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jK 275 Freitag, den 29, November 1895 22. Jahrgang

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mit Unterhaltrrngs-Kettagr „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

E. Zur Handwerkerfrage.

Bon einem Handwerksmeister.

I.

Je näher wir der Wiedereröffnung des Reichstages kommen, desto austnerkf'amer verfolgen die Handwerker die Tagespresse, ob die verbündeten Regierungen dem Reichstage in seiner nächsten Session einen Organi­sations-Entwurf für das Handwerk ankün­digen und wie dieser Entwurf wohl aussehen wird. Nach den bisherigen Zeitungs - Berichten soll der Reichstag in seiner nächsten Tagung allerdings sich mit der Handwerkerfrage beschäftigen; aber es werden so viele Gesetzentwürfe vorher genannt — Gesetzentwürfe, deren Berathung eine lange Zeit in Anspruch nehmen wird —, daß sehr leicht wegen zu frühem Schluffe der Session das arme Aschenbrödel: Handwerk wieder warten muß — warten, warten, wie immer, warten! — Inzwischen stehen die verbündeten Regierungen mit verschränkten Armen und sehen nicht, wie ein Stein nach dem andern von diesem starken Mitrelpfeiler des Staatsgebäudes sich ablöst, bis es zu spät ist. O, diese Blindheit!

Freilich, so lange die beiden Strömungen „obli­gatorischer Zusammenschluß der Berufs­stände", und „freies Spiel der freien Kräfte" imBundesrathe noch miteinander ringen, solange wird das Handwerk wohl kaum auf eine Vorlage hoffen dürfen, welche seinen Wünschen und seinen Bedürfnissen entspricht. Sollten die verbündeten Regierungen für die nächste Session zu einer Vorlage sich verstehen be­züglich der Organisation des Handwerks, so wird dieselbe den Erwartungen der deutschen Handwerker, wie sie in einer langen Reihe von Handwerker- und Jnnungstagen durch einmüthige Beschlüffe zum Ausdruck gebracht wurden, voraussichtlich wenig entsprechen. Dann wird es aber Sache der befreundeten Parteien sein, etwas Brauchbares daraus zu machen, und wenn eS auch nur kleine Abschlagszahlungen sind.

Das deutsche Handwerk fordert einmüthig eine Organisation in obligatorischen Innungen, denen Jeder, der ein Handwerk selbstständig be­treibt, beitreten muß, und in welchen jedes Mitglied gleich- Rechte und gleiche Pflichten hat. Diejenigen von der Beitrittspflicht zu entbinden, welche in der Regel Gesellen und Lehrlinge nicht beschäftigen (wie in der letzten Berliner Konferenz vorgeschlagen wurde), geht nicht an, weil eine solche Bestimmung das Pfuscher- thum erst recht fördern und großziehen würde. Aus solchen, alle Handwerker einschließenden Innungen heraus sollen dann die Handwerkerkammern gewählt werden. Ob direkt oder indirekt, so daß z. B. die Innungen eines gewissen Bezirkes je nach ihrer Stärke Wahl- männcr wählen, welche ihrerseits dann die Mitglieder zur Handwerkerkammer zu wählen hätten, Iafür würde die Gesetzgebung bei einer allgemeinen Organisation in Innungen einen passenden Modus finden.

Sodann fordern die deutschen Handwerker die Ein-

zeidvoü und freudvoll.

Novelle von L. v. Neidegg.

(23. Fortsetzung.)

Die Gesellschaft ging bald auseinander und suchte die Ruhe auf. Bon ihren Stieftöchtern und Elisabeth begleitet, schritt die Gräfin über die weiten Gänge nach ihrem Schlafzimmer. Ein Wort der Frage hatte ihr auf den Lippen geschwebt, beinahe ein Glückwunsch an Elisabeth; ein Blick jedoch in das mürrische Ge­sicht des jungen Mädchens belehrte sie, daß zum Glück­wünschen wohl kein Anlaß vorhanden sei.

Elisabeth fragte dagegen plötzlich: „Ist es wirklich wahr, daß Martha die Partie nach dem Buchberg mit­machen soll?"

Die Gräfin war sich allzu großer Nachgiebigkeit gegen ihre kleine Tochter bewußt, daher ziemlich empfind- uch gegen Tadel in dieser Beziehung. Noch mehr ver- r •*! de* junge Gast ihr, der altern Frau, gleichsam Verhaltungsregeln ertheilen wollte. Sie unter­drückte aber den auffteigenden Aerger und bemerkte bloß: „Da ihr Vater es ihr erlaubt hat, wird sie wohl mck uns gehen."

„Aber dann wird doch wenigstens dieses Fräulein Grashoff zu Hause bleiben?" meinte Elisabeth scharf.

Noch immer hielt die Gräfin an sich. „Darüber

! führung des Befähigungsnachweises, und zwar als das nach ihrer Meinung und Erfahrung vor- \ züglichste Mittel zur Erhaltung und Hebung des | Handwerkerstandes. Sie erblicken hierin nicht nur i einen wirthschaftlich nothwendigen Schutz, den zu . fordern sie als treue, loyale Staatsbürger sich für be- i rechtigt halten, sondern sie fordern diese Maßregel in s erster Linie als das wirksamste Mittel zur Hebung | des Standrsbewußtseins, ohne welches kein I Stand als solcher bestehen kann. — Ein Stand mit einer solchen achtunggebietenden Vergangenheit, wie der Handwerkerstand, welcher von jeher eifersüchtig auf seine Standesehre hielt , und nur unter strengster Be-

• folgung althergebrachter Regeln ein Aufsteig-n vom ; Lehrlinge zum Gesellen und vom Gesellen zum Meister i zuließ, mußte natürlicherweise ein hochentwickeltes < Selbstbewußtsein besitzen. Ebenso natürlich ist es aber j auch, daß das letztere durch die Einführung der zügel- s losen Gewerbrfreiheit, welche dem Handwerke alle denk- i baren fremden Elemente zuführte, alle Schranken weg- ? riß, einen gewaltigen Stoß erleiden mußte. Der \ Mensch wird immer das am höchsten schätzen, dessen Erwerb ihm die größte Anstrengung verursacht hat, und da eS keiner besonderen Anstrengung mehr, sondern nur eines gefüllten Geldbeutels bedarf, um im Handwerke der „Erste" zu werden, so schätzt und achtet man das Handwerk als solches, als Stand nicht hoch. Wer heutzutage als junger Bursche aus der Lehre entläuft und doch gleich „Meister" werden kann, wird sicher niemals einen Begriff von Standes­ehre bekommen. Derjenige Lehrling, welcher zur Er­lernung eines Handwerks hat Lehrgeld zahlen müssen, geht schon mit einem höheren StandeSbewußtsein aus der Lehre, als derjenige, welcher während seiner Lehr­zeit schon Geldentschädigung erhielt. Um wie viel mehr aber wird derjenige stolz auf seinen Stand sein, welcher nach harter, gut verwendeter Lehrzeit seine Prüfung besteht, besonders wenn letztere ihm zugleich einen Vortheil sichert, welchen derjenige niemals er­reichen kann, der diese Prüfung nicht besteht. Hierin liegt unseres Erachtens die Quintessenz des Be­fähigungsnachweises. Daß das StandeSbewußtsein int Handwerk auf eine sehr niedrige Stufe gesunken ist, braucht uns also gar nicht zu wundern, seitdem Jeder leicht Handwerker, oder gar Todtengräber des Hand­werks werden kann.

Durch das Hinwegräumen aller Schranken ist das Handwerk in seinem inneren Zusammenhalt, in seinem Ansehen und in seinem Fortkommen aufs schwerste ge­schädigt worden. Tausende einst zufriedene, freie Hand­werker sind zu Lohnsklaven des Kapitals herabgesunken und haben mit ihrer Selbstständigkeit auch ihr Standes- bewußtsein verloren. Ein ganzes Heer gewissenloser Ausbeuter hat sich auf den goldenen Boden des Hand­werks geworfen, und ein anderes Heer hat eine Aus­bildung unter der manchesterlichen Aera der Gewerbe­freiheit erhalten, die wohl sozialdemokratische, aber durchaus keine Früchte der StandeLehre erzeugt hat.

habe ich noch keinen Entschluß gefaßt. Jndeffen, wenn das Kind mitgeht, kann ich die Erzieherin nicht wohl entbehren. Weshalb interessirt Dich dar, Elisabeth?"

„Mich persönlich gar nicht. Ich meinte nur, es wäre grrathen, der Person keine Gelegenheit zu geben, ihre Koketterie zu entfalten."

Die Gräfin blieb stehen und sah der Sprecherin voll inS Gesicht: „Koketterie? Wann hätte sie diese wohl an den Tag gelegt? Entweder ist sie mit Matthä im Schulzimmer oder sitzt stumm bei Tische; höchstens unterhält sie sich ab und zu mit dem Kinde."

„Koketterie in Worten ist die ärgste nicht," er- Hätte Elisabeth. „Koketterie in Blicken ist die gefähr­lichste."

„Ei, welche Sachkenntniß!" spottete die Gräfin. „Kinder," wandte sie sich an ihre Stieftöchter, „habt Ihr jemals Gefallsucht an kFräulein Grashoff beob­achtet?"

Gern hätten die Mädchen die Frage bejaht; mit gutem Gewissen vermochten sie eS jedoch nicht. Sie liebten die Stiefmutter nicht; ihre Eifersucht auf sie war unbegrenzt, von vom herein waren ihnen alle Jene verhaßt, denen sie ihre Gunst zuwandte. Aber dennoch steckte zu viel von ihres Vaters Ehrlichkeit in ihnen, als daß sie mit Bewußtsein eine direkte Un-

Gesetzlich wurde der Handwerkerstand ebenfalls degra» dirt, indem man leichten Herzens die beiden Haupt- Marksteine „Meister" und „Geselle" aus der I Reichsgewerbeordnung entfernte und an deren Stelle ‘ „Arbeitgeber" und „Arbeitnehmer" setzte. ■ Durch diese Gleichmacherei gab man wohl den sozia- ; listischen Umtrieben einen unberechenbaren Vorschub, dagegen dem StandeSbewußtsein im Handwerk fozu- j sagen den Todesstoß. — Und so seufzt das deutsche i Handwerk unter der Last großkapitalistischer Aus- ■ beutnng ohne die Wohlthat einer moralischen Stütze, j wie sie nur ein hochentwickeltes Standesbewußtsein 1 bieten kann. Daher auch die Erscheinung, daß so viele - Handwerker der Bewegung sich nicht anschließen, daher i der Mangel an Opfermuth und Beharrlichkeit in dem ; großen Kampfe, woraus dann natürlich die Gegner s des Handwerks den irrigen Schluß ziehen, als ob all' \ die Handwerker, welche nicht direkt in der Bewegung , stehen, mit den seit 12 Jahren einmüthig erhobenen : Forderungen des deutschen Handwerks nicht einver- ; standen wären.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. November.

* Der Kaiser nahm bekanntlich am Mittwoch an dem Mahle beim Finanzminister Miquel theil. Er soll sich dabei mit den Vertretern des Handwerks im Ausschüsse der Centralgenofferffchastkasse eingehend über die Organisation des Handwerks unter­halten haben. Auch soll sich der Kaiser, nach der ,Post', „in bestimmtester Weise" über die Nothwendigkeit des Zustandekommens des Zucker st euergesetzeS aus­gesprochen haben. Um so interessanter wäre, wenn sich die Meldung eines Hamburger Blattes bewahr­heitete, wonach n i ch t e inm a l die Annahme des Zucker- steuergesetzes im Bundesrathe gesichert sei. Die Vorlage findet gerade bei den Zuckerindustriellen selbst, die sich die Kontingentimng (Eingrenzung) ihrer Pro­duktion nicht gefallen lassen wollen, sehr viel Wider­spruch.

* Bon einer Absicht der kaiserlichen Familie, nach der Kamevalszeit längeren Aufenthalt im Süden, wahrscheinlich wieder in Abbazia zu nehmen (wie verschiedene Blätter melden), ist an Stellen, die sie kennen würden, der ,N. A. Z/zufolge, nicht dar Min­deste bekannt.

* Unnütze Zeit und Mühe verschwendet eine Anzahl gegnerischer Blätter mit der breiten Behandlung der Frage der nächsten Präfideuteuwahl im Reichstage. Die Sache ist ganz einfach und klar: dar Cent rum beansprucht fernerhin überhaupt den ersten Präsi­denten, und zwar so lange, als es die stärkste Fraktion im Reichstage bilden wird; die übrigen Präsidenten­stellen werden nach dem Herkommen den nächststärkfien Fraktionen zufallen, sofern dieselben davon Gebrauch machen wollen und die betreffenden zur Wahl vor­

wahrheit selbst über die mißliebige Gouvernante hätten sagen mögen.

„Personen, die mir nicht angenehm sind, sehe ich überhaupt nicht an," sagte endlich Carry. „Auf Fräu­lein Grashoff'- Benehmen gebe ich nicht Acht. Elisa­beth aber sagt, sie sei eine Erzkokette, und Elisabeth wird jedenfalls Recht haben."

„Elisabeth wundert sich überhaupt darüber, wie man sie bei Martha behalten kann," unterstützte Lott die Schwester, mit weislicher Umgehung der Haupt­stage.

„Elisabeth ist sehr gütig, an Martha so regen An- thttl zu nehmen," ettlärte die Gräfin, deren Geduld endlich erschöpft war. „Ich als Mutter bin am meisten interessirt, das Kind in guten Händen zu wissen. Mir erscheint Fräulein Grashoff als eine vortreffliche Er­zieherin. Ich will sie indessen aufmerksam beobachten, das verspreche ich euch. . . . Wir find hier an meiner Thüre. Gute Nacht, Kinder!"

„Und nun soll die atme Grashoff erst recht die Pattie mitmachen!" sagte die Gräfin am andern Morgen ärgerlich zur Baronin Burkersdorf. „Elisa- beth meint sonst gar, ich ließe mich von ihr inS Bocks­horn jagen. Vielleicht hätte ich dir Erzieherin zu House gelassen ohne jenen Zwischenfall; jetzt thue ich eS ganz gewiß nicht."