M 264 ‘ Frettag, den 15. November 1895 22. Jahrgang
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Halligkeit des Textes und Bilderschmuckes, an Ebern ! Hurtigkeit und Salonfähigkeit zurückstände.
herein interessant, wenn ein katholischer Priester darin vorkommt. Falls nun der Romanschreiber einen Priester dann noch verheirathet sein läßt, so ist die Sache noch interessanter, wenn auch die ganze Geschichte schon im 11. Jahrhundert spielt. Der so kon- struirte Priester der „MarttnSklaufe" wohnt nämlich in einem sehr abgelegenen Theile der Alpen und bis dorthin ist das allgemeine Verbot der Priesterehe, das natürlich zuerst Papst Gregor "VH. erlassen haben soll,
A Ein neuer katholischer Katechismus, herausgegeben von der Martenlaube'.
„Ach, Herr Doktor, haben Sie auch schon den reizenden Roman gelesen, der eben in der ,©arten« Iau6e' erscheint?" Mit diesen Worten unterbrach die eben eingetretene Gesprächrpause in einem Eisenbahnwagen eine mit mir eingestiegene Dame meines Wohnortes. — „Ich bedaure sehr, Fräulein, ich schwärme überhaupt nicht für Romane und am allerwenigsten für .Gartenlaube'-Romane", gab ich etwas kühl zurück. „Ach so, ich habe gar nicht daran gedacht, daß die Katholiken auf die .Gartenlaube' nicht gut zu sprechen find", fluthete es da gleich wieder über mich herein, „aber sicher ganz mit Unrecht; bitte, Herr Doktor, lesen Sie ein Mal diesen Roman, „Die Martin-Hause", und Sie werden sehen, daß sogar sehr viel Katholisches darin vorkommt." Das war mir aber denn doch zu bunt; „ja", platzte ich etwas ärgerlich heraus, „Katholisches mag schon manches darin vorkommen, aber es wäre besser, wenn es ganz draus bliebe, als wenn es in gehässiger Art und Weise vorgesührt wird."
„Aber ich bitte, Herr Doktor", kam es in verwundertem Tone zurück — „in gehässiger Art und Weise — Sie sind gewiß im Jrrthum; ich dachte, ich könnte Sie vielleicht für unseren Lesezirkel gewinnen und nun lassen Sie mich gleich so gehörig abblitzen; aber ich möchte doch noch nicht alle Hoffnung aufgeben, Sie müssen unbedingt erst ein Mal die neuesten Hefte der .Gartenlaube' ansehen, ehe Sie ein so hartes Urtheil fällen; Sie müssen mir gestatten, Ihnen morgen eine Anzahl Hefte zu schicken, und Sie werden gewiß Ihr Urtheil ändern." — „Potz Tausend! Das heißt man aber schneidig vorgehen", sprach ich darauf unb — wenn untere Katholiken nur auch ein Mal so energisch vorgingen zu Gunsten unserer katholischen Literatur, dachte ich. Was war nun zu machen? Die gemeinsame Eisenbahnfahrt follte noch beinahe eine Stunde dauern und um vor den nun jedenfalls noch stärker hereinbrechenden Stürmen und Wortgefechten Ruhe zu bekommen, sah ich keinen anderen Ausweg, als zu kapituliren. Ueberdies plagte mich doch auch ein wenig die Neugierde, die merkwürdige Bekehrung der .Gartenlaube' kritisch zu prüfen.
Am anderen Morgen kam also ein Pack .Gartenlaube' und ich machte mich sogleich an die „katholische" „Martinsklause." Nachdem ich längere Zeit gelesen und nichts besonders „Katholisches" bezw. Antikatholisches darin gefunden, wollte ich meine Forschungen schon als voraussichtlich erfolglos einstellen, als bei einem langsamen Ueberblältetn und Drüberhinlesen mein Blick auf ein Mal auf die Worte: „Priester", „Hölle", „Sakrament" fiel und richtig — das „Erzkatholische" war gefunden. Ein Roman ist natürlich von vorn-
Deshalb ist es nur eine selbstsüchtige unehrliche Ausrede, wenn in katholischen Kreisen die nichtkatholischen Familienblätter den katholischen vorgezogen werden mit dem Hinweis auf die Unebenbürtigkett dieser letzteren. Nur der Hochmuth, dem alles katholisch Angehauchte „nicht vornehm genug" ist und
„Lieber Herr Hofrath, Gott lohne Ihnen diese Worte! Sie dürfen mich aber weder für hochmüthig noch für undankbar halten, wenn ich dennoch Ihren Antrag zurückweise: ich muß versuchen, mich allein durchzukämpfen. Ich vermag nicht von Wohlthaten zu leben ... Es mag kleinlich, es mag unrecht sein — ich glaube aber, selbst von Ihnen ertrüge ich es nicht"
„Was wollen Sie aber beginnen, armes Kind?"
„Die ganze Nacht habe ich darüber nachgedacht. O glauben Sie mir, es ist ein Glück für mich, daß ich genöthigt bin, um das nackte Leben zu kämpfen! Ich müßte sonst fortwährend an die liebe Mutter denken und daran, wie ich sie noch lange hätte behalten können, hätte der Gram nicht vorzeittg ihr das Herz gebrochen. O Gott! o Gott!" . . . Aufs neue quollen ihre Thräuen hervor. Sie kämpfte ihre Erregung rasch nieder; bann fuhr sie leise fort: „Ich habe beschlossen, ben größten Theil meiner kleinen Habe zu verkaufen. Den Rest, so wie bie Familien-Andenken, bie mir noch geblieben sind, werben Sie gewiß für mich in Verwahrung nehmen? Alles will ich zu Geld machen und bann für zwei Jahre in ein Lehrerinnen- Seminar ober eine ähnliche Anstalt eintreten, um später Erzieherin zu werben. Wie ich baS am besten anfange, welche Anstalt ich besuchen soll, bas roerbrn Sie mir wohl sagen können!"
„Erzieherin? Ein bitteres Brob, Fräulein Anna!"
noch nicht gebrungen.
Da kommt eines Tages zur Visitation ein Legat beS Papstes angeschneit, ein Scheusal des verkörperten römischen Fanatismus unb ruft über ben beweibten, greifen unb frommen beutschen Priester mit fürchterlicher Stimme ben Fluch des Himmels herab: „Höre bas Gericht nach bem Gesetze der Kirche: Du bist dem Bann verfallen, verlustig Deines Amtes und Deiner priesterlichen Würde! Die Weihe sei getilgt von Deinem Haupte! — was Du gebunden, sei gelöst, was Du gesegnet, sei verflucht!" Er (der Legat) wandte sich zu dem Weibe. „Hat er Dein Kind getauft? So hat er es der Hölle übergeben.“ — Er faßte den Arm eines Mannes. „Vergab er Deine Sünden? Reichte er Deinen Lippen das Sakrament? Unseliger! Dein Herz ist schwer von Schuld und Brod der Hölle hast Du genossen." (1895 S. 348) Ich hatte genug. Das war also das „Katholische" in der .Gartenlaube'. ES war ihr doch zu viel Ehre ange- than, wenn ich dem kühnen Gedanken Raum gegeben hatte, daß diese Zeitschrift mit gewiß mehreren Zehntausenden von katholischen Lesern ein Mal gegen unS Katholiken anständig sein könne. Jedes katholische Schulkind lernt schon in der Volksschule aus seinem Katechismus, daß das Sakrament der Priesterweihe dem Empfänger ein „unauslöschliches Merkmal" ein« drückt, das ihm — in der priesterlichen Würde — bis in Ewigkeit bleibt.
Wenn das Gift auch in glänzender Schale und bisweilen in unverdächtiger Gestalt und verdünnter Dosis verabreicht wird, — es wirkt doch, wenn auch oft nicht auf ein Mal und in auffälliger Weise, und ganz gewiß ist manche unangenehme, vielleicht sonst unerklärliche Begebenheit in Familien auf die Wirkung eines solchen schleichenden Giftes zurückzuführen. Vor mir liegen Hefte der ,Gartenlaube' und das neueste Heft des .HauSschatzes'. Ich wüßte wahrlich nicht, inwiefern der .HauSschatz' seinem feindlichen Bruder auch nur im Geringsten an äußerer Ausstattung, Reich«
die Vorliebe für freiere, prickelndere Lektüre und Bilder kann der ttefste Grund jener bedauerlichen Thatfache fein, wie viel sich die katholischen Leser und Leserinnen der gekennzeichneten Blätter gegen diese Behauptung auch wehren mögen. Möchten doch die Katholiken, auch die Frauen, in ihren Bekanntenkreisen, wohin vielleicht wegen allzugroßer Vornehmheit keine katholische Zeitungen bringen, aus klärend unb anregenb für unsere katholische Literatur thätig fein. Es ist ein sehr zeitgemäßes Werk ber geistlichen Barmherzigkeit, baS man nicht allein einer vielleicht nur aus Sorglosigkeit fehlenden katholischen Familie, sonbern ber Kirche selbst erweist.
In bem Katechismus ber ,Gartenlaube' wirb bie priesterliche Würbe „getilgt"; es lernt aber jedes Kind, baß bie Giltigkeit eine« Sakramentes nicht abhängt von ber Mürbigkeit des Spenders, wie ein eiserner Schlüssel ebenso gut ein Schloß aufschließen kann als ein goldener, und desgleichen weiß ein katholische- Kind schon mit acht Jahren, daß man für die Nicht- befolgung eines Gebotes, das man gar nicht gekannt hat, durchaus nicht verantwortlich ist. In der.Gartenlaube' wird ein Kind zur Hölle verdammt, weil eS von einem Priester getauft ist, der aus Mangel an besserem Wissen verheirathet ist. Einem Manne wird eine schwere Schuld aufgeladen, weil er diesem Priester gebeichtet hat, von dessen scheinbarer Unwürdigkeit er keine Ahnung hatte. Ja, das Brod der Engel wird zum Brod der Hölle gemacht, weil es von diesem Priester konsekrirt ist. Ein Unstnn reicht dem andern die Hand. Jetzt wird mir auch der Ausspruch einer vornehmen katholischen Dame klar: „Es ist merkwürdig, daß viele unserer vornehmeren katholischen Damen so merkwürdige, verkehrte unkatholische Ansichten über katholische Dinge haben."
ES bleibt eben, wenn auch dem Leser unbewußt, immer etwas hängen, bis schließlich die leichtfertigsten Anschauungen in den wichtigsten Lebensfragen sich an» gehäuft haben. U —
Und bann tounbern sich noch viele Eltern, wenn ihre Söhne vom Unglauben angesressen sich zeigen unb ihre Töchter in leichtfertiger unb gewissenloser Weise, so z. B. bei Eheschließungen, über bie Vorschriften ihres Glaubens unb bie elterlichen Vorstellungen sich hinwegsetzen. — Eben, inbem ich dies schreibe, wirb mir das erste Heft beS eben neu und prächtig ausgestatteten ,HausschatzeS' zugestellt. So groß meine Freude über diesen Fortschritt unseres größten katholischen Familienblattes ist, zugleich erfaßt mich eine wahre Entrüstung darüber, daß noch so viele katholische Familien immer noch aus der.Gartenlaube' ihre Unterhaltung und — aus diesen Entstellungen alles Katholischen — aus den Gehässigkeiten unb Verhöhnungen katholischer Lehren unb Einrichtungen — bie Gleichgiltigkeit gegen ihre eigene Religion wenn nicht gar Schlimmeres schöpfen.
„Glauben Sie, ich wüßte bas nicht?" rief sie auS. „O, ich bin mir klar barüber, welcher Demüthigung ich entgegengehe. Aber wenigstens wahre ich auf diese Weise meine Selbständigkeit. Hätten auch die Verwandten mich aufgefordert zu kommen, nie hätte ich es angenommen. Im reichen Hause die nicht aus Liebe, nicht um Gottes Willen, nein um der Geredes bei Menschen willen aufgenommene atme Verwandte zu fein — une declaesee, bie nicht mehr in jene Sphäre gehört! Nein, auf bem Boden, auf den man gestellt ist, soll man verbleiben. Ich gehöre jetzt zur arbeitenden Klasse."
Mit tiefer Bewegung sah der Hofrath auf das in edler Aufregung erglühende Gesicht. „Möge Gott Sie segnen, tapferes Kind!" sagte er leise. „Die Welt ist aber rauh, selten kennt sie Erbarmen mit ben Schwachen. Weit lieber sähe ich Sie geborgen unter unferm Schutz, etwa Ihr schönes Talent für Musik verwerthenb ober sonst Unterricht ertheilend, als in ber Feme steunblos unb verlassen sich einen Weg suchen."
Sie lächelte traurig. „Vielleicht läßt ber Wandervogel sich eines Tages mit gebrochenen Flügeln vor Ihrer Thüre nieder, um Einlaß flehend. Sie glauben mir nicht, welchen Trost ich in bem Gedanken finde, daß in Ihrer Familie mir eine Zu« fluchtsstätte geöffnet bleibt, was auch geschehen möge. Dieses Bewußtsein wird mich stählen |auf meinem
Deidvoll und freudvoll.
Novelle von L. v. Neid egg.
(12. Fortsetzung.)
Einen Augenblick war der Hofrath wie aus den Wolken gefallen. Dann wurde ihm alles klar; er errieth, was sich zugetragen haben mußte: der Vater hatte die Tochter ausgeplündert und sie, auf bie eigene Kraft angewiesen, mittellos zurückgelassen! Er fanb feine Worte, um solch ein Thun zu brandmarken. Zu zartfühlend, um die Tochter zu quälen, die tief beschämt vor ihm stand, begnügte er sich zu fragen: „Ist Ihnen denn nichts geblieben, gnädiges Fräulein?"
„Wenig, sehr wenig; nicht genug, um mich davon erhalten zu können. Ich muß mir mein Brod verdienen suchen, und bei diesem Beginnen bitte ich Ä en falls um Ihren Rath.
„Liebes Fräulein! liebe Anna!" erwiderte der Hofrath tief bewegt. „Kommen Sie doch zu uns; unser einfaches Haus steht Ihnen ja offen. Sie sind noch zu unerfahren... zu schon, um allein hinauszu- gehen in die Welt. Ihr Brod verdienen . . • Lieber Gott! Wie leicht spricht sich das aus! Aber schwer ist die Ausführung. Bleiben Sie bei uns, wir Alle heißen Sie von Herzen willkommen!"
Anna ergriff die Hand des alten Mannes und führte sie an ihre Lippen. Tief gerührt rief sie unter Thräuen: