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270 Samstag, den 23. November 1895. 22. Jahrgang

FiildakrWZkituiig

mit Unterhaltrmgs-Kettage „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzcile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Ein vergessenes Paritäts-Kapitel.

Bei der bevorstehenden Tagung des Preußischen Landtages wird auch die Frage des Gehalts der katho­lischen Pfarrer in seinem Verhältniß zu dem der pro­testantischen wohl wiederum zur Besprechung kommen, wie auch die noch brennendere Frage der Besoldung der katholischen Hilfsgeistlichm. Ein Mitarbeiter der Köln. Vztg/ lenkt aus diesem Anlaß die Aufmerksamkeit noch auf einen anderen Punkt, der trotz seiner vitalen Bedeutung für die Zukunft der katholischen Kirche in Preußen seither keine Würdigung gefunden hat, hoffent­lich nur deshalb, weil die einschlägigen Berhälmisie nur in engern Kreisen bekannt sind. Wir meinen die Gehälter der in der Heranbildung der katholischen Geistlichkeit thätigen Priester im Verhältniß zu denen ihrer protestantischen Kollegen. Es handelt sich hierbei vorwiegend um die katholischen Priester-Seminare und die bischöflichen theologischen Lehranstalten; denn die kaiholischen Theologie-Professoren an den kgl. preußischen Universitäten bezw. Akademieen und Lyceen (Bonn, Braunsberg, Breslau, Münster) sind, wenn wir von Braunsberg etwa absehen, wenigstens auskömmlich gestellt, wenn es sich auch wohl kaum wird ausreichend begründen lassen, daß auch hier die katholischen Pro­fessoren im allgemeinen nicht unwesenllich schlechter gestellt sind, als ihre protestantischen Kollegen.

ES gibt in Preußen 9 römisch-katholische Priester­seminare (BreSlau, Braunsberg, Gnesen, Hildesheim, Köln, Limburg, Münster, Osnabrück und Paderborn), 2 bischöfliche theologische Lehranstalten (Paderborn und Posen). Dazu sind an 3 Orten (Kulm, Fulda und Trier) die zwei Arten von Anstalten vereinigt. An diesen 14 Anstalten wirken in der Stellung eines Regens, Subregens oder Professors im Ganzen 55 Prie­ster. Dieselben haben ein durchschnittliches Lebensalter von 50 Jahren und eine durchschnittliche Amtszeit im Kirchen- oder Schuldienst von 24 Jahren hinter sich. Sie sind in ihre verantwortungsvollen Stellungen be­rufen, nachdem sie entweder durch jahrelange Spezial­studien sich „die erforderliche wissenschaftliche Befähi­gung" erworben hatten, „an einer deutschen StaatS- Universität in der Disziplin zu lehren, für welche die Anstellung erfolgte" (Bergl. Art. 2 deS preußischen Maigesetzes von 1886), oder nachdem sie sich Jahr­zehnte lang in der praktischen Seelsorge ausgezeichnet hatten. Die Gehälter dieser Männer bewegen sich je noch dem Dienstalter zwischen 1500 und 3000 Mark (!), wozu nicht etwa Kollegiengelder kommen. Dagegen beziehen ihre protestantischen und altkatholi­schen Kollegen an den Universitäten und Prediger- Seminaren das Doppelte und Dreifache. Das ist ein Mißverhältnis welches auf die Dauer nicht bestehen kann. Die Selbstachtung der preußischen Katholiken, welche doch auch, mit Verlaub zu sagen, Steuern bezahlen, kann es nicht dulden, daß sie sich auf die Dauer mit solchen Verhältnissen abfinden.

Aber nicht nur die katholische Kirche, nein, auch der preußische Staat hat ein vitales Interesse an der Aenderung dieses Zustandes, denn auch der Staat kann doch nur wünschen — und er wünscht eS auch, das beweisen die Gesetze vom 11. Mai 1873 und vom 31. Mai 1882 —, daß der katholische Klerus wissen­schaftlich und praktisch auf der Höhe stehe. Die Leistungsfähigkeit des katholischen Klerus in den

Kämpfen der Gegenwart hängt ab von seiner Tüchtig­keit, und diese hängt ab von der Tüchtigkeit der Er­zieher. ES wird aber auf die Dauer nicht möglich lein, hervorragende Männer für eine Stellung zu ge­winnen, die pekuniär mit der eines städtischen Ele- mentarlehrers auf einer Stufe steht, um so weniger, da für eine auskömmliche Pension im Falle der Dienst­unfähigkeit keine Fürsorge getroffen ist. Höchstens be­steht die trostreiche Aussicht auf 1200 Mk. Emeriten- gelder. Unter diesen Umständen stößt die Besetzung vakanter Stellen mit geeigneten Männern schon jetzt nicht feiten auf Schwierigkeiten. Geistliche Gymnasial- Oberlehrer oder Pfarrer, selbst Landpfarrer, lehnten schon mehrfach die Berufung an eine der oben ge­nannten Anstalten ab. Wenn es deshalb so bleibt, lassen sich diese Anstalten nicht auf der Höhe halten. Wir treiben dann Zuständen entgegen, wie wir sie etwa in Frankreich herrschen sehen, wo ein mit gutem Erfolg bestandenes, gewöhnliches theologisches Examen als genügende Qualifikation für eine Professur an einem Seminar nicht selten angesehen wird, wo aber auch die Ernennung eine® solchen „professeur“ zum Pfarrer als Beförderung gilt. ^Derartige Zustände sind aber nicht nur für die Kirche, sondern mich für den Staat von unberechenbarem Nachtheil.

Zur Etymologie geographischer Namen.

3. Der Name „Rhön".

Unter den Forschern scheint man die Hoffnung aufgegeben zu haben, für den Namen „Rhön" eine befriedigende Erklärung zu finden. In der.West­deutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst', Jahr­gang I. S. 6, sagt Arnold: „Der Name der Rhön ist unzweifelhaft lettisch," er vermag aber nicht anzu­geben, was dieser Name im Keltischen bedeute. Man hatte versucht, denselben aus dem Deutschen zu er­klären. v. Eckhart, „Commentariide rebus Franciae orientalis“, tom. I. S. 3 leitet ihn von dem Worte „rauh" ab und hält ihn für bezeichnend, da dir Rhön ein »terra iractus asper et culturae impatiens“ sei. Jäger, „Briefe über die hohe Rhone Frankens", S. 8, hält es dagegen für wahrscheinlich, „daß Rhön oder Rön eben das Wort Rain (Anhöhe) mit Auslaffung des Selbstlauters i ist." Arnold, „Ansiedelungen und Wanderungen deutscher Stämme" S. 48 zweifelt an der deutschen Herkunft unseres Namens und sagt: „Der Name Rhön möchte eher keltischen als deutschen Ursprungs sein, wenn es auch fraglich ist, ob er geradezu irisch rinn — mons gehört."

So aussichtslos scheint mir die Sache denn doch nicht zu sein, daß man zu der irischen Sprache greifen müßte. Entsprechendes Wörtermaterial zu befriedigender Deutung liegt viel näher.

Da ist zunächst in Tyrol zwischen dem Nousberge und dem Etschthale ein Monte Roen, welcher wie ein Namensvetter der Rhön aursieht; er heißt auch Roveno und Rovena, siehe Schneller „Tyrolische Namen- l forschimgen" S. 70, welcher diesen Namen von rubus = Brombeerstrauch, Dornstaude ableitet und hinweist auf ruberus — locus rubis consitus. Diese Erklärung wird wohl nicht richtig sein, man wird besser thun, an italienisch rovina—Einsturz, rätoromanisch ruinna — Erdschlipf, aus lateinisch ruina — Einsturz, Trümmer zu denken; siehe Götzinger, „Die romanischen Ortsnamen des Kantons St. Gallen," S. 73. Lateinisch ru-ina wird von Vanicek „Etymologisches Wörterbuch der

lateinischen Sprache" S. 241 zu der Wurzel ru — stürzen, zerschlagen, zerschmettern gestellt. — Aus dieser indogermanischen Wurzel hat auch die deutsche Sprache sich ein Wort getobet

Schade, „Altdeutsches Wörterbuch", verzeichnet rono, ronc, ron = umgestürzter Baumstamm, Klotz; Graff, „Althochdeutscher Sprachschatz" 2. Theil, S. 522 hat rona — Rahne, truncus; dieses Wort hat sich in einzelnen Gegenden bis in die Neuzeit erhalten. Bei Schneller „Bayerisches Wörterbuch" II. S. 116 heißt es: die Ronen oder Ron — Baumstamm, be­sonders ein vom Wind sammt den Wurzeln ausge- riffener; aus der Inschrift einer Unglückstafel werden die Worte angeführt: „Da ligt ein alte Rohn, darauf setzt er sich" u. s. w. Aus dem Worte rono sind, wie Schade erklärt, die Zeitwörter berunen — mit oder wie mit umgestürzten Baumstämmen versperren und verrünen, verronen — mit Baumstämmen versperren, Überhaupt versperren, verrammeln entstanden. Schmeller citirt: verrönen — obruere,verrönet — obnitus. Hiernach scheint eS, daß aus rono und rona — umge­stürzter Baumstamm die weitere Bedeutung: Schlag­baum, die (aus umgestürzten Baumstämmen gebildete) Saniere, Schanze, Barrikade sich entwickelt hatte. Eine solche Benennung paßt recht gut auf die „12 Stunden lange Kette von schön gestalteten Bergen gleich einer Niesenmauer aufgebanet"; vergl. Pfister, „Kleines Handbuch der Landeskunde von Kuryessen" S. 32. Unsere kriegerischen Vorfahren konnten die vielen steilen Kuppen der Rhönberge als die Köpfe von Schanzpfählen und das ganze Gebirge als eine Riesenschanze ansehen.

Diese Bezeichnung eines Gebirges als Schanze steht nicht vereinzelt da, der Name Sudeten bedeutet das Nämliche. Bei Ducange, „Glossarium mediae et infimae Latinitatis“ wird suda erklärt als fossa seu. potius vallum, vel sudes, quibus vallum ipsum et castra muniuntur; und aovdaTov. allem Anscheine nach aus lat. sudis der Schanzpfahl abgeleitet, wird mit vallatum übersetzt. Neuere Forscher haben nachzu­weisen versucht, daß der griechische Geograph Ptolernäus, der einzige, bei welchem die Sudeten

Zovdtta vorkommen, dieselben schon mit dem Thüringer Wald anfangen ließ. Es ist möglich, daß er auch die Rhön zu jenem großen Gebirgswalle gerechnet hat.

Hofbieber. Noll.

Vermischtes.

* Wie man sich in Bayern einen Rheinpreußen vorstellt, daS sagt uns der bauernbündlerische ,Niederbayerische Anzeiger", der von einem Herrn Held redigirt wird; derselbe schreibt: „Auch eine Täuschung! In verschiedenen Blättern wird breit­spurig erzählt, wie der verstorbene Mitredakteur des.Bayerischen Vaterlandes" (Herr Dr. Lang) ein Vollblutbayer gewesen sei. Dieses Mährchen ist gänzlich erfunden. Wie wir aus des Ver­storbenen eigenem Munde wissen, da ihn wegen eines seiner Werke ein Bekannter von unS besuchte und ihm wegen seiner literarischen Thätigkeit einige Komplimente machte, hat sich (dem gegenüber wenigstens) derselbe mit Stolz und Emphase als Preuße bekannt. Derselbe ist nämlich ein Rheinpreuße. Unser Bekannter hatte ihn als Landsmann begrüßt, da er in dem fein geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichte, den durchgeistigten Augen, dem schwärmerischen, ätherischen Wesen desselben einen Altbayer ä la Dr. Sigl vermuthete. Unter einem Rheinpreußen stellt man sich in Bayern nämlich sonst ein derbknochiges Gesicht mit malayenartig hervorstehenden Backenknochen vor, kurz eine Visage, die an einem Kürbiskopfe klebt, als ob der Absatz eines Kürassierstiesels in einen Kuhfladen getreten wäre." (In der Thal homerisch heldenhafte Worte; nur schade, daß Herr Dr. Lang kein Rheinpreuße, sondern wirklich ein Bollbluibayer war, berat er stammte aus der Gegend von Füssen im Allgäu. D. Red.)

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