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Samstag, den 7. Dezember 1895

Völker in absehbarer Zeit den erbittertsten Frieden erklären wer- den Sie hören im Geiste die unheilvollen eisernen Würfel tn nichts zerrinnen. Sie halten fest an Ihrem schönen Traum, daß wir einst anstatt eines Kriegsministers einen Friedensmmister haben werden und daß eines Tages die Welt so voll Liebe sein wird, daß kein Schuß zur Erde fallen kann. Das ist schön von Ihnen, gnädigste Frau, aber ach, vielleicht während ich diese Zeilen schreibe, packen schon die Großmächte den Sultan bei seinem goldenen Horn. Ich halte den alten Mars für einen Gefon- aenen, der jeden Augenblick ausbrechen kann, und wenn die Thür des Janustempels einmal offen steht, wo ist dann das Schloß, in das die Thür geworfen wird? Es ist sicher sehr edel und gut, der Welt den Frieden zu wünschen, aber wo ist dieser Friede ? Wir haben ja Frieden, werden Sie sagen. Nun, dann sehen Sie ihn doch gefälligst etwas genauer an. Wie sieht er aus? Er starrt in Waffen. Anstatt als lieblicher Knabe am ruhigen Bach gelagert zu liegen, liegt er vor dem vollen Pulverfaß, dessen Hahn jeden Augenblick von einem Funken geöffnet werden kann. Europa mag sich noch so sehr drehen und wenden, es tanzt doch auf einem Vulkan und dieser Vulkan kann jeden Augenblick Feuer speien, das dann wie ein kalter Wasserstrahl auf ihre Wünsche und Bestrebungen wirken wird. Die Folge ist, daß unser Frieden unaufhaltsam in's Geld läuft, denn er ist ein Parabellum, weil er ein Sivispacem ist. Die Staaten haben in Folge dessen mehr Schulden, als Haare auf den Zähnen, welche sie sich gegen- fettig zeigen. Bewaffnung, Kriegsrüstung heißt französisch: Armement — wer denkt nicht daran, daß das wie der arme Mann klingt? Daraus folgt, daß der Welt nicht nur der Frieden zu erstreben sei, sondern vor Allem ein anderer Frieden, ein billiger Frieden, einer, der dem Kriege nicht ähnlich sieht, wie ein Kuckucksei dem andern. Ein solcher ist zu erstreben. Das vergessen Sie nicht, verehrte Frau Kollegin, wenn Ste meinen lieben Pragern den Segen des Friedens auf's Haupt lesen. Ist ein solcher Frieden erklärt, dann wollen wir zwei freudig unsere Federn in den Schooß legen und unsere Tinte an den Nagel hängen."

Mit gewohnter Pünktlichkeit und in geschmackvoller Ausstattung ist der bekannte Zeitungskatalsg der Annoncenexpedition Saasenstein L Vogler, A.-G., in seiner dreißigsten Auf- läge erschienen. Durch seine vortreffliche redaktionelle und ge­schickte Bearbeitung ist dieser Katalog für leben Interessenten ein unentbehrliches Hilfsmittel geworden. Die Firma Hausen- stein & Vogler, A.-G., hat den reichen Schatz ihrer Erfahrungen, die sie auf dem Gebiete des ZeitungswefenS besitzt, dazu ver- wendet, um in dem Katalog alleS das zu bieten, was für den Geschäfts- und Privatmann, der irgend eine das Zeitungs- und besonders das Jnsertionswesen betreffende Auskunft zu haben wünscht, interessant und Wissenswerth sein kann. Eine m diesem Kataloge zum ersten Male eingesührte Neuerung ist, daß bei jeder politischen Zeitung nunmehr auch deren politische Richtung angegeben ist. Außer dem wichtigsten Theile des Werkes, dem Berzeichniß der politischen, Fach- und illustrirten Zeitungen, der Kurs- und Adreßbücher sowie Kalender des In- und Auslandes mit genauer Angabe der Auflagezahl, Erscheinungszeit, Spalten­breite und JnsertionSpreise enthält der Katalog einen sehr prak­tischen Notizkalender für jeden Tag des Jahres, die Bestimmungen über den Post- und Telegraphenverkehr und über die Reichs- bank und den Geschäftsverkehr mit derselben. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sich der Katalog zu den zahlreichen Freunden, die er schon seit langem hat, durch seine von Jahr zu Jahr erhöhte Brauchbarkeit viele neue Freunde hinzu er- werben wird.

Stimme an ihrer Seite. „Sind Sie hierhergekommen, um den Grafen Tiefenbach aufzufuchen? Ich dachte, Ihnen sei befohlen worden, Martha abzuholen!"

Elisabeth war es, die also gesprochen. Stolz auf­gerichtet stand sie neben ihnen, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, den Ausdruck wahrhaft dämonischen Hasses in den Augen. Das letzte Ausflackern deS purpurnen Lichtes beleuchtete die von bitterm Hohne verzerrten Züge. Es war nur ein kurzer Augenblick: der Feuerschein erlosch — das Zauberschloß versank in Nacht. In Nacht versank auch das zürnende Frauenbild, und aus Anna's Herzen verschwand der freudige Strahl, der es durchglüht.

Beinahe unwillig riß sie ihre Hände aus denen Tiefenbach's. „Sie bringen mich nun noch um meinen Ruf!" klagte sie fchmerzlich.

Tiefenbach hatte sich zu Elisabeth gewandt; m seiner Stimme lag etwas wie Groll und Verachtung, als er zu ihr sagte: „In Fräulein Grashoff habe ich eine liebe Bekannte aus alter Zeit gefunden, Ihre Cousine, die Freiin von Neudingen. War Ihnen das unbekannt, Gräfin? Gute Nacht, Anna!" Wie eine Liebkosung klang der Name, als er ihn aussprach.

Morgen sollen Sie von mir hören. Gute Nacht, Gräfin Elisabeth!" Er verbeugte sich und trat zur

Literarisches.

Britz, Cl., Gedanken und Rathschläge zur Beherzigung für die weibliche Jugend. Mit einem Anhang von Gebeten. 2. Auflage. Mit kirchlicher Approbation. Verlag der Bonifatius-Druckerei in Paderborn. 364 Seiten kl. 8°. Gebd. in Kaliko mit Rotschn. 1,80 Mark; in Leder mit Goldschn. 2 Mk. und 2,40 Mk. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.

Mit Vergnügen nehmen wir Veranlassung, dieses vor­treffliche und inhaltsreiche Büchlein, das eine katholische Lehrerin zur Verfasserin hat und das ein würdiges Seitenstück zu dem klassischen Werke des sel. P. von Doß, „Gedanken und Rathschläge für gebildete Jünglinge" ist, dem weiblichen Geschlechte aufs wärmste zu empfehlen. In einfacher und klarer Sprache werden darin unserer weiblichen Jugend die Mittel und Wege angegeben, um den ihr drohenden Gefahren zu entgehen und dte auf sie einstürmenden Versuchungen siegreich zu bestehen. Das Büchlein, dessen schöner Inhalt mit einem Schatzkästlem voll herrlich strahlender Edelsteine zu vergleichen ist, eignet sich sehr gut zu Weihnachtsgeschenken für kath. junge Mädchen und auch für Lehrerinnen Letztere können aus dem kostbaren und beherzigens- werthen Büchlein besonders viel des Guten für ihr Leben und Wirken lernen.

ihrem Bette nieder und pries Gott, der ihr, die an irdische Freuden nicht mehr geglaubt, so viel Glück - gesendet hatte. Dann schlief sie ein, Dankgebete im;

Herzen.(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Wippchen über den ewigen Frieden. Baronin Bertha von Suttner hielt am Samstag als Gast der „Concordia" in Prag einen Vortrag über und für die Friedensbewegung und las bei dieser Gelegenheit einen Brief Julius Stettenheim's vor, den der bekannte Berliner Humorist in seiner Eigenschaft als Spezial-Kriegsberichterstatter Wippchen an die energische Kämpferin für den Frieden gerichtet hat. „Seit es Menschen gibt, sagt Wippchen, „reichen sie sich die Bruderhand, um gemeinschaftlich festzustellen, wer der Stärkere fei, umarmen sie sich, um sich zu erdrücken und thun sie sich Alles zum Tort an, was ste sich an den Augen ablesen können. Ich möchte den Saum Ihres werthen Kleides umarmen, verehrte Frau, wenn ich bedenke, daß Sie noch immer glauben, es wäre möglich, den ewigen Frieden auch nur ein Jahr dauern zu sehen. Sie hoffen zuversichtlich, daß sich die

LerdvoU mtfr freudvoll.

Novelle von L. v. Neid egg.

(30. Fortsetzung.)

Anna trat hinaus in die wundervolle laue Sommer­nacht. Am Himmel erglänzten mild die Sterne, dunkel .ag darunter die Erde ausgebreitet. Dunkel, aber nicht still: denn bald drang Anna ein wirres Getön von Schritten, von Stimmen, von fröhlichem Gelächter, von Ausrufen der Bewunderung entgegen. Aus allen be­nachbarten Ortschaften hatten die Menschen sich zu- fammengefunden, um das seltene Schauspiel eines Feuer­werks zu genießen; beinahe unmöglich war es, sich in dem dichten Menschenknäuel zurecht zu finden. Die plötzlich ausflammenden, so bald wieder verlöschenden Lichter dienten nur dazu, die Verwirrungen zu ver­mehren. DaS gab ein Suchen, Finden, sich Verlieren, sich plötzlich Erkennen in dem phantastischen Feuer­scheine. Menschenwellen kamen und trennten die zu einander Gehörenden, führten Diejenigen zusammen, die sich gern fern geblieben wären; die Sonnen und aufsteigenden Raketen beleuchteten gar manches verdutzte Gesicht.

Langfam suchte Anna sich ihren Weg durch das Gedränge; auf ihre Fragen nach der Schloßherrfchast bekam sie die widersprechendsten Antwortm. Endlich erfuhr sie, daß sie an einem ihr wohl bekannten Aus­sichtspunkt im Park seien, von wo aus die Beleuchtung des Schlosses sich am schöusten auszunehmen verspreche.

Dorthin zu bewegte sich nun Anna. Als wieder eine Rakete zischend gen Himmel fuhr, glaubte sie aus einiger Entfernung Martha'S Aufjubeln zu hörm, vermeinte sie den Schimmer ihres weißen Kleides zu erspähen. Abermals wurde sie durch nachströmende Menschenmassen, welche die in Aussicht stehende ben- gälische Beleuchtung des Schlosses nach jenem Punkte zog, zur Seite gedrängt. Als sie, um Gebüsche herum­biegend, einen freien Platz erreicht hatte, erhellte plötz­lich rother Feuerschein alles um sie her, aus Hunderten von Kehlm ertönte ein Ausruf der Bewunderung. Sie wandte den Kopf: von rothem Glanze umflosfen, zauberhaft schön anzusehen, lag das stolze Gebäude mit seinen Thürmen und Erkern, den Terrassen und Spingbrunnen vor ihr.

In Anschauen versunken, blieb Anna unbeweglich stehen. Im selben Augenblick fühlte sie sich an beiden Händen erfaßt — sie blickte auf und sah in Robett Tiefenbach's Angesicht. War es das rothe Licht, das einen so verklärenden Schimmer über seine Züge goß? War es der Feuerschein, der das Aufleuchten seiner Augen verursachte?

Leidenschaftlich hielt er ihre Hände umklammert und mit seltsam zitternder Stimme redete er sie an: „Endlich gefunden! Endlich, endlich ! Sie sind Anna von Neudingen! Leugnen Sie es nicht!"

Gern hätte ste auSgerufen: „Ja! ja! ich bin es, und in den langen Jahren habe ich, mir selber kaum bewußt, Ihr Bild stets im Herzen getragen!" Sie hatte aber gelernt, sich zu bezähmen und ihre Empfindungen zurückzudrängen. Nichts von dem, waS sie durchbebte, lag im Klange der ruhigen Stimme, die ihm antwortete. „Und wenn ich es wäre, Herr Graf, in wie fern kann das für Sie von Bedeutung sein?"

„Sind Sie unversöhnlich, Anna?" fragte er schmerz­lich. „Die Anna aus jener Zeit war es nicht. Ist es möglich, daß Sie vergessen haben, was vor acht Jahren wir einander gewesen sind?"

Sie dachte an den schmerzlichen Augenblick zurück, in welchem sie jenen kühlen Scheidegruß gelesen, den er durch seinen Vater ihr gesandt; das alte Weh bebte in ihr wieder auf, und diese Erinnerung stählte ihren Muth.

„Nichts habe ich vergessen, gar nichts, Herr Graf! Eben dekhalb sage ich Ihnen, lassen Sie mich ruhig meinen Weg weiter ziehen ... Sie haben es selbst so gewollt!" Leise, mit einem schmerzlichen Ausdrucke, den sie nicht zu unterdrücken vermochte, brachte sie die letzten Worte hervor.

„Nicht ich, Anna, nicht ich! Hören Sie meine Rechtfertigung! Denn ...

„Fräulein Grashoff!" sagte eine harte, scharfe

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mit UnterI;aitnngs Seiingr „Sterne «nd ginnten». ________________

Heft 3 des „Dentschen Hansschatzes", dessen neue elegante Ausstattung allgemeinen Beifall findet, ist dem hl. Weihnachts- sest gewidmet und zeichnet sich durch einen besonders reichen, und zur angenehmen Ueberraschung der Leser, farbigen Bilder­schmuck ui'*,. Auch der Inhalt ist wieder sehr gediegen. Außer den Fortsetzungen der spannenden Erzählungen „Pradavon Melati" von Java und „Die Jagd auf den Millionen­dieb" bringt das Heft noch die reizende Geschichte „Franzis Weihnacht". Von den belehrenden Artikeln heben wir hervor das geistvoll entworfene Lebensbild „Joseph von GörreS", die gerade jetzt höchst inieress-nite Studie „Die Bulgaren , des Mittelalters" von Otto von Schaching, die fesselnde •«,_ rxt; ■ (=:, r-f. i Plauderei „Die Tanne als Christbaum" von Dr. Dreibuch ihr Ohr. Sie sah x die sehr beachtenswerthen „Winke für den Weihnachts- en, die mit JNMg- Oon §erbert Steiner. Um diese großen Aufsatze

“ gruppirt sich, wie in jedem Heft, eine Fülle kleiner interessanter Mittheilungen.

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Ein paar Sekunden stand Anna wortlos da und fragte sich, ob dies alles nicht ein Traum, ob sie es wirklich sei, in der alle diese längst zur Ruhe ge­sprochenen Empfindungen von Hoffnung und Herzens- freudigkeit zu neuem Leben erwacht seien. Endlich faßte sie sich, die Erinnerung an Martha, an ihre Pflichten kehtte zurück. Leise und scheu fragte sie: „Elisabeth, wo ist Martha?"

„Nebenan, unter den Eichen!" war die tn mür­rischem Ton gegebene Antwort. „Eines noch, ehe Sie das Kind auffuchen: für mich sind Sie Fräulein Grashoff, die Gouvernante, so lange, bis ich authen­tische Beweise habe, daß Sie Diejenige wirklich sind, für welche Sie sich ausgeben."

Die Beleidigung glitt spurlos an Anna vorüber: was war ihr jetzt Elisabeth? Ein Wort von Jener konnte sie nicht verletzen. Ganz andere Worte waren es, die hell und klar in ihr nachklangen.

„Ganz, wie Sie befehlen," antwortete sie sehr ruhig und suchte nun den Weg zu den Eichen, unter denen sie Matthä, auf einer Bank sitzend, wirklich antraf. Das Kind war übermüdet; selbst die Schön- [ heit der aus's neue aufsteigenden Feuersäulen konnte eS nicht länger fesseln. Willig ließ Martha sich von , ihrer Erzieherin fortführen; nach einigen Minuten waren Beide im Schlafzimmer angelangt. Eine kurze Weile noch, und daS Kind hatte sein Abendgebtt ge­sprochen und war sanft eingeschlafen.

Anna war zu erregt, um sogleich die Ruhe auf­zusuchen. Lange stand sie noch am Fenster und starrte hinaus in die Nacht — aber umsonst blitzten die feurigen Lichter vor ihren Augen empor, umsonst tönte aus der Ferne der Klang der Musik, daS Ge- i murmel fröhlicher Stimmen an f‘" r''c“ (-'r

’■ nichts als ein Paar dunkler Augen, - leit auf ihr ruhten, sie vernahm nichts, als die Worte: „Gute Nacht, Anna!" von treuer, lieber Stimme ge- : sprochen, ganz fo wie damals — in ihrer glücklichen ; f Jugendzeit. - ,

> Endlich legte sich unten der Freudentaumel. Em : ; Gefühl erquickender Ruhe kam über sie; sie sank an i