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J£ 269 Freitag, den 22. November 1895 22. Jahrgang

FnldaerWZeitillig

mit Unterchaltnngs-KeUage „Sterne und Klnmen".

Scftdnt ttgttch, 6*w anb getertege ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsprei« ohne Bringerlohn eno Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Sarmondjeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Etwas vom Bolksverein für das katholische Deutschland.

Dem Jahresberichte des BolkSvereinS für 1894, der auf der Generalversammlung zu München am 27. August 1895 erstattet wurde, entnehmen wir, daß der Verein Ende 1894 160,000 Mitglieder zählte und somit gegen 1893 einen Zuwachs von 12,455 Mit­gliedern zu verzeichnen hatte. Mehr als 500 Volks­versammlungen wurden abgehalten und 2,545,500 Druckschriften verbreitet. Der Gründung von VolkS- bureauS wurde eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, Arbeitervereine wurden durch Zusendung von Schriften für ihre Bibliotheken unterstützt, die Ausbreitung von Arbeiter-, Arbeiterinnen-, Jünglings-, Lehrlings- und Mägde-Vereine wurde mit Rath und That gefördert.

Der Bericht sagt weiter wörtlich: „In den ein­zelnen Bezirken Deutschlands haben erfteulicher Weise die Geschäftsführer und Vertrauensmänner eine wachsende rege Vereinsthätigkeit besonders in der Agitation ent­wickelt, die sich vornehmlich auf öfteren Zusammen­künften und in eifrigem Briefwechsel mit der Central­stelle kundgab. Eine immer größere Zahl tüchtiger Männer ist dadurch für unser öffentliches soziales Leben gewonnen, wohl der schönste Erfolg des VolkS- vereinS?" Soweit der Bericht für das Jahr 1894.

Wir haben begründete Hoffnung, daß der Bericht über das Jahr 1895 noch viel günstiger ausfallen wird, denn aus allen Gauen unseres Vaterlandes konnte man in den katholischen Tageszeitungen fast in jeder Woche Berichte über glänzend verlaufene Versamm­lungen des Volksvereins lesen, so z. B. wurden am verflossenen Sonntag und Montag, den 17. u. 18. Nov , in unserer Nachbardiözese Limburg in den Orten Schwanheim, Sossenheim und Moxheim drei große Versammlungen abgehalten, in welchen die Herren Dr. Pieper-M.-Gladbach, LandtagSabg. Cahensly- Limburg, Dr. Lück-Wiesbaden, Redakteur Cap al lo- Limburg, sowie die Herren Hartung und Vollmer aus Frankfurt a. M. und andere Herren sprachen.

In unserer kleinen Diözese Fulda beträgt der Mitgliederzuwachs in diesem Jahre allein über 2000. Bei den Versammlungen, die in diesem Jahre in unserer Diözese abgehalten wurden (in Fulda, Großenlüder, Neuhof, Flieden, Thalau, Geisa, Hanau rc), konnte man die Wahrnehmung machen, daß an vielen Orten sehr viele katholische Männer noch nicht wissen, waS der Volksverein ist und was er will. ES ist deshalb mit Freuden zu begrüßen, daß sich immer wieder neue GeschästSführerbezirke bilden, wie wir solcher kürzlich aus Geisa zu berichten in der an­genehmen Lage waren.

Bei der Gründung des Volksvereins hatte die Diözese Fulda nur einen GeschäftSführer-Bezirk mit dem Sitz in Fulda.

Nach der großen Versammlung in Kassel bildete Kaffel für die Stadt Kassel einen eigenen Bezirk und eS wäre zu wünschen, daß mit Beginn deS neuen

KeidvoU und freudvoll.

Novelle von L. v. Neidegg.

(17. Fortsetzung.)

7.

Martha, die Nachmittags zuweilen ein Freiftündchen bei ihrer Mutter zubringen durfte, kam freudestrahlend zu ihrer Erzieherin gestürzt: „Fräulein Grashoff, wir bekommen eine Menge Gäste!"

Anna lächelte. „Warum freut Dich das so sehr?" fragte sie.

„Weil ich gern habe, daß eS recht lustig und lebendig hergeht im Hause," gab das Kind zur Ant­wort. „All' die geputzten Menschen! und bei Tisch gibt es immer köstliche, süße Speisen. Dann und wann wird mir auch eine Lehrstunde geschenkt. Abends machen die Großen Spiele, an denen ich theilnehmen darf. So war eS auch in Walchberg, wo wir sonst im Sommer-Aufenthalt waren. Jeder Tag bringt etwas anderes: schon das ist wunderschön!" JmUeber- maß der Freude fing sie an im Zimmer herum zu hüpfm. Sie umtanzte die Erzieherin, klatschte in die Hände, geberdete sich mst einem Wort ganz ausgelassen m chrer Lustigkeit.

Anna ließ daS Kind gewähren, und ein weh- müthiges Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie

. Geschäftsjahres die Geschäftsstelle Kassel dar ganze Dekanat Kassel und das Dekanat Fritzlar mit in ihren Bezirk einziehen und verwalten wollte. Im Dekanat Amöneburg hat der Volksverein noch die kleinste Anzahl Mitglieder; doch dürste eS auch dorten recht bald anders kommen, indem seit kurzer Zeit für dieses Dekanat (ähnlich wie in Geisa) ein eigener Ge- schästsführerbezirk errichtet wurde, an dessen Spitze Herr Sekretär Florian in Neustadt steht.

Sehr wünschenswerth wäre eS, wenn das Dekanat Hanau ebenfalls einen eigenen Bezirk errichten würde. Wir hoffen, nachdem dort kürzlich eine so glänzend verlaufene Versammlung stattgefunden hat, recht bald von der Gründung eines eigenen Bezirkes Hanau be­richten zu können. Die übrigen Dekanate unserer Diö­zese können schon leichter von Fulda auS bearbeitet werden, immerhin aber wäre es der guten Sache dien­licher, wenn für die Dekanate Hünfeld und Eiter­feld zusammen ebenfalls ein eigener Bezirk gebildet würde.

Arbeiten wir so weiter, so arbeiten wir im Sinne des Begründers des BolksvereinS, unseres seligen W i n d t h o r st, welcher sagte: „Die vorzüglichsten Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie bilden die Presse und die Organisation deS BolksvereinS." Der Volksverein für daS katholische Deutschland ist daS Testament Windthorst'S und soll alle Stände: Arbeiter, Bauern und Bürgerstand umfassen. Sie alle müssen feststehen in dem Kampfe, den Unglauben und Atheis- mus gegen die Religion angefacht haben.

Der Volksverein löst diese Aufgabe in der herr­lichsten Weise durch seine Versammlungen, durch Bro­schüren und durch sozialpolitische Schriften und Flug­blätter, welche er den Mitgliedern kostenlos zustellt; er gibt auch Austlärung durch seine sozialpolitischen Kurse und Auskunft in allen möglichen Fragen durch seine Auskunftsbureaus, an die sich jedes Mitglied durch seinen Vertrauensmann wenden kann. Jedes Mitglied hat jährlich nur eine Mark zu bezahlen, er­hält hierfür achtmal im Jahre die Vereinsschrift nebst verschiedenen Flugschriften gratis zugestellt. Wir können jeden katholischen Mann nur aufmuntern, wenn er noch nicht Mitglied des katholischen Volksvereins ist, recht bald sich einschreiben zu lassen.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. November.

* Der Kaiser stattete heute seiner Mutter, der Kaiserin Friedrich, auf Schloß Rumpenheim einen Besuch ab, um ihr seine Glückwünsche zum Geburts­tage persönlich darzubringen. Abends */«10 Uhr reiste der Kaiser von Schloß Rumpenheim direkt nach der Göhrde, wo morgen die Jagden beginnen sollen.

* Für eine Vermehrung der Feldartillerie wird in Zuschriften „auS militärischen Kreisen" wiederum Stimmung zu machen gesucht: „Die Frage einer der kriegsmäßigen näher kommenden Friedensorganisation

ihr zusah. Sie erinnerte sich ähnlicher Freuden-AuS- brüche aus den sorglosen Tagen ihrer Kindheit. Materielle Genüffe und lustige Unterhaltung gelten ja so viel in jenem Alter. Ach, und in einem spätern wohl auch — für allzu viele Menschen! Panem et Circensea — Brod und Spiele — heißt es für die Einen wie für die Andern.

„Fräulein GraShoff, Sie fragen ja gar nicht, wer kommt?" sagte Martha nach einer Weile, als sie sich müde getanzt hatte.

„Nun, so sage eS mir," bemerkte Anna freundlich, mehr um dem Kinde einen Gefallen zu thun, als aus wirklichen Antheil an dessen Mittheilungen.

„Zwei Vettern KarSberg, eine Baronin Dürmann mit zwei rothhaarigen Töchtern und einem Sohn, der wie ein tanzender Affe ..."

„Genug, genug, Martha! Tu weißt, ich liebe solche Bemerkungen nicht. Ich will weiter nichts mehr von den erwarteten Gästen hören."

Das Kind ließ verschämt das Köpfchen hängen und verstummte für einige Augenblicke. Länger konnte eS aber das Verlangen, seine Neuigkeiten mitzutbeilen, nicht unterdrückens und lebhaft fuhr es fort: „lieber» morgen ist großes Diner; dazu sind viele Gäste ge­laden, die aber Abends Alle wieder gehen. Zum

der Feldartillerie, wenigstens einer Dreitheilung der Feldartillerie des KorpS, muß bis zu ihrer Lösung immer wiederkehren. Die Besorgniß, daß die Feld­artillerie in der Schnelligkeit der Beförderung die Kavallerie oder Fußartillerie, bei welchen MajorS Regimenter kommandiren, oder auch die Infanterie überholen würde, wird Jedem schwinden, der nur einen Blick in die Rang- und AnciennitätSliste wirst."

* Die Gelder des Bonifattus-Bereins werden von den Bismarckischen .Neuest. Nachr.' dem FiskuS denunzirt; das Blatt empfiehlt die „zinSlich angelegten 31/« Millionen des BonifatiuS-Vereins der fteundlichen Berücksichtigung des Herrn Dr. Miquel." Es fügt hinzu: „Für die Erbschaftssteuer-Verwaltung scheint der Bonifatius-Berein ohnehin ein nicht zu unter­schätzender Gesckäftsfreund zu sein." Da sieht man den blassen Neid aus allen Löchern hervortreten; dem Blatte würde es ja natürlich nicht einfallen, in gleicher Weise eine Aufforderung zu erlassen, den Gustav-Adolf-Verein zu „schröpfen."

* DaS Aktionskomitee des „evangelisch-sozialen Kongreffes" beschloß, den nächsten Kongreß zu Pfingsten in Stuttgart zu halten. Es soll auf demselben auch über „die soziale Wirksamkeit des im Amte stehenden Geistlichen, ihre Berechtigung und ihre Grenzen" gesprochen werden, und es dürfte jeden­falls zu erregten Auseinandersetzungen zwischen „Jungen" und „Alten" kommen. Der bekannte Pastor Göhre, einer der hauptsächlichsten Begründer des Kongresses, verzweifelt bereits daran, daß im Rahmen dieser Kon­gresse eine gemeinsame, gedeihliche Arbeit aller pro- testantischen Richtungen möglich sei, und er hat des­halb brieflich seinen Austritt aus dem Komitee erklärt, nachdem ihm weder Stöcker noch Naumann den Ge­fallen gethan haben, ihrerseits im Jntereffe des Friedens zurückzutreten. Diese Kongresse sind bekanntlich in Nachahmung deS kathol. Volksvereins und feiner prattisch-sozralen Kurse entstanden; aber was der katho­lischen Kirche möglich ist und in ihr gedeiht und segens­reich wirkt, daS hat im Protestantismus keinen dauern­den Bestand, weil dessen zersetzende- Grundprinzip und thatsächliche Uneinigkeit nicht lange ein gemeinsames Arbeiten möglich machen. Die katholische Kirche wird eben schließlich den Kampf gegen die Sozialdemokratie allein durchzufechten haben.

* Der Bund der Landwirthe hat eine Kommission eingesetzt zur Berathung über die Umgestaltung der Arbeiterversicherungsgesetze. Nach der .Deutschen TageSztg.' bewegen sich die Vorschläge dieser Kommission in der Richtung, daß beim Alters- und JnvaliditätSgesetze „1. das Markenkleben in Weg­fall kommen soll; 2. die Beiträge der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber in Wegfall kommen sollen und 3. die Kosten der Versicherung durch Zuschläge zur Einkommensteuer aufgebracht werden sollen." — Eine wunderbar einfache Lösung! Aber rechnen scheinen die Herren nicht gelernt zu haben.

* Der Gesetzentwurf über die Errichtung

Dessert gibt es ganz feines Zuckerwerk. Ich habe eS eben anfehen dürfen."

„Bon dem wird Martha kaum etwas bekommen, wenigstens nicht bei Tische," lächelte die Erzieherin. „Ich denke, wir werden wohl allein aus unserm Zimmer speisen an dem Tage."

„O nein!" rief Martha in Hellem Entzücken. Wieder klatschte sie in die Hände und sprang wie ein Kobold im Zimmer herum. „Die Schwestern freilich hätten es gern gesehen, und auch die Mama war dafür, oder that wenigstens fo. Ich machte aber ein fo trauriges Gesicht , daß der liebe Papa erklätte: „Ach, gönnt dem Kinde den Spaß; eS ist ein harm­loses Vergnügen."

„Dann mußt Du aber recht still sein," ermahnte Anna, „und gar nicht vorlaut."

„Ein weißes Kleid mit blauen Streifen darf ich anziehen,"'fuhr Martha unbeirrt fort; die Festfreude überwog jedes andere Gefühl. „O, ich freue mich ganz närrisch, Fräulein Grashoff! Dreißig bis vierzig Per­sonen bei Tische! Von auswärts kommt Oberst Rosen­berg mit seiner Frau, Herr von Wiederhold, Graf Tiefenbach ..."

Schwer senkte sich die Hand der Erzieherin auf den Arm deS Kindes. „Welche Namen hast Du ge­nannt, Martha?"