Einzelbild herunterladen
 

M 272 Diensrag, 26 November W5 22. Jahrgang

MMkiWZeMW mit Unterhaltungs-Heringe „Sterne uub Klumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig, it i ernte kosten die einsvaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pi. R-klamen die Petitzeile 25- Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

21. Kommunal-Landtag.

(Schluß.)

! Kassel, 23. November.

In der letzten Sitzung kamen weiter folgende An­träge zur Berathung:

7; Antrag des Abgeordneten Berta- Soden:

„Hoher Kommunal-Landtag wolle beschließen, daß die Ünterhaltuna der vorhandenen und der Neubau und die Unterhaltung der noch erforderlichen Landstraßen und Landwege den Kreisen auf deren Antrag unter Ueberweifung der hierfür vorhandenen Mittel übertragen werde."

Namens des Hauvtausschusses berichtete und beantragt Landrath von Schwertz eil,

„Der Kommunal-Landtag wolle den Antrag des Abgeord­neten Berta:

„Hoher Kommunal-Landtag wolle beschließen, daß die Unterhaltung der vorhandenen und der Neubau und die Unterhaüung der noch erforderlichen Landstraßen und Landwege den Kreisen auf deren Anttag und Ueber- weisung der hierfür erforderlichen Mitteln übertragen werde,"

dem Landes-Ausschuß zur Prüfung und Berichterstattung bis zur nächsten Tagung des Kommunal-Landtages, sowie gleich­zeitig das denselben Gegenstand betreffende Schreiben des Vor­sitzenden des Kreis - Ausschusses zu Frankenberg vom 13. Nov. 1895 als Material überweisen.

(Ueber diesen Anttag, der angenommen wurde, haben wir schon gestern in einer besonderen Korrespondenz berichtet. D. Red.)

8. Vorlage des Landes - Ausschusses betreffenb die Förde­rung bet Baues von Kleinbahnen durch den Bezirks- Verband.

Namens des Haupt - Ausschusses berichtete Oberbürger­meister Gebeschus -Hanau und stellt den Anttag:

„Hoher Kommunal-Landtag wolle beschließen:

I. Eine Unterstützung von Kleinbahn - Unternehmen inner­halb des Regierungsbezirks Kassel kann durch den Bezirks- Berband unter folgenden Bedingungen erfolgen:

1) Die Kleinbahn muß geignet sein, die zu erschließenden Theile des Regierungsbezirks erheblich in ihrer wirth- schaftlichen Entwickelung zu fördern.

2) Die Bahn darf nicht lediglich von privaten Unter­nehmern ins Leben gerufen werden.

3) Die Nächstinteresfirten (Kreise, Gemeinden, Grund­besitzer, Industrielle) müssen sich mindestens mit einer Summe betheiligen, welche mindestens der von dem Bezirksverband als Darlehn zu gewährenden Summe gleichkommt. Wird das Darlehn des Bezirksverbandes einem dieser Nächstintereffirten (Kreise, Gemeinden u. s. w.) gewährt, so kommt für dessen Betheiligung der gewährte Darlehnsbettag nicht mit in Rechnung.

4) Außer der unter 3 angeführten Betheiliguug haben die Jnteresienten die Kosten des Grunderwerbs oder die Entschädigung für Nutzungen und Wirthschafts- erfchwernisse und die Kosten der Vorarbeiten allein aufzubringen, auch den Nachweis zu führen, daß die Aufbringung des Restes des Anlagekapitals gesichert ist.

5) In finanzieller Hinsicht muß an der Hand spezieller \ Ertragsberechnungen ein nach dem Ermessen des ? Landes-Ausschusses genügender Nachweis erbracht fein, I daß das Unternehmen aus alle Fälle mindestens die s Betriebskosten zu decken im Stande fein wird.

6) Dem Bezirksverbande muß im Falle der Unterstützung t ein nach dem Ermessen des Landes-Ausschusses aus- i reichender Einfluß aus die Gestaltung des ganzen | UnterMhmens, auch die Wahl der Linie, den Bau f und Betrieb der Bahn und die Bildung der Tarife * gesichert werden. Demselben sind alljährlich die Rech- |

KeidnoU und freudvoll.

Novelle von L. v. Neidegg.

.(20. Fortsetzung.)

Elisabeth erröthete vor Unwillen. War er möglich, daß Jemand, der neben ihr gesessen und dem sie ihre Huld zugewendet, das Verlangen tragen konnte, einer andern Dame sich zu nähern, obendrein diesem unan­genehmen Geschöpfe? Mit einem strafenden Blick sah sie Herr Grafen an.

Spöttisch lachte Carry auf: „DaS da? Das ist ja gar kein Gast, daS ist die Gouvernante!"

„Die Gouvernante?" wiederholte Tiefenbach im Tone äußerster Verwunderung. „Wie heißt sie?"

„Aber Vetter Robert, daS kann Sie doch nicht interessiren," meinte Carry „Ich will aber Ihre Neu­gierde befriedigen. Grashosi heißt sie und eine imper­tinente Person ist sie."

Er hatte sein Augenglas ausgesetzt und sah Anna nach, wie sie mit dem Kinde dem Schlosse zueilte. Carry'S Antwort schien er ganz zu überhören.

„Mit welcher Anmuth sie dahin geht!" sagte er E halblaut vor sich hin. „Ganz wie . . , wie . . . und l das herrliche weiche Organ, wie Cordelia, sweet and > low . . Er unterbrach sich: „Wissen Sie denn be- s stimmt, daß das Fräulein GraShoff heißt?" fragte er ; plötzlich. „Heißt sie nicht etwa Neudingen?"

nungsausweise, Bettiebsübersichten, Berwaltungskosten u. s. w. von der Betriebsleitung vorzulegen.

n. Unter vorsteheubeu Bedingungen wirb der Lanbes-Aus- schuß ermächtigt, unkünbbare Darlehne bis zur Höhe von ein Drittel (33*/s °/o) des Bau- unb Betriebs- Kapitals gegen Jahresleistungen von minbestens l'/t °/o Jahreszinsen unb V/i’/o jährlichen Abtrag bet gegebenen Summe zu gewähren.

Erzielt der Betrieb ber Bahn nach Abrechnung bet Beträge für Verzinsung des sonstigen Anlagekapitals mit 31/! o/o unb Abtrag desselben mit l1 a °/o einen Reinertrag, so ist dieser zur Erhöhung ber an den Bezirksverband zu zahlenden Zinsen und zwar bis zu demjenigen Zinsfüße zu verwenden, welchen der Bezirksverband selbst für die betreffende Eisenbahn-Anleihe zu zahlen hat.

Das Darlehu kann gegeben werben an die zum Bau und Betriebe der Bahn gebildeten Gesellschaften (Aktien- Gefellfchasten, Genossenschaften u. s. w.) gegen Verpfändung der Kleinbahnen zur ersten Hypothek, oder an die bei dem Bahnbau betheiligteu Kreise bezw. Gemeinden des Re­gierungsbezirks, deren Haushalt die genügende Sicher­heit bietet.

III. 1) Zur Beschaffung bet erforderlichen Mittel sind An­leihen bis zum Höchstbetrage von 31/« Millionen auf. zunebmen. Den Zeitpunkt unb bie Bedingungen für die Ausnahme bet Anleihen unb bie näheren Beding­ungen für die Gewährung ber Unterstützungen in jebent einzelnen Falle bestimmt ber Landes-Ausschuß.

2) Dem Kommunal-Landtage ist in seiner nächsten Sitzung über das tu Ausführung dieser Beschlüsse Geschehene zu berichten unb ist ihm ein Vorschlag über Bildung eines besonderen Kleinbahnenfonds zu machen.

3) Der Landes-Ausschuß wird ermächtigt, die unentgeltliche Benutzung der Landstraßen des Bezirksvetbandes zur Anlage von Kleinbahnen unter den durch Beschluß des Kommunal-Landtages vom 22. November 1894 (An- läge 31 der Landtags - Verhandlungen von 1894' ge­nehmigten Bedingungen auch fernerhin zu gestatten.

Die Anträge fanden die Genehmigung.

9. Bericht bet Re chnun gs-Prüfungs-Kommission. Derselbe umfaßt die Prüfung fämmtlicher Jahres - Rechnungen von 1893, die den Anträgen gemäß für abgehört erklärt wurden.

Es erfolgten darauf die Ergänzungswahlen für den Landes- ausschuß. Gewählt wurden Justizrath Dt. Renner mit 33, Oberbürgermeister Westerburg - Kassel mit 53, Bürgermeister Winter-Homburg mit 52, Kammerherr von Pappenheim mit 59 und Gutsbesitzer Biers chenk mit 59 Stimmen. Die Wahl ber Stellvertreter geschah durch Acclamation unb fiel auf die Abgeodneten Gutsbesitzer Wilhelm Beinhauer-Vollmats- Hansen, Bürgermeister Schösser-Gelnhausen, Bürgermeister Fenge-FelSberg, Bürgermeister Dohme-Kleinwieden und Guts- besitzet Friedt. Psann stiel-Weidenbrunn. Zum stellvertretenden Vorsitzenden designirte die Versammlung mit der absoluten Ma­jorität von 28 Stimmen den Abg. Obetbürgetmeistet Wester­burg. Die Wahl war mittels Stimmzettel vorgenommen worden. 24 Zettel lauteten aus Justizrath Dr. R en uer-Kassel.

Hiermit hatte der Landtag sein Pensum erledigt. Se. Exzellenz der Herr Oberpräsident Magdeburg hielt darauf folgende Ansprache:

„Geehrte Herren! Nach nur kurzer Tagung, aber nach anstten- gender Arbeit haben Sie Ihre Geschäfte zur Erledigung und zum Abschluß gebracht. Mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Ihre Thätigkeit, für die ich Ihnen den Dank der Staatsregie- rnng aussprechen darf, günstige Erfolge haben und dem Bezirke zum Segen gereichen möge, schließe ich im Allerhöchsten Auf­trage die 21. Tagung des hessischen Kommunallandtages."

Mit einem vom Herrn Präsidenten aus Se. Maj. den Kaiser und König ausgebrachten Hoch, daS begeisterte Aufnahme fand, ging die Versammlung auseinander.

Carry, welche für den Namen keinerlei Erinnerung hatte, schüttelte verneinend den Kopf, lachte wieder und neckte ihren Vetter damit, daß er die Gouvernante am Ende für eine verkleidete Prinzessin halte.

Elisabeth hingegen war zusammrngefahren, als sie den Namen hörte. Ihr war, als habe urplötzlich ein greller Blitzstrahl alles um sie her mit fahlem Scheine erhellt. Die Aehnlichkeit dieser Person mit ihr, die gegenseitige Abneigung zwischen ihr und jener: am Ende war eS wirklich die verschollene, die tobt oder in Amerika geglaubte Cousine! Und vor einigen Jahren hatte eS ja geheißen, Ttefenbach habe eine Leidenschaft für diese gehegt. Sollte diese noch nicht erloschen sein? Glücklicher Weise wollte das Mädchen, wenn eS wirk­lich Anna von Neudingen war, offenbar unbekannt bleiben. Hoffentlich war die Tante, die taktlose, un­berechenbare Tante, nicht von der Identität dieser Mamsell GraShoff mit der Cousine Neudingen unter­richtet, konnte also Tiesenbach keine Aufklärung darüber geben. Noch war nichts verloren. Gelang es, Tiefen­bach zu einer Erklärung zu drängen, ehe er die Perfon gesprochen, dann war ihr Spiel gewonnen; dem ge­gebenen Wort würde der Graf nicht untreu werden. Nur war vor allen Dingen zu vermeiden, daß die Sache weiter besprochen würde. O, wenn eS nur an­ginge, die lästige Person aus dem Hause zu schaffen, damit Tiefenbach ihr nicht begegne!

Deutsches Reick.

Berlin, 25. November.

* DaS Kaiserpaar fuhr gestern Vormittag nach der Friedenskirche, wohnte dem Gottesdienste daselbst bei und legte im Mausoleum am Sarge des Kaisers Friedrich Kränke nieder Um 12 Uhr empfing der Kaiser den Chef der Geh. Civil-Kabinets Dr. v. LucanuS zum Borttage. — Heute ftüh begab der Kaiser sich zur Jagd nach Barby und traf Abends im Neuen PalaiS wieder ein. Morgen Abend gedenkt der Kaiser der ersten Aufführung der neuen Sullivan'schen Oper „Jvanhoe" im Opernhause beizuwohnen. — Der Kaiser wird am Mittwoch einer Einladung des Staats- und Finanzministers Miquel zur Tafel entsprechen.

* Der deutsche Gesandte in der Schweiz Dr. Busch ist am Montag in Folge von Lungenblutungen an Herzschwäche gestorben. Der Verstorbene war im Jahre 1834 in Köln geboren. An dem Berliner Kon- grefle und der Kongokonferenz, in der er zumeist den Vorsitz führte, war er hervorragend betheiligt. Zuerst Dragoman (Dolmetscher) in Konstanttnopel, später als Konsul in St. Petersburg, als Rath im AuSwärttgen Amt in Berlin, als Generalkonsul in Pest thätig, wurde er 1881 Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, 1885 Gesandter in Bukarest, 1888 in Stockholm und 1892 in Bern.

* Der Laudeseisenbahurath ist für den 13. Dezember zu einer Plenarsitzung berufen. Der ständige Ausschuß desselben hat am Freitag einstimmig die Einführung von Staffeltarifen für Gruben­hölzer abgelehnt.

* Sin Zusammenwirken von Konservativen, Sentrnm u.nd Rationalltveralen im Reichstage wird von der ,Kreuzztg.' befürwortet und dies zugleich als Ansicht der Regierung bezeichnet. Natürlich sollen die Konservattvm in diesem trauten Verein die Führung haben. Aber diese kleine Eitelkeit wollen wir der .Krzztg.' gern verzeihen, wenn sie uns nur anzugeben vermag, wie sie sich die Möglichkeit eines Zusammen­wirkens des Centrums mit den Nationalliberalen denkt. Sie selbst sagt doch, diese beiden Parteien könnten niemals „ein Gespann" bilden; warum das eher mög­lich sein soll, wenn die Konservattvm noch hinzutreten, ist uns ein Räthsel.

* Im .Volk' erklärt Frhr. v. D u r a n t, das be­kannte konservative HerrenhauSmitglied: Wenn auf dem Breslauer Parteitage der Konservativen Schlesiens eine Abstimmung (durch Aufftehen oder Sitzenbleiben) über die vorgeschlagene Resolution erfolgt wäre, so würde er gegen dieselbe gestimmt haben, weil sie nicht in hinreichend unzweideutiger Weise zum Ausdruck bringe, daß die konservative Partei hin­sichtlich des Erlasses eines BolkrschulgesetzeS nach wie vor nicht daS HerauSgreifen einzelner Punkte wünscht, sondern die Regelung der gesummten Materie auf einmal verlangt. Das .Volk' bemerkt zu

Dies waren die Gedanken, die ihr Hirn schnell durchkreuzten, während sie neben der scherzenden Carry und dem nachdenklich gewordenen Grafen einherging. Eine Regung des Mitleids mit der verarmten ver­lassenen Cousine blieb ihr fern; ebenso wenig beschäf- ttgte sie die Sorge, was wohl auS derselben werden solle, wenn es ihr gelänge, dieselbe auS dem Holler- brunn'schen Hause zu drängen. Es war, wie Frau von Burkersdorff bemerkt hatte: für sie existirte nm sie selbst — und wiederum sie. Demgemäß hatte sie nur die eine Besorgniß, inwiefern diese Begegnung auf ihr eigenes Geschick von Einfluß sein könne.

Elisabeth schüttelte die lästigen Gedanken ab, und mit einem gewinnenden Lächeln, das fte um so besser kleidete, als eS selten ihre kalten Züge verschönte, wandte sie sich Tiefenbach und ihrer Cousine wieder zu. Carry, die es an sich hatte, einen Witz bis zum Ueberdruß tobt zu reiten, hatte unaufhörlich ihren Vetter mit seinem verstörten Aussehen geneckt und bie Frage aufgeworfen welcher Art wohl ber Geist ge­wesen fei, besten Anblick ihn so ganz außer Fassung gebracht habe. Sie ahnte nicht, wie nahe sie mit ihren Vermuthungen der Wahrheit kam.

Jawohl, ein Geist war vor ihm aufgestiezrn: der Geist seiner ersten Liebe, der Geist seiner fröhlichen Jugend. Er mochte sich zusammen nehmen, so viel er konnte: es gelang ihm nicht, denselben zu bannen. Er