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263 Donnerstag, den 14. November 1895 22. Jahrgang

mit Unterhaltrmgs-KeiLage „Sterne und Klnmen".

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Eine merkwürdige Versammlung hat am Montag Abend in einem der größten Berliner Säle stattgefunden. Einberufen war sie von dem früheren protestantischen Theologie-Kandidaten Theodor v. Wächter zu dem Zwecke, eine „sozial-christ­liche Vereinigung" zu gründen. Herr v. Wächter war bekanntlich bei der Nachwahl in Rinteln-HofgeiS- mar Kandidat der Sozialdemokraten, inzwischen aber wegen schwerer sittlicher Verirrungen gezwungen worden, sich von der Partei zurückzuziehen, um diese nicht bloszustellen. Der .Vorwärts' hatte deshalb den „Genossen" gerathen, sich von der Versammlung fern zu halten; gleichwohl aber kamen sie in Hellen Schaaren zu derfelben, freilich nicht, um sich für die „fozial- christliche Vereinigung" anwerben zu lassen, sondern um gegen die Bestrebungen Wächter's lärmenden Wider­spruch zu erheben. Daß sie sich trotzdem den von Wächter fpendirten Kaffee nebst „Schrippen" wohl schmecken ließen, sei nur nebenbei zur Kennzeichnung dieser sauberen Gesellschaft erwähnt.

„Alle Hungernden und Frierenden, alle mit leib­licher, geistiger und sittlicher Noth Kämpfenden" hatte v. Wächter eingeladen, und in der That war die er­schienene Gesellschaft bunt genug: Wirkliche Arbeiter und arbeitsscheue Strolche, Arbeiterinnen jeden Alters und Dirnen, geschniegelte Handlungskommis und ver­dächtige Bassermann'fche Gestalten, hie und da auch Studenten, kurz, Herr v. Wächter hatte ein zahlreiches und sehr gemischtes Publikum.

Herr v. Wächter sprach recht viel konfuses Zeug. Einerseits imponirte ihm die Wirksamkeit der Stöcker'- schen Stadtmission, andererseits donnerte er gegen das „Pharisäerthum in dem herrschenden Kirchenthum"; er leugnete die göttliche Geburt Jesu Christi, bezeichnete aber fein Geistesleben als göttlich u. bergt Er will Männer jedes politifchen und religiösen Bekenntnisses um sich schaaren; sein Streben sei, so erklärte er, ein rein religiöses, kein politisches — also so ziemlich das­selbe, was Herr v. Egidy schon vor Herrn v. Wächter angestrebt hat. Einen tieferen Eindruck machte es, als sich Herr v. Wächter vor der Versammlung selbst seiner schweren sittlichen Verirrungen bezichtigte, seiner Reue Ausdruck gab und Verzeihung erbat — immerhin ein achtungswerther Akt der Selbstüberwindung. Es liegt uns daher auch völlig fern, über Herrn v. Wächter und seine Bestrebungen zu lachen, er ist uns vielmehr ein Gegenstand des tiefsten Mitleides. Er ist ja ein trauriges Beispiel der trostlosen Unklarheit und Haltlosigkeit des Protestantismus. Herr v. Wächter könnte, wenn er ehrlich bereut, als Katholik getrost zu jedem Priester gehen und ihm würde volle Verzeihung zu theil; aber er ist Protestant und darum dieses Heilsmittels be­raubt. Herr v. Wächter wendet sich an eine sozial­demokratische Versammlung mit der Bitte um Ver­zeihung — und wird von den sozialdemokratischen

KeidvoU und freudvoll.

Novelle von L. v. Neidegg.

(6. Fortsetzung.)

Am andern Tage kam die Antwort des Grafen Kalksdorff. Der Brief enthielt einige kühle Beileids­worte für den Baron, zugleich aber die Bitte, dieser möge sich nicht zu ihm bemühen, indem er selbst mit Frau und Kindern auf unbestimmte Zeit zu verreisen gedächte; da er vorauSsctzen dürfe, daß die selige Tante in keinen glänzenden Verhältnissen gelebt habe, füge er eine kleine Geldsumme bei mit der Bitte, dieselbe seiner Cousine einzuhändigen. Die letzte Bemerkung war unterstrichen.

„Der hochmüthige, herzlose Kerl!" rief der Baron zornig aus und ließ dabei — wohl aus Zerstreutheit — die Banknoten in seine Tasche gleiten. „Das sind die sauberen Verwandten Deiner Mutter!" Er ballte den Brief zusammen und warf ihn Anna zu. „So sind sie aber immer gewefen! Ihnen wäre es ein Leichtes, uns aus der Noth zu helfen; niemals aber haben sie auch nur einen Finger gerührt!"

Anna hob den Brief auf, glättete ihn, las ihn durch und erröthete bis an die Schläfen. Ihr Stolz empörte sich, aber nicht sowohl gegen die Verwandten, als gegen den Vater. Wie hatte dieser sie doch Alle mit in seine Schmach hinabgezogen! Sie vermochte Denen nicht zu zürnen, welche sich den verkommenen

Rednern mit Hohn überschüttet! Das ist der Unter­schied zwischen dem „Kirchenthum", dem Herr v. Wächter „Pharisäerthum" vorwirst, und der ihm so werthen „freien" Sozialdemokratie!

Er mußte sich sagen lassen, er sei einer der schlimmsten der „Pfaffen", die „Pfaffen" taugten alle nichts u. dgl. Der von der Versammlung gewählte Schriftführer Kaßler rief: „Was will er mit seinem Christenthum? Christenthum und Sozialdemo­kratie lassen sich nie vereinigen!" Und die Versammlung brüllte Beifall, und diesmal mit Recht, denn in der That: Christenthum und Sozialdemokratie sind unvereinbar; wenn durch etwas, so wurde es durch die wüsten Ausfälle seitens der sozialdemokra­tischen Schwätzer in dieser Versammlung bewiesen. „Wir brauchen keinen PerfonenkultuS mit einem, der vor 1800 Jahren gestorben ist", sagte derselbe „Ge­nosse" — Gott möge ihm die Blasphemie verzeihen! Und auf diesen Ton waren alle die sozialdemokratischen „Reden" abgestimmt, sie enthielten nichts als hohle Phrasen und Lästerungen. Ein Arbeiter und eine Arbeiterin, die ihren Glauben an Gott und an ein Jenseits bekannten, wurden sofort niedergeschrieen. Es wurde eine Resolution angenommen, welche sich gegen die Ausführungen v. Wächter's aussprach und das Heil nur von der Sozialdemokratie erwartet.

Ob Herr v. Wächter nun einsieht, daß es un­möglich ist, auch nur den schwächsten Ab­glanz von Christenthum mit der Sozial­demokratie zu vereinigen? Es gibt nur zwei Wege: volles, überzeugtes Christenthum in der hl. Kirche Christi — oder voller Unglaube in Sozial­demokratie und Anarchismus; die Lauen und Halben aber werden ausgespieen.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. November.

* Der Kaiser begab sich heute ftüh von Wildpark nach dem Schießplätze bei Tegel, wohnte daselbst einem Gefechtsschießen bei und fuhr nach Beendigung desselben von dort nach dem hiesigen königlichen Schlosse. Hier empfing er den Professor Dr. Güßfeldt und nach diesem den Professor Döpler junior. Nachmittags um 4 Uhr wohnte der Kaiser einer Kommissionssitzung im ReichS-Justizamte bei. — Außer dem Kaiser, der sein Erscheinen zur Enthüllung des Kyffhäuser- denkmalS zugesagt hat, sollen auch zahlreiche deutsche Fürsten der Feier beiwohnen. Der Kaiser fährt über Roßla und Kelbra auf den Kyffhäuser, während die Fürstlichkeiten auf Station Berga-Kelbra die Eisenbahn verlassen und sich über Kelbra nach dem Burgberge begeben. Die Rückreise soll über Franken­hausen, also nach der Südseite des Gebirges erfolgen. — Die Kaiserin Friedrich wird auch in diesem Jahre ihren Geburtstag am 21. d. M. auf Schloß Rumpen-

Mann auf jegliche Weise fernzuhalten bestrebt waren. Wortlos legte sie den Brief zusammen und gab ihm dem Vater zurück.

„Nun!" fuhr dieser sie an, „was sagst Du zu dem säubern Schriftstück? Bewunderst es wohl gar?"

„Ich an Deiner Stelle hätte den Vetter gar nicht um meine Aufnahme gebeten," antwortete sie ausweichend.

„So! Du Ueberkluge!" fchrie er sie zornig an. „Darf ich fragen, weshalb?"

„Weil ich niemals mich entfchließen würde, Gnaden- brod zu essen. Mir ist seine Antwort ganz erwünscht."

„Thöricht genug zu solchen Anschauungen bist Du allerdings," rief ihr Vater höhnisch. „Ich weiß aber, waS ich thue. Ich schreibe an Deine Kousinen; irgend Jemand aus Deiner Familie muß Dich bei sich auf­nehmen."

„Weshalb?" fragte Anna sehr ruhig.

„Weshalb?" brauste er auf. „Dumme Frage! Weil es ihre Pflicht ist."

„Das vermag ich nicht einzusehen. Sie haben ja zudem keine Ursache, mich für gänzlich mittellos zu halten," fügte sie hinzu; ein Anklang von Verachtung lag in ihrem Tone.

Er warf ihr einen finstern Blick zu. „WaS willst Du also beginnen? Auf mich rechne nicht. Ich bin vom Unglück verfolgt; ich wandere uustät hin und her und kann Dich unmöglich bei mir haben."

„Sei ruhig, Vater; auf Deine Hilfe erhebe ich

heim bei ihrer Tochter, der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, feiern. Die Kaiferin wird dort in den nächsten Tagen eintreffen; am 18. November will sie in Schloß Friedrichshof einen kurzen Besuch abstatten.

* Dar Staatsministerium trat am Mittwoch Nachmittag zu einer Sitzung zusammen.

• In der heutigen Sitzung der Kommission für die zweite Lesung des bürgerlichen Gesetzbuches im Reichsjustizamt, welche um 4 Uhr ihren Anfang nahm und welcher der Kaiser beiwohnte, wurde zunächst dem Kaiser ein Ueberblick über die bisherigen Arbeiten der 1. und 2. Kommission für das bürgerliche Gesetzbuch gegeben. Zur Berathung gelangten hierauf die Bestimmungen, welche in das Einführungsgefetz zum bürgerlichen Gesetzbuch betr. das Anerbenrecht bei bäuerlichen Besitzungen aufzunehmen sind. Als fernerer Berathungsgegenstand war event. noch aus dem Eherecht nach dem Inkrafttreten des bürgerlichen Gesetzbuches in Aussicht genommen.

♦ Der Präsident des Reichsversicherungsamts Dr. Bödiker wurde am Dienstag zu längerem Vortrage über seine Vorschläge zur Reform der Bersiche- rungsgesetzgebung vom Reichskanzler em­pfangen. Die Meldung eines auswärtigen Blattes, daß der Kaiser sich die Protokolle übet die Verhand­lungen der bez. Kommission habe vorlegen lassen, wird als unbegründet bezeichnet. — Der geschäftsführende Ausschuß deS deutschen Berufsgenossen­schaft SverbandeS tritt am 25. d. M. zusammen, um zu den Vorschlägen betr. Verschmelzung der Organi­sationen der Arbeiterversicherung Stellung zu nehmen.

* Dem Bundesraihe ist der Entwurf eines Gesetzes betr. die Errichtung von Handwerkskammern nebst Begründung zugegangen.

* Der Militäretat, der in den nächsten Tagen vom Bundesrath erledigt werden dürste, wird sich, wie die ,Post' hört, in den Gesammtforderungen „un­gefähr" auf derselben Höhe halten, wie im laufenden Etatsjahre.

* Ein Veteran ans dem Kriege 1870/71, der JefnitenpaterHeinrichBehrenS, ist in Buffalo in der Verbannung im Alter von 79 Jahren ge­storben. P. Behrens entfaltete im Kriege 1870 eine segensreiche Thätigkeit in den Hospitälern. Er stand den Jesuiten vor, welche sich der freiwilligen Kranken­pflege widmeten. Bon ihm war das beste Noviziat der deutschen Ordensprovinz der Jesuiten in Münster gegründet, und er stand diesem und später dem Hause in Paderborn lange als Rektor vor. Als Pater Behrens int Jahre 1872 aus dem Vaterlande vertrieben wurde, zählte er bereits 56 Jahre. Er ging bann als Oberer ber deutschen Mission nach Buffalo, wo er am 7. August 1892 unter allgemeiner Betheiligung sein goldenes Priester-Jubiläum feiern konnte. — Das Jubiläums-Jahr 1895 bringt doch in rascher Reihenfolge manche Erinnerungen, die auch die Jefuiten-

keinen Anfpruch." Sie sah ihm fest und stolz in's Gesicht. „Ich will mich schon durchhelfen. Alles er­trage ich leichter, als von der Gnade Anderer abzu­hängen. "

„Wenn Du meine Rathschläge nicht annimmft, so kümmere ich mich nicht weiter um Dich; Du kannst sehen, wie Du allein fertig wirst," fügte ber Baron mit einer Miene, als' stäube es in feiner Macht, ihr Ehre unb Ansehen zu verschaffen. „Noch heute reise ich ab. Prennberg ist mir verhaßter denn je. Auf ben Nachlaß Deiner seligen Mutter erhebe ich keinen Anspruch; nur bieS hier"—er ergriff die kleine Email­büchse, ben einzigen Gegenstand von größerem Werth, ber überhaupt noch int Hause war — „nehme ich als Aubenken mit. Alles Uebrige magst Du behalten."

Daß er bas für bie Tochter bestimmte Geld des Vetters an sich genommen hatte, schien er gänzlich ver­gessen zu haben. Anna erinnerte ihn auch nicht daran. Sie athmete förmlich auf bei dem Gedanken, daß er sie frei zurücklassen würde. Die Heiligkeit ihres Schmerzes schien ihr'entweiht durch seine Nähe. Noch hatte das Grab sich kaum über der Mutter geschlossen und schon war es für den Vater, als habe sie niemals existitt.

Der Abschied war kurz und kühl. Der Baron war ihr niemals ein zärtlicher Vater gewesen, und später, als er sich sagen mußte, er habe seine Tochter um ihr Glück betrogen, hatte seine Gleichgiltigkeit gegen sie sich geradezu in Abneigung verwandelt — ein Gefühl,