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Donnerstag, den 5. Dezember 1895
22. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-KeUage „Sterne und Klumen".
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
□ Betrachtungen über die Thronrede.
Die Thronrede zur Eröffnung des Reichstages, deren Wortlaut wir in der vorigen Nummer zur Kenntniß unserer Leser gebracht haben, hebt mit einer Erinnerung an die Begründung des Reiches vor einem Vierteljahrhundert an, um daran für das deutsche Volk und den Reichstag, der selbst eine Errungenschaft jener Kämpfe sei, die Mahnung zu knüpfen, im dankbaren Rückblick auf jene Tage sich des Besitzes der schwer erworbenen nationalen Güter neu bewußt zu werden und darum den Sinn auf das Ganze, das Einende in allem Streit der Meinungen und Interessen gerichtet zu halten. Das ist eine Mahnung, die zu beherzigen besonders die Kartellparteien alle Veranlassung haben, die durch Unterdrückung der Mehrheit des Volkes, so lange sie die Macht hatten, und durch Beschimpfung derselben, als ihre Macht vernichtet war, sowie durch den vergifteten Kampf gegen den katholischen Volkstheil alles gethan haben, um das deutsche Volk nicht zum Bewußtsein seiner nationalen Einheit kommen zu lassen. Erst in der vorigen Session wieder haben sie diese ihre Gesinnung durch den Rückzug aus dem Reichstagspräsidium bekundet. Bis in die jüngsten Tage hinein hat die mittelparleiliche Presse vor dem Auslande die große Mehrheit des deutschen Volkes als reichsfeindlich zu verdächtigen sich bemüht. So lange dieses allem Patriotismus hohnsprechende Treiben nicht aufhört, wird die Mahnung der Thronrede im Winde verwehen.
Die Thronrede erklärt weiter, dem Reichstage liege es ob, gemeinsam mit den verbündeten Regierungen auf dem vor 25 Jahren gelegten Grunde weiterzubauen in der von der Verfafsung vorgezeichneten Richtung: zum Schutze und zur Entwickelung des nattonalen Rechts und zur Pflege der Wohlfahrt des deutschen Volkes. Wir nehmen mit Befriedigung davon Kenntniß, daß die Thronrede sich auf die Verfassung beruft, und werden die Feinde des Reichs tags Wahlrechts, das in der Verfassung festgelegt ist, daran erinnern, wenn sie sich mit ihren ver- fassungswidrigen Plänen hervorwagen.
Von den Vorlagen, welche die Thronrede ankündigt, wird das Bürgerliche Gesetzbuch an erster Stelle genannt. Dann folgen die I u sti z r ef vr m, die Handwerkerkammervorlage, die Börsenreform und als Ergänzung ein Depotgesetz, der Gesetzentwurf gegen den unlauteren Wettbewerb, dar Margarinegefetz, eine Zuckersteuerreform und endlich die Gewerbeordnungsnovelle (Beschränkung des Hausirhandels), die bereits die vorige Session beschäftigt hat. Die Form, in der diese Vorlagen angekündigt werden, ist vorsichtig und geschäftsmäßig trocken. Hervorzuheben ist nur, daß die Handwerkerkammervorlage „als erster Schritt zur Lösung der Organisationsfrage"
bezeichnet und dem Handwerk versichert wird, daß die Regierungen es ,,als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen", das Gedeihen des Handwerks zu fördern. Die Handwerkerkammervorlage ist gerade kein sehr glänzender Beweis dieser Gesinnung.
Nachdem die Thronrede sodann der Einführung der Vorschriften über die Sonntagsruhe in der Industrie mit einigen stark verklausulirten Sätzen gedacht hat, geht sie zu den Reichsfrnanzen über. Natürlich wird da wieder die „sparsame Bemessung der Ausgaben" betont und bemerkt, trotzdem seien die Matri- kularbeittäge „nicht unerheblich höher" eingestellt, als die Ueberweisungen. Doch kann die Tyronrede nicht umhin, zu bekennen, daß der Fehlbetrag durch die Mehrüberschüssedes abgelaufenen Rechnungsjahres mehr als gedeckt wird, und daß auch das laufende Etatsjahr „einen günstigen Abschluß" verspricht. Danach ist es begreiflich, daß der abgethanen „Reichsfinanzreform"nur noch folgender elegischer Seufzer gewidmet wird: „Treten demgemäß die Unzuträglichkeiten, welche für die Finanzwirthschast der einzelnen Bundesstaaten aus ihrer Beziehung zum Reichshaushalt entspringen, gegenwärtig weniger in die Erscheinung, so bleibt es doch eine ernste Aufgabe der Gesetzgebung, dem Reiche und seinen Gliedern auf dem Gebiete ihres Finanzwesens ein höheres Maß gegenseitiger Unabhängigkeit zu sichern." Das ist offenbar das Wenigste, was von einer Grabrede für die famose Finanzreform anstandshalber erwartet werden konnte.
Den Schluß der Thronrede bildet, wie immer, der Hinweis auf die auswärtige Lage und auf die „guten freundlichen Beziehungen des Reiches zu allen auswärtigen Mächten." Doch ist dieser Schluß diesmal insofern erheblich reichlicher ausgefallen, als auf die gemeinsame Aktion mit Rußland und Frankreich in Ost asien hingewiesen und ziemlich ausführlich der türkischen Wirren gedacht wird. In ersterer Beziehung wird konstatirt, daß die Aktion „Dank der verständnißvollen Mäßigung der japanischen Regierung" von Erfolg gewesen sei und mit dazu bei- ttagen werde, „Deutschlands Gewerbefleiß und Handel ein Feld friedlichen Schaffens zu erhalten und zu erweitern." Bon den türkischen Wirren heißt es, „daß die Regierung „den beklagenswerthen Vorgängen" und der dadurch geschaffenen Lage ihre ernste Aufmerksamkeit zuwende; getreu seinen Bündnissen und den bewährten Grundsätzen deutscher Politik sei das Reich allezeit bereit, mit den durch ihre Interessen in erster Reihe berufenen Mächten zusammenzuwirken, um der Sache des Friedens zn dienen. Die Einmüthigkeit des Entschlusses der Mächte, die bestehenden Verträge zu achten und die Regierung des Sultans bei Herstellung geordneter Zustände zu unterstützen, begründe die Hoffnung, daß den vereinten Anstrengungen der Erfolg nicht fehlen werde." Wenn nur die Mächte auch dann einig bleiben,
KeidvoU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neid egg.
(28. Fortsetzung.)
Wie erschrak sie aber, als sie die Thüre zum Ankleidezimmer offen und dm Vater in demselbm stehen sah.
„O Vater!" rief sie vorwurfsvoll. „Wenn man Dich dort gefunden hätte! Was hast Du dort gesucht?"
„Soll ich mich denn hier nicht ein Mal umsehen dürfen?" gab er ttotzig zur Antwort. „Habe selbst ein Schloß beseffen, beinahe so schön wie dieses. Da sollte es mir doch vergönnt sein, dasjmige eines Andern zu beschauen! Oder gönnen diese Reichen hier Unsereins nicht ein Mal Luft und Licht? Deine Gräfin hat es aber gut, daS muß ich sagen. Es müssm steinreiche Lente sein, diese HollerbrunnS. Könnten Dich wohl besser bezahlen! . . . Auf ein paar Hundert oder Tausend mehr kommt es bei denen nicht an . . . Ich armer Teufel muß aber weiter gehen; für Unfer- einS gibt es kein Ausruhen," sagte er mit widrigem Lochen. Als er in daS erstaunte Gesicht der Tochter sah, die, von diesem plötzlichen Entschluß überrascht, ihn anstarrte, setzte er höhnisch hinzu: „Oder glaubst Du etwa, Dein Graf würde mich zum Bleiben auffordern?"
Traurig schaute sie zu ihm auf und fand kein Wort
der Entgegnung ; dieser Spott über den eigenen Unwerth verletzte sie tief.
„Hier, den Inhalt des Päckchens wollen wir für heute theilen," fuhr ihr Vater fort. „Den Rest hole ich ein anderes Mal. Adieu, Anna." Er nahm einige Banknoten aus dem Umschläge, reichte ihr das Uebrige hin — dann eine flüchttge Berührung ihrer Hand — und er war verschwunden.
Sie wollte ihn begleiten — er wehrte ihr: „Ich finde meinen Weg allein!"
Verstört, beängstigt stand sie da und horchte auf des Vaters verhallende Schritte. Sein Gehen befreite sie wohl von einer drückenden Last, fein Besuch hatte aber die Vorahnung irgend eines Unglücks in ihr zurückgelassen. So ost er bei seiner Familie erschimen, immer und immer hatte es Schmach, Sorge und De- rnüthigung bedeutet. Was war es wohl, das dieses Mal ihr bevorstand? Der Mutter hatte sie gelobt, dem Vater niemals lieblos zu begegnen. Hatte sie ihr Wort gehalten? Ihre Baarschaft hatte sie wohl mit ihm getheilt, ihm das Almosen gegeben, daS man keinem Bettler versagt, dabei hatte sie den Ekel, dm er ihr einflößte, den Schrecken, den sein Besuch ihr verursachte, ihn nur zu deutlich empfindm laffen. Ach, sie fühlte es, sie konnte nicht vergeben, daß er die Scheidewand gebildet hatte zwischen ihr und ihrer Liebe.
Ihre Gedankm flogen zu Robert. Dem Bilde des
wenn es nöthig werden sollte, die Zulassung der zweiten Stationsschiffe vor Konstanttnopel zu erzwingen! Besteht die Einigkeit der Mächte auch diese harte Probe, so kann man den Frieden allerdings als sehr fest betrachten. Möchten die Regierenden ihre Verantwortung vor Gott nicht vergessen, dann wird ihrem Werke auch der Segen Gottes nicht fehlen, der allein den Erfolg verbürgt.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Dezember.
* Der Kaiser ist heute früh mittels Sonderzuges im Neuen Palais wieder eingetroffen. Daselbst nahm der Kaiser von 10 Uhr ab den Vortrag des Wirkt. Geh. Rathes Dr. v. Lucanus entgegen und ertheilte dann eine Reihe von Audienzen. (Segen 2 Uhr traf der Kaiser auf dem Potsdamer Bahnhofe in Berlin ein und wohnte einer Sitzung desLandes-Oekonomie- Kollegiums im Ständehause in der Matthäikirchstraße bei. Später nahm der Kaiser an dem Diner beim landwirthschaftlichen Minister Fceiherrn v. Hammer- stein-Loxten Theil. Zum Diner waren geladen: der Reichskanzler, die Staatsminister Dr. v. Bötticher und Dr. Miquel, Staatssekretär Graf v. Posadowsky-Wehner, der Chef des Geh. Civilkabinets Dr. v. Lucanus u. A. — Der Kaiser hat zur Errichtung desBölker- schlacht-DenkmalS bei Leipzig 10,000 Mark beigetragen. — Morgen wird der Kaiser sich nach Springe begeben zur Abhaltung einer Hofjagd.
* Das offizielle Frattionsverzeichnitz ist im Reichstage erschienen. Erledigt sind 5 Mandate. Die Deutsch-Konservativen zählen 60, die Reichspartei 28, die deutsch-soziale Reformpartei 14, das Centrum 98, die Polen 19, die Nationalliberalen 49, die freisinnige Vereinigung 15, die deutsch-freisinnige Volkspartei 24, die deutsche BolkSpartei 12, die Sozialdemokraten 47 Mitglieder. Bei keiner Fraktion sind 26 Mitglieder.
* Auch in diesem Jahre hat sich als Fortsetzung der in voriger Reichstagssession vom Centrum des Reichstages gebildeten wirthschaftltchen Bereinigung alsbald wieder eine solche gebildet und zum Borsitzendm Herrn Abg. Dr. Pichler, zum Stellvertteter Abg. Szmula gewählt. Bei den in Angriff zu nehmenden BerathungSgegenständen wurde das bürgerliche Gesetzbuch, die Handwerkerfrage, das Börsengesetz, das Gesetz über die Margarine, den unlauteren Wettbewerb und die Zuckersteuergesetzgebung ins Auge gefaßt und für einzelne diefer Gegenstände bereits ^Referenten und Korreferenten gewählt, so für dieHandwerkerkammer dieHerrenMetzner, Euler, Hitze, das Börsengesetz Müller-Fulda, FuchS, de Witt, das Margarinegesetz die Herren Pmgm, Hubrich, Schmid (Algäu), das Zuckersteuergesetz die Herrn Klose, Spahn und Reindl. Die nächste Sitz
einst geliebten Mannes in seiner edeln stolzen Art stellte sie das des verkommenen Vaters entgegen — und meinte auf in bitterm Weh. Ja, eS hatte nicht anders sein können: sie durften einander nicht angehören. So wollte sie nicht weiter gegen ihr Geschick sich aufbäumm und bedenken, daß nur, wer sieben Mal siebenzig Mal vergibt, der göttlichen Barmherzigkeit für werth befunden wird.
Allmählich hatten ihre trüben Gedanken sich zerstreut. Sie nahm ihre Arbeit wieder auf und zwang sich, mit Alltäglichem, Geringfügigem ihren Sinn zu beschäftigen. Eben wollte sie sich erheben, um Martha zu holen — die Gegenwart des Kindes, meinte sie, würde hinreichen, um alle Schatten vollends zu zerstreuen — als Stimmen und Schritte auf dem Gange vernehmbar wurden.
Bald darauf sprach Martha in das Zimmer: „Die Mama ist zurück, und ich bin die Erste gewesen, die sie begrüßte!" meldete sie mit großem Stolz.
Zugleich steckte Gräfin Hollerbrunn ihr gutes Gesicht durch die Thüre des NebmzimmerS herein. Ihre Äugen waren geröthet — jedenfalls hatte sie mit der Trauernden geweint; ihr Mund hatte aber ein freundliches Lächeln bereits wiedergefundm.
„Guten Tag, liebes Fräulein!" sagte sie. „Ich 6m lange ausgeblieben und muß rasch an meine Toilette gehen. Aber ..." unterbrach sie sich plötzlich, „was