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Donnerstag, den 19. Dezember 1895.
22. Jahrgang
FuldaerMZcituiiis
mit Urrterhaltrrngs-KeUage „Sterne und Hlumen".
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X „Wissensdurst des Proletariats." i.
„Eine der auffallendsten Erscheinungen der heutigen Gesellschaft", sagt Kautsky in seinen Erläuterungen zum Erfurter Programm, „ist der Wissensdurst deS Proletariats. Während alle anderen Klassen ihre Mußezeit so geistlos als möglich todtzuschlagen suchen, strebt daS Proletariat mit einer wahren Gier nach Bildung. Nur wer Gelegenheit gehabt hat, unter Proletariern zu wirken, kann die Kraft dieses Dranges nach Wissen und Aufklärung völlig ermessen. Aber ahnen kann sie auch der Fernstehende, wenn er Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren der Arbeiter mit der Literatur vergleicht, welchem anderen Gesellschaftsklassen beliebt ist." Daß „alle anderen Klassen ihre Mußezeit so geistlos als möglich todtzuschlagen suchen", ist mindestens eine der Ausdehnung und dem Grade nach übertriebene Behauptung, wie wir deren bei den Sozialdemokraten viele finden. Wir wissen zwar wohl, daß manche „Klassen", die ihrer Bildung und ihrem Berufe nach leicht und erfolgreich wenigstens auf einem Theile des weiten Gebietes der sozialen Frage thätig sein könnten, noch immer den ergreifenden Ernst der wirthschaftlichen und politischen Lage nicht verstehen wollen und die das Studium derselben als eine nicht gerade schädliche, aber im Ganzen überflüssige Beschäftigung ansehen. Allein daS berechtigt dre „zielbewußten Genossm" doch keineswegs, in ihrer hochmüthigen Weife alle anderen Klaffen der „Geistlosigkeit" und deS „ZeittodtschlagenS" zu beschuldigen; vielmehr ist die Zahl der Männer, die mit wissenschaftlichem Ernst und mit christlicher Liebe an der Besferung und Hebung der gegenwärtigen Lage arbeiten, bedeutend größer, als Herr Kautsky vielleicht ahnt und gerne steht.
Was nun die „Wissenschaft" der „Genossen", der „Jungen" wie der „Alten", anlangt, so wollen wir hier die Herren selber urtheilen lassen. Vor uns liegt das Protokoll deS Breslauer Parteitages. Da sagt „Genosse" Schippel S. 106: „Einem Gefühle muß ich Ausdruck geben: dem deS Bedauerns, daß eine Reihe der bewährtesten alten Parteigenossen sich so leicht beeinflussen ließen und staatSsozialistischen und agrarischen Lockungen folgten, weil sie der Sachkunde und Erfahrung der jüngeren Genossen vertrauten." „Genosse" Bebel sagt S. 11: „Er (Schippel) hat eS deutlich genug gesagt, daß wir alle nur Dummköpfe seien; daß es Wunderdoktoren unter uns gibt, welche dem Kleinbauern mit Wundersalben helfen wollen, die für jede Quacksalberei zu haben seien, Leute mit einem Mangel an Gewissen." KautSky sagt S. 124: „Der Ansang der Bebel'jchen Rede hat auf mich einen niederschlagenden Eindruck gemacht, denn ich hatte die Empfindung, daß er von der Mehrheit des Parteitages vorausfitzt, sie verstehe nichts von der Agrar- frage." Wenn aber schon die GeisteS-Fürsten und -Fürstinnen — auch daS weibliche Geschlecht war auf dem, Parteitage vertreten und Frau Klara Zetkin hielt
KeidvoU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(40. Fortsetzung.)
Die Dame — eine solche mußte eS sein — trat ein, und nun erkannte Herr Roß, daß eS Anna von Reudingen war. Bleich, vergrämt, angegriffen sah sie auS.
„Um GotteSwillen, Fräulein Anna!" rief er erschrocken. „Sie? WaS ist denn pafsirt?"
„Der Wandervogel kehrt müde zurück, um bei Ihnen Obdach und Hilfe zu finden," sagte sie mit erstickter Stimme. „Doch nein! Erst müssen Sie doch wissen, mit wem Sie eS eigentlich zu thun haben, ehe Sie mich aufnehmen." Und mit einer fieberhaft heftigen Bewegung stieß sie den alten Mann beinahe von sich.
„Sie zweifeln doch nicht daran, daß ich unter allen Umständen Sie aufnehme, Sie armes Kind?" antwortete er liebreich und erfaßte ihre beiden Hände. „Sie sind offenbar krankhaft erregt. Beruhigen Sie sich vor allem. Hier . . . hier! kommen Sie in dar Stübchen, unser Gaststübchen, Ihnen wohlbekannt von ftüher. Legen Sie gleich ihren Mantel ab; Sie sind ja ganz durchnäßt."
Er öffnete die Thüre und führte Anna hinein.
Oben ertönte überlaut die Stimme der Hoftäthin:
eine geharnischte Philippika gegen die Vorschläge der Agrar-Kommission — der Partei sich mit Ausdrücken, wie Charlatanerie, Quacksalbere», Dummheit, totale Unkenntniß, Mangel an Ueberlegung und Gewissenhaftigkeit u. s. w. öffentlich charakterisiren, wie wird es da mit dem „Ernste der Wissenschaft" bei der breiten Masse der „Genossen", wie gar bei „dem großen Schwanz von Leuten stehen, die zwar mit uns (den Sozialdemo- s traten) sympathisiren, denen aber doch unsere letzten s Forderungen zu weit gehen"?! (Protokoll S. 120.)
Lesen wir doch selbst in der ,Neuen Zeit', der (sozial- demokratischen) „Revue des geistigen und öffentlichen ? Lebens" in einem Artikel über die Benutzung von s Partei-Bibliotheken seitens der Genossen: „Wir können * zu bemerken nickt unterlassen, daß gerade die wissen- schaftlicken Werke weniger gelesen werden und daß daS Interesse an Romanen und Novellen überwiegt." Jahrg. 95, S. 815.
Es liegt selbstverständlich keineswegs in unserer Absickt, die Sozialdemokraten ob dieser „Wissenschaftlichkeit" zu verunglimpfen oder gar zu ver- urtheilen; wir wissen sehr wohl, daß „die Proletarier ohne Anleitung zu systematischem Studium allen Zufällen und Hindernissen einer planlosen Selbstaus- bildung überlassen sind." Was wir verurtheilen, ist | vielmehr die „an Größenwahn grenzende Anmaßung", alles für „wiffenfchaftlich" auSzugebcn, was „sozialdemokratisch" ist; alles für „maßlos oberflächlich und platt, für ungeheuer leichtsinnig und dürftig" zu erklären, waS nicht „sozialdemokratisch" ist. In der That, nicht auf dem Felde der wahren Wissenschaft ist der Sozialismus unser größter Feind — da zeigt er sich bloS als lendenlahmer Nachtreter des greisen Materialismus —: das Gebiet, auf dem er uns als gefährlicher, waffengewandter und kampfgeübter Gegner angreift, ist die Agitation und Politik. Staunenswerth ist die Thätigkeit und — leider auch der Erfolg des Sozialismus auf diesem Gebiete. Wir wollen nur flüchtig an die 1800000 sozialdemokratischen Stimmen erinnern, die bei der letzten Reichstagswahl abgegeben wurden, und nur im Vorbeigehen auf die unzähligen Versammlungen Hinweisen, die Sonntag für Sonntag, oft sogar mehrmals in der Woche abgehalten werden. Hauptsächlich möchten wir hier die schriftliche Agitation seitens der sozialdemokratischen Partei hervorheben. Der Vertrieb an Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren ist enorm. Nach dem soeben veröffentlichten Protokoll über die Verhandlungen deS Parteitages in Breslau vom 6. bis 12. Oktober d. I. besitzt die sozialdemokratische Partei in Deutschland jetzt 76 p o litische Blätter, darunter 39, die wöchentlich sechsmal, 20, die wöchentlich dreimal erscheinen; ferner 53 Ge- werkschastSblätter, wovon 27 wöchentlich einmal, 18 alle zwei Wochen einmal erscheinen. Der 'Vorwärts' allein weist im letzten Jahre einen Ueberschuß von 55 536,45 Mark und zwar 8031,96 Mark mehr auf als im Vorjahre, „ein greifbarer Beweis der
„Jofeph! Joseph! Um Himmels willen, was ist geschehen? Du bleibst ja ewig lange! Gib ihnen nur, waS sie wollen; sie sollen Dich nur fteilassen!"
„Aengstige Dich nicht, Fanny!" rief er hinauf. „ES steht Dir im Gegentheil etwas ErfteulicheS bevor. Ich komme fogleich."
Als er zu Anna in das Zimmer trat, stand sie da, schaudernd vor Kälte. Ihre Augen brannten, sie war bis ins Tiefinnerste erschüttert, die gleichmäßige schöne Ruhe ihres Wesens war verschwunden. Mit zitternden Fingern suchte sie eifrig in ihrer Tasche nach einem Gegenstände und zog endlich ein zerknittertes ZeitungS- blatt hervor, das sie dem Hoftath entgegenhielt.
„Hier! Nehmen Sie, lesen Sie!" sagte sie mit herzzerreißendem Ausdruck. „Ehe Sie mich hier behalten, müssen Sie doch lesen, was ich seither geworden bin."
Die Zeitung erschien in der großen Stadt, in deren Nähe EberSburg gelegen war. Unter den Vermischten Nachrichten befand sich eine Notiz über den auf Schloß EberSburg verübten Diebstahl, und es wurde beigefügt, daß die plötzliche Abreise der Erzieherin mit dem Ver- schwinden der Perlen in Zusammenhang gebracht würde. Anna heftete die Augen fest auf den Hoftath, während er laS. Wohl zuckte der alte Herr zusammen, als ihm die grausamen Worte inS Auge sielen; aber
Wechselwirkung der Zunahme deS politischen und wirthschaftlichen Einflusses unserer Parteientwicklung."
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Dezember.
I * Der Kaiser und die Kaiserin fuhren geftern ; Abend um 61/. Uhr mittels Sonderzuges von Wild- | park nach Berlin und wohnten hier der Vorstellung - im Königl. Schauspielhause bei. — Heute Vormittag ; empfing der Kaiser den Chef des Geheimen Civil- ; KabinetS Dr. v. Lucanus zum Vortrage. Nach der « heutigen Abendtafel werden beide Majestäten im Neuen ; Palais einem Vortrage der Mrs. Scott-Siddons beiwohnen.
* Allerhand Gerüchte schwirren wieder in der Oiffentlichkert herum, und die Blätter machen sich zum ; Echo derselben. Heute geht z. B. durch die Blätter j folgende Mrtlheilung: „Obwohl der Minister ‘ v. Bötticher in der Montags-Sitzung des Reichstages bei dec Berathung deS Handwerkerkammer-GesetzeS ausdrücklich erklärt hat, daß zwischen ihm und dem Handelsminifter v. Berlepsch Differenzen nicht be- i stehen, wollen die Gerüchte von dem nahen Rücktritt < des Herrn v. Bötticher nicht verstummen. Nach einer unkontrolirbaren Meldung heißt eS sogar, daß der Abg. Gamp, der sich am Montag in auffällig scharfer , Form gegen den RegrerungSentwurf wandte, dies nach ; einer vorherigen Unterredung mit Herrn v. Berlepsch, also wohl im Einverständniß mit dem letzteren, gethan ; habe. In der Umgebung deS Ministers v. Bötticher ; wird nun zwar versichert, daß dort von RücktrittS- gedanken desselben nichts bekannt sei, doch wird man sich bei der Unsicherheit der politischen Lage auf Ueber- i raschungen immerhin gefaßt machen müssen." Die ■ ,Germ.', der wir diese Mittheilung entnehmen, bemerk I dazu: Man sieht, daS sind lauter „unkonttolirbare" Redensarten. An den Besuch deS Kaisers bei Bismarck wird daS Gerücht geknüpft von einer Ersetzung deS I Statthalters Grafen Hohenlohe durch den Grafen Walderfee, was doch nichts als eine haltlose Kombination ist. Auch nach der ,Franks. Ztg.' wurde der gestrige Besuch der Kaisers in FriedrichSruh in Parlamentskreisen vielfach kommentirt. Man vermachet Ber- i änderungen im Ministerium, zunächst den Rücktritt Bötticher'S, ohne daß bis jetzt ein bestimmter that- sächlicher Anhalt für dieses Gerücht vorliegt. Nach der .Freisinnigen Zeitung' flüsterten die Konservattven in der gestrigen Reichstagssitzung „mit hochgetragenen Häuptern" allerlei von bevorstehenden Ueber- raschungen. Wir registriren dieser alles lediglich, um eS zu registriren. Ueberraschungen sind beim Zick- zack-KurS allerdings nie ausgeschlossen.
* Zu dem Fall Kotze erfährt ein Korrespondent der Münch. Allg. Ztg.' auS „bester Quelle", daß der Kaiser daS Urtheil des Ehrengerichts des Rathenower Husarenregiments, durch welche- Herr v. Kotze bekanntlich auS dem OfffzierkorpS au-gestoßen worden nur Berttauen sprach auS dem Blicke, den er auf Anna richtete.
„Den Zusammenhang fasse ich freilich nicht!" fagte er. „Eines aber weiß ich: ich vertraue Ihnen, wie einer meiner eigenen Töchter! Wir wollen daS ZeitungS- blatt gleich hier verbrennen, damit kein unberufenes Auge eS steht, und dann thun wir jede Erinnerung an jene Verleumdung von uns. Wenn Sie nach einer guten Nacht ruhiger geworden sind, theilen Sie mir über die Ursachen, die Sie aus EberSburg getrieften, dasjenige mit, was mir zu wissen nothwendig ist. WaS meine Frau betrifft — nun Sie kennen ihre Sigen- thümlichkeiten — so wollen wir ihr vorläufig nur mittheilen, daß kleine Differenzen vorgekommen find. Sie ist keine Zeitungsleserin, und meine Töchter sind eS auch nicht. Hoffentlich findet der Klatsch seinen Weg nicht bis in unsere stille Ecke hier. ... Und nun kommen Sie hinauf, Fräulein Anna!"
Anna war auf'S Tieffte bewegt; daS unerschütterliche Vertrauen, die zarte Rücksichtnahme dieses Mannes überwältigten sie vollständig. Unfähig, ein Wort zu reden, konnte sie nur feine Hand ergreifen und, während heiße Thränen über ihre Wangen riefelten, ihm in die Augen sehen mit einem Blick voll unaussprechlicher | Dankbarkeit.
I „Keine Rührung!" mahnte er und drohte ihr