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Dienstag, deu 10. Dezember 1895
22. Jahrgang
FMttWZeuni
mit Unterhaltrmgs-KeUagr „Sterne und Klumen".
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daß die Einigkeit der Mächte in die Brüche gehen könnte, sobald ernstere Maßnahmen gegen den verstockten Sultan nicht länger zu vermeiden sein werden. Es bleibt ja trotz der bisher gewahrten Einigkeit der Mächte eine unleugbare Thatsache, daß dieselben bei ihrem Vorgehen ganz verschiedene Ziele verfolgen. Die Gegenpole sind England und Rußland. Beide haben die Rollen getauscht. Früher war die Tendenz der russischen Politik dahin gerichtet, die Türkei zu vernichten, und England war eS, das dem entgegen mit allen Mitteln die Erhaltung der Türkei erstrebte, um Rußland von Stambul fernzuhalten. Heute aber hat man sich in England an den Gedanken gewöhnt, daß es gar nichts schaden könne, wenn Rußland Konstantinopel besitze, falls nur England Aegypten behalte; während jetzt Rußland der englischen Flotte gar keinen Angriffspunkt im Kriegsfälle bietet, würde sich Konstantinopel in russischem Besitze sehr gut zu diesem Zwecke eignen, ohne andererseits die Engländer verhindern zu können, über Aegypten die Verbindung mit Indien und Ostasien aufrecht zu erhalten. So denkt man heute in England, wenigstens gewinnt diese Auffassung in den dortigen politischen Kreisen immer mehr Boden, und daraus folgt wieder, daß die Engländer heute ihr Hauptaugenmerk darauf richten, Aegypten dauernd zu ihrem Besitze zu machen. Damit verlieren sie aber ihr Interesse an der Erhaltung der Türkei, ja sie könnten aus der Zertrümmerung derselben, so denken sie heute, sogar nur Gewinn schlagen und an der Beute großen Antheil nehmen. Rußland hingegen ist mit Frankreich einig in dem Bestreben, England nicht auf die Dauer in Aegypten sich festsetzen zu lassen, und muß deshalb die Ansprüche der Türkei auf Aegypten unterstützen; daraus folgt, daß Rußland nunmehr auch die Erhaltung der Türkei selbst wünschen muß, solange es ihm wenigstens nicht gelungen ist, England wieder aus Aegypten zu entfernen.
Auf diesen Interessengegensatz hat offenbar der Sultan seine Hoffnung, die Mächte durch seine Vei- schleppungstaktik mürbe zu machen, gestützt. Aber ließe sich nicht, unbeschadet der Erhaltung der Türkei, wenigstens der gegenwärtige Sultan durch einen willfährigeren Mann ersetzen? Nun, für monarchische Staaten hat dergleichen doch seine Bedenken, wenn auch Fürst Bismarck über dieselben „erhaben" war, und dann ist zu befürchten, daß die Entthronung des Sultans die ganze muhamedanische Welt in Aufruhr versetzen würde, dessen gewaltsame Unterdrückung dann schließlich doch Europa vor die Frage der Auftheilung des Osmanenreiches stellen würde. Daraus ergibt sich, eine wie schwere Probe die Einigkeit der Mächte, und das ist der Friede, in Stambul gegenwärttg zu bestehen hat. Er ist ein Glück, daß Deutschland dabei nicht direkt betheiligt und weder mit Rußland noch mit England gleiche Interessen zu vertreten ge- nöthigt ist. Immerhin wäre eS auch für uns besser,
wenn die Einigkeit der Mächte die gegenwärtige Probe bestehen und mit Gottes Hilfe der Frieden überall erhalten bleiben würde.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Dezember
* Der Kaiser und die Kaiserin wohnten gestern Vormittag dem Gottesdienste in der Friedenskirche zu Potsdam bei. Nachmittags kamen der Kaiser und die Kaiserin von Wildpark nach Berlin. Während die Kaiserin sich vom Potsdamer Bahnhofe nach dem Palais der Kaiserin Friedrich begab, fuhr der Kaiser zum Palais des Reichskanzlers, um mit letzterem zu konferiren. Von dort begab sich der Kaiser ebenfalls zu der Kaiserin Friedrich. Heute Vormittag nahm der Kaiser von 9 Uhr ab den Vorttag des Wirkt. Geheimen Rath Dr. v. Lucanus entgegen und hörte dann die Marine-Vorträge.
* Der Kaiser empfing heute gegen 6 Uhr das Präsidium des Reichstages. Ec unterhielt sich einige Zeit freundlichst mit den Herren Frhr. v. Buol, Schmidt-Elberfeld und Spahn. Er machte den Herren die Mittheilung, daß er am 18. Januar, dem Tage der Kaiserproklamation, ein großes Fest im Schlosse zu geben beabsichtige, zu dem er den gesammten Reichstag und auch diejenigen früheren Abgeordneten und Staatsmänner einladen wird, die im Jahre 1870 thätig gewesen sind. Ihre Zahl ist, wie er bemerkte, leider nicht mehr groß. (Auch der Vorstand des Reichstags hatte beschlossen, am 18. Januar im Reichstagsgebäude ein Festbankett abzuhalten.) Die Ehre, die der Kaiser diesem jetzigen, vielfach verschrieenen Reichstage zu erweisen gedenkt, zeigt, daß er sich über den Streit der Parteien' zu erheben versteht.
* Hefter den schon telegraphisch gemeldeten Wechsel im Ministerium des Juueru veröffentlicht der,Reichs- anzeiger':
Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht, den Staatsminister und Minister des Innern v. Köller feinem Ansuchen gemäß von feinem Amt unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers, sowie unter Verleihung des Rothen Adler-Ordens erster Klasse mit Eichenlaub und der Königlichen Krone zu entbinden und den Regierungspräsidenten Frhrn. von der Recke von der Horst in Düsseldorf zum Staatsminister und Minister der Innern zu ernennen.
Weiterhin berichtet der ,Staatsanzeiger' im nichtamtlichen Theile: „Indem verschiedene Blätter die Demission des Ministers v. Köller auf eine Meinungs- verschiedenheit desselben mit dem Kriegsminister zurückführen, sind wir zu der Erklärung ermächtigt, daß die an sich belanglose Thatsache einer Meinungsverschiedenheit zwischen beiden Herren die Ursache deS Rücktritts der Herrn v. Köller nicht ist. Letztere liegt auf einem anderen Gebiet. — Deshalb ist auch die von einigen Zeitungen verbreitete Nach-
X Die Probe von Stambul.
Aus den letzten Nachrichten aus Konstanttnopel ergibt sich, daß die Lage sich immer schärfer zuspitzt. Der : Sultan sträubt sich hartnäckig gegen die Zulassung der zweiten Stationsschiffe, und die Mächte sind s unter sich, wie eS scheint, noch nicht einig über die ; Maßregeln, welche sie zu ergreifen haften, um den l Widerstand des Sultans zu brechen. Wirft dieses ' Zaudern an sich schon kein günstiges Licht auf die > Einmüthigkeit der Mächte, so ist es durch die Auf- i nähme Said Pascha's in die englische Botschaft erst i recht fraglich geworden, ob die Einigkeit der Mächte auf die Dauer die Probe bestehen wird.
An sich erscheint es ganz gewiß vollkommen glaub- ; hast, daß Said Pascha allen Grund hatte, der Forde- | rung des Sultans, in dessen Palast Wohnung zu neh- - men, durch die Flucht in die englische Botschaft sich zu f entziehen; denn mag die Türkei auch sonst der abend- \ ländischen Kultur noch so viele Zugeständnisse gemacht i haben: vor den Pforten des Sultanspalastes hat sie ! Halt machen müffen, hier geht es noch ebenso asiatisch- : barbarisch zu wie vor Jahrhunderten, und gar mancher f Jungtürke und sonst verdächtige Mann ist einer ähn- | lichen Einladung seitens Abdul Hamid's wie Said i Pascha gefolgt, um dann für immer in den verschwiegenen Hallen von Mdiz-KioSk zu verschwinden; denn auch heute noch gehört der heimliche Mord und die „seidene Schnur" zu den „berechtigtenEigenthümlichkeiten" großherrlicher Politik.
Man darf es daher Said Pascha wohl glauben, daß er durch die Bemühungen des Sultans, ihm in Dildiz- KioSk „Wohnung" zu bereiten, sein Leben bedroht sah. Gleichwohl ist der Argwohn laut geworden, daß Said Pascha nicht sowohl aus eigenem Antriebe, sondern, von den Engländern dazu aufgefordert, als Schutzsuchender in das Hotel der englischen Botschaft gekommen sei. ES ist zwar ganz natürlich, daß Said gerade in der englischen Botschaft Schutz suchte, denn England hat stch ja seit den „armenischen Greueln" überhaupt am eifrigsten der in der Türkei Verfolgten angenommen; aber es besteht nun einmal außerhalb Englands das Mißtrauen, daß dieses absichtlich die Schwierigkeiten in der Türkei und die Beschwerdepunkte gegen den Sultan zu mehren suche, um den Zerfall der Türkei zu beschleunigen. Man hielt eS deshalb nicht für unmöglich, daß England und Said Pascha ein abgekartetes Spiel trieften, um den Sultan noch schwerer vor den Mächten bloßzustellen und zu belasten.
So wenig wir auch der Ehrlichkeit der englischen Entrüstung gegen den „unaussprechlichen Türken" treuen, so halten wir doch diese argwöhnische Auffassung von der Flucht Saids in den Schutz Englands nicht für gerechtfertigt. Da dieses Mißtrauen aber einmal thatsächlich besteht, so kann es bei der Betrachtung der Lage am goldenen Hörne nicht außer Rechnung bleiben. Denn es liegt darin die Gefahr,
Kridooll und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(32. Fortsetzung.)
Die Qual des Mittageffens, unter einem Kreuzfeuer von theils feindseligen, theilS neugierigen Bicken war vorüber. Anna war mit Martha in das Schulzimmer zurückgekehrt. Da erschien ein Diener und brachte ihr einen Brief, der eben für sie gekommen. Augenblicklich erkannte sie die Schrift, und ihr Herz klopfte so gewaltig, daß die Stimme, mit welcher sie dem Hefterbringer dankte, kaum vernehmlich war. Zitternd riß sie den Umschlag auf und (aS folgende Worte:
„Hand in Hand, wie vor acht Jahren, standen wir gestern, Anna; und wenn aus Ihren Worten auch Unversöhnlichkeit sprach — in Ihren treuen Augen lag derselbe Ausdruck, wie in jener Zeit, Ihre liebe Hand ruhte vertrauensvoll in der meinen, wie damals bei unserm Abschiede. WaS ich Ihnen zu sagen hatte, gestern vermochte ich eS nicht auszusprechen, Sie wollten mich nicht hören. In Gegenwart Ihrer Cousine hätte ich auch nicht wohl mein Herz vor Ihnen bloßlegen können. Meine Worte zu lesen, das können, daS dürfen Sie aber nicht verweigern; sie werden — der Blick Ihrer Augen hat mir es gestern vecrathen — den Weg zu Ihrem Herzen finden, und dann ....
dann wird das Leben noch Freude bringen für unS Beide. An dieser Erwartung lassen Sie mich festhalten.
„Als ich damals von Ihnen ging, hatte ich erklärt, vor meinen Vater hintreten und die Einwilligung zu unserer Heirath erbitten, erzwingen zu wollen. Auf harten Widerstand seinerfeits waren wir ja Beide gefaßt. Wir wußten, daß die Freundschaft, die in seiner Jugend zwischen ihm und Ihrem Vater bestanden hatte, längst in Haß umgeschlagen war. Ich erwartete aber, er würde zu edel sein, um die Tochter die Fehler deS Vaters entgelten zu lassen; ich rechnete auf seine Nachgiebigkeit. Ich fühlte müh daher wie niedergeschmettert, als er mir erklärte, nie und unter keiner Bedingung würde er jemals in eine Verbindung mit Ihnen willigen, denn Ihr Vater habe seinen Stand entehrt; mir, dem Unmündigen, verbiete er geradezu, diese Heirath einzugehen ; er erwarte aber von meiner Pietät, ich würde auch später seinem ausgesprochenen Befehle nicht zu- widerhandeln.
„Ich weigerte mich, meiner Liebe zu entsagen; da brauste er auf und erklärte, so rnüffe er zu energischen Mitteln greifen, mich zwingen; bis jetzt habe er aus Schonung für Ihre Mutter sowohl wie für Sie und Ihren Bruder es vermieden, von dmselben Gebrauch zu machen; vom Augenblick aber, wo ich seinem Willen entgegenträte, fiele für ihn jeder Grund zur Rücksichtnahme fort. Und nun kam eS heraus, daS Schreck
liche: Herr v. Neudingen hatte die Unterschrlst meines Vaters, mit dem er feit langen Jahren in Geschäftsverbindung stand, — gefälscht. Vor aller Welt wollte mein Vater ihn brandmarken, ließe ich nicht ab von Ihnen, und gäbe ich nicht mein Ehrenwort, Sie nicht wiederzusehen, nicht mehr mit Ihnen zu verkehren; träte ich hingegen zurück, dann wolle er Sorge trogen, daß die Angelegenheit vertuscht würde. Erlassen Sie mir die Schilderung meiner Gefühle und des Kampfes, der in mir vorging. Genug, mein Vater blieb Sieger. Ich bat ihn flehend , Ihre Mutter zu besuchen und ihr schonend den wahren Grund meines Rücktrittes zu offenbaren; er versprach dies auch. Sein Versprechen hat er nicht gehalten; es war wohl daS erste und daS letzte Mal, daß der alte Edelmann sein gegebenes Wort brach. Doch dies erfuhr ich erst später. Als er von seiner Zusammenkunft mit Ihrem Vater heimkehrte, sagte er mir nur kurz, die Angelegenheit sei geordnet; an mir sei eS nun, mein ihm gegebenes Wort einzulösen. Er befahl mir, mich sogleich auf Reifen zu begeben, damit ich mir die unmöglich gewordene Heirath aus dem Sinne schlage. Ich ging aus Reisen. Die Erinnerung an Sie, Anna, begleitete mich überall hin; je mehr die Zeit verging, desto mehr wuchs in mir der Zweifel daran, ob eS nicht Thorheit, kindische Schwäcke gewesen sei, Ihnen zu entsagen, ob die Schmach und die Schande, vor der ich Sie hatte