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Montag, dm 2. Dezember 1895
22. Jahrgang
FuIdaerWZkitllng
mit Unterhaltungs-Keila«:« „Sterne und Flumen".
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hc Der eiserne Reisen.
In dem Augenblicke, wo der Zwiespalt zwischen der süddeutschen und der norddeutschen Sozialdemokratie einen für diese gefährlichen Umfang anzunehmen droht, wo in Baden, in Danzig usw. der Kampf zwischen den „Genossen" bereits die schärfsten Formen angenommen hat: in diesem Augenblicke erscheint der Sozialdemokratie als Retter in der Noth der preußische Minister des Innern, Herr Mathias v. Köller, um mit dem eisernen Reifen polizeilichen Zwanges die streitenden Brüder wieder zur alten Geschlossenheit und Einigkeit zurückzuführcn.
Unter dem 29. November hat der Berliner Polizeipräsident v. Windheim, zweifellos im Auftrage des vorgesetzten Ministers, die vorläufige Schließung folgender „Vereine" verfügt: der 6 sozialdemokratischen Wahlvereine für die Berliner Wahlkreise, der Preß-, Agitattons- und Lokalkommisfion, sowie des „Vereins" (!) „öffentlicher Vertrauensmänner" der Berliner Sozialdemokraten und endlich des Part ritz orstandes der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Die Schließung erfolgt nach amtlicher Angabe auf Grund des § 8 des BereinSgesetzeS, welcher den politischen Vereinen verbietet, mit anderen Vereinen gleicher Art zu gemeinsamen Zwecken in Verbindung zu treten. Also nicht nur die genannten Wahlvereine, sondern auch die Kommissionen, die Vertrauensmänner und der Parteivorftand werden als „Vereine" betrachtet und verfallen der „vorläufigen Schließung", weil sie unter sich und mit anderen „Vereinen" gleicher Art Verbindung unterhalten haben. Zugleich wird jede fernere Betheiligung an diesen „Vereinen" und jede Neubildung derselben mit Geld- und Gefängnißstrafen bedroht. Die Maßregel ist nur eine vorläufige, weil sie der Bestätigung durch Richterspruch bedarf.
Es ist aber kaum zu bezweifeln, daß diese Be- ftätigung thatsächlich erfolgen wird. Denn es liegen dafür mehrere Präzedenzfälle vor. Man hat es nämlich schon vor dem Bismarck'schen Sozialistengesetze mehrmals mit der Anwendung des § 8 des preußischen Vereinsgesetzes versucht. Die polizeiliche Schließung des Lassalle'schen „ Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" und der Berliner Mitgliedschaft der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Marx'schen Richtung), die am 23. Juli 1874 erfolgte, wurde am 18. März 1875 gerichtlich bestätigt durch die Berurtheilung der Angeklagten — Hasenclever und 11 Genossen — zu Geldstrafen und dauernde Schließung der genannten „Vereine". Die neue Organisation der Sozialdemokratie wurde im Sommer 1876 ebenfalls geschlossen und später wurde auch diese Maßregel gerichtlich bestätigt. 1878 folgte darauf das Sozialistengesetz, das die sozialdemokratische Partei für ganz Deutschland verbot. Uebrigens haben wir Katholiken den „Segen" des berühmten § 8 auch schon am eigenen Leide erfahren; geschadet hat das uns ebenso wenig, wie der Sozialdemokratie.
KeidrroU rrrrd freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(25. Fortsetzung.)
„Guten Morgen, Kinder!" sagte die Gräfin fteund- lich. „Was bringt euch her? Ihr seht ja furchtbar feierlich aus."
„Wir hätten Ernstes mit Dir zu besprechen, Mama!" erklärte Carry, die als Sprecherin austrat. „Da Du indessen nicht allein bist, ist es besser, wir gehen wieder."
Die Baronin erhob sich, um sich zu entfernen. Hastig hielt Gräfin Hollerbrunn sie am Arme fest. Ihr war nicht wohl zu Muthe diesem Trifolium gegenüber; nur ungern hätte sie die Stütze der Freundin entbehrt.
„Bleib' da, Ida!" bat sie. „Bleib' da!" Bor Dir habe ich keine Geheimnisie. Dein kluger Rath hat mir schon auS mancher Klemme geholfen; wer weiß, wie sehr ich heute dessen bedürfen werde! Run fuhr sie fort, zu den jungen Mädchen gewendet: „Beginnt mit euern Mittheilungen."
Schweigend sahen diese einander an. Elisabeth war eS, ine das Wort ergriff. „Es handelt sich um Fräulein
„Schon wieder!" äußerte die Gräfin peinlich berührt.
Dieser haben jene Polizei- und Gerichtsaften sogar ganz erheblich genützt. Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung die Erinnerung des.Vorwärts' an die seitdem viel angeführten Worte des Staatsanwalts in der erwähnten Verhandlung gegen Hasenclevrr und Genossen: „Zerstören Sie die Organisation und die Centralisation, denn ohne sie istdieSozial- demokratie tobt, die sozialdemokratische Bewegung hat dann keine Bedeutung mehr."
Und die Folgen der Zerstörung der zwei einander feindlichen Organisationen der Sozialdemokratie? War diese nunmehr tobt? Im Gegentheil: bie bis dahin gespaltene Sozialdemokratie vereinigte sich im Mai 1875 in Gotha zu einer Partei, die nach Beendigung des inneren Zwistes einen mächtigen Aufschwung nahm, dem auch durch die abermalige Schließung ihrer Organisation nicht Einhalt gethan werden konnte. Da griff Bismarck zum Ausnahmegesetze, und dieses hat die Sozialdemokratie in Deutschland dann erst recht mächtig und groß gemacht.
So haben alle diese Versuche einer gewaltsamen Unterdrückung der Sozialdemokratie wie ein eiserner Reifen gewirtt, der sie immer wieder, wenn sie es am nötigsten hatte, zu einer einheitlichen, geschlossenen Partei zusammenschmiedete. Auch jetzt wird die Wirkung keine andere sein. Die sozialdemokratischen Arbeiter werden jetzt um so bessere Disziplin halten und der sozialdemokratischen Reichstags-Fraktion, an die nach einer Bekanntmachung des bisherigen Partei-Vorstandes im ,Vorwätts die Leitung der Partei jetzt übergeht, blindlings und mit verstärktem Fanatismus folgen. Siegesbewußt sagt der Partei- Borstand in jener Bekanntmachung: „Für die Partei selbst wie für den weiteren siegreichen Fortschritt unserer gerechten Sache ist diese Maßregel so gleichgiltig, wie die gleichen Maßregeln gegen die sozialdemokratischen Organisattonen in den Jahren 1873 und 1875 gleichzeitig gewesen sind. Unsere Partei wird bestehen, kämpfen und siegen mit oder ohne osfizielle Organisation!" f, Wird die Sozialdemokratie siegen ? Wenn unsere Regierungen so weiter wirthschaften, ganz gewiß! Es ist traurig, aber unbestreitbar: Die Sozialdemokratie lebt von den Thaten ihrer Gegner, wenigstens derjenigen Gegner, ;die als Leiter des Staatswesens in erster Reihe berufen wären, den Kampf gegen den Umsturz mit den allein wirsamen Waffen durchgreifender sozialer, religiöser, sittlicher, wie auch wirthschaftlicher Reformen zu führen.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Dezember.
* Der Kaiser, der gestern Abend kurz vor Mitternacht aus Neu-GatterSleben im Neuen Palais wieder anlangte, hörte heute Vormittag die Vorträge des Chess der Generalstabes Graf v. Schlieffen, sowie des Chefs des Militärkabinets v. Hahnke und empfing
„Leider!" entgegnete Elisabeth in überlegenem Tone. „Wir halten es für unsere Pflicht, Dich darauf aufmerksam zu machen, daß diese Person wirklich zur Erzieherin nicht taugt."
Die Gräfin erröthete vor Unwillen. Trotz der neulichen Abfertigung wagte das junge Mädchen nochmals, ihr im eigenen Haufe Belehrungen hinsichtlich der Gouvernante zu ertheilen. Ihre Töchter betheiligten sich an dem Komplotte, wenn sie dasselbe nicht gar veranlaßt hatten.
Mit Mühe beherrschte sie sich, um ruhig fragen zu können: „Was berechttgt euch zu einer solchen Annahme?"
„Neulich fragtest Du uns, Mama," fiel Carry ein, „ob wir an Fräulein Grashoff etwas von der Gefallsucht bemerkt, deren Elisabeth sie anklagte. Wir verneinten es; um so mehr kannst Du unseren Worten Glauben schenken, wenn wir Dir sagen, daß es wahrhaft skandalös war, wie das Fräulein sich im Wasser an Robert Tiefenbach's Arm hing — noch dazu in Elisabeth's Gegenwart."
„Da Elisabeth noch nicht seine verlobte Braut ist," bemerfte die Gräfin mit ungewöhnlicher Schärfe, „so hätte Fräulein Grashoff Rooert's Hand in alle Ewigkeit festhalten können, ohne gerade ihr Ursache zur Klage zu geben. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, ob sie etwas Anderes that, als ihr Alle — nämlich seine
Mittags den Staatssekretär des Innern v. Boetticher. — Auf der Jagd in Reu-Gattersleben erlegte der Kaiser 650 Hasen, 60 Fasanen, 1 Rehbock und 1 Kaninchen. Jnsgesammt wurden daselbst gestern gegen 1500 Hasen geschaffen. — Neuestem Vernehmen nach wird das Programm, das anläßlich der Anwesenheit des Kaisers in Breslau aufgestellt ist, eine vollständige Umgestaltung erfahren. Die zuerst beabsichtigte Reise nach Ohlau ist abgegeben worden; aber auch in Breslau, wo der Aufenthalt bis Dienstag Abend ausgedehnt werden sollte, wird der Kaiser nur bis Montag Abend verweilen und Abends */*9 Uhr nach Berlin zurückkehren. Muthmaßlich wird er dm Reichstag doch noch, entgegen den Meldungen der ,Post', persönlich eröffnen.
♦ Herr v. Köller sucht, wie der .Vorwärts' angeblich aus sehr guter Quelle erfährt, nicht bloS den Staat und die Gesellschaft zu retten, sondem auch sich selbst. Seine Stellung fei trotz aller Dementis wegm des Mißverhältnisses zwischen Können und Wollen bei ihm sehr erschüttert. Der voraussichtliche Mißerfolg seines neuesten polizeilichen Vorgehens würde dann jedenfalls seiner Ministerlaufbahn ein jähes Ende setzen. Einen Rückzug hat Herr v. Köller, wohl auf einen Wink von höherer Seite, auch in der Angelegen- hett des Professors Delbrück antreten müssen, gegen welchen der Strafantrag wegen Beleidigung der Polizei zurückgezogen wurde, nachdem Herr v. Köller „sich überzeugt" hat, daß Herrn Delbrück eine beleidigende Absicht ferngelegen habe.
* Gegen weitansschauende Marinepläne, wie sie jetzt in verschiedenen Blättem wieder austauchen, nehmen selbst die,hamb. Nachr.', deren Marinefteund- lichkeit nicht gut angezweifelt werden kann, entschieden Stellung. Sie verweisen auf die Marinevermehrung seit 1870: Zu Anfang 1870 bestand die Flotte des Norddeutschen Bundes aus ben 3 Panzerschiffen: „König Wilhelm", „Friebrich Karl" unb „Kronprinz", ben beiden Panzerfahrzeugen „Armmius" und „Prinz Adalbert", von einem Gesammttonnengehalt von 15 297 Tonnen und 3500 indizirten Pferdekräften. 1894 bestand die deutsche Flotte aus 20 Panzerschiffen und zwar 4 erster Klasse, 3 zweiter Kläffe, 7 dritter Klasse und 6 vierter Klasse von einem Gesammttonnengehalt von 134 551 Tonnen und 125000 Pferdekrästen. Ferner waren 1870 vorhanden: 5 gedeckte Korvetten, 4 Glattdecks-Korvetten, 1 Aviso, 1 Jacht und 22 Kanonenboote; 1894: 13 Panzer- Kanonenboote, 17 Kreuzer, 5 Kanonenboote und 9 Avisos. Endlich besaß Deutschland 1870: 7 Segelschiffe als Artillerie- und UebungSschiffe und 36 Kanonenschaluppen und Jollen; 1894 aber 14 Schulschiffe und 9 Schiffe zu besonderen Zwecken und 129 Torpedoboote. Beim Vergleich mit der Marine anderer Länder wird hervorgehoben, daß die deutsche Flotte der russisch-baltischen an Schlachtschiffen erster Klaffe, d. h. an 10000-Tonnen Schiffen und darüber um
Hilfe anzunehmen, um an's jenseitige Ufer zu gelangen. Daß sie dabei strauchelte und er sie davor bewahren mußte, in's Waffer zu fallen, ist vielleicht zu beklagm . . . ein Vergehen aber ist es nicht."
„Nein, Mama, dieses allerdings wäre nur eine Ungeschicklichkeit gewesen," versetzte Carry. Wäre Fräulein Grashoff nicht die Erzieherin unserer klemm Schwester, wäre sie eine Fremde, so würde es un8 nicht einfallen, auf ihr Benehmen zu achten. Nur weil Martha ihr anvertraut ist, haben wir sie feit unserer neulichen Auseinandersetzung scharf in'S Auge gefaßt."
Die Gräfin fing an, unsicher zu werden; unruhig rückte sie auf ihrem Sessel hin und her. „Wenn das alles sich so verhielte ..." begann sie. Sie unterbrach sich aber: „Ihr seht sie mit voreingenommenen Augen an, Ihr habt ja immer etwas gegen sie gehabt. Ida, Du bist ganz unparteiisch, sage mir aufrichtig: Hat Dir etwas mißfallen am Wesen des jungen Mädchens? Hast Du Mangel an Zurückhaltung bemerkt in ihrem Benehmen Männern gegenüber?"
„Bewahre!" ertlärte die Baronin. „Vierzehn Tage bin ich nun hier und habe das Mädchen beobachtet, ba es mich interessirt. Sie gibt sich einfach unb natürlich; dieser offene Charakter ist leicht zu durchschauen. Als verstände sich'S ganz von selbst, ging sie gestern ausschließlich neben den alten Stistsdamen her. Alle ftubirten