M 291 Mittwoch, den 18. Dezember 1895. 22. Jahrgang
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I! Kier§tt eine Keilage
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Dezember
* Der Kaiser ist in der vergangenen Nacht im Neuen Palais wieder eingetroffen. Heute Vormittag hörte er von 9 Uhr ab die Marinevorträge. — Dem ,Berl. Lok.-Anz.' zufolge hat der Kaiser dem Fürsten Bismarck gestern ein prächtiges Marine-Album, nicht einen Orden, geschenkt. — Am vorigen SamStag war der Staats Minister v. Köller und Frau v. Köller nach Potsdam zum Frühstück bei den Majestäten befohlen. Herr v. Köller verabschiedete sich bei dieser Gelegenheit beim Kaiser und der Kaiserin. — Wie der Hofbericht meldet, wird der Kaiser am 18 Januar zur Feier der 25. Wiederkehr deS Tages der Kaiserproklamation eine große Parade auf dem Tempelhofer Felde abhalten. Er hat befohlen, daß sämmtliche Truppentheile des GardekorPS zu diesem Tage mit den grauen Mänteln ausgerüstet sind. Der Kaiser soll geäußert haben, er hoffe an diesem Paradetage auch den Fürsten BiSmarck zum ersten Male im neuen grauen Militärmantel in Berlin zu sehen.
* Die Beisetzung der Leiche deS Kardinals Melchers im Kölner Dome in der Reihe der Kölner Erzbischöfe ist unzweifelhaft der Herzenswunsch deS nunmehr verewigten Kardinals und ftüheren Erzbischofs von Köln gewesen, und um diesem Herzenswünsche Rechnung zu tragen, hat dar Metropolitan-Kapitel in Köln alsbald nach dem Eintreffen der Todesnachricht eine Sitzung abgehalten und beschlossen, die Genehmigung des Kaisers vorausgesetzt, den verstorbenen Kardinal in der bischöflichen Gruft des Kölner Domes beizusetzen. Wie man unS nun aus Köln meldet, hat der Kaiser auf telegraphischem Wege die Beisetzung deS verewigten Kardinals im Kölner Dome genehmigt. Laut der ,Köln. Bztg/ findet die Beisetzung im Dome voraussichtlich schon am SamStag, spätestens aber am Sonntag statt.
* lieber 2000 Petitionen sind nach dem soeben auSgegebenen Verzeichnisse beim Reichstage eingegangen, unter denen eine große Anzahl Sammelpetitionen, also von vielen Petenten gemeinsam unterzeichnet sind. Besonders groß ist die Zahl der Petitionen, welche sich auf das Gesetz über die Errichtung von Handwerkerkammern beziehen, ebenso sind bereits zahlreiche Petitionen zu den Entwürfen, betr. die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes und betr. die Börsenreform eingegangen. Auch zum bürgerliche» Gesetzbuch und zur Novelle zum Genossenschaftsgesetz liegt eine Reihe von Abänderungsvorschlägen aus den verschiedensten Berufskreisen vor. Von allgemeinem Interesse sind sodann noch die zahlreichen, seit einigen Jahren regelmäßig wiederkehrenden Gesuche um Aufhebung des Jmpf- gesetzes, bezw. Beseitigung des Impfzwanges, die Petttionen zur Währungsfrage und solche wegen Abänderung der Bestimmungen über die Sonntagsruhe, die letztere» vornehmlich von Gastwirthen und Tabak- und Cigarrenhändlern ausgehend. Auch die öfter erwähnten Petstionen, welche die Prostitution und die Abänderung deS § 180 des Strafgesetzbuchs (Kuppelei) betreffen, liegen wieder vor. Zu erwähnen sind noch die Petitionen gegen den Hausir- handel und die von vielen landwirthschastlichenVereinen überreichten wegen Einführung einer Zolles auf Wolle und Lumpen. Eine Reihe im Reichsund Staatsdienst beschäftigter Petenten bittet um unbeschränkte Belassung der Militärpension. Ferner überreichte Abg. Dr. Barth eine große Zahl von Petitionen, die durchweg von Damen aus den verschiedensten Theilen Deutschlands unterzeichnet find und um Beseitigung der dem weiblichen Geschlechte dmch die Vereinsgesetze der deutschen Bundesstaaten auferlegten Beschränkungen bitten. Die meisten übrigen Petitionen, von denen allerdings nur wenige — was bei den Petttionen, die dem Landtage zugehen, die Regel bildet — das Privatinteresse Einzelner berühren, sind nicht von allgemeinem Interesse.
i Ein Leipziger Arzt bittet um Prüfung seines Heilverfahrens gegen epidemische Krankheiten, ein Porzellan- ; maler in Hamburg und ei» Schneidermeister in Liegnitz f bitten um Uebersetzung des Schulchan aruch, ein Redakteur in Schweidnitz um Verstaatlichung der ; Reichsbank und ein „Verein der Freundinnen junger \ Mädchen" in Heidelberg erstrebt die Verbesserung der - Lage der Kellnerinnen.
* Gegen den § 9 Abs. 2 des jetzt im Reichstag t zur Verhandlung stehenden Gesetzentwurfes bett, dm - unlautere» Wettbewerb richtet sich eine Petition des Verbandes Deutscher Handlungsgehilfen, | in der ausgeführt wird, daß durch die Möglichkeit, daß der Prinzftial willkürlich „Geschäftsgeheimnisse"
1 bezeichnen kann, die gar keine sind, dem Handlungs- - gehilfen sein späterer Fortkommen unmöglich gemacht wird, wenn auch der Verband Deutscher HandlungS-
1 gehilfen damit einverstanden ist, daß während der An- ■ stellung jede unlautere Nachricht aus dem Geschäft zu \ bestrafen sei, so könne doch nicht verboten werden, daß j der Handelsgehilfe nach dem Verlassen des Geschäfts einmal von den dort erhaltenen Kenntnissen Gebrauch mache. Das sei unmöglich. Es wird um Ablehnnng der Bestimmungen ersucht. Zum Schluß der Petition heißt eS: Seit Jahren ist der Verband Deutscher Handlungsgehilfen bemüht, gesetzgeberische Maßnahmen zu Gunsten der Angestellten im HandelSstande zu ver- anlaffen, seit Jahren bemühen wir uns, ihre soziale Lage zu heben. Wenn wir aber diesen Entwurf betrachten, der die Berwerthung der im Geschäfte erworbenen Kmntnisse, des ganzen Fachwissms des Kaufmannes, unmöglich macht, wmn wir die Spruch- praxis, wie sie sich bei der Konkurrenz-Klausel heraus- gestellt hat, noch heranziehen, die beinahe jedem Gehilfen das Fortkommen abschneidet, wenn wir auf der anderen Seite die Bestimmung des Handesgesetzbuches gegenüberhalten, die die volle ArbeitSttast bei Gehilfen für daS Geschäft fordert und jede sonstige Erwerbs- thätigkeit untersagt, so können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, daß durch den neuen Entwurf die bürgerliche und wirthschastliche Freiheit der Handlungsgehilfen beschnitten und ihre Lebenshaltung herabgedrückt wird.
* Der Generalstab der deutschen Sozialdemokratie wird von dem französischen „Genossen" Abg. Bourdeau, der dem Parteitage in Breslau beiwohnte, in einer Abhandlung über diese» Parteitag in folgender Weise geschildert: „Ihren Generalstab scheint die deutsche Sozialdemokratie aus allen Klassen der Gesellschaft zu rettutiren: aus Universitätskreisen, aus dem kaufmännischen Bürgerthum, der Aristottatte rc. Ich glaube unter den Mitgliedern des Kongresses ziemlich deutlich drei soziale Schichten bemerkt zu haben, die nach ihrer Att zu leben sich stark von einander schieden. Die erste „Schicht" — also wohl die „Attsto- kraten" nach der Art bei Herrn Singer — verkehren in bett besten Restaurants unb Hotels; ich sah Einzelne am Abenb um einen Eiskübel mit Champagner sitzen; einer von ihnen beklagte sich sogar am anberen Morgen über Katzenjammer. Die zweite „Schicht" — also bie „Umverfitätskreise" — haben sich bie „Gewohnheit des Studentenlebens" bewahrt. Die Mehrzahl der Kongreßmitglieder (bie britte „Schicht") bagegen lebte bürgerlicher. Sie begnügte sich mit einem Mittagessen im Wirthihaui, bas 50 Pfennig kostete, unb baS durch einige Schäkereien mit der Kellnerin gewürzt wurde; zum Schluß lauten sie, anstatt zu rauchen, ein wenig Kautabak."
* Friedrichsruh, 17. Dez. Der Kaiser traf gestern Nachmittag 5 Uhr hier ein; der Sonderzug hielt vor dem Schlosse. Fürst BiSmarck, in der Uniform und mit dem Helm seiner Kürassiere bedeckt, empfing in Begleitung des Grafen Rantzau und des Professors Schweninger den Kaiser am Bahngeleise, dankte demselben für die Einkehr in Friedrichsruh und geleitete ihn nach Vorstellung der Gefolges in das Schloß. Nach Beendigung des Diners fetzte der Kaiser um 71/* Uhr die Reise fott. Fürst Bismarck geleitete den Kaiser zum Salonwagen. Vom Waggonfenster aus unterhielt sich der Kaiser noch auf kurze Zeit mit dem Fürsten und der Gräfin Rantzau. Der Fürst, im Kürasfierhelm, sah sehr rüstig aus. Als der Zug sich in Bewegung setzte, salutirte er militärisch. ES dürste wohl kaum zwetfelhast fein, daß der Kaiser den Fürsten i persönlich zu dem Festmahle am 18. Januar im Königs. > Schlosse eingeladen hat.
* Köln, 17. Dez. Für die hier erforderliche Reichstagswahl an Stelle deS verstorbenen Greiß ist vom Centrnm Rechtsanwalt Timborn, von den Nattonalliberalm Rechtsanwalt Leydendecker alS Kandidat ausgestellt worden. Sozialdemottatischer Kandidat ist Redakteur Hofrichter.
Ausland.
* Zürich, 17. Dez. Die Verhaftung der Polizei- Hauptmannes Fischer erregt großes Aufsehen. An Fischer's Bureau wurden Siegel gelegt. Fischer hat eine Person widerrechtlich eingesperrt. Er ist jener Beamte, der am 6. Januar 188'8 in einer vom Bundes- rathe veranlaßten Untersuchung, betreffend die Polizeispione unb Sozialbemokraten in ber Schweiz, in pflichtwidriger Weise den Inhalt der Akten den beutschen Sozialistenführern Bebel und Singer mittheilte, die das Material dann im Reichstage politisch gegen die deutsche Regierung verwertheten. Fürst Bismarck hat sich damals beim Bundesrathe über Fischer beschwett.
* Rom, 17. Dez. Wie der ,Ossrrvatore Romano' erfährt, hat der Papst außer der an den Patriarchen Azattan zur Unterstützung der Armenier gesendtten Summe von 50000 FrcS. noch weitere 20000 FreS. zu Gunsten der anderen christlichen Riten angehörigen Opfer der letzten Ereigniffe bestimmt.
* Madrid, 17. Dez. Aus Havanna wird ge» meldet, der Oberst Attzon mit 500 Mann spanischer Truppen habe bei Malliempo in der Nähe von LaS Cruces 6000 Aufständische unter Gomez zurückgeschlagen. Die Verluste der Aufständischen seien sehr bettächtlich; die Spanier hätten zwei Offiziere und 30 Mann an Tobten, vier Offiziere unb 40 Mann an Berwunbeten verloren.
* Konstantinopel, 17. Dez. Eine neue Jrabe beS Sultans befiehlt bie fchonungSlose Verfolgung unb strengste Bestrafung berjenigen, bie sich schuldig machten der Plünderung, deS Raubes von Hausthieren, des Mordes, der Brandstiftung und anderer Missethaten. Die Truppen sollen Unorbnungen mit Waffengewalt unterdrücken. Diejenigen Personen, welche Waffen tragen, sollen nach dem KttegSrechte abzeurtheilt werden. Hoffentlich wird die Verordnung nicht bloS auf dem Papier stehen, sondern durch strenge Befolgung zur Beruhigung deS türkischen Reiches beitragen.
K. Aus dem Reichstage.
10. Sitzung vom 17. Dezember.
Die heutige Sitzung deS Reichstages war sehr schwach besucht. Zunächst wurde die Denkschrift über die Ausführung der seit dem Jahre 1875 erlassenen Anleihegesetze nach kurzer Be- rathung für erledigt erklärt. Verschiedene Rechnungssachen wurden ohne Debatte der Rechnungs-Kommission überwiesen, und darauf die Berathung der Handwerkerkammern fortgesetzt.
Zum ersten Male sprach heute endlich auch ein Redner für die Vorlage, nämlich der Abg. Pachnicke (srs. Bgg.). Derselbe ist für die Vorlage, weil er ein Gegner der „zünftlerischen" Bestrebungen ist, die er mit den üblichen manchesterlichen Argumenten bekämpfte. DaS ist sehr charakteristisch für die Vorlage! Heiterkeit erregte es, als der Redner auf die Bemerkung: „Sie möchten blos, daß am Bundesrathstische Herr v. Berlepsch sitze" durch den Zwischenruf unterbrochen wurde: „Da sitzt er ja!"
Der folgende Redner, Abg. B ock-Gotha (Soz.) meinte, die Konservativen und das Centrum möchten es ja ehrlich meinen mit dem Handwerk, den Nationalliberalen dagegen habe offenbar nur der Zwiebelsaft des allgemeinen Wahlrechts diefe Thränen abgepreßt. (Heiterkeit.) Im Uebrigen brachte Herr Bock nur die oft gehörten sozialdemokratischen Redewendungen von der Unrettbar t eit des Handwerks vor.
Abg. Frhr. v. Stumm (Reichsp.) bestreitet den Sozialdemokraten das Recht, über den Mangel an Opferwilligkeit bei den Innungen zu klagen, denn gerade die Sozialdemokratie bringe für humanitäre Zwecke gar keine Opfer und besteuere ihre Mitglieder nur für politische Zwecke. Redner schloß sich dem Anträge Hitze auf KommissionSberathung an.
Abg. Metzner (Centrum) sprach gegen die Vorlage, die dem Handwerk keinen Nutzen bringen werde. „Geben Sie", so fuhr der Redner fort, „dem Handwerk seine Organisation wieder — seine Gliederung in Meister, Geselle und Lehrling; geben Sie ihm den absolut nothwendigen Schutz gegen das Pfuscherthum, dadurch, daß nur derjenige ein Handwerk betreiben darf, der es erlernt hat und seine Befähigung nachgewiesen hat; dann wird wieder Zufriedenheit, Glück und frischer Lebensmuth einkehren in die Reihen des jetzt absterbenden Mittelstandes! (Bravo!) Dann werden die mittleren Existenzen sich wieder vermehren, dann wird der Sozialdemokratie der Zuzug abgeschnitten, und Tausende und Abertausende werden sich wieder zu einer ruhigen und friedlichen bürgerlichen Existenz emporarbeiten. Und daS wird auch nach oben hin wohlthätig wirken, dann wird der Zudrang zu den Beamtenstellungen und zur Beamten-Carriere Nachlassen, dann wird das sogenannte „gebildete Proletariat" ver-