ihr aber gezeigt, daß eine ernste Aufgabe ihrer harre: ihre Mutter, die schon lange den Keim einer ernsten Leidens in sich trug, erkrankte schwer. Der Vater war verschwunden — unb war, wie viel er von den Mitteln aus dem Schiffbruche gerettet und mit sich genommen, toitrbe seiner Familie nie klar — chr Bruder ging nach Amerika. Damit waren ihr heilige Pflichten auferlegt und sie vor der Gefahr behütet, in senümentaler Selbstsucht unterzugehen.
An Geist und Körper gebrochen, verließ die Mutter das Krankenlager und Anna gab sich mit heiligem Ernst ihrer Aufgabe hin, die schwache Frau fortan zu pflegen, für sie zu sorgen, sie gewiffermaßen zu beschützen. Die Uebersiedelung nach Prennberg hatte darauf stattgefunden, und tapfer hatte das Mädchen in den Jahren, die seither verfloffen waren, gegen ihre Erinnerungen, gegen ihren Schmerz gekämpft. Schließlich hatte sie selbst gemeint, die Wunde sei vernarbt. Aber, siehe da, die bloße Nennung dieser Namens, die Erwähnung, daß sie Denjenigen Wiedersehen sollte, der im Unglück sich so leichten Herzen- von ihr loS- gesagt hatte, genügte, um daS alte Leid auf'- Neue zu erwecken. . „
Nach und nach legte sich der Sturm m ihrem Innern; sie fing an, ruhig zu überlegen, wie fie sich dem Unerwarteten gegenüber zu benehmen habe. Ihr erster Gedanke war gewesen zu fliehen; unter irgend einem Vorwande schnell abzureisen und dann chre Kündigung einzusenden. Den Plan verwarf sie nun als feige und als ihrer unwürdig. Ich habe es übernommen, Martha'S Erziehung zu leiten, sagte sie sich. Dieser Verpflichtung muß ich Nachkommen, so lange nicht zwingende Gründe mich davon entheben. Wir müffm auShalten auf dem Platz, den Gott unS im Leben anweift; Er weiß am besten, weshalb er für uns der zuträglichste ist. Martha'S Kinderfeele hat sich mir in Liebe angeschlossen; an Gräfin Hollerbrunn habe ich eine wohlwollende Beschützerin gefunden. Undank wäre eS und Feigheit, wollte ich die Pflichten, die Gott mir auferlegt hat, von mir werfen, um vor Demjenigen zu fliehen, der in jener traurigen Zeit sich kalt von mir gewendet hat.
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KridvoU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(18. Fortsetzung.)
Kaum dort angelangt, kam eS wie eine Verwände- lunfl über sie. Fort war die Maske der Gleichgiltigkeit, die sie feit langen Stunden festzuhalten sich bemüht hatte: daS bleiche, ruhige Mädchen war ein leidenschaftliches, mit der Verzweiflung ringendes Weib geworden. Ihre großen Augen brannten und blickten unruhig um sich. ~ c
,So gibt eS für mich keine Ruhe, keinen Frieden auf Erden!" jammerte sie. „Kein Leid foll mir erspart werden!" Dann schlug sie sich mit beiden Händen vor die Brust: „O, über dies thörichte Herz! Verschmäht, verachtet, zurückgestoßen — und doch dem alten Traumbilde noch nachhängend! Wie ist eS möglich, zu lieben, wo man nicht achtet, — zu lieben ohne Gegenliebe?" Laut ausseufzend, ließ fie sich auf einen Sefsel nieder, legte die Arme auf den Tisch und lehnte den brennenden Kopf darauf. Die Erinnerung an vergangene Tage hatte sie überwältigt.
Dante läßt Francesca von Rimini klagen: kein größeres Erdenweh gebe eS, als mitten im Unglück sich der vergangenen seligen Stunden zu erinnern. In vollem Maße trifft dies zu, wenn durch eigene Schuld oder durch Verschulden Derer, die wir liebten, denen wir vertrauten, unser Glück in Leid verkehrt wor-
Stellung mit dem Grafen und Elisabeth in Berührung kommen, sagte sie sich mit bitterem Lächeln. Kam sie ja seit jener stürmischen Crocketpartte nur mehr bei den Mahlzeiten mit den jungen Mädchen zusammen; denn die gemeinsamen Spiele hatten seit jenem Tage aufgehört. War erst Elisabeth verlobt, so würde diese EberSburg gewiß bald verlassen, und zum Vater zurück- kehren, dann war das Schlimmste bald vorüber. ES ist aber ein bitterer Tropfen mehr in meinen Kelch! dachte fie. Sursum corda! — daS Herz zum Herrn empor — Ob Lust, ob Schmerz, alles geht vorüber. In meine Hand ist eS gelegt, ob daS Eine oder Andere für mich zum Segen ausschlagen soll. Also muthig vorwärts, in GotteS Namen!
Als sie endlich einschlief, hatte sie ihr rebellisches Herz zur Ruhe gesprochen; ein friedlicher Ausdruck lag auf ihren Zügen, ein Lächeln der Entsagung umspielte ihren Mund.
8.
Der von Martha so sehnsüchtig herbeigewünsche Augenblick war gekommen — das Festmahl sollte beginnen.
Paarweise traten die Gäste in den Speisesaal, in dessen einer Ecke in bescheidener Zurückhaltung die Er- zieherin mit ihrem Zögling stand. Man setzte sich zu Tisch. Während Anna bleich und die Augen kaum von ihrem Teller erhebend da saß, sah die kleine Martha ganz strahlend aus und ließ die Blicke rastlos umher- schweifen. Sie beobachtete alles und machte halblaut über alles ihre Bemerkungen. Plötzlich stieß sie die Erzieherin an: „Sehen Sie Elisabeth?" fragte sie leise.
Anna blickte auf. Ja, dort saß Elisabeth, schön und stolz wie eine Königin. Ihr schwarzes Haar hatte sie heute in ein schwarzes Diadem über der Stirne geordnet; rothe Blumen leuchteten daraus hervor. Eine zarte Röthe schimmerte auf ihren Wangen; aus den' sonst so seelenlosen Augen sprach Befriedigung und Zuversicht, sogar ein wärmeres Gefühl. Neben ihr saß Graf Tiefenbach. Zu Tifche geführt hatte er sie nicht; um Aufsehen zu vermeiden, hatte man ihr ihn nicht al« Cavalier gegeben. Doch aber war eS so eingerichtet worden, daß er neben sie zu sitzen kam.
Anna'S Herz pochte laut, als sie ihn erblickte. Ja, daS war er — Robert Tiefenbach! . . . Ernst war er stets gewesen, jetzt schien er noch ernster geworden. Wohl unterhielt er sich lebhaft mit seiner schönen Nachbarin; aber in seinem Gesichte war nichts von jenem glückseligen Ausdruck zu entdecken, der damals dasselbe verklärte, als er so oft mit ihr sich unterhal- ten hatte. Ja, damals! Nun, Alle waren ja älter und ruhiger geworden in den langen Jahren." Damals war eS eben ein augenblickliches Ausflackern gewesen; jetzt würde seine Liebe wohl ein ruhiges, still glim- mendes Feuer fein, genügend, sein und Elisabeth'« ganzes Leben zu erwärmen.
Er sah nicht zu ihr herüber, und er würde sie, da er kurzsichtig war, auch kaum erkannt haben, wenn er sie bemerkt hätte. Wie albern war sie doch gewesen, sich vor diesem Zusammentreffen mit ihm zu fürchten! Er würde ja gar nicht erfahren, daß er mit ihr unter einem Dache sei; und sollte er auch durch einen Zufall auf ihr Dafein aufmerksam gemacht werden — für ihn war sie ja vergessen und verschollen, für ihn hatte sie ausgehört zu sein . . .
Das Diner dünkte ihr endloS; endlich war eS vorüber, und die Gesellschaft zerstreute sich. Die älteru Leute nahmen auf einem schattigen, mit Gruppen fremdländischer Gewächse geschmückten Platz in der Nähe des Schlaffes den Kaffee ein, während die Jugend sich in den Park begab, um mit allerlei Spielen sich die Zeit zu vertreiben.
(Fortsetzung folgt.)
vermischtes.
* Noch billig. Gast: „Was, eine Mark kostet daS Beefsteak: das war ja so zähe, daß ich fast eine Stunde daran gekaut habe." — Wirth: „Schadet nichts, deswegen rechne ich Ihnen doch nicht mehr an."
* Sicherheit Bankier: „Wenn rch die große Summe her- oeben foll, müssen Sie mir selbstverständlich Bürgschaft stellen!" — Kunde: „Ich könnte ja zur Sicherheit Ihre Fräulein Tochter hcirathen!" , , , „
* Ein Pessimist. (Zwiegespräch auf der Promenade.) Ich würde es bei Ihrem chronischen Husten versuchen, Ziegen- milch zu trinken." — „O, hören Sie mir auf, im vorigen Sommer habe ich so viel davon getrunken, daß ich statt des Hustens ein chronisches Meckern bekommen habe!"
den ist.
Wie im Fieber zuckte Anna'- Körper zusammen, als fie die Bilder au8 alten Tagen an sich vorüber ziehen ließ. Sie sah sich, ein achtzehnjähriges früh- liches Mädchen, und ihren jungen Nachbar, Robert Tiefenbach, dem sie ihr Herz geschenkt hatte. War er schön? Sie wußte es kaum; sie wußte nur, daß er für sie der Inbegriff aller Ritterlichkeit, alles Edel- muthes war, daß sie ihn liebte mit der ganzen Gluth ihres Herzens. Umsonst wurde sie von der Mutter gewarnt, dem Gefühle nackzugeben. Frau von Neudingen ahnte, daß das Treiben ihres Mannes in kurzem mit einem schrecklichen Zusammenbruche enden müsse; sie sah voraus, daß ein Mann von so unerbittlich strengen Grundsätzen, wie der alte Graf Tiefenbach, ein Mann, dem guter Ruf und Ehrenhaftigkeit über alles ging, seine Zustimmung nicht geben werde zur Verbindung seiner SohneS mit der Tochter eines sinnlosen Verschwenders, dessen Lebenswandel überhaupt kein erbaulicher war. Die Mutterliebe flößte ihr den Muth ein, Robert Tiefenbach gegenüber ihre Schüchternheit zu überwinden. Sie stellte dem zweiundzwanzigjährigen jungen Mann vor, daß feine Aufmerksamkeiten ihre Tochter bloßstellten, daß seine Liebe chr nur Kummer bereiten werde, und bat ihn, derselben zu entsagen, da sein Vater gewiß nimmermehr diese Heirath billigen würde. Wann hätten aber Liebende, Liebende in jenen jungen Jahren ganz besonders, je daran gezweifelt, ihr Ziel zu erreichen allen Hindernisfen zum Trotze? Rodert hatte betheuert, nichts könne ihn in seinen Entschlüssen wankend machen; und müsse er ein Jahrzehnt um Anna dienen, so sei er bereit, eS zu thun. Und Anna? Selig und dankbar, hatte sie ihm geglaubt! Aber sehr bald kam der Zusammenbruch. Gerichtsdiener betraten das Haus, die Habe des Barons wurde gepfändet, seine Güter mußten verkauft werden. Der alte Graf Tiefenbach erschien bei Anna's Vater und hatte ein langes Zwiegespräch mit ihm — sein Sohn Robert aber gab kein Liebes- und kein Lebenszeichen. Wie hatte ihr Herz gehungert nach einer Zeile von ihm, nach einem Trostes- Worte! Richt» war gekommen, als am Tage nach jener Unterredung ein kurzer Brief des alten Grafen an ihre Mutter, worin gesagt wurde: sein Sohr, habe eingesehen, daß seine Bewerbung, welcher das entschiedene Verbot de- VaterS entgegenstehe, eine jugendliche Dhorheit gewesen sei, und habe beschlossen, sich dem Willen des Vaters zu fügen; um allem Gerede ein Ende zu machen, sei Graf Robert auf Reifen gegangen; er bäte das Fräulein, ihn zu vergessen, und schicke ihr seinen Scheidegruß.
Anna überlief eS eiskalt, als fie heute an die Empfindungen zurückdachte, mit welchen sie jenen Brief gelesen. Sie hatte verzweifeln wollen; in wilder Em- , ... ,----, , . . . v
pörung hatte sie um den Tod gefleht. Ta hatte Gott Lager auf. Wenig würde sie in ihrer untergeordneten
Wieder verfank sie in Nachdenken. Grollte sie ihm noch? Nein! Hätte er damals die Heirath mit ihr gegen den Willen feine- VaterS durchsetzen wollen, so hätte sie daS Opfer mit Nachdruck zurückgewiesen. Nicht, daß er ihr entsagt, sondern die Art, wie er es gethan, hatte sie damals so tief verletzt. Ader auch das war jetzt vergeben. Siebte sie ihn etwa noch? Er war nicht mehr das Idealbild ihrer Träume, er war nicht der makellose Held, dem ihr Herz entgegengejubelt hatte; aber dies schwache, thörichte Herz, daS sich so unversöhnlich stellte, das sich selbst unversöhnlich glaubte, suchte immer noch nach Entschuldigung-gründen für ihn. ES vermochte nicht, sich ganz von ihm loSzusagen, geschweige denn, ihn ohne Murren einer Andern sich zuwenden zu sehen.
Einer Andern! Darin lag eben der Stcchel. Und daß gerade Elisabeth diese Andere sein mußte! Bon ihrer frühen Kindheit her schrieb sich die Anttpathie zwischen ihr und der um zwei Jahre jüngem Cousine. Damals hatten die Familien noch Verkehr mit einander gehabt; die zwei Jüngsten waren Spielgenossinnen gewesen. Schon zu jener Zeit war es zu Tage getreten, daß Elisabeth deS VaterS Hochmuth und HerzenS- kälte geerbt hatte. Ihr herrischer Sinn hatte sich selbst bei den kindlichen Spielen geoffenbart, die oft mit erbitterten Kämpfen zwischen den beiden Cousinen ge- , endet hatten. MS dann die Schwester der Baronin \ von Neudingen, Gräfin WackerSreuth, gestorben war, s hatte der Graf WackerSreuth lange Jahre vor der ent» i scheidenden Katastrophe allen Verkehr mit der Familie ' seines Schwagers abgebrochen, und die Cousinen hatten ♦ sich nicht mehr gesehen. Konnte es Anna auch über i sich bringen, dem Oheim zu verzeihen, das Eine hatte । sie nie zu verwinden vermocht: daß Elisabeth kein > Wort des Bedauerns geäußert hatte, als der unheil- ! bare Bruch erfolgt war. Und nun sollte sie eS erleben, j daß unter ihren Augen dieselbe sich verlobte mit dem j Manne, den sie selbst so heiß geliebt!
Sie stützte den Kopf in die Hand; heiße Thränen f perlten über ihre Finger. Mit festem Entschlüsse, auch ? diese neue Prüfung gelassen zu ertragen, unterdrückte i sie jedoch ihre Bewegung, erhob sich und suchte ihr
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Samstag, den 23. November 1895
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