keine absoluten Wahrheiten, keine ewig wahre Religion, keinen persönlichen Gott, nicht Himmel noch Hölle. Alles ist nach chr „Entwickelung" und mit der wirthschaftlichen Entwickelung entwickeln sich „Religionen und Sitten", „Rechte und polittsche Zustände". „Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure (geistige, religiöse re.) Ueberbau langsam oder rascher um." (Marx.) In diesen „wiffenschaftlichen" Betrachtungen werden dann in sattsamer Weise Schmähungen auf Christenthum und Kirche, Priester und religiöse Orden gemischt, die Geschichte wird in tendenziöser Form zugestutzt. Die besten Absichten und Bestrebungen der Gegner, eine Besserung der Lage der arbeitenden Klassen herbeizuführen, werden höhnisch verlacht und verdreht.
Diesem Treiben thatenloS zusehen, wäre gleichbedeutend mit einer materiellen Thrilnahme an der Entchristlichung und Entsittlichung unseres Volkes! Und haben sie es denn nicht verdient, unsere treuen und christlichen Arbeiter, unsere braven Handwerker und Bauern, sie, die mit Leib und Leben für ihres Lebens Unterhalt eintreten müssen, daß man die falschen Propheten, „die ihnen Honig um den Bart schmieren wollen", entlarvt, daß man daS Gewebe von Scheingründen der Gegner bloßlegt, daß man die Jrrthümer aufdeckt und die Wahrheit in das gehörige Licht setzt? „Die Wahrheit wird euch stei machen", hat unser Heiland gesagt; aber die Wahrheit will verkündet sein. Und wie soll sie verkündet werden? So, wie eS immer geschah, seitdem man lesen und schreiben konnte: Mündlich und schriftlich. Lernen wir von den Kindern dieser Welt, den Sozialdemokraten! Sie halten Versammlungen ab, halten auch wir Versammlungen ab! Sie unterstützen opferwillig ihre Zeitungen, thun wir dasselbe und noch reichlicher! Sie bringen Millionen von Schriften unter das Volk, suchen wir sie um so viel zu überbieten, als die Erhabenheit unserer Sache es verdient!
Aber man kann keine Versammlungen berufen, keine Schriften verbreiten, wenn keine Männer da sind, die sich der Arbeit unterziehen, die dafür agi- tiren; also Agitation! Und wiederem: alle Agitation kann leinen dauernden Erfolg haben, wenn sie nicht einheitlich geleitet wird, wenn sie nicht o r ga n i- sir t ist. Ohne Organisation keine Agitation, ohne Agitation keine gehörige Verbreitung von Schriften, kein regsames Leben in den Versammlungen! DaS hat die sozialdemokratische Partei beffer verstanden und erfolgreicher durchgeführt, als irgend welche andere polittsche Partei in Deutschland. Ihre Organisation erstreckt sich über alle deutschen Lande; ihre Agitatoren gehen bis in die entlegensten Gaue unseres Vaterlandes; keine Hütte ist so klein, kein Palast so groß, daß die Sozialdemokratie nicht darauf sänne, Unzufriedenheit zu senden oder zu bringen.
Wollen wir mit diesem ganz modernen Feinde in
unterrichten ihr eine so leichte Aufgabe gewesen war. Bon Martha schweiften sie zu einem andern Bilde, das sie mit aller Macht aus ihrer (Erinnerung zu verbannen suchte, und daS doch mit jedem Tage sich fester dort eingrub. Sie legte die Feder nieder, stützte den Kopf in beide Hände und gab der weichen Stimmung nach. Eine augenblickliche Schwäche war über sie gekommen; sie fühlte sich kampfesmüde.
Warum mußte gerade sie alles opfern — Liebe, Achtung der Menschen, Hoffnung auf Erdenglück? Und für wen? Für einen Vater, der (ein und seiner ganzen Familie Glück so leichtsinnig zerstört hatte und ihr beinahe ein Gegenstand des Abscheues geworden war, seit sie ihn als gemeinen Dieb kannte. Wenn sie ihn mit ihrem Opfer wirklich noch vor zeitlichem und ewigem Verderben hätte retten können! Aber daS war sehr zweifelhaft. Unaufhaltsam schritt er dem Verderben zu, während sie selbst wie eint Uebel- thäterin sich in dem weltverlorenen Städtchen verstecken mußte. Ein Jahr um das andere würde sie hier verleben, ohne Licht, Freude, ohne Lust am Leben! Ein Jahr um daS andere — und sie war noch jung!
Wie mit Sandkörnern schlug es plötzlich an ihr Fenster. WaS war daS? Die Nacht war still und schön; es konnte also kein Regen sein, der gegen die
die Schranken treten, dann müssen wir auch moderne Waffen brauchen; mit andern Worten: wir müssen Versammlung gegen Versammlung, Schriften gegen Schriften, Agitation gegen Agitation, Organisation gegen Organisation setzen! Und wir Katholiken Deutschlands besitzen diese mächtigen Waffen; sie sind die letzte Schöpfung unseres unvergeßlichen Windthorst, es ist der „Volksverein für daS katholische Deutschland." Er hat seine Organisation über ganz Deutschland ausgedehnt; seine Agitation wird von Jahr zu Jahr lebhafter und ausgedehnter. Mehr als 500 Volksversammlungen wurden im vorigen Jahre abgehalten; an Druckschriften wurden 2,545,000 Exemplare verbreitet; die Katholische sozialpolitische Korrespondenz wird alle zwei Wochen an 240 katholische Zeitungen zum freien Abdruck versandt, die sozialwissenschaftliche Bibliothek ist auf 2000 Bände vermehrt. Der praktischsoziale Kursus in Freiburg — Oktober 1894 — zählte 732, der diesjährige in Dortmund 995 Theil- mhmer. Die Volksbureaus werden vielfach unterstützt, manchen Arbeitervereinen Schriften für ihre Bibliotheken zugewendet u.s. w. u.s. w.
Unser Windthorst hatte Recht, als er bei der Aufhebung des Sozialistengesetzes den Sozialdemokraten zurief: „Sie werden uns gerüstet finden." In der That, die Thättgkeit des Bolksvereins, die Erfolge seiner vielseitigen Wirksamkeit sind eine herrliche Antwort auf die Mahnung, welche die preußischen Erzbischöfe und Bischöfe am 23. August 1890 vom Grabe des hl. Bonifatius aus an uns richteten: Alle ernsten und edelgesinnten Menschen müssen es nunmehr als ihre Pflicht erkennen, mit Hintansetzung aller Meinungsverschiedenheiten zu diesem großen Werke (der Regelung der sozialen Frage in christlichem Sinne), von dem der Friede der Welt und der Bestand der menschlichen Gesellschaft und ihrer kostbarsten Güter abhängt, mit Rath und That mitzuwirken."
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Dezember.
* Der Kaiser empfing heute den Reichskanzler Fürsten Hohenlohe im Neuen Palais bei Potsdam zum Vortrage und arbeitete längere Zeit mit dem Chef des Militärkabinets, General v. Hahnke. — Der Kaiser hat ein Exemplar der von ihm entworfenen Allegorie „Völker Europas, wahret Euere heiligsten Güter!“' dem Reichskanzler Fürsten zu Hohenlohe-Schillingsfürst, in einen kostbaren Rahmen gefaßt und mit eigenhändiger Unterschrift versehen, zum Geschenke gemacht. — Bei seiner Anwesenheit in Altona überreichte der Kaiser nach dem Frühstück der Gräfin Waldersee ebenfalls daS Bild „Mahnung an die Völker Europa'S".
* Der BnndeSrath hat in feiner heutigen Sitzung dem Berichte über den Entwurf einer Verordnung wegen Abänderung der Verordnung vom 16. August 1876 über die Kautionen der bei der Militär-
Scheiben getrieben wurde — es konnte auch der Wind nicht fein, der etwa einen Zweig der Schlinggewächse bewegt hatte, womit das Haus umsponnen war. „Sinnentäuschung!" dachte Anna. „Ich erkenne mich selbst nicht wieder: ich werde zur Gespensterseherin, zu einem schwächlichen, erbärmlichen Geschöpfe. Fort mit den Träumen! An die Arbeit!"
Sie nahm die Feder auf und war bald in ihre Arbeit vertieft. Da vernahm fte wieder das befremdliche Anschlägen an das Fenster, und als sie aufblickte, kam eS ihr vor, als unterscheide sie ein menschliches Angesicht, VaS sich an die Scheiben drückte. Sie erschrak wohl; aber muthiq, wie sie war, stand sie sofort auf, öffnete das Fenster und rief mit fester Stimme in die Nacht hinaus: „Wer ist da? Wer j schleicht hier herum?"
„Um GotteS willen, rufe nicht so laut, sondern rette mich!" flüsterte eine Stimme aus dem Gebüsch vor dem Fenster.
Ihr war, als sollte ihr das Herz still stehen. Nur \ zu wohl hatte sie die Stimme erkannt: es war ihr i Vater — ihr Vater, der selbst hier ihren stillen ; Frieden zu stören kam! Seine unheilvolle Nähe mußte j neue Schande bedeuten! Beinahe hätte sie im ersten ; Antrieb und unter dem Einfluß des Schreckens das ; Fenster zugeworfen. Einen Augenblick blieb sie stumm;