Einzelbild herunterladen
 

M 278

Dienstag, den 3. Dezember 1895

22. Jahrgang

FuldatrWZkitniiß

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klnmen". ____

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerwhn und Bestellgeld in Fulda mtb auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petttzeile 25 Pf., bet Wiederholungen entsprechender Rabatt.

]-[ Die Reichstagseröffnung

erfolgt diesmal nicht durch den Kaiser persönlich, sondern durch den Reichskanzler. Der Grund ist be­kanntlich der, daß der Kaiser an diesem Tage als Theilnehmer an der Kriegsgedenkfeier des Leibkürassier- Regiments in BreSlau weilt. Die Bismarck'sche Münchener Allgemeine Ztg.' möchte aber aus dem Fernbleiben des Kaisers von der Reichstagseröffnung einen Akt der Ungnade machen, indem sie schreibt, das Fernbleiben des Kaisers beweise, daß auch an Allerhöchster Stelle noch nicht alles „vergessen" sei, was die letzte ReichstagSsession brachte. Gemeint ist damit natürlich die Verweigerung der Bismarck­huldigung seitens des Reichstags. Taktvoll ist diese Hereinzerrung der Person des Monarchen in die Schmerzen der Bismarck'schen Sippe jedenfalls nicht. Und ob es sebr monarchisch und patriotisch ist, dem Kaiser solche Hintergedanken unterzulegen, müssen wir auch sehr bezweifeln. Dafür, daß der Kaiser es vor­zieht, einer militärischen Feier beizuwohnen, bildet doch seine bekannte Vorliebe sür Heer und Flotte, sowie der Umstand, daß es sich um das Jubiläum eines sehr bevorzugten Regiments handelt, eine hin­reichende Erklärung.

Viel eher, als auf die persönliche Theilnahme des Kaisers hätte unseres Erachtens der Reichstag darauf rechnen müssen, daß der Eröffnungsakt jetzt endlich i n seinem eigenen Hause vollzogen werden würde. Die Eröffnung im Weißen Saale des königlichen Schlosses läßt sich durch nichts, auch nicht mit irgend welcher Rücksicht auf den Kaiser begründen, denn dieser nimmt ja an dem Akte nicht Theil. In dem stolzen Hause, das das deutsche Volk seinen gewählten Ver­tretern hat erbauen lasten, sollen diese auch zusammen­treten. Es wird der Bedeutung der Thronrede keinen Abbruch thun, wenn diese statt int Schlosse des Kaisers im Hause der Vertteter deS Volkes ver­lesen wird. Während in Folge deS Wegfalls der Galerie im Weißen Saale des Schlostes die Reichs- tagSeröffnungdort unterAuSfchluß derOeffent- lichkeit vollzogen werden muß, würde sich dieses erste Zusammentreten deS Parlaments, ebenso wie alle seine späteren Sitzungen, im Reichstagsgebäude in aller Oeffentlichkeit vollziehen lassen, wie es sein muß; denn von den Versammlungen der Volksvertretung darf daS Volk nicht ferngehalten werden.

So wenig uns also die äußere Form, in der sich die Eröffnung des Reichstags vollzieht, befriedigen kann, so wenig befriedigen unS die Ausgaben, vor die er gestellt wird. Seine Hauptaufgabe soll die Be- rathung deS Bürgerlichen Gesetzbuches sein, das in der Fassung des Entwurfes in vielen hochwichtigen und grundlegenden Punkten für jeden Christen unan­nehmbar ist; ob es gelingen wird, hier Abhilfe zu schaffen, steht dahin, und überhaupt ist das Zustande­kommen des ganzen Werkes noch keineswegs gesichert. Im Interesse der Landwirthschast, für deren Erhaltung

KeidvoU und freudvoll.

Novelle von L. v. Neid egg.

(26. Fortsetzung.)

11.

Für EberSburg kamen bewegte Tage. DaS große Fest erforderte manchfache Vorbereitungen. Obwohl das benachbarte Städtchen, in welchem eine Garnison lag, daS Hauptkontingent der Geladenen lieferte, die vom Tanze weg sich unmittelbar nach Haufe zurück­begeben wollten, blieben doch noch Gäste genug übrig, welche Gastfreundschaft in Anspruch nahmen. Für diese mußte Quartier beschafft werden. Unermüdlich flog die Dienerschaft Trepp auf, Trepp ab; Zimmer wurden gelüstet, Möbel auSgeklepst und umgestellt, jeder be­nutzbare Raum wurde zu einem Fremdenzimmer um­gewandelt. AuS dem Garten trug man Körbe voll Blumen und Kübel mit fremdländischen Gewächsen in das Haus, um die Räume zu schmücken. Im großen Speisesaale wurden lange Tafeln aufgeschlagen, und die Gräfin hatte endlose Konferenzen mit Koch und Beschließerin. Die jungen Mädchen legten den besten Willen an den Tag, hilfreich zu sein: sie fragten nach allem, mischten sich m alles, veranlaßten aber durch immer wechselnde Ansichten nur mehr Verwirrung.

Dieser Zustand hatte jedoch für Anna den Vor-

zu sorgen zur Zeit eS zweifellos die dringendste Pflicht der Regierungen wie auch der Volksvertretung ist, ist eine Margarine- und eine Zuckersteuervorlage ange­kündigt. ®te erstere ist mindestens noch sehr der Ver- befferung bedürftig, und die letztere hat sogar in ihren Grundgedanken in weiten Jnteressentenkreifen — Land- wirthen, Industriellen, Konsumenten — den schärfsten Widerspruch erfahren. Erfreulicher und wichtiger ist die Börfenreformvorlage, doch auch sie bedarf noch weitgehender Verbefferungen im Sinne schärferer Zügelung der Börsenspekulation. Mehr noch befriedigt der Gefetzentwurf gegen den unlauteren Wettbewerb. Die Handwerkskammervorlage dagegen vermag uns nur daS tiefste Mißtrauen in den Willen seiner Ur­heber, dem Handwerke ernstlich zu Hilfe zu eilen, ein­zuflößen. Bon den übrigen Vorlagen sei hier noch die Justizreform genannt; hoffentlich kommt sie jetzt endlich zu Stande.

WaS wir vermissen, das ist eine gründliche, zielbewußte Sozialpolitik der Regierung zu Gunsten deS Mittelstandes in Stadt und Land und des Ar­beiterstandes. Die Regierung brauchte nur zu wollen, so stände ihr eine feste Mehrheit zu einer solchen Polttik zur Verfügung, eine Mehrheit der konservativen Parteien, voran des Centrums. DaS ist überhaupt die einzige Mehrheitsbildung, die bei uns überhaupt dauernd in Frage kommen kann. Mit den Mittel­parteien aber kann daS Centtum kein Bündniß ein­gehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Dezember.

* Der Kaiser hat sich nach Breslau begeben, wo er gegen 3 Uhr Nachmittags anlangte. Die Rückkehr des KaiftrS nach Wildpark, bezw. dem Neuen Palais, dürste voraussichtlich Mittwoch ftüh erfolgen.

* In der heutigen Sitzung des Buvdesraths wurde der Gesetzentwurf betreffend die Errichtung von Handwerkskammern angenommen; die einschlägigen Resoluttonen und Eingaben wurden dem Reichskanzler alS Material überwiesen.

* In der lippischen Throvfolgefrage hatte die lippische Regierung bekanntlich ein Reichsgesetz bean­tragt, welches dem Reichsgerichte die Entscheidung deS Thronfolgestreites übertragen follte. Nach der ,Kreuzztg? haben sich gegen diesen Antrag ganz wider Erwartung im Bundesrath erhebliche Bedenken er­hoben, während bis jetzt Preußen und die Mehrheit im BundeSrath für denselben war. Man befürchte, daß durch Annahme jenes Antrages ein wichtiger Präzedenzfall und eine Kompetenzerweiterung deS Reicher begründet werde. Außer Schaumburg-Lippe habe eine Reihe von anderen Staaten gegen die Ueber- Weisung an daS Reichsgericht protestirt. Man denke bereits daran, den Streit einem besonderen Fürsten­gerichte oder auch einem einzelnen Bundes- fürsten zur Schlichtung zu übertragen. Lehne der

theil, daß die Aufmerksamkeit von ihr abgelenkt und von ihren vermeintlichen Vergehungen nicht mehr ge­sprochen wurde. Lori und Carry, auf welche die Strafrede der Baronin Burkersdorf mehr Eindruck gemacht hatte, als sie sich eingestehen mochten, ver­mieden seitdem alle gehässigen Bemerkungen gegen dar Mädchen. Naturen, wie die ihren, beugen sich vor entschiedenem Auftreten; dagegen legten sie die Nach­sicht der Stiefmutter als Schwäche aus. Elisabeth that, als habe sie die Existenz ihrer Rivalin vergessen. Sie würdigte sie keines Blickes, igvorirte sie voll­ständig und versuchte auch nicht mehr, Gräfin Holler­brunn zu strengem Vorgehen gegen dieselbe zu be­wegen. So schien der Freudentag für Alle in unge­störter Heiterkeit verlaufen zu sollen.

Am Nachmittage aber fuhr eine Trauerbotschaft mitten in die Festfteude. Baronin Burkersdorf erhielt die telegraphische Nachricht, eine ihrer Töchter sei an der DiphteritiS erkrankt, und die besorgte Mutter be­schloß sofort abzureisen. Sie war so fassungslos, daß Gräfin Hollerbrunn die Freundin zur Bahn zu be­gleiten beschloß. Sie glaubte noch zur rechten Zeit zurückkommen zu können, um in ihre Balltoilette zu schlüpfen und zum Empfange der Gäste bereit zu sein. Reisefertig trat sie in daS Schlafzimmer und gab Martha einen Abschiedskuß.

Bundesrath den lippischen Anttag ab, so wäre die rechtliche Folge dieser neuen Lage die, daß nunmehr im Wege der lippischen Landesgesetzgebung ein Organ zu bestellen sei, welches über die Person deS nächsten Agnaten zu entscheiden habe.

* Die „Schließung" der sozialdemokratischen Organisation findet in der Presse eine überwiegend abfällige Beurtheilung. Nur die,D. TageSztg ', das Organ deS „Bundes der Landwirthe" ist ganz mit der Maßregel einverstanden; sie scheint also nicht zu befürchten, daß eS auch einmal auf Grund des § 8 deS Vereinsgesetzes dem „Bunde" an den Kragen gehen könnte. Auch die Bismarck'schen ,Hamb. Nachr/ billigen „dies, wie jedes Vorgehen gegen die Sozialdemokratie," empfehlen aber ein Sozialistengesetz als wirksamer. Die konservative .Kreuzztg/ schweigt sich noch aus. Die freikonservative,Post'vermeidet ei, sich direkt billigend oder mißbilligend auszusprechen, verlangt aber allge­meine Handhabung der § 8 gegen alle Parteien und Einschränkung der sozialdemokratischen Agitation im Reichstage, also einen Maulkorb für die sozial- demokratischen Abgeordneten. Die ,Nat.-Ztg.', das Haupt­organ der Nattonalliberalen, verspricht sich nicht viel von der Maßregel und will im Uebrigen abwarten, ob sich vor Gericht die Berechtigung derselben ergeben wird. Die freisinnigen Blätter mißbilligen ebenso wie die des Centrums das Borgehen der Polizei durchaus.

* Ueber das Ceulrum fällt der .Berliner Börsen- coutier' anläßlich einer Besprechung des 25 jährigen Jubiläums der Fraktion folgendes Urtheil: „Man hat behauptet: Am Glück gehen Parteien zu Grunde. Das Centrum ist am Glück nicht zu Grunde gegangen. Bon den Tagen an, wo im preußischen Abgeordnetenhause und nachher im deutschen Reichstage sich die katholischen Männer als Fraktion konstituirten, waltete über dem Centrum ein günstiger Stern. Rasch vermehrte es seinen Besitzstand und beharrlich behauptete eS ihn. Sein Einfluß auf die nationalen Geschicke war stets ein großer, und immer blieb eS trotz widerstrebenden Strömungen, die sich im Innern zeigten, nach außen einig und geschloffen. Die Bereinigung so disparater Elemente schien Vielen nur ein Verdienst des Herrn Windthorst zu sein, und man wollte an dem Thurme, auf dessen Warte ein Windthorst nicht mehr stand, bald Risse sehen. Weit gefehlt. Der Thurm steht noch jeute unerschüttert da. Die religiöse Gemeinschaft ist ein granitenes Fundament. Die nationalliberale Pattei Pallete sich, die konservative zerbrach, die freisinnige ging aus den Fugen, doch die ultramontane über­dauerte der Zeiten Stürme. Auch in der Takttk blieb sich da- Centtum gleich. Immer war und noch heute ist sein Ziel, die ausschlaggebende Pattei zu sein, sowohl mit der Rechten wie mit der Linien sich je nach Lage der Sache verbinden zu ton­nen, um dadurch der Regierung Zugeständnisse abzu­zwingen. So operitte Windthorst, und so operiren seine Epigonen. Diese strategisch so überaus wichtige Position wäre verscherzt, wenn die Pattei sich spaltete.

„Sei brav und lerne fleißig, kleiner Wildfang. Du mußt Dir die Freude deS Abends ehrlich ver­dienen," mahnte sie lächelnd. „Nebenbei hütet mir meine Schätze; ich habe keine Zeit mehr, sie einzu­schließen. Die Gangthüre spertt die Jungfer ab. Adieu."

Sie nickte Anna freundlich zu und entfernte sich. Martha gab sich alle Mühe, die Ermahnung ihrer Mutter zu befolgen. Als aber die Lektion zu Ende war, übermannte sie die Neugier; es litt sie nicht länger im Schulzimmer. Sie bat um die Erlaub niß, zu ihren Schwestern und mit ihnen dem AuSschmücken des TanzsaaleS zusehen zu dürfen. Mit ihren Ge­danken war sie ohnehin bei den bevorstehenden Fest- lichkeiten; Anna ließ sie also ziehen. Sie erinnerte sich der Zeit, wo sie selbst so harmlos ftoh sein konnte wie dieses Kind und blickte der Kleinen lächelnd nach, als diese mit lauten Freudenrufen davoichüpfte. Tann setzte sie sich an ihren Nähtisch, um die letzte Hand an den bescheidenen Staat zu legen, womit sie Abends sich schmücken wollte. Sie war heiter gestimmt; leise sang He vor sich hin.

Da klopfte er au die Thüre; einer der Bedienten trat ein. Man sah es dem Manne an, daß er eine besondere Mittheilung zu machen hatte; ttwaS wie Neugier und Schadenfreude zugleich stand auf seinem