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Mittwoch, den 27. November 1895
22. Jahrgang
FmdiierWZkitiing
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Der Hunger an den Thoren von Rom.
Unter dieser Ueberschrist schildert die liberale ,Cor- rispondenza verde‘ (die grüne Korrespondenz) das in Rom herrschmde Elend in düsteren Farben. Sie schreibt: „Die Nachrichten, welche das Ackerbauministerium aus allen Theilen Italiens über die wirthschast- liche Lage unserer ländlichen Bevölkerung erhält, sind im höchsten Grade entmuthigend. Die allgemeine Geringfügigkeit der Bodenerträge hat der bereits traurigen Lage unserer Ackersleute den letzten Schlag versetzt. DaS Gespenst des Hungers schreitet drohend heran, und in der römischen Campagna, namentlich in dem Bezirk Tivoli, wo die Maisernte gänzlich mißrathen ist, befürchtet man die Wiederholung, und zwar in größerem Maßstab, der traurigen Vorgänge vom letzten Jahre." Auch die regierungsfreundliche ,Jtalie', welche schon mehrmals von dem in Rom herrschenden Elend berichtet hat, kommt aus das Thema zurück und schreibt, laut dem ,Echo der Gegen«.' u. a.: „Die Lage ist bejammernswerth. Rom schmachtet im unheilvollsten Elend, im Elend des Mittelstandes. Die Arbeitsquellen sind nahezu versiegt. Kein Handel, keine Industrie, keine Initiative, kein Muth mehr. Wer Geld hat, bewahrt es sorgfältig in seinem Schrein, von der Furcht von einer neuen Krisis beherrscht . . . DaS intellektuelle und moralische Leben steht auf einer niedrigeren Stufe als in einem Dorfe. . . . Die Gelehrten, welche hierhin kommen.. .. müssen sich nach dem Vatikan wenden, um sich einen intellektuellen Genuß zu verschaffen.... Ueberdies ist Rom die langweiligste Stadt der Welt geworden. Man will den Carneval wieder aufleben kaffen! Abgesehen davon, daß dies fast unmöglich ist, wer möchte nach Rom kommen, um sich zu langweilen? Wie werden die Fremden aufgemuntert zu einem kurzen Aufenthalt in Rom? Man bietet ihnen ein Leben, theurer als anderswo, und dazu die Aussicht, um 10 Uhr Abends zu Bett zu gehen .... Alle Läden schließen um 8 Uhr, weil ihre armen Besitzer nur zu wohl totff en, daß sie keine Kunden mehr zu erwarten haben und darum die Beleuchtungskoften sparen wollen. Deshalb vollständige Finsterniß auf den menschenleeren Straßen um 9 Uhr Abends .... Das ist der Zustand, in welchen Rom versetzt ist!"
Noch schlimmer lautet, was dem,Turiner Corriere naziouale' von Rom geschrieben wird: „Geht über den Corso und die anderen Hauptstraßen Roms. Da seht ihr Läden mit herrlichen, glänzenden Schaufenstern, worin die prächtigsten Maaren ausgestellt sind, aber den ganzen Tag über leer von Käufern. Und Läden in Liquidation, andere gefchlossen, und Tausende von Häusern mit dem ewigen „Zu vermiethen". Zur Nachtzeit geschieht es nicht selten, daß eine schwarz gekleidete, verschleierte Dame sich euch vorsichtig nähert und ein Almosen erbittet, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen, oder daß ein ehemals wohlhabender Bekannter euch plötzlich anredet: „Schenken Sie mir aus Barmherzigkeit zehn Lire! Meine Familie ist am Verhungern." Und man scheut und schämt sich vor einer abschlägigen Antwort. Und die Stellenjagd ist ein erschreckendes Schauspiel, welches die ungeheuere Zahl der Erwerbslosen und Verarmten verräth. Drei oder vier Mal schon habe ich auf Straßenbahnwagen oder Omnibussen als Kondukteure junge Leute aus sehr anständigen Familien getroffen, die noch vor wenigen j Jahren recht wohlhabend waren, oder die daS juri- *
stische Doktordiplom besaßen. Die Handelskammer hat zwei untergeordnete Stellen zu vergeben; sie schreibt weder eine öffentliche Bewerbung auS, noch macht sie es in irgend einer Zeitung bekannt, sondern hält die Sache möglichst gehetm, und trotzdem gehen ihr innerhalb weniger Tage 86 Gesuche zu, alle bestempfohlen durch angesehene und hochgestellte Persönlichkeiten. Eine neue wenig bedeutsame Creditonstalt, welche in den wichtigsten Landstädten der Provinz Hilfsstellen errichten will, wird von Bewerbern um Anstellungen zu 50 Lire (40 Mark) Monatsgehalt überlaufen, darunter Grafen, Marchesen und andere junge Leute von hoher Bildung. Viele Familien, die noch vor Kurzem sehr wohlhabend waren, lassen jetzt ihr Mittagessen für wenige Heller aus den Armenttichen des St. Petrusvereins holen; andere haben den Weingenuß bei der Mahlzeit auf zwei Mal wöchentlich eingeschränkt. Es würde kein Ende nehmen, wenn ich die Schilderung der Elends in Rom, besonders des schlimmsten, des Elends in Handschuhen, ganz durchführen wollte."
Ein anderes katholisches Blatt fügt hinzu: „Wenn man einen Blick wirft auf die Straßen von Rom, die von Bettlern wimmeln, welche vom ftühen Morgen bis zum späten Abend die Vorübergehenden bestürmen, wenn man die Haufen halb verhnn- gerterMenschen sieht, welche sich vor den Bezirksämtern der Armenverwaltung drängen; wenn die Zahl der Arbeitslosen stets zunimmt; wenn Diebstähle und Einbrüche an der Tagesordnung find, so muß man zu dem Schluffe kommen, daß die Hauptstadt Italiens, wie die,Jtalie'sagt, wirklich in einer bejammerns- werthen Lage sich befindet. Und alles daS kommt in Rom vor, wo man bis 1870 von einem solchen Elend keine Ahnung hatte."
Und die Liberalen beschuldigten früher immer die päpstliche Regierung, daß sie das Bettlerunwesen begünstige. Jetzt ist die Zahl der Bettler in Rom wenigstens zwanzig Mal so groß als vor fünfundzwanzig Jahren.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. November.
* Der Kaiser sollte sich nach dem ,Hamb. Korr.' mißbilligend über eine Flottendemonstration gegen die Türkei ausgesprochen haben, eine Angabe, die nur geeignet war, Wasser auf die Mühlen derjenigen zu liefern, die Deutschlands Stellung in dem Zusammenwirken der Mächte als zweideutig hinzustellen belieben. Die ,N. A. Z.' erklärt jetzt, daß diese Behauptung auf Erfindung beruht. — Der Kaiser wird, der .Schles. Ztg.' zufolge, am 2. Dezember an der Kriegsgedenkfeier des Leib - Kürassier - Regiments Großer Kurfürst (Schles.) Nr. 1 in Breslau theil- uehmen und bis zum 3. Dezember dort bleiben. Danach erscheint eS fraglich, ob er am 3. Dezember den Reichstag persönlich eröffnen wird. Am4. Dezember will der Kaiser an der Berathnng der Zuckersteuerfrage im Landes-Oekonomie-Kollegium theilnehmen, das auf diesen Tag nach Berlin einberufen ist.
* Der Rücktritt des Präsidenten Dr. Bödiker vom ReichsversicherungSamt und seine Ersetzung durch den Geh. Rath v. Woedtke im Reichsamt des Innern wird wiederholt angekündigt. Dr. Bödiker soll für eine gleichwerthige hohe Stellung ins Auge gefaßt sein. Daß er mit seinem Chef, Herrn v. Bötticher, nicht harmonirt, ist seit Jahren kein Geheimniß. UebrigenS wird auch wieder einmal der Rücktritt des Herrn v. Bötticher wegen Meinungsverschiedenheiten mit Herrn v. Berlepsch in der Handwerkerfrage angekündigt. Diese Angabe ist mit Vorsicht aufzunehmen.
* Herr v. Köller, der Minister des Innern, soll laut einem Berliner Börsenblatte seine Entlassung eingereicht haben. Wahrscheinlich ist das leider nur ein leeres Gerücht.
* Der Reichshanshallsetut schließt der ,Voss.Ztg.' zufolge in Einnahme und Ausgabe mit 1,259,901,749 M. ab, und zwar sind hiervon bei Ausgabel,135,525,228 M. fortdauernde, 94,361,000 einmalige Ausgaben des ordentlichen Etats und 30,017,521 M. einmalige Ausgaben des außerordentlichen Etats. Von den Einnahmen entfallen 634,664,830 Mark auf Zölle und Verbrauchssteuern, 61,000,000 M. auf Reichsstempelabgabe, 33,914,461 auf Reichs-Post- und Telegraphen- ‘
Verwaltung; 1,525,180 M. auf die Reichsdruckerei; 23,463,900 auf die Eisenbahnverwaltung; 5,618,400 auf Bankwesen; 18,476,212 auf verschiedene Verwaltungseinnahmen; 28,862,508 auf den Reichsinvalidenfonds ; 1,582,228 auf Veräußerung von ehemaligem Festungsterrain; 7,445,235 auf Ueberschüffe früherer Jahre. Die Matrikular-Umlagen sind mit 413,331,276 M. veranschlagt, sodaß sich eine Gesammteinnahme von 1,229,884,228 M. erqiebt. Das sind 37,012,253 Mark mehr, als im laufenden Etat vorgesehen sind. AlS außerordentliches Deckungsmittel zur Balancirung des Etats ist der Betrag von 30,017,521 Mark vorgesehen.
* Eine neue Militärvorlage kündigt die ,Post, für die nächste Reichstagssession als „keineswegs ausgeschlossen" an. Die Untersuchungen über die viertenBataillone hätten für dieHalbbatail- lone so ungünstiges Resultat ergeben, daß man sich vielleicht genöthigt sehen werde, noch vor Ablauf der bis zum Jahre 1899 festgelegten „Probezeit" für die 2-jährige Dienstzeit in der Organisation der vorbereitenden KadreS für die 4. Feldbataillone innerhalb der Grenzen derjetzigen Präsenzstärke eine Aenderung eintreten zu lassen. Ob und wieviel Geld diese Aenderung kosten wird, verräth die ,Post' nicht. Selbst wenn dieselbe keine oder doch nur unwesentliche Kosten verursachen sollte, hätte unseres Erachtens der Reichstag zum Wenigsten die Pflicht, bei dieser Gelegenheit dafür zu sorgen, daß die zweijährige Dienstzeit auS einer probeweisen in einer dauernde Einrichtung umgewandelt werde.
* Um die Wiedererlangung der Präfidentenstelleu im Reichstage entwickeln die Konservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen einen Eifer, der ergötzlich ist, wenn man sich erinnert, mit welcher Mißachtung gegen den übrigen Reichstag dieselben Parteien ihre Präsidentenstellen Ende März niedergelegt haben. Dabei sind diese drei Parteien untereinander nichts weniger als einig. Der ,Hamb. Korr.' meint, die Mittelparteien, Reichspartei und Nationalliberale, dürsten nie und nimmer für das Linsengericht der Erlangung der zweiten Vizepräsidentenstelle irnReichStagspräsidium das konservativ- klerikale Waffenbündniß fördern, welches hinter den Vorschlägen der ,Germania' lauere. Um einen Anspruch auf die zweite Vizepräsidentenstelle nach der Stärke der Fraktionen zu konstruiren, rechnet der ,Hamb. Korr.' die Freikonservativen und National- liberalen als „Mittelparteien" zusammen. Das ist durchaus willkürlich. Einen Begriff „Mittelparteien" kennt man im Seniorenkonvent nicht; die Freikonservativen rechnen dort nicht zu den Nationalliberalen, sondern zu den Konservativen.
* Allerlei Kartellpläne tauchen jetzt wieder, wie das kurz vor jeder Parlamentssession so üblich ist, ht der Presse der ehemaligen Kartellparteien auf. Es ist auch nichts Neues, wenn die ,Kreuzztg.' ein „Zusammen- toirten" der ehemaligen Kartellparteien mit dem Centrum empfiehlt. Von diesem „erweiterten Kartell" ist ja auch im Sommer 1894 bei Gelegenheit des Kampfgeschreies „gegen den Umsturz" sehr viel die Rede gewesen, und eS hat ja dann im Reichstage auch nicht an einer Probe auf das Exempel gefehlt. ES wurde ja wirklich der Versuch gemacht, eine „Umsturzvorlage" auf Grund eines Zusammenwirkens des Cen- ttums, der Konservativen und der „Mittelparteien" zu Stande zu bringen. Aber dieser Versuch ist kläglich gescheitert; die Probe ergab, daß das Zentrum in allen grundsätzlichen Fragen von den Nationalliberalen durch ' eine ebenso breite Kluft getrennt ist, wie von den Sozialdemokraten. Nattonalliberale wie Sozialdemokraten stehen ja beide aus dem Boden der gleichen materialistischen Weltanschauung, nur daß die Sozialdemokraten dabei etwas konsequenter und auch etwas gerechter sind — wie sollte eS da dem Centrum möglich sein, mit dem einen materialistischen Bruder zusammen gegen den anderen materialistischen Bruder ein „Gespann" zu bilden und den Kamps auf dem Gebiete zu führen, auf dem allein die Entscheidung fallen kann: aus dem Gebiete der Grundsätze, der Weltanschauung ?
* Gegen Minister v. Bötticher wendet sich wieder einmal das Organ des Fürsten Bismarck. Der Altreichskanzler ist verdrießlich darüber, daß der offiziöse ,Hamb. Korresp.' ausgeführt hat, die Staatssek re-