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Freitag, deu 6. Dezember 1895
22. Jahrgang
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mit Untrrhaltungs-HeUage „Sterne un- Klumen".
Erscheint «ialich, Sonn- und Friertage ausgenommen. - Bierteljährlicher A b oun e m ent SP reis ohne Bringerlchu und BestellgeL in Fulda und auSwSr« 1 Mark 30 Mnnig. gnferate kosten die einspaltige «armoui^eSe oder der«, «amn 15 Pf., Reklamen bte Petitzeile 25 Pf., ba Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Der Reichsetat für 1896|97 veranschlagt die Ausgaben um 20,833,393 Mk. höher, als im laufenden Rechnung« <> Jahre, die Einncchmen dagegen nur 3,515,350 Mk. höher; die Matrikular- Beiträge müßten sich danach also um 17,318,043 Mk. erhöhen. Da sich aber auch die Ueberweisungen an die Einzelstaaten um 13,697,000 Mk. steigern werden, so würde die Mehr-Belastung der Einzelstaaten also 3,621,000 Mk. betragen. Die Matrikular ■ Beiträge steigen nämlich auf 413,318,110 Mk. (gegen 396 Mill. Mk. im laufenden Jahre), die Ueberweisungen auf 380,472,000 Mk. (gegen 366,775,000 Mk.). Die ver- bleibende „Spannung" von rund 33 Millionen wird aber vom Reichstage zweifellos sehr vermindert, vielleicht sogar in einen Ueberschuß zu Gunsten der Einzelstaaten verwandelt werden.
An Einzelheiten seien folgende erwähnt: Im Etat des Reichsamtes der Innern sind die Einnahmen auf 5,8 Mill. Mk, rund 1 Million mehr als im laufenden Etat veranschlagt, wovon 376,000 Mk. auf das Patentamt und 567,750 Mk. auf das Kanalamt (Nordostsee-Kanal) entfallen. Die fortdauernden Ausgaben sind auf 33,6 Mill , 3,8 Mill, mehr als im laufenden Etat veranschlagt. Davon entfallen auf den Reichszuschuß zur Jnvaliditäts- und Altersversicherung 18 Millionen (mehr 2,7 Mill.). Die einmaligen Ausgaben sind auf 3,4 Mill. (1,9 Mill, weniger als 1895/96) veranschlagt.
Der Militäretat (über die von Preußen verwalteten Kontingente) weist eine Einnahme von 8,9 Mill, (mehr 5,4 Mill.) für Rechnung der Bundesstaaten mit Ausschluß von Bayern, und eine Einnahme von 1,3 Mill, (mehr 110,000 Mk.) für Rechnung aller Bundesstaaten auf. Die bedeutende Mehreinnahme, welche durch Verkauf einiger Grundstücke in Berlin erzielt wird, reicht auS, den größeren Theil der Mehrausgaben des Militäretats zu decken. Diese betragen nämlich 3 Millionen, thatsächlich schließt also der Militäretat mit einem Mehrbedarf von rund 2* 1 */* Mill. Mk. ab. Von den Mehrausgaben entfallen 1,2 Mill, auf die Geldverpflegung; es sollen u.A. nämlich die Stellen besonderer Divisions-Aerzte, im Ganzen 33, davon 16 im nächsten Jahre, neugeschaffen werden, und eine fernere Erhöhung ist dadurch bedingt, daß außer (wie bisher) 130 Assistenz - Aerzte der Reserve auf 21 Tage, noch 70 Assistenz - Aerzte 1. Klasse auf 28 Tage zu Uebungen eingezogen werden sollen; zugleich wird die Zahl der Unterärzte, welche zu 42tägigen Uebungen eingezogen werden sollen, von 310 auf 500 erhöht. Für Naturalverpflegung sind rund 400,000 Mk. mehr in Ansatz gekommen. Als Bedarf ist berechnet: 1795 Tonnen Weizen zu je 145 60 Mk., 107,745 Tonnen Roggen zu 121.66M., 181,868 To. Hafer zu 122.65 Mk., 89,360 To. Heu zu 58.88 Mk. und 117,857 To. Stroh zu 42.98 Mk. Für Tuchbeschaffung sind 229,341 Mk., für das GarnisonverwaltungS- und ©er»
viSwesen 805,175 Mk., für Ankauf vonRemontepferden 978,149 Mk. (ein Pferd durchschnittlich 830 Mk.), für Erweiterung der Unteroffizier-Schulen 106,673 Mk., für das Artillerie- und Waffenwesen 145,222 Mk. mehr gefordert. — Von den einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats (mehr 3 Mill.) interesfirt besonders ein Posten zur Schaffung einer GeneralstabS- UebersichtSkarte für das deutsche Reich im Maßstabe von 1:200,000, ferner die Vermehrung der Reserven an Verpflegungsmitteln (1. Rate 1,650,000 Mk ), die Verlegung des Bekleidungs-AmteS des 7. Korps von Düsseldorf nach Münster. — Die außerordentlichen (durch Anleihe zu deckenden) Ausgaben belaufen sich auf 103/4 Mill, (weniger 14,4 Mill.) Mk., Neuforderungen sind u. N. 582,000 Mk. zur Ergänzung und Unterbringung der Feldausrüstung für die Eisenbahn- Truppen und 365,000 Mk. zur Aenderung der Kavallerie-Ausrüstung.
Der Marineetat fordert an fortdauernden Ausgaben 55,4 Mill. Mk. (mehr 130,000 Mk.), darunter ein Mehr von 468,000 Mk. in Folge der fortgesetzten Personalvermehrung, und an einmaligen Ausgaben 25 Mill. Sfflt. (mehr 478,000 Mk.). An Neubauten sind darunter gefordert: 1 Million als 1. Rate zum Bau des Panzerschiffes 1. Klasse „Ersatz Friedrich der Große", je 1,750,000 Mk. erste Raten zum Bau der Kreuzer 2. Klasse „M“ und „N“ (Bauzeit 21/» Jahre), 500,000 Mk. 1. Rate zum Bau des Kreuzers 4. Klaffe „G“, 873,000 Mk. 1. Rate zum Bau eines Torpedo- DivisionSbootes, 1,800,000 Mk. l.Rate zur Herstellung von Torpedobooten und 350,000 Mk. zur Beschaffung eines Stationsschiffes für Konstanttnopel (Ankauf einer Privatfahrzeuges). Zur Erneuerung von Maschinen und Kessel des 3. und 4. Schiffes der Sachsenklasse wird eine 1. Rate von 820,000 Mk. gefordert. — Der außerordentliche Etat erfordert 7 Mill. Mk. (mehr 1,2 Mill ), davon 1 Million zum Bau eines großen Trockendocks in Kiel (1. Baurate), eine Forderung, die der Reichstag schon zweimal abgelehnt hat.
Der Justizetat erfordert rund 2 Mill. Mark (weniger 111,000 Mk.), der Etat für den allgemeinen Pensionsfonds 50,6 Mill Mk. (mehr 4,1 Mill Mk), der Etat des Reichs-Jnvaliden- fonds 28,9 Mill. Mk. (mehr 2,5 Mill. Mk.), der Etat der Post- und Telegraphen-Berwaltung an fortdauernden Ausgaben 260,3 Mill. Mk. (mehr 9,2 Mill. Mk.), an einmaligen 8,3 Mill. Mk. (weniger 700,000 MI ), und bringt an Einnahmen 894,3 Mill. Mk. (mehr 13,3 Mill. Mk.), schließt also mit einem Ueberschusse von 25,6 Mill. Mk. (mehr 4,8 Mill. Mk.). Der im vorigen Jahre abgelehnte Direktorposten im Reichspostamt ist wieder eingestellt. Ueberhaupt werden eine Menge neuer Stellen gefordert. Der Mindestgehalt der Landbriefträger soll von 650 auf 700 Mk. erhöht werden, war auch noch wenig genug ist. Der ReichS-Eisenbahnetat veranschlagt die Einnahmen auf 65,7 Mill. Mk. (mehr 1,1 Mill.), die
fortdauernden Ausgaben auf 42,2 Mill. Mk., die einmaligen auf 3,5 Mill. Mk. (1. Rate zur Vermehrung der Lokomotiven und Wagen), den wirklichen Ueberschuß also auf 20 Millionen Mk. (weniger 3,2 Mill. Mk.). Die Herabminderung des Überschusses beruht also allein auf der bmbsichtigten Vermehrung der Be- ttiebsmittel, also auf einer produktiven Ausgabe.
Der Kolonialetat ist bereits aus den neulichen Verhandlungen des Kolonialrathes bekannt.
Deutsches Reich.
' Berlin, 5. Dezember.
* Der Kaiser ließ sich heute über den „Fall Köller" Vortrag halten. TagS zuvor hatten die Minister darüber beim Fürsten Hohenlohe eine vertrauliche Besprechung. Am Donnerstag fand eine Sitzung des Staatsministeriums statt. Ein Nachfolger ist bis jetzt nicht ernannt. Die Oberpräsidenten Studt (Münster) und von Willamovitz-Möllendorf (Posen), sowie Herr von Lucanus kommen nicht in Frage. — Heute Mittag ist der Kaiser nach Hannover abgereist.
* Dem Reichstage sind jetzt auch die Gesetzentwürfe gegen den unlauteren Wettbewerb und betreffend die Konsumvereine zugegangen.
* lieber die erste Fraktionsfitznug des Centrums, die am Dienstag Abend stattfand, schreibt ein Mit- arbeitet der .Köln. Bolksztg.': Der Vorsitzende der Fraktion, Abg. Graf Hompesch, wurde auf Vorschlag des Abg. Dr. Lieber unter lebhaftem Dank für seine bisherige Mühewaltung durch Zuruf einstimmig wiedergewählt; ebenso der stellvertretende Vorsitzende, Abg. Domdekan Dr. Reindl. Da letzterer in Folge seiner Obliegenheiten im bayerischen Abgeordnetenhaus in dieser Session häufig gezwungen sein wird, von Berlin abwesend zu sein, so wurde auf Wunsch des Vorsitzenden ein zweiter stellvertretender Vorsitzender gewählt, und zwar in der Person des Abg. Spahn. Sodann wurde ebenfalls der alte Vorstand wiedergewählt, mit der einzigen Ausnahme, daß an Stelle des Abg. Frhrn. v. Buol, der in Folge seiner Wahl zum Präsidenten des Reichstags in der vorigen Session bekanntlich auf Grund der feststehenden parlamentarischen Uebung auS seiner Fraktton und somit auch aus dem Vorstand ausgetreten war, der Abg. Spahn gewählt wurde. Eine Stelle des Vorstandes, welche früher der Abg. Gröber inne gehabt hatte, wurde offen gelassen, damit dieselbe später, nach der voraussichtlichen Wiederwahl des zum Landgerichtsrath ernannten Herrn Gröber, diesem wieder übertragen werden kann. Der Vorstand besieht nunmehr aus folgenden Mitgliedern: Graf Hompesch, Domdekan Reindl, Oberlandesgerichtsrath Spahn, Dr. Lieber, Aichbichler, Prof. Dr. Schädler, Frhr. v. Heereman, Graf Galen, Kammergerichtsrath Dr. Rintelen, Dieben, SttftSrath Horn, Landesrath
Keidvoll und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(29. Fortsetzung.)
Die Gräfin verschwand. Man hörte in ihrem Zimmer ein heftiges Hin- und Hergehen; dann wurde das wichttge Geschäft der Toilette in feierlicher Sttlle besorgt. So verging geraume Zeit, bis auf ein Mal die laute Stimme des Grafen das Schweigen unterbrach.
„Ihr Weiber könnt niemals fertig werden — sitzt ihr erst vor dem Spiegel," schalt er. „In der Entfernung sieht man fchon einige Wagen, und noch ist keine Hausfrau zur Stelle, um die Gäste zu empfangen."
„Ich komme sogleich, Alfred!" besänftigte die Gräsin. In einer Minute bin ich bei Dir."
Des Grafen Stimme verstummte, und wieder hörte man nebenan eilige Schritte. Die Gräfin sprach eifrig mit der Kammerjungfrau. Endlich öffnete sie die Thüre znm Schulzimmer und rief: „O bitte, Fräulein Grashoff, kommen Sie rasch herein."
Anna beeilte sich, dem Ruf zu folgen; neugierig lief ihr Martha hinterher.
Sehr erhitzt trat die Gräfin ihnen entgegen. „Liebes Fräulein," sagte sie zu Anna, „wenn Ihr Kopfweh nicht gar zu arg ist, möchte ich Sie wohl
bitten, mir im Suchen behilflich zu sein; ich bin so | ungeschickt und finde meine Perlen nicht. Ich war
I gerade beschäftigt, meinen Schmuck herauszulegen, als die Frau Baronin mich rufen ließ; da muß ich,
in gewohnter Zerstreutheit, meine Perlen verlegt haben."
3 ' „Da steht ja ein Etui, das wie dasjenige eines
i. Perlenhalsbandes aussieht," meinte Anna.
\ „Ach ja! Das Etui ist da — die Perlen aber fehlen. Ich hielt sie in der Hand, als Ida nach mir schickte. Wohin ich sie gebracht habe, weiß ich absolut nicht. Sucht, sucht sorgfältig! Die Perlen sind meines Mannes Hochzeitsgeschenk."
Mit großem Eifer gingen Alle an das Suchen; jeder Winkel wurde durchstöbert; es fanden sich keine Perlen.
Die Gräfin fing an, ihren Gleichmuth zu verlieren. „Marianne!" wandte sie sich an die Kammerjungfer, und ihre Stimme klang ungeduldig, „hatten Sie die Thüre denn auch abgeschlossen?"
„Natürlich, Frau Gräsin, und den Schlüssel trug ich in der Tasche. Auch das Schlafzimmer hatte ich abgesperrt; nur durch daS Schulzimmer konnte man herein."
„Marie!" rief draußen ungeduldiger denn je der Graf, der auf dem Gange stand.
„Ach, laßt nur jetzt das Suchen," sagte höchst ärgerlich die Gräfin. Sie eilte an das Schränkchen,
in welchem sie ihren Schmuck aufbewahrte, und schloß eS auf. „Ich muß etwas anderes nehmen," fuhr sie fort. „Die Perlen habe ich in der Hand gehabt, die sind jedenfalls hier. Im jetzigen Augenblick sind wir Alle mit einander zu unruhig, das taugt nicht zum Suchen; wir wollen daS Zimmer abschließen und morgen methodisch alle Winkel visitiren... Ich danke Ihnen, liebes Fräulein . . . Gott! wie blaß Sie auSsehen! Gehen Sie, baden Sie sich die Schläfe mit Eau de Cologne . . . Komm Martha! Geh Du mit mir . . . Marianne, wenn Sie gehen, schließen Sie die Gangthüre ab."
Die Kammerjungfer streifte die Erzieherin mit einem Seitenblick.
Die Gräfin eilte davon, Martha an der Hand haltend. Anna kehrte in ihr Zimmer zurück, während Marianne nebenan das Zimmer ht Ordnung brachte. Anna hörte, wie das Mädchen die Thüre, die auf den Gang mündete, abschloß, wie sie an diejenige kam, die in das Hchulzimmer führte, und auch diese abschloß. Die Kammerjungfer drehte dabei den Schlüssel sehr geräuschvoll um.
Anna, die bis dahin arglos an einem Fenster gestanden hatte, den brennenden Kopf an die kühlen Scheiben gedrückt, fuhr bei dem Tone förmlich in die Höhe — durch Mark und Bein war er ihr gegangen.
„Heiliger (Sott!" schrie sie auf und schlug sich beide