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22. Jahrgang

Montag, den 9. Dezember 1895

M 283

„Nein,

sehr "ernstes Mißfallen ausdrücken zu müssen^

flüsterte Antwort.

Die Gräfin war betroffen und blieb einen Augen- Können Sie sagen, daß er jetzt Ihr

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Dezember.

♦ Der Kaiser hat den Oberst und Kommandeur des Leib-Kürassier-Regiments, Grafen v. Moltke, unter Belassung in dieser Stellung zum Flügeladjutanten er­nannt. Es gibt nunmehr drei Flügeladjutanten Namens Moltke, zwei' davon, der Oberst und Kommandeur der Schloßgarde-Kompagnie H. v. Moltke und der Major Graf C. ti. Moltke, sind dienstthuende Flügeladjutanten. — Der Kaiser empfing gestern Vormittag in Hannover

möglich sei. Ohne vorerst auf Einzelheiten einzugehen, wolle er nur folgende Punkte hervorheben. Er halte es in erster Linie für fehr bedenklich, daß nach den „Grundzügen" dem Oberpräsidenten das Recht gegeben werde — allerdings nur unter Zustimmung des Pro- vinzialrathes—,Aenderungen oder Ergänzungen der Statuten gegen den Willen der Ge­meinden vorzunehmen, sowie die Auflösung einer Sparkasse, auch wenn sie von derGemeinde beschlossen sei, zu verbieten. Ferner halte er es für verfehlt, die Höhe desZinSfußes, wie dies die „Grundzüge" Vorschlägen, im Statut fest zu­leg en, da der Zinsfuß doch veränderlich fei und je nach der Lage der Geldmarktes hinauf- oder hinab­gehen müsse. Auch die Festsetzung eines Maxi­mums der Spareinlagen im Statut enthalte eine Beschränkung der Freiheit derjenigen Sparkassen, welche, wie z. B. Fulda, Spareinlagen in unbeschränkter Höhe annehmen. Von einschneidendster Bedeutung sei auch die Vorschrift, daß mindestens 10°/« der Spar­einlagen in Schuldverschreibungen des preußischen Staates oder des deutschen Reiches angelegt sein müßten, daß dagegen die Ausleihungen aufHypotheken50°/o(ausnahms- weise 60 °/o) der Spareinlagen nicht überschreiten dürsten. Ersteres könne für kleinere, sowie erst gegründete Spar­kassen dazu führen, daß sie in Folge des hohen Kurses oder des geringeren Zinsfußes der Staatspapiere mit Verlust arbeiten müßten; letzteres sei eine völlig un- nöthige und schädliche Beschränkung, die bewirken würde, daß in Hesfen-Nassau, wo schon 58»/« der Spareinlagen in Hypotheken angelegt seien, 8 °/° (in Schleswig-Holstein sogar 20°/«) der auf Grundbesitz ausgeliehenen Kapitalien zurückgezogen und entweder in unrentabeln Staats­papieren oder in unsoliden Geschäften angelegt werden müßten. t

Mit allen Kräften müßten sich dann die Spar­kassen gegen folgenden „Grundzug" wehren: „Die Ueberschüsfe der Sparkasfe sollen einschließlich der Ver­waltungskosten 1l2°lo der Spareinlagen nicht überschreiten. Darüber hinaus gehende Ueberschüsse werden den Sparern gutgeschrieben." Wenn diese Be­stimmung in das Gesetz ausgenommen werde, so lohne es sich überhaupt nicht mehr eine Sparkasse zu unter­halten und das Risiko für diefelbe zu übernehmen; keine Gemeinde werde Lust haben, bei einem so ge­ringen Ueberschüsfe sich die Pflege des Sparkassen- wefens angelegen sein zu lassen, und die Folge werde ein Rückgang aller Sparkassen zum Schaden der Sparer und der Gemeinden sein. Im übrigen sei auch der Vortheil, den die Sparer von der„Vertheilung der 1li °/o übersteigenden Ueberschüsse" haben, so ge­ring, daß er in gar keinem Verhältnisse zu den bestimmt eintretenden Nachtheilen stehe. Nach den statistischen Feststellungen betrage der durchschnittliche Ueberschuß der Sparkassen 0,75 "/«. Es würde dem­nach nach Abzug der 11* °/o für die Gemeinde an den einzelnen Sparer am Schluffe des Jahres der lächer­

Bräutigam ist?"

„Nein!" antwortete Anna, und mit ihren ehrlichen

tete die Gräfin in strengem Tone. „Sie schützten gestern Abend Kopfweh vor, dispensirten sich unter diesem Vor- wände von Ihrer Pflicht, Martha zu überwachen; dabei aber fühlten Sie sich wohl genug, um einen Mann auf Ihrem Zimmer zu empfangen, der obendrein das Aussehen eines Vagabunden trug."

„Der Vagabund war mein Vater, Frau Gräfin," gab Anna leise und tiestraurig zur Antwort.

Der Gräfin weiches Herz war augenblicklich be­sänftigt. „O, Sie armes Kind!" rief fie mitleidsvoll. Dann aber besann sie sich, daß sie ihrem Manne hatte geloben müssen, ihres Amtes mit Strenge zu walten, — daß zudem noch eine weitere schwere Anklage auf Anna laste. Mit dem früheren strengen Ausdruck fuhr sie fort: „Man hat Sie aber auch im Parke ange­troffen, Ihre Hand in der des Grafen Tiefenbach. Wie rechtfertigen Sie dies?"

„Vor acht Jahren ist Graf Tiefenbach mein ver­lobter Bräutigam gewesen," lautete die beinahe ge-

Wort nicht gelten! Ihr ganzes Leben sollte ein Lebens- träum nicht ausfüllen; unverdrossen, wie bisher, wollte sie an ihre Pflichten gehen und ruhig der versprochenen Kundgebung Tiefenbach's entgegensehen. Das ihr an­vertraute Kind sollte jedenfalls nicht leiden müsien unter den Zweifeln, die ihr Herz bewegten.

Pünktlich, wie jederzeit, nahm sie die gewohnte Tagesordnung auf. Noch war es still im Hause. Bis auf sie felbst und Martha hatten Alle sich spät zu Bette begeben und ruhten nun aus von den Ver­gnügungen und Anstrengungen der Nacht. Ehe die Gäste, welche in Ebersburg übernachtet hatten, weg­gefahren waren, wurde es Mittag.

Die Esfenszeit war nahezu herangerückt, als Gräfin Hollerbrunn in dar Studierzimmer trat. An und für sich war dies späte Erscheinen der zärtlichen Mutter ein unerhörtes Ereigniß, noch ungewohnter aber war der Ausdruck von Strenge und von Mißmuth, welcher auf ihrem sonst so sonnigen Gesichte lag.

„Geh' zum Papa, Martha!" sagte sie nach der ersten Begrüßung. „Bleibe dort, bis ich Dich hole."

Ich habe ein paar ernste Worte mit Ihnen zu \ blick stumm, sprechen, Fräulein Grashofi," wandte sie sich zu Anna, ’

sobald die Thür sich hinter Martha geschlossen hatte.

liche Betrag von 25 Pfennig auf 100 Mark zur Vertheilung kommen; da nun aber ungefähr der dritte Theil sämmtlicher Spareinlagen nicht über 60 Mark betrage, so würden auf d ese nur bis zu 15 Pfennig pro Jahr entfallen. Die Arbeit der Vertheilung des Ueberschusses sei übrigens so zeitraubend, daß wahrscheinlich ein neuer Beamter angestellt werden müsse und hierdurch ein Theil der Ueberschüsse wieder verloren gehe. Welcher Sparer sei überhaupt bei der Vertheilung zu berücksichtigen, der­jenige, welcher das ganze Jahr eine Spareinlage gehabt oder auch jener, der erst im Dezember eine solche gebracht habe. Praktisch sei eine solche Vertheilung, wenn man dabei auch gerecht verjähren wolle, einfach unmöglich. Er ziehe nun aus alledem den Schluß, daß es den Sparkassen keineswegs angenehm sein könne, ein auf diefen Grundzügen aufgebautes Gesetz zu bekommen, zumal wir uns unter dem jetzigen „gesetzlosen" Zustande, Dank der Einsicht und weisen Fürsorge unserer Herrn Ober- und Regierungspräsi­denten, recht wohl gefühlt hätten.

An der ferneren Debatte betheiligten sich die Herren Bürgermeister Salomon-Schlüchtern, Stadt­rath Dr. Hengsberger-Frankfurt, Sparkassen- rendant Wichmann-Eschwege, Stadtrath Schmitt- Fulda. Sämmtliche Redner erkannten an, daß die „Grundzüge" keineswegs den Verhältnissen unseres Regierungs - Bezirkes entsprächen; dennoch wurde ein Antrag des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Antoni: „Der Sparkassentag spricht sich argen den Erlaß eines Gesetzes auf Grund der vor- gelegten ministeriellen Grundzüge aus" mit 20 gegen 30 Stimmen abgelehnt, weil man zuvor versuchen wolle, ob nicht eine Umgestaltung der „Grundzüge" möglich sei. Zu diesem Zwecke wurde eine Kommission bestehend aus: Herrn Oberbürgermeister Dr. Antoni, Sparkassenrendant Wichmann, Bürgermeister Salomon, Stadtrath Traube-Kassel und Kassenrath Boedicker- Kassel gewählt, welche dem nächsten Sparkassentage Vorschläge unterbreiten sollen. Auf Grund derselben soll dann eine Eingabe an das Ministerium des Innern ausgearbeitet werden.

Der zweite Punkt der Tagesordnung: Bestellung von Verbandsrevisoren mußte leider wegen der vor­gerückten Zeit von der Tagesordnung abgesetzt und der nächsten Hauptversammlung überwiesen werden.

<£ Hauptversammlung des Sparkassen- Verbandes des Reg.-Bezirks Kassel.

Zu der am SamStag den 7. Dezember nach Bebra einberufenen außerordentlichen Hauptversammlung deS Sparkassen-Verbandes des Regierungs- BezirkSKassel hatten sich zahlreiche Vertreter hessi­scher Sparkassen (aus Fulda Herr Oberbürgermeister Dr. Antoni, Stadtraths-Mitglied Rich. Schmitt, Bürgerausschuß.Mitglied Künstler und Sparkassen- Rechnungsführer Wohlgemuth) eingefunden. Der Hauptzweck der Versammlung war die Berathung der vom Ministerium des Innern ausgearbeiteten „Grund­züge zu einem Gesetze über die kommunalen Sparkassen." Der Vorsitzende des Sparkassen-Verbandes, Herr Ober- bürgermeister Dr. Geb eschus - Hanau, hatte das Referat zu diesem Punkte übernommen und berichtete insbesondere über das Resultat einer vor Kurzem auf Einladung des Herrn Oberpräsidenten in Kassel statt­gehabten Besprechung der ministeriellen „Grundzüge", an welcher der Herr Oberpräsident, der Herr Regie­rungs-Präsident, Herr Ministerialrath Dr. Knebel, die Herren Oberbürgermeister Westerburg und Dr. Geb es chus, Sparkassen-Rendant Wichmann-Esch­wege, sowie noch einige andere Herren des Sparkassen- Verbandes theilgenommen hatten. Redner hob hervor, daß er und die übrigen Vertreter von Sparkassen bet dieser Gelegenheit sich bemüht hätten, die „Grundzüge" so zu gestalten, daß das zu erwartende Gesetz unseren Verhältnissen wenigsten- einigermaßen angepaßt sei. Leider sei ihnen dies nur in einigen Punkten gelungen; er glaube auch nicht, daß mehr von der Regierung zu "k^iTber* on das Referat sich anschließenden Debatte erhielt zuerst Herr Oberbürgermeister Dr. Antoni das Wort, um darzulegen, daß die vorliegenden Grundzüge zum Erlaß eines für unsere Verhältnisse passenden Ge- setzes fast durchweg ungeeignet seien. Die Grundzüge stellten nämlich auf der einen Seite zu viel Freiheit, auf der andern eine die freie Entwickelung der Spar- kaffen hemmende Beschränkung in Aussicht. Zu viel Freiheit werde den Sparkassen in der Anlegung der Spargelder gewährt, da sogar Ausleihung auf Wechsel und Schuldschein ohne Bürgschaft gewährt und über- Haupt alle Geschäfte, welche jetzt von Banken besorgt würden, zugelassen seien. Wenn dies in das Gesetz ausgenommen werde, so würde dasselbe besser den Titel führen: „Gesetz über die kommunalen Banken." Eine solche Freiheit sei aber äußerst bedenklich, da die Solidität der Sparkassen darunter leiden könne.

Andererseits sollten aber den Sparkassen, entgegen einem Ausspruche des Herrn Ministers Miquel, der sich für den Erlaß eines die Selbstverwaltung mcht übermäßig befchränkenden, die wirthschaftlichen und sozialen Verhältnisse der einzelnen LandeStheile genügend berücksichtigenden Sparkassengesetzes ausgesprochen habe, so viel Schranken gesetzt und so viel Fesseln angelegt werden, daß eine gedeihliche Entwickelung nicht mehr

FuldattMZeitung

mit UntrchaltungsSeiiage „Sterne ««d Klnmrn".__

Ich bedauere sehr, Ihnen mein Mißfallen, je mein Augen sah sie der Gräfin voll in'S Gesicht. , ernstes Mißfallen ausdrücken zu müssen," antwor- Frau Gräfin. Aber .... — ihr bleiches .Seftcht

zeiduoll und freudvoll.

Novelle von L. v. Neid egg.

(31. Fortsetzung.)

12.

Nach aufregenden Begebenheiten folgt in der Regel Abspannung. Als Anna erwachte, hatte die Seligkeit des vorhergehenden Abends großer Ernüchterung Platz gemacht. Zauberische Bilder waren es gewesen, die während der Nacht in phantastischem Feuerschein ihren Augen vorgegaukelt — unbarmherzig räumte das Sonnenlicht mit ihnen auf. Undankbar erschien es ihr nun, daß in Tiefenbach's Worten wirklich der Sinn gelegen habe, den sie im ersten Freudentaumel ihnen deigelegt hatte. Eine „alte liebe Bekannte" hätte er in ihr gefunden, so hatte er zu Elisabeth gesagt. War eS wahrscheinlich, daß er in ihr noch etwas anderes sah, daß er etwas anderes empfand, als den Wunfch, sich vor ihr zu rechtfertigen wegen der Kälte, die er bei dem Unglück ihrer Familie an den Tag gelegt hatte? War eS überhaupt denkbar, daß der gereiste Mann den Traum wieder aufnehmen wollte, den schon der Jüngling als thöricht erkannt? Die alte Liebe hatte er gewiß längst überwunden; fie war in seinem Leben doch nur eine Episode gewesen.

Stolz richtete fie sich auf. Nein, für sie follte daS