M 286
Donnerstag, den 12. Dezember 1895
22. Jahrgang
»IdakrWZtitilng
1
Offiziösen des einen Ministers mit denen des andern sich im Widerspruche befanden. Auch der „Köllerkrise" ging ein offiziöser Preßfeldzug voraus, der seine Spitze vornehmlich gegen den KriegSminister v. Bronsart richtete. Man wies sehr bald mit Fingern auf Herrn v. Köller als Urheber dieser Wühlereien hin. Das wurde zwar abgestritten, aber wenn nicht Herr v. Köller selbst, so doch ein Freund desselben mußte jedenfalls der Urheber der Angriffe auf Herrn v. Bronsart sein, denn Herr v. Bronsart fand eben nur in Hrn. v. Köller seinen Widersacher im Ministerium. Es hat dann doch noch lange genug gedauert, bis Herr v. Köller „flog", und acht volle Tage hat es allem gedauert, bis auf die „Beurlaubung" die formelle Entlassung folgte. Fürst Hohenlohe wollte die „Mißhellrgkeiten, die sich aus Meinungsverschiedenheiten ergaben" und den Rücktritt Köllers herbeiführten, nicht nennen und bestritt die Richtigkeit aller in der Presfe dafür angeführten Gründe. Welcher Art nun aber auch die wirklichen Gründe waren, soviel ist sicher: sie müssen sehr schwerwiegender Natur gewesen sein, da man sich sogar vor der alarmirmden Form einer Beurlaubung gerade beim Zusammentritt des Reichstags nicht scheute. Daun aber entsteht die Frage: Warum hat man solange gewartet und dann noch acht Tage für die Entscheidung gebraucht? War das Ministerium unter sich und mit dem Kaiser völlig einig, so hä.te die Entscheidung doch sofort fallen können. Ader hier haperte es gerade.
Weiß Fürst Hohenlohe ferner mchts mehr von dem überraschenden Vorgehen der drei preußischen Minister v. Köller, Schönstedt und v. Bronsart gegen seine Umsturzvorlage, deren Fall im Reichstage sie herbeigeführt Haven?
Das Ministerium Hohenlohe hat also im ersten Jahre seines Bestehens keineswegs durchweg das Bild einer einheitlichen, geschlosienen Regierung dargeboten. Ob es wohl in Zukunft ander- fein wird?
]-[ lieber die Einigkeit innerhalb der - Regierung A j
mit Untrrhaltungs-Keitage „Sterne und Slumen“
den einzelnen Ministerien und Reichsämtern geführt i werden, bis endlich der Krach gar nicht mehr zu ver- - tuschen ist und zur offenen Krise führt.
Dos ist es aber gerade, was man in Deutschland i und Preußen zu beklagen hat. Man denke nur an • den Krieg zwischen den Caprivi- und den Eulenburg- I Offiziösen, der im vorigen Jahre der Entlassung beider I Staatsmänner voranging. Ist es seitdem viel besser j geworden? Wir müssen das verneinen. Im verflossenen ; Jahre konnte man wiederholt beobachten, daß die ‘
LridvoU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(34. Fortsetzung.)
Starr wie eine Bildsäule hatte sie da gestanden, während diese Gedanken ihr Jnnercs durchtobten. Der Polizei-Kommtssar hatte mittlerweile allerlei Fragen an die Anwesenden gestellt und ihre Antworten entgegengenommen; von alledem hatte Anna nichts gehört. Sie fuhr aus ihrer Betäubung erst empor, als er, vor sie hintretend, zu ihr sagte: „Und Sie, Fräulein, darf ich fragen, wo Sie den gestrigen Nachmittag zugebracht haben?"
Sre fühlte, wie Aller Blicke auf sie gerichtet waren, raffte ihre ganze Energie zufammen und antwortete ruhig: „Nebenan, im Schulzimmer."
„Wußten Sie, daß die Thüre, die aus demselben in das Ankleidezimmer führt, nicht abgeschlossen war?"
Im Geiste sah sie den Baler an der Schwelle jenes Zimmers stehen, md das verrälherische Blut stieg ihr in das Gesicht, als sie erwiderte: „Ich wußte aus Erfahrung, daß diese Thüre niemals abgeschlossen wird; ich achtete aber nicht darauf, ob sie es diesmal war oder nicht."
„Vielleicht ist sie es ja gewesen!" fiel die Gräfin eifrig ein.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Dezember
* Der Kaiser hat in einem Handschreiben an Herrn v. Köller diesen feines „fortgesetzten Wohlwollens" und seiner Anerkennung für treu geleistete Dienste versichert. — Heute Abend gedenken Kaiser und Kaiserin nach der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche zu fahren, um dort dem Konzert des Domchors beizuwohnen, und dann nach dem Neuen Palais zurückzukehren.
* Se. Eminenz Kardinal Melchers ist, wie aus Rom gemeldet wird, an einer Lungenentzündung erkrankt. Der .Köln. Volkszeitung' zufolge ist leider wenig Hoffnung auf Genesung vorhanden. Wie schmerzlich diese Nachricht alle Katholiken Deutschlands berührt, die in dem erkrankten Kardinal, ganz abgesehen von seinen Verdiensten und Tugenden, vor allem den „Märtyrer des Kulturkampfes" verehren, brauchen wir nicht zu sagen. Gewiß steigen viele
„Ich muß Frau Gräfin dringend bitten, meine Fragen nicht unterbrechen zu wollen," erklärte der Polizei-Kommissar sehr entschieden. „Ich habe bei denselben ein bestimmtes Ziel im Auge. . . . Sagten Sie nicht vorhin, Fräulein Marianne," wandte er sich an die Kammerjungfer. „Sie hätten die Thüre, die nach dem Schlafzimmer tührt, offen gelaffen, die Gangthüre hingegen adgefperrt?"
„Das habe ich gesagt; ich könnte es beschwören," versicherte die Kammerjungfer eifrig.
„Wie konnte man nunmehr ins Ankleidezimmer gelangen?" fragte der Kommiffar.
„Einzig durch das Schulzimmer," war die Antwort Mariannens. „ES führt aus dem Ankleidezimmer eine Thüre in das Schlafzimmer, die ließ ich ebenfalls offen. Dagegen sperrte ich den AuSgang aus dem Schlafzimmer in das Ankleidezimmer des Herrn Grafen ab, ebenso die Thüre, die aus dem Schlafzimmer auf den Gang mündet."
Der Kommiffar fah den Grafen fragend an.
„Das ist so," bestätigte dieser. „AIS ich Nachmittags durch mein Ankleidezimmer zu meiner Frau wollte, fand ich jene Thüre geschlossen und mußte sie mir erst öffnen lassen."
„Demnach," wandte sich der Beamte an Anna, „steht es fest, daß nur ein offener Zugang zum An-
Gebete zum Himmel empor um Erhaltung des Lebens dieser Zierde des Episkopats und des Kardinals- Kollegiums. t m „
* Die ordentlichen Kommissionen des Reichstages haben sich wie folgt konstituirt: Für die Geschäfts- Ordnung Vorsitzender Singer, Stellvertreter v. Kehler; Budget v. Kardorff und Graf Hompesch; Petl- tionen Dr. Äruie (nat.-lib.) und Schmidt-Warburg (Cernr.); Wahlprüfungen Spahn und v. Mar- quardsen; Rechnungs-Kommission Dr. Paasche und Dr. Bachem. Die Budget-Kommission besteht annähernd wie im Vorjahre aus folgenden Mitgliedern: v Kardorff (Vorsitzender), Graf Hompesch (Stellvertreter), Prinz v. Arenberg, Bebel, Braun, Dr. Bürklin, Ehni, Dr. Enn-ccerus, Fryr. v. Gült- lingen, Dr. Hammacher, v. Herder, Dr. v. Jazdzewski, Krebs, v. Leipziger, Dr. Lieber, Dr. Lingens, v. Maffow, Meister, Müller (Fulda), Dr. Müller (Sagan), Dr. Paasche, Dr. Pachnicke, v. Podbielski, Richter, Dr. Schädler, Singer, Werner, Will.
* Die Gründung eines Vereins zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie schlägt der ,Hannov. Kour.' vor. Wir müssen, wie er schreibt, „eine Organisation schaffen, eine Gemeinschaft, welche den Kampf gegen die Sozialdemokratie zu ihrer einzigen Aufgabe macht, einen Verein, der die Frage der Sozialdemokratie und die damit in Verbindung stehenden wirthschaftlichen Fragen siudirt, dem Staate, den Genosf.nschaften Vorschläge unterbreitet, die Thätigkeit der Presse beeinflußt und fördert, überall anregt und Rath ertheilt, durch Kommissionen, Agenten, Volksredner den direkten Kampf zur Verbreitung der Aufklärung im sozialdemokratischen Lager führt; ein Verein, der alle Erscheinungen des öffentlichen und privaten Lebens von dem einen Haupt- gesichtspunkte ans prüft und dabei alle sonstigen poli- tischen, religiösen und StandeS-Jnteressen nur soweit in Rechnung zieht, wie diese in der gemeinschaftlichen Sache zu verwerthen sind, ein Verein also, in welchem Konservativer und Demokrat, Aristokrat und Bürgerlicher, Protestant und Katholik, Antisemit und Jude theils gemeinschaftlich, theilS neben einander, theilS trotz einander wirken müssen und können " DaS wäre unserer Meinung nach gerade so, als wollte man mit einem Wagen nach Hannover fahren, andern die Pferde vorn und hinten, links und rechts angespannt sind. Wir würden so niemals nach Hannover kommen, weit eher in einen — Graben. Wir Katholiken haben zur Bekämpfung der Sozialdemokratie unfern segensreich wirkenden Volksverein für daS katholische Deutschland. Mögen die Protestanten etwas Sehnliches zu Stande bringen, wenn sie eS vermögen, dann hätten wir zwei Organisationen, die nebeneinander zu demselben Zwecke wirken könnten. „Getrennt marschiren und vereint schlagen." Dazu sind wir bereit. Ob aber auf p r o t e st a n t i f ch e r Seite dieselbe Bereitschaft vorhanden ist? Wir erinnern dabei nur an die Erklärung des Präsidenten des Evangelischen Bundes, Grafen v. Wintzingerode, daß der Kampf gegen die kleidezimmer blieb und zwar durch daS Schulzimmer, Fräulein?"
Jede Spur von Farbe war aus Anna's Gesicht gewichen, dennoch klang die Stimme fest und sicher, mit der sie erwiderte: „Das steht unumstößlich fest."
„Wie leicht kann nicht bei der Unruhe, die geftern war, ein Vagabund sich in das Schloß geschlichen haben," fiel die Gräfin ein. „Mittels Nachschlüssels kann Jemand ganz gut eingedrungen sein, ohne oaß Fräulein Grashoff und Martha, welche den ganzen Nachmittag bei ihr war, es gehört haben."
„Martha war den größten Theil des Nachmittags nicht bei Fräulein Grashoff," fiel Elisabeth ein. „Das Fräulein hatte sie zu ihren Schwestern geschickt. Ein Vagabund war aber allerdings im Hause, so hat der Bediente Thomas meiner Jungfer erzählt. Bei Fräulein Grashoff war er auf Besuch."
Anna y>ar es, als geriethe der Boden unter ihr ins Schwanken, unwillkürlich griff sie nach einer Stuhllehne, sich zu halten.
„So, so!" versetzte der Kommissar. „Ich bitte nun alle Anwesenden nochmals, sich jeher Bemerkung zu entziehen und sich einzig darauf beschränken zu wollen, die gestellten Fragen zu beantworten.....
Herr Thomas, Sie haben also gestern Nachmittag Jemand bei Fräulein Grashoff eintreten sehen?"
hat sich am Dienstag im Reichstage Fürst Hohenlohe geäußert, wozu et durch die kritischen Bemerk- \ äugen herausgefordert worden war, welche Tags zuvor ' der Abg v. Kardorff in dieser Beziehung hatte fallen lassen. Fürst Hohenlohe glaubte die Behauptung, daß in der Regierung keine Einigkeit herrsche, in das Gebiet der „Legende" verweisen zu können, indem er betonte, daß die Minister nach wie vor an dem Programm festhielten, welches er zu Beginn seiner Amts- thätigkeit im Reichstage vorgezeichnet habe. Nur, dieses „Programm" bestand doch im Wesentlichen mir aus sehr allgemeinen Wendungen, beweist also für die praktifche Politik gar nichts. Denn was kann es nützen, allgemein z.' B. den Kampf für Religion, Sitte und Ordnung zu verkünden und dann hinterher über das Wie dieses Kampfes sich in die Haare zu gerathen? Uebrigens wollten die Offiziösen damals gar nichts davon w ffen, daß Fürst Hohenlohe in seiner einleitenden Rede ein Programm gegeben habe; ja er selbst hat zu Anfang dieser Rede betont, er wolle kein Programm geben, sondern nur einige allgemeine Gesichtspunkte für seine Politik aufstellen. Heute aber nennt Fürst Hohenlohe diese allgemeinen Gesichtspunkte ein Programm, weil er die Ansicht erwecken möchte, daß sich die Regierung im Reiche wie in Prrußen über ein vollständiges Programm und nicht bloß über einige allgemeinen Zielpunkte einig sei.
Fürst Hohenlohe konnte aber selbst nicht leugnen, daß Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Regierung thatsächlich vorkommen. Nur meinte er, daß solche Meinungsverschiedenheiten als eine allgemein menschliche Schwäche ganz unvermeidlich wären. DaS ist richtig, es darf aber bei einer wirklich einheitlichen Regierung nicht gar zu oft vorkommen, wie daS bei uns Üblich geworden ist, und nicht in so grundsätzlich wichtigen Punkten wie z. B. dem über die Bekämpfung der Sozialdemokratie; denn hierüber müßte doch von vornherein gleich bei der Bildung jeder Regierung volle Klarheit und Einigkeit unter den Mitgliedern derselben geschaffen werden. Und wenn dann später doch Meinungsverschiedenh«ten entstehen, die nicht zu überbrücken sind, so muß die Einigkeit durch sofortige Entlassung des oder dcr oppo- . nirenden Minister unverweilt wiederhergestellt, nicht j aber ein Wochen - oder uronatelanger Krieg zwischen !