Einzelbild herunterladen
 

JK 287 Freitag, dm 13. Dezember 1895 22. Jahrgang

FuldaerMZeituiig

mit Nnterhaltrmgs-Kettage „Sterne und Klumen".

Erscheint tüglich, Sonn- und Feiertage au$Qwoeem«t. — Bierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Briagerlohn und Bestellgeld in Fulda und «mSwärtS 1 Mark SO Pfennig. Inserate tollen die einsp^^e Kaemondzeile oder deren Stoorn 15 Pf., Reklamen die Petitzeüe 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Dezember.

* Der Kaiser hörte heute Vormittag militärische Vorträge und empfing später in feierlicher Audienz und im Beisein des Staatssekretärs deS Auswärtigen, Staatsministers Frhrn. Marschall v. Bieberstein, den neuernannten königlich großbritannischen Botschafter am diesseitigen Hofe Lascelles zur Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens. Unmittelbar darauf wurde der Botschafter auch von der Kaiserin empfangen. Nach der Audienz des königlich großbritannischen Bot­schafters nahm der Kaiser weitere Vorträge entgegen. — Wie alljährlich, wird auch am bevorstehenden Neujahrstage der Kaiser als oberster Bundesfeld- herr durch Vertreter deS deutschen Heeres am Hofe zu Berlin befonders beglückwünscht werden. Als Vertreter der bayerischen Armee bei dieser Gelegenheit werden sich die kommandirenden Generale der beiden bayerischen Armeekorps Ende Dezbr. nach Berlin bepeben.

* Der Buudesrath hat jetzt dem Reichstage die Uebersicht über die Beschlüsse vorgelegt, welche er auf Reichstags - Beschlüsse gefaßt hat. Der Beschluß auf Aufhebung des Jesuitengesetzes wird darin als noch nicht erledigt aufgeführt. Noch immer nicht und warum?! Das Centrum wird wohl dem­nächst dem Bundesrathe Gelegenheit geben, sich darüber zu äußern. — Von den weiteren Befchlüsfen heben wir folgende hervor: Die Resolution, es möge Bestimmung getroffen werden, daß der erfolgreiche Besuch eines Lehrer-Seminars die Berechtigung zum Dienste als Einjährig-Freiwilliger in sich schließt, ist dem Reichskanzler überwiesen. Die Erwägungen sind noch nicht abgeschlossen. — Die Resolution, zu ver­anlassen, daß die mit der Verabreichung warmer Abendkost an die Mannschaften des aktiven Heeres angestellten Versuche fortgesetzt werden und je nach dem Ergebniß dieser Versuche Mittel zur all­gemeinen Einführung dieser Einrichtung in den Etat einzustellen, sobald die Finanzlage deS Reiches eS ge- ftattet, ist ebenfalls dem Reichskanzler überwiesen. Die erforderlichen Geldmittel in den Entwurf zum ReichS- houshalts - Etat pro 1896/97 einzustellen, ist bei der zeitigen Finanzlage des Reiches nicht angängig gewesen. — Eine weitere Resolution lautet: dahin einzuwirken, daß zur Förderung der Sonn- und Feiertags­ruhe im Deutschen Reiche gleichzeitig mit der Abschaf­fung der Güterzüge auf den Eisenbahnen auch die vom Reichstage beschlossene Beschränkung des Packet- b e trieb es beim Reichspostamte zur Ausführung ge­lange. Der Bundesrath hat bie Resolution dem Reichs­kanzler überwiesen. Die von der Eisenbahn-Verwal­tung zur Förderung der Sonntagsruhe durch Beschrän­kung des Güterverkehrs getroffenen Maßnahmen sind wegen der abweichenden Bedingungen des Eisenbahn- Güterverkehrs auf die Packetpost nicht anwendbar. Eine Aenderung des bisher in der Frage der Beschrän­kung des Postpacket-Berkehrs an Sonn- und Festtagen

Kridvoll und freudvoll.

Novelle von L. v. Neid egg.

(35. Fortsetzung.)

13. •

Der nächste Tag war angebrochen. Mit großen Schritten ging Graf Hollerbrunn in seinem Zimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und wechselte einige Worte mit dem Polizei-Kommissar, der in einer Fensterbrüstung vor der Gräfin stand und sich bemühte, dieselbe zu seiner Auffassung der Ver­hältnisse zu bekehren. Sie sowohl wie ihr Gemahl waren sehr aufgeregt, jedoch mit dem Unterschiede, daß, während Betrübniß sich in ihre Erregung mischte, die seine durch Aerger und Ungeduld verursacht war. Zwischen diesen zwei erhitzten Menschen stehend, be­wahrt- der Polizei-Kommissar seine ruhige Sicherheit.

Mit einem Ausdruck unendlicher Ueberlegenheit, mitleidiger Geringschätzung beinahe, sah er auf die Gräfin, als diese unter Tbränen ausrief: „Und doch ist das Mädchen unschuldig! Das lasse ich mir nicht abstreiten. Sie sind so sehr gewöhnt, Schlechtigkeiten aller Art tagtäglich vor Augen zu haben, Herr Kom­missar, daß es Ihnen schwer fällt, bei irgend Jemand Makellosigkeit vorauszusetzen. Die Haussuchung hat

eingenommenen Standpunktes erscheint daher auch nach erneuter Prüfung nicht thunlich. — Die Resolution über die Einführung eines erhöhtes Zolles auf Quebracho und überseeische Gerbstoffe liegt dem Bundesrathe vor.

* Das preutzische Staatsministerin« hielt am Donnerstag Nachmittag eine Sitzung ab.

* Die Gründe des Rücktrittes des Ministers v. Köller bilden noch immer den Gegenstand lebhafter Erörterungen in der Presse. Alle Gründe, welche irgend ein Blatt als die ausschlaggebenden bezeichnet, werden : alsbald von der offiziösen Presse in Abrede gestellt, so daß man schließlich noch wobl annehmen muß, Herr v. Köller sei blos deshalb zurückgetreten, weil er nichts mehr tbun wollte. So schreibt heute der .Reichsanzeiger': „Die ,Saa!e-Zeitung' vom 10. d. M. bringt über eine angebliche Unterredung eines ihrer Korrespondenten mit dem Herrn Staatsminister v. Köller nachstehenden Be­richt: Was die possitiven Gründe des Demissions- Gesuches anlangt, deutete mir Herr v. Köller an, es seien fortgesetzte, aus prinzipiellen politischen Meinungs­verschiedenheiten entstandene Reibungen zwischen ihm und den Herren v. Bötticher und v. Marschall hierfür bestimmend gewesen, die sich schließlich so zugespitzt hätten, daß sich ein „Entweder-Oder" nicht mehr um­gehen ließ. Man habe gewußt, daß er sich nicht schlecht behandeln lasse, und man habe ihn „fortgraulen" wollen. Herr v. Köller fühlte sich in Folge dessen unbehaglich und gedrückt und wurde schließlich durch den fortge­setzten Widerspruch der Herren v. Bötticher und v. Mar­schall so nervös erregt, daß er vielleicht in dem Glauben, er stände zu sicher, sich zu persönlichen Angriffen hin- reißen ließ, die der Reichskanzler sehr übel nahm und die auch jedes weitere Zusammenwirken unmöglich machten. Das hat der Kaiser, der sich nur schwer von Herrn v. Köller trennte, eingesehen. Also einziges Motiv: Unverträglichkeit; Herr v. Köller gebrauchte mir gegenüber das bezeichnende Bild von einem Wagen, an dem zwei Personen vorn (Bötticher und Marschall) und zwei hinten ziehen (er und Schönstedt) und sagte, das könnte doch nicht gehen und werde auch künftighin nicht gehen. Er ist der Ansicht, daß konservaüve Männer überhaupt nicht mit den Herren v. Bötticher und v. Marschall zusammenwirken tonnen. Wir sind ermächtigt, zu erklären: 1. daß die in dem obigen Berichte enthaltenen Angaben über die Ursachen des Rücktritts des Herrn Staatsministers v. Köller ibrem ganzen Inhalt nach unzutreffend sind; 2. daß im Staatsministerium von persönlichen Angriffen, die von Herrn Staatsminister v. Köller ausgegangen sein sollen, nichts bekannt ist; 3. daß die Behauptung, zwischen Herrn v. Köller und den Ministern v. Bötticher und Frhrn. v. Marschall hätten auS politischen Meinungs­verschiedenheiten herrührende Reibungen bestanden, jeder Begründung entbehrt, daß vielmehr 4. in der Beurtheilung der Vorgänge, die den Rücktritt des Herrn v. Köller herbeigeführt haben, unter allen Ministern volle Uebereinstimmuug bestanden hat.

* Einer unserer Berliner Korrespondenten hatte

kein Ergebmß gehabt; daraus schon können Sie ent­nehmen, wie sehr Sie sich getäuscht haben."

„Ich hätte mich sehr gewundert, wäre sie anders als resultatloS verlaufen," versetzte Herr Berg ruhig. „Ein Perlenschmuck ist ein kleines Objekt, daS leicht zur Sette geschafft wird."

„Wozu denn also der ganze Lärm?" fragte die Gräfin unfreundlich.

„Du vergissest zu sehr die Rücksicht auf Andere, Marie, in Deiner blinden Parteinahme für Fräulein GraShoff!" fiel der Graf ärgerlich ein. „Herr Polizei- Komwisfar, wiederholen Sie uns freundlichst, welches Ihre Gründe gegen das Mädchen sind."

„Vorerst, Herr Graf, erlauben Sie mir, eine Frage an die Frau Gräfin zu richten. ... Die Perlen sind doch am Nachmittage in Ihrer Hand ge­wesen, Frau Gräfin, nicht wahr?"

„Gewiß!"

„Wie erklären Frau Gräfin alfo das Verschwinden derselben, nachdem erwiesenermaßen einzig die Gouver­nante Zutritt hatte zu jenem Zimmer?"

„Ich erkläre nichts und will nichts erklären!" antwortete die Gräfin mit echter Frauenlogik. „Ich wünschte sehr, ich bekäme meine Perlen wieder; denn sie sind von seltener Schönheit und liegen mir außer-

berichtet, die Gemahlin des neuen Ministers des Innern, Herrn v. d. Recke, sei Katholikin, die Kinder würden protestantisch Wie das .Wests. Bbl.' nun mit Sicherheit erfahren hat, ist diese Angabe durch­aus ir r t hüm l ich, indem die Gemahlin des Ministers, wie ihre ganze Familie, von Geburt Protestantin ist. Der neue Minister steht, wie seine Gemahlin, auf positiv-gläubigem Boden.W WW

@ Die erste Nummer der „Charitas, Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katho­lischen Deutschland", ist nunmehr erschienen und uns zugleich mit der Programm-Nummer zugegangen. Die Programm-Nummer enthält folgende Artikel: Zur Einführung. — Was will die neue Zeitschrift? — Zur Erläuterung des Programms. — Die erste Nr. der Zeitschrift bringt folgende Artikel: Dre Hochwür­digsten Bischöfe und die „Cgaritas". — Die„Charitas"- Jdee hat Beifall gefunden. — Publikationen der ka­tholischen Charitas in Frankreich und Oesterreich. — Wohlthätigkeits -Statistik (1. Die charitatwen Anstalten und Vereine Münchens. 2. Die WohlthätigkeitScmstalten der Diözese Limburg) — Fürsorge für sittlich ge­fährdete, einer strafbaren Handlung noch nicht fähige Kinder. — Mädchenfchutz (Verzeichniß der Mägdehäuser in Deutschland und im Auslande). — Umschau in der Zeitschriftenwelt. — Kleinere Mittheilungen. Die von den Hochw. Herren Bischöfen so warm empfohlene Zeitschrift erscheint am 1. jeden Monats und kostet jährlich 3 Mark.

* Bekanntlich ist der verantwortliche Redakteur der ,Köln. Volkztg.' vor mehreren Wochen wegen eines Arttkels über die Sonntagsruhe beim Militär und den Gottesdienstbesuch der kasernirten Soldaten zu 50 Mark Geldbuße verurtheilt worden. Der Beweis für die angeführten Spezialfälle konnte nicht vollständig erbracht werden, aber die Beweisaufnahme ergab weitere unerfreuliche Dinge, so daß der Angeklagte am Schluß der Verhandlung sagen konnte: „Die heutige Verhandlung wird — davon bin ich überzeugt — auch an höchster Stelle Aufsehen erregen und jedenfalls dazu beitragen, daß die Sonntagsruhe in der Armee bester gehandhabt wird, als es bisher thatfächlich der Fall gewesen." Diese Erwartung scheint eingetroffen zu fein, denn der Kriegsminister hat, wie ein Berliner Berichterstatter des genannten Blattes aus zuverlässiger Quelle erfährt, nach Ein­sichtnahme der Akten und deS Wortlautes des Urtheils sich entschlossen, von der Veröffentlichung des Erkenntnisses abzusehen. ®ie .Köln. Volkszeitung' fügt hinzu: Dieser Entschluß gereicht uns zur Genug- thuung; wir würden aber noch mehr erfreut fein, wenn die Militär - Verwaltung die „Klarstellung" berartiger, die religiösen Interessen betreffenden Beschwerden fort­an auf anderem als gerichtlichem Wege versuchen wollte — vielleicht kann man freilich mit dem Angeklagten annehmen, der Herr Kriegsminister habe die Klage nur erhoben, um eine gerichtliche Klarstellung herbeizuführen. Man sollte meinen, eS müßte der Militär-Verwaltung selbst erwünscht sein, wenn sie

ordentlich am Herzen. Ich müßte aber wünschen, über ihren Verlust ganz geschwiegen zu haben, wenn da­durch ein schuldloses Geschöpf in'S Unglück kommen soll. Und Anna Grashoff ist unschuldig!" wiederholte sie hartnäckig.

Der Polizei-Kommissar lächelte mitleidig. „Frau Gräfin sind sehr gut, und Herzensgüte wird nicht immer nach Verdienst gelohnt," sagt er. „So wirb es wohl in biesem Falle sein. Wer weiß, ob nicht bas Mäbchen. auf bie ihr bekannte Parteinahme fußenb, ben Plan auf baute? Hören Sie jetzt meinen Jnbicienbeweis. Eingestandenermaßen ist sie am Nach­mittage im Schulzimmer allein; ber Zögling ist ab» wefer.b; sie schickt ihn, als er wieberkommt, nochmals fort. Sie bekommt ben Besuch jenes abgefeimten Taugenichtses, ihres Vaters. Nachbern er sich entfernt, finb auch bie Perlen verschwunden. Wer anders kann sie haben, als jene Zwei?"

„Auch mir wird eS nicht leicht," gestand ber Graf, „bas Mädchen für eine Diebin anzusehen. Den Vater allerdings gebe ich Ihnen preis."

„Es ist ganz unmöglich, nicht Beide anzuklagen, Herr Graf. Gewiß ist der Vater auch schuldig, das Mädchen aber noch viel mehr. Der Mann (st hier fremb, bie Räumlichkeiten stnb ihm gänzlich unbekannt.