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JE 276

Samstag, den 30. November 1895

22. Jahrgang

FuIdakrWZkitillig

mit Unterhaltnnss-Keilagr ..Sterne und Slnmeu". _______________

Brust. DaS war nur ein kurzer, flüchtiger Traum Spöttische Stimmen weckten sie.

„Stimmt denn Ihr Uebergang gar kein Ende, Fräulein Grashoffd" schallte es ihr entgegen.

Der Ruf brachte sie zu sich. Mit einem energischen Ruck riß sie ihre Hand aus der Umklammerung Tiefenbach's, ein kurzes, abweisendes: „Danke, Herr Graf!" war die einzige Antwort auf fein leidenschaft­liches Flüstern.

Elisabeth hatte die kleine Szene bemertt. Fest preßte sie die Zähne aufeinander, um einen Ausruf des Zornes zu unterdrücken. Krampfhaft zerzupftm und verstreuten die kleinen Hände den Strauß von Schlinggewächsen, den Tiefenbach auf ihren Wunsch von der Thurmzinne der Ruine hatte herunterholeu müssen. So war eS also nicht blos die alte Bekannte, die er in Anna begrüßt, nein, das war das Mädchen, das er geliebt hatte — noch immer liebte! Bitterer Groll bemächtigte sich ihrer; ein Groll, der in dem einen stets wiederkehrenden Wunsch sich einen Ausweg suchte: die Verhaßte auS ihrem Wege zu schaffen. Schnell hatte sie herausgefunden, daß jetzt Gelegenheit zu einer kleinlichen Rache sich ihr darbot; die wollte sie ergreifen. Vielleicht kam dann später ein Augen­blick, in welchem sie einen großen Schlag auSführeu konnte.

Während die Umstehenden in jener Szene zuerst nur das Eine gesehen hatten, daß der Graf die Gou­vernante davor bewahrt hatte, in'S Wasser zu gleiten, wußte Elisabeth durch allerhand Anspielungen bald den Gedanken zu erwecken, als sei jenes vermeintliche Straucheln nur ein wohlüberlegter Plan gewesen, um Tiefenbach's Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Von da zur Erzählung, sie habe sich in des Grafen Arme gestürzt, sie habe ihn im Waffer festgehalten, war nur ein Schritt; böse Gerüchte wachsen schneller wie Lawinen.

Man war noch nicht am Sammelplatz angelangt, so hatte sich schon eine Legende gebildet von der ver­führerischen, koketten, schlauen Gouvernante, die nicht zu deren Gunsten klang. Bruchstücke derselben drangen bis zur Gräfin Hollerbrunn; sie schenkte dem Gerede keinen Glauben, dennoch wurde sie peinlich davon berührt, daß man über die Erzieherin ihrer Tochter auf diese Weise sprach. Lebhaft, wie sie war, und ihrer augenblicklichen Empfindung folgend, begegnete sie in der ersten Aufwallung des Unmuthes Anna auf eine Weise, die ihrer sonstigen wohlwollenden Art geradezu entgegengesetzt war. Das arme Mädchen wurde dadurch um so mehr verletzt, als auf chren kurzen Seligkeitstraum sofort diese gewaltsame Er­nüchterung folgte. Sie hatte das Zischeln und Flüstern der Damen wohl bemerkt; sie fühlte sich gekräntt und gedemüthigt.

Weshalb hatte Tiefenbach durch sein Benehmen sie zur Zielscheibe aller Beobachtungen gemacht? Frei­willig hatte er sich von ihr losgesagt, weshalb kam er nun und störte ihren mühsam errungenen Frieden ? Biel zu viel waren sie einander gewesen, als daß ein gleichgiltiger Verkehr zwischen ihnen jemals hätte mög- lich werden können. Alles mußten sie einander sei« oder nichts.

Mit einem Mißklang hatte das ftoh begonnene Fest geendet, und noch am folgenden Tage zitterte der Ton desselben nach. Das sollte Gräfin Hollerbrunn erfahren.

Sie faß mit Frau von Burkersdorf in ihrem Schreibkabinet, eine Art Sanktuarium, zu dem außer ihrer Familie nur diese Freundin Zutritt hatte. Die Regung des Unwillens gegen Anna hatte sich längst gelegt. Ruhig besprach sie die Ereignisse des ver­gangenen Tage- und führte Klage darüber, daß die Menschen es so sehr lieben, UebeleS von einander zu glauben und einen guten Ruf zu zerpflücken, unbe­kümmert darum, ob nicht vielleicht das Glück eine- Menschenlebens zu Grunde gerichtet würde.

„Deine Klage ist so alt wie die Welt, Marie!" hatte die Baronin geantwortet. „So lange die Welt steht, wird eS Ursache zu derselben geben. Ein Glück ist's für die Betreffende, daß Du offene Augen, einen klaren Kopf, ein warmeS Herz hast und sie nicht fallen lassen wirst wegen eines müßigen Geredes."

Da hatte eS an die Thüre geklopft, und Carry und Lori traten mit Elisabeth ein.

(Fortsetzung folgt.)

Er lächelte. „Auch alte Damen und Gouvernanten sind dem Hunger und Durst unterworfen, Cousinchen."

„Alte Jungfern und Gouvernanten sind eS aber gewöhnt, für sich selber zu sorgen," warf Elisabeth in ihrer trockenen Weise ein.

„Meinen Sie denn nicht, Gräfin, daß ihnen ein freundliches Wort, eine Aufmerksamkeit gerade deshalb wohl thut, weil sie so ost dergleichen entbehren müsien?"

„Ich dächte," entgegnete sie, „man verwöhnt sie nur durch übertriebene Rücksichten. Vielleicht erweist man ihnen gar keine Wohlthat damit; sie entbehren diese Aufmerksamkeiten nachher um so schmerzlicher."

„Oh!" versetzte er mit einiger Bitterkeit. „Für die Einen also nur Sonnenschein, für die Anderen nur Schatten!"

Elisabeth sah ein, daß sie wieder zu weit gegangen war und lenkte ein. Vorwurfsvoll heftete sie die dunkelblauen Augen auf den Grafen und bemühte sich, zu lächeln: „Sie mißverstehen mich, wie so oft. Sie übertreiben den Sinn meiner Worte und beurtheilen mich falsch. Ich wollte nur sagen, daß im Allgemeinen man das nicht entbehrt, was man nicht kennt; und das ist doch die Regel: natürlich hat sie ihre Ausnahmen."

„Nur keine Kontroversen über Regeln und Aus­nahmen, Wahrheiten und Rücksichten!" rief Lori und sprang auf. „Bor Allem keine Ermahnungen und Sittensprüche. Wir haben lange genug gerastet; laffen Sie uns lieber aufbrechen."

Die Ansicht, als habe die Ruhepause genügend lange gedauert, sand bei den jungen Leuten Anklang; sie wanderten weiter zur Ruine. Die älteren Leute zogen eS vor, noch ein wenig zu bleiben und sich dann lang­sam zu den Wagen zurück zu begeben.

Der Weg zur Ruine war steil und beschwerlich und die Krümmungen wollten kein Ende nehmen. Als die jungen Leute die Ruine endlich erreicht hatten, ging viel Zeit verloren mit dem Herumirren zwischen den Trümmern, dem Erforschen aller Schlupfwinkel. Die Zeit war deshalb schon vorgerückt, als man sich auf den Rückweg begab und es wurde die Besorgniß laut, man könne in die Dunkelheit gerathen. Sogleich erbot sich Tiefenbach, auf näheren Wegen die Gesellschaft zum Sammelplätze zurückzuführen, waS gern angenommen wurde. So ging er denn voran, von Martha, der Unermüdlichen, umtanzt. Allein und schweigend be- schloß Anna den Zug.

Der Pfad, den der Graf gewählt hatte, war fehr romantisch. An steilen Abstürzen führte er vorbei, über Geröll und Steine mußte man in die Tiefe steigen, um gleich darauf sich mühselig wieder empor zu arbeiten. Die Kräfte der Wanderer erlahmten, und mit der Müdigkeit kam die Unzustiederhrit mit dem Führer. Scherzhafte Klagen und Vorwürfe wurden laut. Als man nun gar an einen Bach gelangte, den man überschreiten mußte, und entdeckte, daß der Steg durch die Gewitter der vorhergehenden Tage wegge­rissen war, folgte den Vorwürfen die Entrüstung; Tiefenbach erklärte sofort, zur Strafe wolle er, und zwar er ganz allein, die Damen alle an das jenseitige Ufer bringen.

Einzelne Felsblöcke lagen im Bache; so glatt und unsicher sie auch waren, sie bildeten doch immerhin eine Art Brücke; von einem Steine zum andern springend, konnte man zur Noth hinüber gelangen. Tiefenbach stellte sich nun mitten in das Wasser und leitete mit seiner Hand die Damen, eine um die andere, an das jenseitige Ufer. DeS Lachens war kein Ende, während man fo unter theiis affektirtem, theils wirklichem Angstgeschrei den gefährlichen Weg zurücklegte.

Endlich kam die Reihe an Anna. Sie zögerte, die ihr dargebotene Rechte zu erfasfen; auf ihre eigene Geschicklichkeit vertrauend, wollte sie den Uebergang versuchen.

„Bitte, geben Sie Ihre Hand her!" befahl aber Tiefenbach io gebieterisch, daß sie willenlos dem Gebot gehorchte. Unwillkürlich, wie von einer fremden Macht getrieben, erhob sie dabei den Kopf und blickte in ein Paar Augen, die brennend, forschend, verlangend auf ihr ruhten. Ihr schwindelte, sie schwankte — ein starker Arm umfing sie, eine liebe Stimme flüsterte, wie in jener Zeit: „Anna! meine Anna!"

Sie war wieder achtzehn Jahre alt — sie war wieder glücklich und ftoh . . . in rosigem Glanze lag das Leben vor ihr . . . Jubellaute durchdrangen ihre

Lei-voll und freudvoll.

Novelle von L. v. Neidegg.

(24. Fortsetzung.)

Doch zurück zu der Landpartie! Genau, wie man in Ebersburg festgesetzt hatte, wurde das Programm innegehalten. Von dem bestimmten Punkte aus zogen die Geladenen unter Tiefenbach's Führung in den Wald.

„Viel ist über den Wald und seine Schönheit ge- schrieben und geschwärmt worden; so verschieden aber auch die Menschen in Geschmack und Ansichten sonst ffnd: eS gibt wohl nicht ein Menschenkind auf dem weiten Erdenrund, daS jeglicher Poesie, jeglichen Schönheitssinnes derart bar wäre, um nicht von Be­wunderung erfüllt zu werden, wenn das Waldesinnere, zumal daS Innere eines Laubwaldes sich ihm er­schließt. Alles spricht dort zum Gemüthe und zur Phantasie: das geheimnißvolle Halbdunkel sowohl, in dem man sich befindet, wie die goldenen Lichter, welche die Sonne ab und zu wie eine fröhliche Verheißung hereinwirst, um sie dann eben so schnell wieder zurück­zuziehen.

Auch Tiefenbach's Gäste erlagen dem Zauber des WaldeS; daS Entzücken äußerte sich laut, die Be­wunderung war eine allgemeine und erreichte den Höhepunkt, als man zu den uralten Buchen auf einer Anhöhe gelangte, zwischen denen ein klarer Bach sich dahinschlängelte. Dort wurde gerastet und ein Imbiß eingenommen. Unter Scherzen und Lachen sammelten die jungen Leute Holz zu einem Feuer, buken und brieten, während das reifere Alter die Befriedigung hatte, Dank der weisen Fürsorge deS Hausherrn, dieser einfachen Erzeugnisse der Kochkunst nicht zu bedürfen. Selbst daS miSantropische Gemüth des Herrn von Wiederholt erhellte sich beim Anblick der von St. Trudpert herbeigeschafften Leckerbiffen.

Um seine Gäste bemüht, verließ der Gutsherr öfters den Platz, den Wahl oder Zufall ihm zwischen Lori und Elisabeth angewiesen hatte; er bewegte sich, mit Jedem ein freundliches Wort wechselnd, Jedem seine Fürsorge angedeihen lassend, von Gruppe zu Gruppe. Umsonst hatte er während deS ganzen Weges sich be­müht, mit Anna ein unbewachtes Wort zu sprechen. Martha bei sich festzuhalten, hatte diese beim Eintritt in den Wald aufgeben müssen. Wie ein Irrlicht huschte daS Kind hin und her, suchte Blumen und Beeren, neckte sich mit Diesem und Jenem und geberdete sich wie ein unbändiges Füllen. Die Erzieherin hatte sich daher einem Paar alter Stiftsdamen angeschlossen, welche man auS Mitleid mit ihrer Vereinsamung auf­gefordert hatte, an der Partie theilzimehmen; die Wenigsten aber waren mitleidig genug, um die Beiden zu unterhalten. Die guten Seelen waren um so mehr entzückt, an Anna eine nicht nur geduldige, sondern eine wahrhaft liebenswürdige Zuhörerin zu finden.

So kam, es, daß Tiefenbach, ohne auffällig zu werden, sich ihr bis jetzt nicht hatte nähern können. Er nahm nur bei dem Imbiß die Gelegenheit wahr, um auch jener Gruppe seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Gerührt über die ritterliche Aufmerksamkeit ihres Gast­gebers hielten die beiden Damen ihn in eifrigem Ge­spräch über nichtssagende Gegenstände fest — die Stimme aber, welche er vor allen gern gehört hätte, beteiligte sich mit keinem Worte an dem Gespräche.

Als Tiefenbach endlich sich erhob, um weiter zu gehen, und vorher nach den allenfallsigen Befehlen der Damen fragte, wünschte die eine der Stiftsdamen ihr Umschlagetuch, die andere verlangte nach ihrem Schirm. „Und Sre, Fräulein GraShoff, haben Sie keine Wünsche? Soll man Ihnen nichts bringen?" fragte Tiefenbach und suchte ihrem Blicke zu begegnen.

Ohne aufzusehen, erwiderte sie ruhig und kühl: „Danke bestens, Herr Graf; für mich ist schon gesorgt."

Sein längeres Verweilen bei jener Gruppe war nicht unbeachtet geblieben. Als er seinen alten Platz einnahm, empfing Lori ihn mit einer Fluch von Necke­reien. In ihrer burschikosen Weise sagte sie: „Sie sind wirklich daS Muster eines aufopfernden ritterlichen Hausherrn, Vetter Robert! Blinde und Lahme, alte Weiber und Gouvernanten, Alle umfaffen Sie mit gleicher Fürsorge."

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