Weiiaye jnr Mulöser Aeitung.
M 291 Mittwoch, öen -18. Dezember 1886. 22. Jahrgang
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Fuldaer Zeitung SS' ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blättern das weitausgelesen st e Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.
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Fulda, im Dezember 1895.
Redaktion und Verlag der ,Fuldaer Zeitung'.
Keidvoll und freudvoll.
Novelle von L. v. Ncidegg. -
(39. Fortsetzung )
Tiefenbach lächelte stolz und herausfordernd, was feinen Zügen einen Ausdruck von Kraft und Hoheit verlieh. „Ich kann Dir nur sagen/ entgegnete er, „daß ich dies Alles mir felbst vorgestellt, Alles wohl erwogen habe und entschlosfen bin, unbekümmert um das Urtheil der Welt den Weg zu gehen, den ich als den richtigen erkenne. Ich werde Anna suchen, und wenn ich sie gefunden habe, werde ich sie heirathen. Was kümmert mich ihres Vaters Thim? An uns, an Anna und mir ist es, unsere alten Namen so zu tragen, daß über unserer Ehrenhaftigkeit Jedernmnn die Schmach vergesse, welche jener Mann über seinen Namen gebracht hat. Für unsere Thaten stehen vir voll ein, vor Gott und vor der Welt — ich will aber nicht die Thorheit begehen, mich um mein LebenSglück betrügen zu lassen, weil jener alte Mann, für den mich keine Verantwortung trifft, sein Wappenschild befleckt hat. So Gott will, wird es mir gelingen, auch Anna von ihrer krankhaften Ansicht abzubringen und zu der meinen zu bekehren. Hat sie selbst doch mitten in Elend und Entbehrung ihre makellose Ehrenhaftigkeit sich bewahrt! Wahrlich, wenige wird es geben, welche die Feuerprobe des Unglückes so glänzend bestanden haben wie sie."
In stets wachsender Erregung hatte er gesprochen; seine Augen leuchteten, seine Stimme klang siegesbewußt. Plötzlich schien er sich zu besinnen, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sprach: „Doch ich werde deklamatorisch! Entschuldigt mich, meine Lieben und seht darin nur den Beweis, wie festgegründet mein Entschluß ist. Gräfin! Liebe Cousine! Ich lese es in Ihren Augen: was auch Alfred denken möge, Sie geben mir Recht. Nun helfen Sie mir aber auch und sagen Sie mir, wo ich Anna finden kann."
„Freilich gebe ich Ihnen Recht,' Recht gegen alle Welt, Recht sogar gegen Alfred/ sagte die Gräfin gerührt. „Wo Anna sich aufhält, kann ich Ihnen aber nicht sagen. Sie weigerte sich hartnäckig, mir auch nur anzudeuten, wohin sie sich begeben wolle/
„Und Sie haben nicht darauf bestanden, eS zu erfahren, Cousine?"
„Mein Gott, einem festen Willen habe ich mich noch immer unterworfen — in diesem Falle ist eS Anna'S Wille gewesen."
„Können Sie mir denn gar keinen Wink geben, keinen Anhaltspunkt? Können Sie mir nicht sagen, wo sie lebte,' ehe sie sie zu Ihnen tarn?“
„Leider kann ich auch das nicht, Robert. Aengst- lich vermied sie, ihr« Verhältnisse zu berühreit, und da ich wußte, wie traurig diese gewesen waren, achtete ich ihr Schweigen."
„Wann ist sie abgereist?" fragte Tiefenbach ungeduldig weiter. „Sagten Sie nicht vorgestern? Weshalb bekam ich den Brief so spät? Viele kostbare Zeit ging damit verloren!"
„Anna wollte den Brief mit nach bet Bahnstation nehmen, wodurch er Ihnen viel später zukommen mußte. Gewiß lag das mit in ihrem wohldurchdachten Plane, spurlos aus Ihrem Gesichtskreise zu entschwinden. Arme Anna!" Und wieder stahlen sich Helle Thränen aus den Augen der mitleidigen Gräfin.
Im Nachdenken verloren stand Tiefenbach da. Graf Hollerbrunn, der wie geisteSabwefend dagefeffm und in Zeitschriften geblättert hatte, blickte plötzlich auf.-
„Du bist ein Thor, Robert — ein edler Narr vielleicht, aber doch ein Thor. Ich muß jedoch bekenne», daß ich Dich nicht geringer achte um dieser Thorheit willen."
Gleichwohl sah sich Hollerbrunn nicht bemüßigt, den Vetter an den Polizeikommissar zu verweisen, von dem vorauSzusetzen war, daß er Anna'sSpur nicht verloren hatte. Der Gräf war eben ein Weltmann, und weltlich gesprochen blieb diese Heirath eine Art Selbstmord, ein unkluger Streich wenigstens. Er wollte keinen Theil daran haben. Mochte Tiefenbach sich zurechtfinden, wie er konnte; mit der Zeit werde er ihm noch danken für feine Zurückhaltung, dachte er bei sich.
Ein paar Minuten fpäter fuhr Tiefenbach fort und sogleich zum Bahnhof, auf welchem Anna eingestiegen war. Dis Station war ein Kreuzungspunkt, der Verkehr daher ein fehr reger. Nach den verschiedensten Richtungen hatten am vorgestrigen Abend jnnge Damen Billete gelöst; auf keine jedoch wollte das Signalement paffen, das Tiefenbach den Eisenbahnbediensteten gab. Es schien ganz unmöglich, das Dunkel zu erhellen, in welches Anna sich freiwillig gehüllt halte. Entmuthigt kehrte der Graf nach seinem Heim zurück, das ihm nun ganz verödet schien.
15.
Hofrath Roß hatte mit den Seinen zu Abend gegeben, und die ganze Familie saß nun im Wohnzimmer um den runden Tisch versammelt. Eine Hängelampe verbreitete eine freundliche Helle in dem kleinen Gemach, das um so behaglicher erschien, als die Elemente in wildem Aufruhr das Haus umtobten, die reizbaren Nerven der Frau Hoftäthiü bedenklich erschütternd. Der Tag war ausnehmend heiß gewesen; am Nachmittage hatte dann ein Gewitter die ersehnte Abkühlung gebracht. Seitdem aber stürzte der Regen hernieder und schoß wie ein Wasserfall über das Dach des Hanfes. Der Donnerschlag ließ die Hofräthin ihr Strickzeug mit einer trostlosen Geberde in den Schooß sinken, bekreuzigte sich und warf ihrM Manne einen so vorwurfsvollen Blick zu, als habe er die Gefahr, in der sie zu schweben glaubte, über sie herab- beschworett.
Das HauS des Hofraths lag etwas abseits der kleinen Stadt, mitten zwischen Gärten und Weinbergen. So freundlich und gesund eS dadurch war, so brachte diese Abgeschiedenheit für die geschäftige Hausfrau doch manche Unbequemlichkeit mit sich. Außerdem rief sie bei ihr stete Visionen von Räubern und Einbrechern hervor.
Am AnSgange des geräumigen Gartens befand sich ein winziges einstöckiges Häuschen, ehemals eine Gärtner- Wohnung, welches der spekulative Sinn der Hofräthin zu einer 'möblirtm Miethwohnung für Sommergäste hatte Herrichten lasfen. Die Spekulation hatte sich aber als verfehlt erwiesen, und seitdem grollte Frau Roß ihrem Manne noch mehr wegen seiner, wie sie es nannte, wahnwitzig verschrobenen Idee, außerhalb der Stadt sich niederzulassen. Nut zwei Zimmerchen, die Hälfte der kleinen Hanfes, hatten einen Miether gefunden^ eine Wittwe, die bessere Tage gekannt hatte. An dieser, von Melancholie geplagten, schüchternen Frau fand die Hofräthin weder Trost noch Stütze. Im Gegentheil diente die Schwarzseherei der einen dazu, die Aengstlichkeit der andern zu erhöhen.
An stürmischen Tagen ganz besonders pflegte Frau Roß in Aufregung zu qerathen. Sie sah im Geiste ihren Garten durch bie Slemente verwüstet, die Bäume entwurzelt, sich selbst und die Ihrigen von Räubern geknebelt, auSgeraubt, ermordet sogar, ohne daß eine Menschenseele sich ihrer angenommen hätte, da ja das Heülen des Sturmes alle Hilferufe übertäubke. In solche düstere Ahnungen versenk, saß sie auch an jenem Tage da, den Strickstrumpf in der Hand.
Da ertönte'plötzlich laut und schrill die Hausglocke. Die Hofräthin fuhr förmlich in die Höhe.
„Halb elf Uhr beinahe-!" schrie sie auf. „Was kann-das fein? Gewiß Diebe!"
Der Hofrath sah von dem Buch auf, worin erlas, und lachte. „Aber Fanny," beruhigte er sie, „wo denkst Du hin? Ein Dieb wird nicht an der Glocke ziehen und dadurch alles auf sein Kommen aufmerksam machen; der steigt gewiß leise durch irgend ein Fenster ein/
„DaS gerade ist das höchste Raffinement," rief Frau Roß, hochroth vor Angst und Aufregung. „Einer der Diebe läutet an, und während alles dahin horcht, dringt durch eine andere Thüre ober ein Fenster fein Spießgeselle ein."
„Warum nicht gar!" schalt bet Hofrath. „Unser Hunb ist ja auch als scharf bekannt. Er allein genügt, um unS solche Eindringlinge vorn Leibe zu haften. Sein Bellen ist in diefern Augenblick wüthend genug, um jedem Dieb die Lust zu benehmen, den Eintritt zu erzwingen. . . . Therese!" wandte er sich an seine älteste Tochter, „da schellt man zum zweiten Mal. Geh' doch hinunter und mache bie Thüre auf. Es wäre wirklich Sünbe, bei dem Wetter einen Christenmenschen warten zu laffen."
„Therese soll gehen?" kreischte dir Hofräthin ent- setzt. „Ein Mädchen soll sich allein den Spitzbube» entgegenstellen? Ich begreife nicht, wie Du das Vorschlägen kannst, Joseph?"
„Nun, so gehe ich und opfere mich für die Familie," lachte der Hofrath.
Er eilte die Treppe hinunter, an dem Hund vorüber, der laut und zornig im HauSgang bellte, öffnete die HauSthüre und sah sich einer Frauengestalt gegenüber, die einen kleinen Handkoffer trug, und deren nasse Gewänder ihr am Körper klebten. DaS Licht, welches et in der Hand hielt, flackerte vom Sturmwind bewegt, so daß er das Antlitz der Frau nicht zu erkennen vermochte. Der Hund jedoch wurde plötzlich still und sprang wedelnd an der Fremden empor.
„Wer sind Sie, und was wollen Sie?" fragte der Hofrath. „Vor allem aber kommen Sie in das Haus, — eS gießt ja entsetzlich."
(Fortsetzung folgt.) -
Vermischtes.
* Das größte Dorf PreußettS ist nicht mehr Rixdorf, sondern Schöneberg bei Berlin, welches nach der letzten Volkszählung 64 000 Einwohner zählt, gegen 28 271 im Jahre 1890. Dagegen gibt es etwa ein Dutzend „Städte" in Preußen, die unter 1000 Einwohner haben.
* Für eine Redaktion gibt es nichts Unangenehmeres, als während der Arbeitszeit durch unnöthige oder über Be- darf ausgedehnte Besuche belästigt zu werde». DasLeiden ist aber international und grassirt jenseits des Ozeans so gut wie in Europa. Nur darf man in Amerika es wagen, unnöthige Besuche in überaus deutlicher Sprache sich vom Leibe zu halten. So fand sich eines Tages an der Spitze des ,Little Rock Blade' (Arkansas) folgende Warnung: „Wir möchten Samuel Dickinson anrathen, uns nicht zu häufig in unsermSanktüm zu behelligen, sonst könnten seine Schienbeine die Bekanntschaft unserer Stiefelsohlen machen." Der ,Las Begas Minco' in Neu-Mexiko heftete folgenden Denkzettel an seine Thür: „Der Eintritt ist nur nüchternen Leuten gestattet, welche abonniren oder anzeigen wollen. Trunkenbolde und Nichtabonnenten werden hinarügeworfen." An dieselbe energische Manipulation erinnert der mehr gemüthliche Reimspruch des deutschen Granada-Banner, den wir Jedem empfehlen möchten: „Spar' Dir unnütze Wotte, stiehl uns keine Zeit, so bleiben wir ohne Aerger und heil Dein Kleid-!" Der Redakteur des in Trinidad halb in englischer, halb in spanischer Sprache erscheinenden Blattes ,Diario' schrieb an seine Hausthür: „Mensch, bist Du im Zweifel, ob Du hier eintreten darfst oder nicht, so überlasse Dich Deinem Zweifel und gehe weiter!" Die Aufschrift in einem Redakttons-Lokale in Waterloo, Iowa, lautet: „Verbotener Eingang. Wer hineinkommt, wird hinausgeschmiffen." — Allerdings „etwas" grob, aber begreiflich.
* Wie man ein Gewitter beschreibt, das kann männiglich aus folgender „farbenprächtiger" Schilderung im ,Berl. Tagebl.' lernen: „Der Sturm schwieg für kurze Zeit, um dann von Neuem und heftiger loszubrechen, die Wolken flogen aufgeregt am dunkelblauen Nachthimmel, von Zeit zn Zeit einem Sternlein Durchblick gestattend. Erst gegen Mitternacht erreichte-der Paroxismus des Wetters seinen Höhepunkt. Die ausRordosten aufgestiegene Wolkenwand hatte den Himmel völlig bedeckt; kurze, blaue Flächenblitze mit weitem Strahlenwurf erleuchteten die Nacht, und dumpfe, trockene Donnerschläge mischten sich in das Pfeisen und Heulen der Windsbraut und das Knacken und Geigen der Aeste ... Es war ein gewaltiges Farbenspiel: am schwarzen Himmel leuchteten fortwährend die blauen Blitze, sie zitterten durch die von weißen treibenden Flocken erfüllte (sic ’) Luft und brachen sich, in hundert Nuancen spielend, an den Bäumen, Häusern und an den einzelnen aufragenden Vororts- Kirchthürmen. Plötzlich stockte der Elemente Treiben. Das Gewitter holte scheinbar zu einem entscheidenden Schlag aus; und ehe man sich recht besinnen konnte, fiel er schon: ein mächtiger, weithin leuchtender Blitz mit einem scharfen Kern, der wie eine polirte Degenklinge niederfuhrt; ein furchtbarer, greller, erschreckender Schlag mit langem Nachrollen folgte. Der Wind erhob sich zu imposanter Kraft, und zwischen den dicken Flocken knatterten Hagelkörner nieder. Erst gegen drei Uhr legte sich der Orkan, und als der fahle Morgen herausstieg, erblickte man einen lachenden Wintettag, frische, ozonreiche Lust strich über den Schnee, und schon schaute der Himmel zwischen zerhackten, grauen Wolkenfetzen nieder — ---."