Umlage Mv Wulöser Zeitung.
JVs. 279 Mittwoch, den 4. Dezember 1895. 22. Jahrgang
Mark Twain.
Der amerikanische Humorist Mark Twain hat im vorigen Jahre seinen 60. Geburtstag gefeiert und wurde bei dieser Gelegenheit als einer der glücklichen Sterblichen gepriesen, dem es vergönnt sei, in rüstigem Alter im Kreise seiner Familie und im Besitze eines schönen Vermögens auf ein bewegtes und erfolgreiches Leben sorgenfrei zurückzublicken. Aber er war damals weit- fchauender und tiefblickender als andere. Er konnte im Scherze sagen, es ahne ihm, daß er noch einmal zum Bettler würde. Heute ist das zur Thatsache geworden. Vor Kurzem hat Mark Twain durch den Bankerott der Verlags-Firma von Webster in New-Dork, welcher er sein Vermögen anvertraut hatte, Alles verloren. Es geht ihm wie einst Walter Scott mit dem Unterschied, daß letzterer in jüngeren Jahren und im Vollbesitze seiner Schöpfungskraft stand, als das Unglück über ihn kam, so daß er durch die Arbeit seiner ftuchtbaren Feder in wenigen Jahren seine Schulden tilgen konnte, während Mark Twain am Ende seiner literarischen Laufbahn angelangt ist, nachdem er der Welt jedenfalls das Beste seines genialen Geistes und Humor- gegrben hat. Um so heroischer und hochherziger ist Mark Twain's Handlungsweise, der sich entschlossen hat, Alles daran zu setzen, um seine Gläubiger bei Heller und Pfennig zu befriedigen. Da die Einnahme aus der schriftstellerischen Thätigkeit zu langsam für seinen Zweck voranginge trotz der großen Honorare, die er zu beziehen gewohnt ist, so hat er sich zu einer mehrjährigen Borlesungs-Tour um die Welt entschlossen und bereits damit begonnen. In einer öffentlichen Erklärung hat er seinen Entschluß angekündigt.
„Was die Vorlesungen einbringen," schreibt er, „ist gleich meinem übrigen Vermögen für die Gläubiger bestimmt." Dann fährt er fort:
„Ein Kaufmann, der Alles hingegeben hat, was er besaß, kann sich für insolvent erklären und sein Geschäft zu eigenem Nutzen von Neuem anfangen. Die geistigen Fähigkeiten eines Menschen dürfen von den Gläubigern nach Recht und Gesetz nicht mit Beschlag belegt werden. Aber ich bin kein Handelsmann, und die Ehre ist ein strengererZucht- meister als das Gesetz. Nur mit 100 Cents für den Dollar läßt sie sich abfinden und ihre Schulden verjähren niemals.
„Wäre die Verlags-Anstalt, in der mein Kapital steckt, vom Glück begünstigt gewesen, so würde ich zwei Drittel des Gewinnes erhalten haben. Die Schulden aber gedenke ich ganz zu bezahlen .... Im Augenblicke steht die Angelegenheit so, daß ich mit Hilfe der Aktiva der Firma und dem von meiner Frau geleisteten Zuschuß so viel Geld zusammenbringen kann, um den Gläubigern 50 Prozent auszuzahlen. Ich werde sie bitten, sich mit dieser Theil- summe vor Gericht abfinden zu lassen und mir das Vertrauen zu schenken, daß ich die rückständigen 50 Prozent so schnell abtragen werde, als ich sie verdienen kann. Nach dem bisherigen Erfolge zu uttheilen, den ich auf meiner Vorlesungs-Tour gehabt habe, hege ich die Zuversicht, daß ich, wenn mir Gott das Leben läßt, innerhalb 4 Jahren den Rest abgezahlt haben werde. Dann kann ich mit 64 Jahren, völlig schuldenfrei, mein Leben neu beginnen."
Soweit Mark Twain. Wir wünschen ihm Glück zu seinem edlen Wagniß und dauerhafte Gesundheit, um es durchzuführen. Der amerikanische Humorist zeigt durch sein Verhalten, daß er nichts von seinen Eigenschaften ausdauernden und zähen Verharrens eingebüßt hat, die wesentlich zu seinen Erfolgen im Leben bei- ttugen. Er adelt durch sein Verhalten seine literarischen Werke und beweist, daß die sittliche Kraft, welche ihn zu denselben befähigte, ein Hauptmerkmal derselben sind. Mark Twain wird von Vielen — wahrscheinlich Solchen, die über ihn urtheilen, ohne ihn zu kennen — als ein bloßer Spaßmacher angesehen, allein wer Umschau hält über seine Werke, wird bald finden, daß der amerikanische Humorist ebenso sehr ergötzt und erheitert, als belehrt und erzieht. Kein Mann wird Mark Twain lesen, ohne einen nachhaltigen, moralisch kräftigenden Einfluß aus seinen Schriften zu gewinnen. Durch die im Verlage von Robert Lutz in Stuttgart erschienene Ausgabe der ausgewählten humoristischen Schriften Mark Twain's, welche das werthvollste und für deutsche Leser geeignetste in vortrefflicher Übersetzung wiedergibt, ist es uns nunmehr ermöglicht, Twain in seiner ganzen Fülle kennen und lieben zu lernen. Die schöne sechsbändige Ausgabe enthält folgende Meisterwerke Mark Twain'S: 1) „Abenteuer und Streiche von Tom Sawyer", 2) „Abenteuer und Fahrten von Huckleberry Finn", 3) „Skizzenbuch", 4) „Leben auf dem Mississippi" und „Nach dem fernen Westen",
5) „Im Gold- und Silberlande", 6) „Reisebilder und verschiedene Skizzen" nebst einer Lebensbeschreibung des berühmten Humoristen. Diese 6 Bände enthalten einen Lesestoff, welcher berechtigt ist, viele nichtsnutzige neue Bücher zu verdrängen und in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Sie haben neben ihren großen geistigen Vorzügen auch noch den der Billigkeit. (Zu beziehen in 6 Bänden zu Mk 10.—, eleg. gebd. Mk. 13.50, einzeln jeder Band Mk. 1.80, eleg. gebd. Mk. 2.50/
Ueber den Werth Mark Twain's für deutsche Leser urtheilt ein Kritiker wie folgt:
„Leider scheinen bei uns die Humoristen ausgestorben, wenigstens jene, welche wie Fritz Reuter mit dem Herzen fühlen und darin das Leben des Volkes ausnehmen mit seinen Schwächen, Gebrechen und Thorheiten, um Alles das wieder herausströmen zu lassen, nicht mit Bosheit und pikanten Würzen, aber mit der eigenen Gemüthsttefe und HerzenS- fröhlichkeit durchmengt, die uns wieder von Herzen lachen macht. Amerika hat einen solchen Humoristen, das ist Mark Twain. In Hunderttausenden von Exemplaren sind nicht nur bort, sondern auch in England und anderen Ländern die Twain'schen Schriften verbreitet. Der Schriftsteller hat bei dem belesenen Publikum eine internationale Berühmtheit erlangt und verdient, auch in Deutschland volksthüm- lich zu werden, dem er sich durch verschiedene Besuche näher gebracht hat; auch liegt in des Dichters Fühlen und dessen Wiedergabe eine Art, welche der deutschen Volksseele so sympathisch ist, als wäre er einer der unseren. Deshalb ist es mit großer Freude zu begrüßen, daß ein deutscher Verlag die Herausgabe der sorgsam gesichteten besten Werke des berühmten Humoristen übernommen hat, und zwar in so prattischer Weise, daß auch dem ärmsten Manne, welcher Freude an herzerquickenden guten Büchern hat, die Anschaffung dieses köstlichen Humorschatzes leicht gemacht ist."
(Schluß folgt.)
Keidvoll und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(27. Fortsetzung.)
„Guten Tag, Anna!" sagte er mit seiner rauhen, polternden Stimme und schüttelte der enffetzt dreinschauenden Tochter derb die Hand. „Ich wollte endlich ein Mal bei Dir vorsprechen. Wie gewöhnlich, ist Dein Empfang sehr kühl. Du kannst aber doch nicht behaupten, daß ich Dir zur Last gefallen sei in den letzten Jahren?"
Sie schob ihm einen Stuhl hin, nahm ihm Hut und Stock ab, fragte, wie eS ihm ginge, und bemühte sich, den Widerwillen nicht zu zeigen, der mit jeder Minute heftiger in ihr aufstieg.
Er setzte sich und sah sich langsam im Zimmer um. „Wie eS mir geht? Schlecht! Das siehst Du; brauchst eigentlich gar nicht erst zu fragen. Hier aber ist eS schön. . . fthr schön! Du hast es gut! Du sitzest in der Wolle, mein Kind. Es erinnert mich hier alles ganz an das, wie es einst bei uns auS- sah . . . Donnerwetter!" fuhr er heftig auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es dröhnte. „Warum nur einige Menschen es so gut haben und das Ihre festzuhalten verstehen! Arme Teufel wie ich kommen um jeden Groschen ihres Besitzes und wissen nicht, wohin sie ihr Haupt legen sollen. Die Reichen, die erbärmlichen Wichte, sehen dann verächtlich herab auf Jene, denen es im Leben schlecht gegangen. Sie meinen wohl gar, sie hätten Großmuth geübt, wenn sie Unsereinem die Thüre nicht weisen. Pfui über die Reichen! — Drei Mal Pfui!"
Augenscheinlich war der Baron nicht ganz nüchtern und bereits auf jene Stufe gesunken, wo man kein Eigenthum anerkennen will und von allgemeiner Theilung träumt.
Was hätte Anna erwidern sollen auf solche Worte? Jeder Widerspruch hätte den Mann nur noch mehr aufgebracht. Sie kreuzte die Arme über der Brust, wie um die Gefühle der Beschämung, des Ekels, des Leides, die in ihr wagten, einzudämmen, und saß tumm da, die Augen auf den Boden geheftet.
Nach einer Pause brach Jener das Schweigen. „Warum antwortest Du nicht? Nimmst sie am Ende gar in Schutz?" polterte er.
„Nein! O nein!" entgegnete sie mit zitternder Stimme. „Unbarmherzige Reiche werde ich niemals vertheidigen. Mitleid zu haben mit Jedermann ist Christenpflicht . . . und diese Reichen hier erfüllen sie: ie sind gut und wohlthätig."
Aus ihrer Rede hatte der Vater nur Eines herausgehört. Er unterbrach sie mit seiner gewohnten Rauh
Bermischtes.
* Der bekannte Romanschriftsteller Paul Heyse bringt bekanntlich den positiven Religionen sehr wenig Wohlwollen entgegen. Folgerichtig verwandelt sich dieser Mangel an Wohlwollen aber, sobald das katholische Bekenntniß in Betracht kommt, in Feindschaft. In der zweiten Nummer von ,Ueber Land und Meer' gibt er in der Novelle: „Abenteuer eines Blaustrümps- chens" wieder Zeugniß von dieser Gesinnung. In einer Gesell- chaft kommt die Rede auf Richard Wagner's Opern, wobei ein Neuling aufrichtig gesteht, daß er sich halbe Stunden lang ent« etzlich gelangweilt habe. Darauf wird ihm erwidert: „Eben diese entsetzliche Langeweile ist eines der geheimsten Kunstmittel, durch die der Meister seine Effekte erzielt. Er steigert dadurch den Lebensdurst, das Schmachten nach sinnlicher Beglückung, indem er den Zuschauer durch lange öde Strecken führt, in denen weder etwas Interessantes geschieht, noch ein musikalischer Genuß gewährt wird. Dadurch wird das Gemüth in eine brennende Ungeduld versetzt, die etwas Aehnliches nur in dem dumpfen Hinbrüten während der katholischen Messe hat. Diese mystische Langeweile ist ein unentbehrliches Ingredienz der höchsten Kunst- und Religions-Uebung." Die Stelle spricht für sich selbst. Betonen möchten wir aber noch ein Mal, daß sie in „Ueber Land und Meer", einer auch in katholischen Kreisen stark verbreiteten Zeitschrift, sich findet.
heit: „Also Mitleid soll man mit Jedermann haben? Dann wirst Du eS auch mir nicht versagen! Du wirst Deinem alten Vater doch aus der Roth helfen, Anna?" Er bemühte sich, der Heisern Stimme einen schmeichelnden Klang zu geben.
„O gewiß!" entgegnete sie, ftoh, eine bejahende Antwort geben zu können. „So viel in meinen Kräften steht, bin ich immer zu Deinem Beistände bereit, Vater."
„So viel in Deinen Kräften steht — die Ausrede der Hartherzigen. Du mußt Dir ja sehr viel erspart haben, seit Du hier im Hause bist; eS sollte Dir ein Leichtes sein, davon abzugeben."
Schweigend stand sie auf, ging an ihren Schreibtisch und holte ein versiegeltes Päckchen hervor.
„Hier sind alle meine Ersparnisse, Vater!" sagte Anna einfach, indem sie ihm das Päckchen reichte. „Ich wollte sie in die Sparkasse einlegen. Brauchst Du aber das Geld, so will ich es Dir gern abtteten." Er nahm dasselbe, riß es auf und zählte die Banknoten. „DaS ist alles?" sagte er enttäuscht. „So wenig hast Du zurückgelegt!" Er dachte nach. „Du mußt von Deinem Kapital noch übrig haben," fügte er plötzlich hinzu. „Damit wäre mir nachdrücklich geholfen."
„Du könntest wissen, daß es sehr wenig ist, was mir verblieb," antwortete sie mit hervorbrechender Bitterkeit. „Wir mußten ja leben, nachdem Du uns verlassen hattest, und zehrten vom Kapftal. Ich mußte die Kosten meiner Ausbildung bestreiten und auch diese vom Kapital nehmen. Das Wenige, was dann noch übrig blieb, sowie der kleine Erlös von unserem Haus- rathe, von den letzten Kostbarkeiten der lieben Mutter ist für mich angelegt worden. Ich bin eben darauf angewiesen, jetzt zurückzulegen, um in meinen alten Tagen nicht hungern zu müssen, Vater."
„Das heißt wohl, Du möchtest am liebsten mich in meinen alten Tagen verschmachten lassen, um nur Dein liebes Ich sicher zu stellen," war seine unfreundliche Antwort.
„Du thust mir Unrecht, Vater. WaS ich mir erworben habe, gebe ich Dir willig. Mißverstandener Opfermuth wäre es aber, wollte ich den letzten Rest meines Vermögens verschleudern, dar Einzige, was mir Brod für die Zukunft sichern kann, bloß um Deine momentane Laune zu befriedigen."
Sie hatte mit steigender Erregung gesprochen. Zornig fuhr der Vater auf. „Gute Lehren und kein Geld — die alte Geschichte. Mit dem Bettel da soll ich mich zufrieden geben, während ..."
Martha's frische Kinderstimme, deren Laut von draußen hereinklang, unterbrach sein Poltern. „Fräulein Grashoff!" rief sie, „liebes Fräulein!" Ihre eiligen Schritte näherten sich der Thür.
Rasch sprang Anna auf. Mit zitternder Hast flog sie ihr entgegen, mit vorgestrecktem Arm wintte sie dem Vater, zurück zu bleiben. Um jeden Preis mußte sie eS vermeiden, daß Martha seiner ansichtig wurde. Wäre seine Armuth eine unverschuldete gewesen, wie hätte sie ihn hoch gehalten! Seine Lumpen wären ihr dann als ein Ehrenkleid erschienen. Den Anblick seiner Herabgekommenheit aber mußte sie vor Aller Augen verbergen; vor allem dem Kinde, ihrem Zögling, durste sie den Vater in seiner Erniedrigung nicht zeigen.
Sie eilte also hinaus und verhandelte auf dem Gange eifrig mit Martha, welche Erlaubniß zu habm wünschte, über die bestimmte Zeit hinaus mit den Schwestern sich zu unterhalten. Selbstverständlich wurde ihr dieselbe ertheilt, und Anna brachte das Kind selbst bis zum Zimmer der Comteffen. Hierauf kehrte sie zum Vater zurück.
(Fortsetzung folgt.)