Notlage ?iw Wulösev Leitung.
M 273 ' Wittwoch, den 27. Movernöer 1895. 22. Jahrgang
a. Bau und Unterhaltung der Landstraßen und Landwege im Regierungs-
Bezirk Kassel.
DerKreiSauSschuß zu Schlüchtern hat unter dem 1. November nachstehendes Schreiben an die särnntt- lichen Kreise des RegierungS - Bezirks Kassel gesandt: „Der Kreistag des Kreises Schlüchtcrn hat beschlossen, dem Kommunal-Landtage den Antrag vorzulegen:
„Hoher Kommunal-Landtag wolle beschließen, daß die Unterhaltung der vorhandenm und der Neubau der noch erforderlichen Landstraßen und Landwege den Kreisen auf deren Antrag unter Ueberweisung der hierfür vorhandenen Mittel übertragen werde."
Zur Begründung dieses Antrages gestatten wir uns, Folgendes auszuführen:
„Der Kreis Schlüchtern hat im Jahre 1887 die Unterhaltung der Landwege des Kreises an Stelle seiner Gemeinden in der Hoffnung übernommen, daß die bisher überaus ungleich vertheilte Landwegebaulast sich gleichmäßiger gestalten und durch die sorgfältigere Unterhaltung mit der Zeit eine erhebliche Verminderung der Kosten eintreten würde. Auch glaubte er, hierdurch die Mittel zu gewinnen, das noch sehr lückenhafte Landwegenetz durch Ausbau der noch fehlenden Straßen zu vervollständigen, ohne den Kreis mit neuen Umlagen belasten zu müssen.
Thatsächlich ist eine gleichmäßigere Vertheilung der Baulast erreicht worden, aber weder eine wesentliche Verbesserung des Zustandes der Landwege noch eine Herabminderung der Unterhaltungskosten eingetreten. Nur durch außerordentliche Aufwendungen und Zuschüsse des Bezirksverbandes war es in Folge desien möglich, etwa 10 Kilometer Neubauten zur Ausführung zu bringen, währmd noch 94 Kilometer auszubauen bleiben. Diese Thatsachen haben eine berechtigte Verstimmung in der Bevölkerung hervorgerufen und unseren Antrag veranlaßt.
Wir sind der Meinung, daß die Kreise allein in der Lage sich befinden, die Landwegebau-Arbeiten mit möglichster Kostenersparniß bei voller Berücksichtigung der Bedürfnisse des Verkehres auszuführen. Die Gemeinden erscheinen hierfür nicht geeignet, weil ihr eigenes Interesse an der Unterhaltung durchziehender Landwege oft sehr gering und demgemäß ihre Leistung mangelhaft und verhältnißmäßig kostspielig ist. Der Bezirksverband hingegen ist räumlich zu ausgedehnt, als daß vom Sitze der Verwaltung aus die Arbeiten genügend überwacht werden könnten. Zur Zeit liegt die gesammte Ausführung der Unterhaltungs-Arbeiten in denjenigen Kreisen, welche die Unterhaltungslast an Stelle ihrer Gemeinden übernommen haben, dem Be- Msverband ob. Zur Leitung und Ausführung sind meist für je zwei Kreise ein Landesbau-Jnspektor, für jeden Kreis außerdem mehrere Wegebau-Aufseher bestellt. Allerdings haben diese Beamten in erster Linie den Landstraßen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und sind auch für andere Zwecke des Kommunalverbandes, namentlich dar Brandkassenwesen, thätig. Aber bei aller Anerkennung ihres Fleißes und ihrer Pflichttreue darf man sich nicht verhehlen, daß sie bei dem Umfang ihrer Bezirke, bei den großen Entfernungen mancher Arbeitsstrecke vom Wohnsitze und bei der Vielseitigkeit ihrer Thättgkeit nicht wohl die Kontrole der Einzelarbeit in einer den Interessen des Kreises genügenden Weise auszuüben vermögen. Hierzu kommt, daß die geschäftlichen Beziehungen der Äeisverwaltung zu der ständischen Bauverwaltung einen rein bureaukranschen Charakter angenommen haben, der bei seiner Umständlichkeit ein gedeihlicher Zusammenwirken sehr erschwert. Alle Versuche, hierin Abhilfe zu schaffen, haben keinen Erfolg gehabt, obwohl dar Mangelhafte der gegenwärttgen Sachlage beiderseitig anerkannt und auch von dem Herrn Landesbaurath die Bereitwilligkeit ausgesprochen würbe, sich über Mittel zur Besserung und Aenderung zu verständigen.
So sind wir zur Ueberzeugung gelangt, daß die jetzige Organisation des Landwegebauwesens unhaltbar geworden ist, daß es unmöglich ist, von einer Centtalstelle in Kassel aus mit einem durch anderweite Inanspruchnahme überlasteten Personal alle kleinen und kleinsten Landwegebau-Arbeiten innerhalb der Bezirksverbandes mit Vortheil ausführen zu lassen, sowie ferner ein und dieselbe Centtalbehörde in Kassel gleich- zeiüg als Aufsichts-Instanz und BauauSführungs-Be- hörde beizubehalten. Die Kreise als die-zahlenden Stellen können auf die Dauer sich unmöglich damit einverstanden erklären, daß die Ausführung der Arbeiten lediglich der ständischen Bureaukratte überlassen bleibt, ohne daß ihnen eine Mitwirkung, zum Min-
9.
Wenige Tage waren verstrichen, da erschien Graf Tiefenbach wieder in EberSburg. Obwohl verwandt, waren Graf Hollerbrunn und er bis jetzt wenig mit einander in Berührung gekommen. Daher war es ganz erklärlich, wenn man nach besondern Gründen suchte, welche die baldige Wiederkehr des jungen Mannes rechtfertigen konnten, um so mehr, da St. Trudpert immerhin in ziemlicher Entfernung lag. Man schloß also, daß ein ganz besonderer Magnet Tiefenbach nach dem Hause seines Vetters zog, und welcher Art dieser Magnet sei, darüber waren Alle einig.
AlS deS Grafen hohe Gestalt auf der Freitreppe des Hauses erschien, entstand ein Zischeln und Flüstern und ein Austausch beredter Blicke unter der gerade im Garten befindlichen Gesellschaft. Graf Hollerbrunn lächelte seine Nichte verständnißinnig an, während Carry, die Elisabeth zunächst saß, ihr zuwisperte: „Siehe da, Dein Ritter!"
Elisabeth selbst war vielleicht die Einzige, welche in dieser Angelegenheit klarer sah. Sie war weit entfernt, die Zuversicht Carry's zu theilen. Wohl hatte sie lange Zeit dem Gedanken sich hingegeben, an Tiefen- bach's Bewunderung für ihre Person sei kein Zweifel möglich. Als er sich ihr genähert, hatte das verwöhnte Kind des Glückes es für undenkbar gehalten, daß em Mann, den sie auszeichne, unempfindlich gegen ihre Vorzüge bleiben , könne, und stolz hatte sie ihr Siegesbewußtsein zur Schau getragen. Von freudiger Erwartung erfüllt, war sie nach Ebersburg gekommen. Erst seit jener Begegnung Tiefenbach's mit Anna waren quälende Zweifel in ihr emporgestiegen, ob er ihr wirklich huldigen werde. Eines verlor sie aber niemals aus dem Auge, die Sorge, auch den Schein einer Niederlage zu vermeiden. Seit jenem Tage affettirte sie in Gesprächen eine gewisse Gleichgiltigkeit gegen Tiefenbach; sie legte es darauf an, bei Anderen einen Zweifel an der Tiefe ihrer Gefühle gegen ihn aufkommen zu lassen. Gelang eS, eine weitere Begegnung zwischen ihm und der Gouvernante unmöglich zu machen, gelang
besten bei der Abnahme und Rechnungslegung, eingeräumt wird.
DaS Vorgehen des Kreises Fulda beweist bereits zur Genüge, daß der jetzige Zustand deS Land- Wegebaues im Regierungs-Bezirk Kassel nicht beibehalten werden kann. Aber weder die Rückkehr zum Gemeindewegebau noch die Centralisatton des gesammten Wegebaues in den Händen des BeznkSverbandes erscheint ewpfehlenswerth. Indem einen Falle würde die frühere Zersplitterung und somit eine Verschlechterung des Zustandes der Verkehrswege, im andern Falle eine unver- hältnißmäßig hohe Belastung des Bezirkes, der zu Bezirkssteuern führen würde, herbeigeführt. Beide Wege halten wir deshalb für ausgeschloffen und erblicken in der weiteren Dezentralisation des Straßenbaues, wie solche im Dotationsgesetze vom 30. April 1873 angedeutet und offen gehalten ist, nämlich in der Ueber- tragung der gesammten Wegebaulast auf die Kreise unter Beibehaltung der Oberaufsicht und Oberleitung durch die Landesdirektion, die einzige Möglichkeit, auf dem Gebiete des öffentlichen Wegebaues innerhalb unseres Bezirkes einen dauernd haltbaren Zustand zu schaffen.
Die Zweckmäßigkeit der Vereinigung der Unterhaltung der Landstraßen und Landwege braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden und ihrer Durchführung wer- drn erhebliche thatsächliche Schwierigkeiten nicht entgegenstehen. Ohne auf die Einzelheiten dieser Durch- fiihrung eingehen zu wollen, möge nur gesagt sein, daß die ständischen Bauinspektoren als Oberaufsichts-Beamte beibehalten, die Wegebau - Aufseher den Kreisen aber als Kreisbeamte, soweit sie von ihnen benöthigt werden, überwiesen werden können, während der überschüssige Theil der ständischen Brand- und LandeSttedit- kasse als Taxations-Beamte zur Verfügung ständen.
Wir bitten hiernach unseren Anttag in nähere Erwägung zu nehmen und, falls derselbe Ihre Zustimmung finden sollte, die Annahme desselben im Kommunal-Landtage zu fördern."
Der in diesem Schreiben niedergelegte Antrag ist, wie wir an anderer Stelle bereits mitgetheilt haben, vom Kommunal-Landtage dem Landesausschuß zur Berichterstattung in der nächsten Session überwiesen worden und es wäre gut, wenn alle Kreise in der so wichtigen Sache rechtzeittg Stellung nehmen und dadurch an der gedeihlichen Lösung mithelfen würden.
Keidvoll und freudvoll
Novelle von L. v. Neidegg.
g (20. Fortsetzung.) a
er gar, das Mädchen zu entfernen, bann würde sie Tiefenbach's Herz erobern, davon hielt sie sich überzeugt. Um ihn kämpfen wollte sie aber bis zum letzten Augenblicke.
Das Lächeln, mit dem sie ihn empfing, war daher das fteundlichste, der Blick ihrer Augen ein aufmunternder. Carry's Neckerei jedoch beantwortete sie nur mit leichtem Achselzucken.
Tiefenbach wechselte einige Redensarten mit den jungen Damen; dann aber ließ er sich an der Sette der Gräfin Hollerbrunn nieder und vertteste sich in ein Gespräch mit ihr. Gar manches Thema hatten sie berührt, wobei ihr des jungen Mannes Zerstreutheit auffiel, als er mit einem Male die Bemerkung fallen ließ: „Ich venniffe Jemand in diesem Kreise, Cousine. Wo bleibt denn meine kleine, lustige Freundin Martha?"
Nicht oft sprach Jemand Verlangen nach dem kleinen Sausewind aus. So dankbar Gräfin Hollerbrunn auch für jede Aufmerksamkeit war, die man ihrem Liebling zuwandte, konnte sie daher ein gewisses Befremden kaum unterdrücken.
„Martha ist um diese Zeit immer im Schulzimmer," antwortete sie. „Sie hat nur zu viel Freiheit gehabt in den letzten Tagen; es ist nothwendig, daß sie jetzt ernstlich zum Lernen angehalten wird."
„Nicht alle Erzieherinnen haben das Talent, ihren Zöglingen das Lernen angenehm zu machen," bemerke Tiefenbach. „Besitzt das Fräulein . . . Fräulein . - ."
„Grashoff," vollendete die Gräfin. „Ja, m hohem Grade. Martha hängt sehr an ihr, wiewohl das Fräulein durchaus keine überttiebene Nachsicht entwickelt."
„Ist sie schon lange hier im Hanse?"
„Wer? Ah, das Fräulein. Nächstens wird eS ein Jahr. Den vorigen Sommer haben wir in Badeorten und auf Reisen zugebracht; in der Schweiz, also im August vorigen Jahres, ist sie zu uns gestoßen."
„Sie wissen wohl, bei wem sie vorher gewesen, aber wohl kaum, wo ihre Heimath ist?"
Mein Gott! dachte die Gräfin, ist der gute Robert nur gekommen, um mich über die Erzieherin zu in- quiriren? Das Gespräch begann ihr peinlich zu werden; sie antwortete darum sehr ernst: „Ich kann Ihnen nur Eines sagen, daß Fräulein Grashoff eine vorzügliche, mir sehr warm empfohlene Person, die Tochter höchstachtbarer Eltern ist, und daß ich große Stücke auf sie halte." Nachdem sie dies Gemisch von Wahrheit und Dichtung mit aller Würde vorgebracht hatte, stand sie auf, sehr zufrieden über die Abfertigung, die sie ertheilt hatte. Sie setzte sich zu einem andern Gaste und ließ Tiefenbach verwirrt und nachdenklich zurück.
Man ging spazieren. Martha erschien nicht. Tiefenbach ließ sich gern bereden, zum Abendessen in EberSburg zu bleiben. AlS ein paar Minuten vor demselben Martha in den Salon gesprungen kam, war seine Sehnsucht nach der Kleinen verschwunden, wenigstens wechselte er kaum ein paar Worte mit ihr. Eben so plötzlich, als es erloschen, lebte sein Interesse an ihr aber wieder auf, als man sich zu Tische gesetzt hatte.
Fortwährend blickte er durch sein Augenglas nach ihr, die neben ihrer schweigsamen Erzieherin einen Platz am Ende der Tafel inne hatte. Ihm selbst hatte man einen Platz neben Elisabeth angewiesen. Eifrig bemühte sich diese, den Nachbar zu unterhalten; seine Gedanken waren aber nicht bei der schönen Tischgesährttn. Einsilbig warm die Antworten, die er auf ihre Fragen gab; dagegen wechselte er über den Tisch hinüber Scherzworte mit dem Kinde.
Da geschah es, daß die Erzieherin, als er gerade mit Martha sich unterhielt, ihre bis jetzt gesenkten Augen erhob, und ihr Blick dem seinen begegnete, — einen Augenblick nur, aber der Ausdruck seines Blickes hatte genügt, um flammende Röthe in die Wangen des jungen Mädchens zu jagen. Sogleich senkte sie jedoch die langen dunkeln Wimpern und wagte kaum mehr aufzuschauen. Ein Lächeln der Befriedigung glitt über Tiefenbach's Züge, der nunmehr, so einsilbig er vorher war, recht lebhaft wurde unb seine ganze Aufmerksamkeit Elisabeth zuzuwenben anfing.'
Lächelub hörte biefe ihn an, obwohl es in ihrem Herzen kochte; benn sie hatte ben zwischen ihm unb ber Gouvernante gewechselten Blick beobachtet. Nun mußte sie ben Kampf mit ber Nebenbuhlerin offen aufnehmen unb alles baran setzen, um Tiefenbach ihr zu entreißen. «X
-..-.i (Fortsetzung folgt) """"""