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Jfä 265

Samstag, Lea 16. November 1895

22. Jahrgang

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- Vierteljährlicher Abounementsvreis ofw SSrinnrrtohn mb Beilcllqeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfenniq ndzeile oder deren Raum 15 $f., Reklamen die 'Bnit^t-ile zä Ps., bei Wiederholungen entjvrechender RadüK

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PW Zweites Blatt.

Zur Etymologie geographischer Namen.

2. DasLTullifeld.

Mit der Bezeichnung Grabfeld, steinige Landschaft, ist die Rhöngegend ganz treffend charakterisirt. Ursprüng­lich wird dieser Name nur für die weiten Steintrüm­merfelder gebraucht worden sein. So hat ihn auch Aegil, der Biograph deS heil. Sturmius, - verstanden. Er erzählt, daß dieser, als er im Buchonischen Urwalde einen zum Klosterbau geeigneten Platze suchte, eines Abends in der Nähe der heutigen Dorfes Bronzell mit einem aus der Wetterau kommenden Manne zusammen­traf und daß letzterer am andern Morgen ad Grapfelt pergere coepit.

In politischer Hinsicht, als Gau und BerwaltungS- Bezirk eines Grafen, reicht^ das Grabfeld über das westliche Ufer der Fulda hinaus bis zum Vogelsberg und erstreckte sich nach Südosten hin bis nach Haßfurt am Main. Es zerfiel in mehrere Unterabtheilungen: das Tultifeld, die Baringe, den Westergau und Haßgau. Nur mit dem Namen des ersteren wollen wir uns hier etwas beschäftigen.

lieber die Grenzen des Tullifeldes sind die For­scher mcht einig. Gegenbaur, Das Kloster Fulda im Karolinger Zeitalter. 2. Buch, 2. Abth., S. 23, läßt es zwischen Ulster, Weida, Fulda und Werra liegen, während Andere ihm eine größere Ausdehnung, besonders nach Norden und Süden hin, geben. Ganz sicher ist, daß die Orte mit den frostigen Namen: Kalten-Nordheim, -Westheim, -Sundheim im Tullifelde lagen.

Da das Grabfeld nach seiner Bodenbeschaffenheit benannt ist, nach einer Eigenschaft, welche dem Wan­derer am meisten in die Augen fiel, so wird man an­nehmen dürfen, daß der Name Tullifeld gleichfalls den Eindruck schilderte, welchen die Rhöntouristen der Urzeit bei dem ersten Anblicke jenes Landstriches empfingen.

Der erste Theil des Wortes Tullifeld, Tollifeld, scheint sich in dem neuhochdeutschen Worte toll erhalten zu haben. Fick, Vergleichendes Wörterbuch der indo­germanischen Sprachen, I. 121 und Hl. 640, stellt dieses Wort zur Wurzel dhval, verwirren, hemmen, trügen, und VII. 155 zur germanischen Wurzel dval, wirren, stören, und leitet davon außer althochdeutsch tol, englisch dull, auch angelsächsisch dvolma, Verwir­rung, Chaos ab. Ebenso hat Diefenbach, Ver­gleichendes Wörterbuch der gothischen Sprache, II. 647: ags. dvolma, caligo, chaos. Von dem nämlichen Stamme leitet Schade, Altdeutsches Wörterbuch, tulisc ab. Toll und tulisc hatten offenbar ursprünglich die Bedeutung: verwirrt (zunächst von materieller Verwir­rung gebraucht). Die Bezeichnung Chaos paßt ganz gut für eine Steinwildniß. Die Bedeutung caligo (Dunkelheit) würde an das angebliche Wahrzeichen der Rhön: nox, nix, nebula erinnern.

Aus der Wurzel dhval haben sich noch andere Be­griffe entwickelt. Fick läßt daraus entstehen dar griechische #oZdg (tholos) Schmutz, Wirrniß. Ebenso B a n i c e k, Griechisch-Lateinisches Etymolog. Wörterbuch, I. 416: #oldg Schmutz, Koth, Schlamm; der dunkle Saft des Tintenfisches, mit dem er das Wasser trübt.

Stephanus, Thesaurus linguae graecae, über­setzt ■S-oÄog sordes turbidae, turbamentum sordidum; turbidus humor, quem sepiae emittunt, atramentum sepiae.

Da nach CurtiuS, Grundzüge der griechischen Etymologie, S 234, das griechische # (th) im Gothi- scheu durch d und im Hochdeutschen durch t vertreten ist, so darf man wohl althochdeutsch tol Rinne, Kanal, Abzugsgraben, cloaca, und ferner tuolla, vallicula, lacuna, barathrnrn (Schlund, Abgrund), siehe Sch ad, Altdeutsch. Wörterbuch, hierher stellen.

Wenn der Name Tullifeld, Tollifeld zu diesem Stamme gehört, so ist man versucht, an dir Moore auf der hohen Rhön zu denken. Die Straße von Batten und Seiferts, welche Orte nach Schannat im Tullifelde liegen, über die Rhön nach Fladungen führt in der Nähe des schwar­zen Moores vorbei. Dieser „große Sumpf" ist nach Jäger, Briefe über die Rhön, gegen 500 Morgen groß. Jener Rhönübergang ist sehr alt, er ist die Fortsetzung der zwischen Kohlhaus und Bronzell die Fulda überschreitenden Straße aus der Wetterau, von

welcher Aegil sagt, daß sie antiquo vocabulo ortesweca genannt wurde. Sicherlich ist mancher Wanderer zwischen der Ulster und der Leubach in Lebensgefahr gerathen, und es ist nicht zu verwundern, wenn man jene ganz unheimliche Gegend ein Sumpf­feld, einen Moorabgrund nannte.

Hofbieber. Noll.

Die junge Karde.

In den letzten Tagen drückte die Vereidigung der Re­kruten der ganzen Stadt Berlin einen gewissen militärischen Stempel auf, denn Tag für Tag sah man große Züge der jungen Krieger, wie sie von allen Ecken und Enden Berlins aus ihren -Kasernen nach der Kirche geführt wurden, da diesmal der feier­lichen Vereidigung eine mehrmalige kirchliche Unterweisung vor­anging. Früher verfuhr man summarischer und überließ die Vorbereitung für den Schwur, der den Soldaten an seinen Kriegsherrn kettet, den militärischen Vorgesetzten, die sich ihrer Aufgabe in mehr oder minder drastischer Arr entledigten. So pflegte ein alter Major am Tage vor der Vereidigung zu seinem Bataillon alljährlich zu sprechen: „Morgen werdet ihr vereidigt werden, wer dann durchgeht, ist ein Hundsfott und kommt nach Spandau," während ein Adjutant, der von seinem Chef beauf­tragt worden war, auch die religiöse Seite des Fahneneides zu berühren, sagte: „Wer den Fahneneid bricht, wird hier auf Erden mit Festung bestraft und setzt sich auch noch im Jenseits den größten Unannehmlichkeiten aus."

Nun, da die Vereidigung vorüber ist, und die Rekruten vor Gesetz und Recht „richtige Soldaten" geworden sind, sieht man sie in zahlreichen Truppen in den Straßen Berlins aus der Wanderschaft, wie sie unter der sorglichen Führung oder doch wenigstens unter der Kontrolle eines Unteroffiziers oder eines Gefreiten sich Berlin ansehen und sogar ein ganz klein bischen an den Vergnügungen der Residenz naschen dürfen. Rekrut sein, ist ein schweres Loos, besonders in den ersten Wochen, die endlos scheinen unter fortwährendem Putzen, Exerziren und Ge­scholtenwerden, — aber wenn die böseste Prüfungszeit vorüber ist, dann schwellt der Stolz auf den bunten Rock oder gar auf die Sporen, den Schleppsäbel und besonders auf die „Litzen" die Soldatenbrust, und sehnsüchtig erwartet man den ersten Ausgeh­tag, an dem man olle Pracht zeigen kann, die weißen Handschuhe, den stolzen Gang und den ganzen Habitus des werdenden Sol­daten. Jedoch so ganz zum „Alleinlassen" sind die Rekruten noch lange nicht herausgebildet; da muß man ihnen einen ver­antwortlichen Gouverneur mitgeben in den Trubel der Weltstadt, denn wenn auch Jeder den schmucken und höflichen Vaterlands- vertheidigern auf das Freundlichste entgegenkommt, und ihnen gegenüber sogar Schutzleute und Pferdebccknschaffner liebens­würdig sind, so kommen die Rekruten doch infolge ihres Mangels an Kenntniß des Comments leicht zum Straucheln und bringen dadurch nicht nur sich selbst in Strafe, sondern bereiten auch ihren Vorgesetzten zuweilen die schwerste Pein.

Denn allerlei gänzlich unvorhergesehene Zwischensälle gibt es in Berlin. Da kommt eine prächtige Kutsche angefahren; Kutscher und Diener blinken in Gold und Silber: das muß eine Hofequipage sein, so denken die Rekruten, daher wird stramm „Front gemacht", so schneidig, wie man es eben kann, bis irgend ein Berliner Junge mit den höflichen Worten: „So'ne Dussels, bet is ja eene Hochzeitseklipasche!" die Irrenden ausklärt. Und alles wird gegrüßt. Steuerbeamte, Polizeiwacht- meister, ja sogar Postbeamte — sie Alle bekommen ihrem Sabul zu Liebe ein schneidiges Honneur, und dafür übersieht man den eigenen Oberst, der den Delinquenten mit den Worten stellt: „In welchem Jahre dienen Sie?" und der dann nach der Ant­wort: „Im ersten Jahr, Herr Oberst", kopfschüttelnd weiter­geht, nachdem er einen Blick auf die kompagniedeutende Säbel­quaste geworfen und dem Sünder besohlen hat, schleunigst sich in die Kaserne zu begeben. Am anderen Morgen wird der „Herr Hauptmann" dann höflich, aber bestimmt ersucht, „die Leute" erst dann-'spazieren zu schicken, wenn sie „etwas gelernt haben", und um solche unangenehmen Episoden zu vermeiden, werden die Promenaden unter der Aussicht von Chargirten bis in die Weihnachtszeit hinein fortgesetzt.

Da werden die Linden besichtigt, die Wache, auf welcher die Spaziergänger späterhin noch manche Nacht verbringen sollen, das Palais des alten Kaisers, besten Bild noch fast in jeder Mannschastsstube hängt, das Brandenburger Thor mit der Viktoria, und an alles knüpfen verständige Führer verständige Worte. Die Siegessäule erregt stets die größte Bewunde­rung, denn in den Soldatenbildern, die sie zieren, sehen die jungen Krieger ihre Väter, die ihnen gerade im letzten Sommer daheim gar nicht genug erzählen konnten von dem großen Kriege und der großen Zeit. — Hier und da stellt der „Herr Unteroffizier" ein kleines Examen an, denn er ist, wenn morgen der Herr Lieutenant „die Kärls" fragt, wo sie gewesen sind, dafür verantwortlich, daß sie einigermaßen Bescheid wissen und wenigstens „so ungefähr" den Weg von der Kaserne nach dem Königlichen Schlosse angeben können.

Dann wird aber auch des Körpers nicht vergessen und die denkbar höchste Einstimmigkeit herrscht darüber, daß man nun unbedingt eine Kneipe aufsuchen müsse. Zu diesem Zwecke lenkt man meistens nordwärts die Schritte und sucht mit besonderer Vorliebe eines jener Lokale auf, in denen mehr oder weniger zarte Hände unter den Klängen des Orchesters einer Damen­kapelle oder echter und zuweilen auch unechter „Schwarzen" ein Finkennäpfchen Bier recht müßiger Qual.lät für 15 deutsche Reichspsennige präsentireu. Der „Herr Unteroffizier" ist natür­lich schon einmal oder gar öfter „dagewesen", er begrüßt die Hebe mit vertraulichem Händedruck und erregt dadurch die höchste Bewunderung der jungen Garde, die das „Fräulein" scheu be­trachtet und sich kaum getraut, Bier zu bestellen. Aber bald ist die ganze Gesellschaft Plazirt, die Kapelle stimmt ein Soldaten­lied an und die Rekruten singen andächtig, aber mit dröhnender

Stimme ihre Lieder, welche sie in der Putzstube gelernt haben.

„DaS war aber scheen," sagt dann das „Fräulein", und der Herr Korporal schmunzelt befriedigt, denn er schreibt den Lob­spruch aus sein Konto, und er beginnt eine kleine Ansprache an seine ehrerbietig aufhorchenden Zöglinge zu halten. „Na, wat sachtJhr nu, Ihr anjehenden Jrenadiere?" — so fragt er jovial — und nachdem er sich versichert hat, daß das „Fräulein" zu­hört, fährt er fort: „Wenn ick nu so daran jedenke, daß Ihr nich ville anders wie bet liebe Vieh vor 6 Wochen in be Kaserne rinjeturkelt seib, unb wenn ick Euch nu hier sehe, noch nich jrabe wie richtige Jrenabiere, aber boch schon ville manirlicher wie bazumal — da — da bekomme ick ordentlich vor mir selber Re­spekt, von wegen dem jroßartigen Erziehungs-Resultat."

„Zu Befehl, Herr Unterosfizier," antwortete die Korona.

Keidvoll und freudvoll.

Novelle von L. v. Neid egg.

(13. Fortsetzung.)

Gräfin Hollerbrunn lachte: „Du bist die Alte ge­blieben, Ida, die Güte und Nachsicht selbst. Ich kenne keinen Grund, auf Deine liebe, mir nach langem Harren endlich zu Theil gewordene Gesellschaft zn ver­zichten. In diesem Augenblicke, wo ich Fräulein Gras- hoff kommen sehe, ist auch die nervöse Unruhe ver­schwunden, die mich vorhin plagte. Ihr Ausbleiben machte mich ungeduldig, weil ich befürchtete, sie käme am Ende zu spät."

„Du spät?" wiederholte die ältere Dame, Baronin Burkersdorf. „Zu spät, wozu?"

„Habe ich eS Din denn nicht gesagt? Ich erwarte Elisabeth WackerSreuth. Die Gouvernante soll mit meinen älteren Töchtern an die Bahn fahren."

„Komteß WackerSreuth! Ist sie eine Verwandte?"

„Ja und nein! Ich nenne sie Nichte, ohne daß sie eS jedoch ist. Die Sache ist etwas verwickelt. Mit meinen Töchtern ist sie Geschwisterkind; meines Mannes erste Frau'war nämlich eine WackerSreuth, also Elisa­beths leibliche Tante. Kennst Du etwa das junge Mädchen?"

„Nur durch Mittheilungen Anderer. Ihre Mutter, eine Kalksdorff, war aus der Gegend, die ich noch immer die meine nenne, wiewohl ich seit dreißig Jahren in eine andere versetzt bin. Ab und zu bringt aber noch einige Kunde von den Menschen dort zu mir. Ein lebhaftes Interesse bringe ich allen diesen Mit­theilungen entgegen; mit der Herzwurzel hängt man an der alten Heimath."

Die Gräfin nickte. „Wie schilderte man die Elisa­beth?"

„Als sehr schön, aber etwas kalt, und — soll ich's heraussagen? — hochmüthig."

„Die Beschreibung paßt auf'S Haar," versetzte die Gräfin Hollerbrunn, die mit ihren freundlichen, blauen Augen und dem gutmüthigen Lächeln den Emdruck der personifizirten HerzenSgüte machte. „Manche Menschen schwärmen für Elisabeth. Ich gehöre nicht dazu. Ich für meine Person kann den Geschöpfen keinen Ge­schmack abgewinnen, welche im innere Herzensgründe ein Märchen aufgerichtet haben, auf dem als Ober- Götze das eigene liebe Ich prangt."

„Fräulein Grashoff," unterbrach sie sich, indem sie sich an die mittlerweile herangekommene Erzieherin wandte. „Eilen Sie! Eilen Sie! Meine Töchter warten nicht gern, und ich glaube, es ist die höchste Zeit, daß sie zur Bahn fahren."

„Ich bin ganz reisefertig, Frau Gräfin," antwortete die Erzieherin, ein hochgewachsenes, hübsches Mädchen. „So wie ich hier bin, kann ich in den Wagen steigen; auf mich werden die Komtessen keine Minute zu warten brauchen. Martha habe ich ihre Aufgabe zugewiesen, noch bevor wir spazieren gingen, und sie hat mir ver­sprochen, recht fleißig zu sein."

Lächelnd wandte sie ihr hübsches Gesicht ihrem Zögling zu, einem elfjährigen Mädchen, das mit seinen beiden Händen liebkosend den Arm der Erzieherin um­faßt hin. Dann verbeugte sie sich vor den beiden Damen und verschwand mit dem Kinde unter dem Schloßthore.

Sinnend blickte Baronin Burkersdorf ihr nach.

„Eine elegante, sympathische Erscheinung, diese Gouvernante," sagte sie nachdenklich. „Sie fiel mir gleich auf, als ich sie gestern zum ersten Mal sah. Ihr Gesicht erinnert mich an Jemand, den ich kannte, und doch komme ich nicht darauf. Wenn ich sie ansehe, tauchen verworrene Bilder, Erinnerungen aus alter

1 Zeit in mir auf wie ein Nebel. Ich kann mich bis