JK 262
Mittwoch, den 13. November 1895
22. Jahrgang
mit Nntrrchultungs-KeUage „Sterne und Klumru".
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^Der „Frieden der Christenheit" ist am Sonntag von dem englischen Premierminister Lord Salisbury in einer sehr eindrucksvollen, auf dem Lord-Majors-Bankett zu London gehaltenen Rede als das „gemeinsame edle Ziel" der Großmächte bezeichnet worden. Mit großer Entschiedenheit betonte der Leiter der englischen Politik, daß alle Mächte, Rußland eingeschlossen, mit Eifer bemüht seien, zur Unterdrückung der aus den türkischen Wirren drohenden Kriegsgefahr stets zusammen- zuwirken, und er nannte dies ein erfreuliches Symptom, das hoffen lasse, daß es die Grundlage eines dauernden Zusammengehens in dieser und vielen andern Fragen ist, und daß es dem Zustande des bewaffneten Friedens ein Ende machen werde.
Dieser AuSklang der Rede klingt etwas sehr nach Zukunftsmusik, im Uebrigen zeichnet sich die Rede aber durch Nüchternheit des Urtheils und das Bestreben, die Gefahren der Weltlage ruhig und objekttv zu prüfen, aus, so daß auch der schwungvollere Schluß der Rede nicht ohne Weiteres als eine bloße Redefigur abgethan werden kann. Er ist freilich zu schön, als daß die Versicherungen Lord Salisbury's von der Ein- müthigkeit der Mächte in dieser aufgeregten, an gegenseitigem Mißtrauen reichen Zeit ungeteilten und unbeschränkten Glauben finden könnten.
Wir haben wiederholt her vorgehoben, daß der Sultan in dem Bestreben, die versprochenen Reformen zu verschleppen, seine Hoffnung auf die Uneinigkeit des christlichen Abendlandes setzt Inzwischen ist allerdings eine Thatsache eingetreten, welche diese Hoffnung des Sultans ins Wanken bringen könnte: Die gemeinsame Forderung aller Großmächte an den Sultan, der Anarchie in der Türkei ein Ende zu machen. Dazu kommt jetzt die Erklärung des englischen Premierministers, daß die Mächte durchaus entschlossen seien, in Allem, was daß ottomanische Reich betrifft, zusammen zu handeln, und es wäre eine ernste Täuschung, wenn die Rathgeber des Sultans sich einbilden sollten, der Druck der Sorge vor einem Kriege sei bei den europäischen Mächten so groß, daß kein Mißbrauch in der Türkei je seine natürliche Strafe finden werde.
Hier wird also dem Sultan direkt mit Strafe gedroht, und im Zusammenhänge mit der starken Betonung der Einmüthigkeit der Großmächte muß man daher annehmen, daß zwischen den Großmächten ein Einvernehmen in dieser Hinsicht erzielt ist sür den Fall, daß der Sultan nicht bald andere Saiten aufzieht. Lord Salisbury sagt dem Sultan unverhohlen, daß er der Autorität der Großmächte unterstehe, weil nur deren Beschluß, die Türkei im Jntereffe des europäischen Friedens bestehen zu lassen, seit einem hglben Jahrhundert die Türkei in
ihrem Bestände erhalten habe. Man folgert aus diesen Ausführungen vielfach, daß die Großmächte entschlossen seien, zwar die Türkei weiter bestehen zu lassen, aber den Sultan abzusetzen und einen verständigen Mann auf den Thron des Osmanenreichs zu bringen. Andere sprechen von der Möglichkeit, daß einzelne Mächte von den Großmächten beauftragt werden könnten, Theile der Türkei zu besetzen und als Pfand für die versprochenen Reformen fo lange zu behalten, bis diese durchgeführt wären.
Das Letztere scheint uns aber sehr fraglich; denn das würde doch genau dieselben Schwierigkeiten schaffen, wie eine förmliche Th eilung der Türkei; die Pfänder würden ja doch nie ausgelöst werden, weil Reformen in einem muselmännischen Staate geradezu undenkbar sind. Was aber auch immer von den Großmächten beschlossen sein mag: die Hauptsache ist, daß sie bei der Ausführung desselben auch einig bleiben. Ein starker Antrieb dazu wäre es, wenn der muselmännische Fanatismus, wie es neuerdings scheint, sich gegen alle Christen, also auch gegen ine in der Türkei wohnenden Engländer, Russen, Franzosen, Deutschen u. s. w., zugleich richten sollte. Dann dürfte es allerdings mit Abdul Hamid » Herrlichkeit vorbei sein.
Jedenfalls dürfen wir uns freuen, daß dnrck die Rede Salisbury's: 1. die Friedensaussichten sich gebessert haben, und 2. daß der leitende Staatsmann eines großen modernen Staatswesens so christliche Töne, wie die von dem „Frieden der Chrfften- heit" und dem Ende des Zustandes des bewaffneten Friedens, angeschlagen hat.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. November.
* Der Kaiser empfing heute Vormittag den Präsidenten des Evangelischen Ober - Kirchenraths Dr. Barkhausen. Um 12 Uhr ertheilte der Kaiser dem neuernannten chilenischen Gesandten Francisco a Pinto zur Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens in Gegenwart des Staatssekretärs des Auswärtigen, Staatsministers Frhrn. Marschall v. Bieberstein Audienz. Der Gesandte wurde hierauf auch von der Kaiserin empfangen. Um 1 Uhr nahm der Kaiser im Grünewald an einer Parforcejagd Theil. — Wie aus der Altmark gemeldet wird, trifft der Kaiser am Donnerstag auf dem Jagdschlösse Letzlingen ein. Die erste Treibjagd findet am Freitag im Colbitzer und Plankener Revier statt. Am Samstag ist das erste Treiben im Stämmersool, das zweite in Dahrenstedt unweit Siebenhügel, beide Jagen liegen im Revier der Oberförsterei Letzlingen. Für die Kaiserjagd im Saupark bei Springe ist dem ,Hann. Cour.' zufolge jetzt der 7. Dezember als Termin angesetzt. — Der Kaiser gedenkt, wie die ,Post' hört, am Donnerstag einer Einladung des Staatssekretärs des Reichsjusttzamts
Rieb er ding zur Tafel zu entsprechen. — Am Mittwoch gedenkt, wie die,Nordd. Allg. Ztg.' erfährt, der Kaiser einer Sitzung der mit der 2. Lesung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs betrauten Kommisson beizuwohnen. Die Kommission beräth zur Zeit den Entwurf eines Einführungsgesetzes zu dem genannten Gesetzbuch. — Wie aus Straßburg im Elsaß geschrieben wird, haben der Kaiser und die Kaiserin 60000 Mark, zur Errichtung und Unterhaltung eines Altersver- sorgungShauses in Kurze! für hochbetagte Angehörige biefer Gemeinde ohne Unterschied des Geschlechtes und der Konfession gestiftet. Die Stiftung j soll den Namen „Wilhelm-Viktoria-Stift" führen.
* Vom Bismarck - Archipel (in Australien) wird der ,Nordd. Allgem. Ztg.' u. A. geschrieben: „Im Schutzgebiete ist die erste elektrische Anlage eröffnet worden. Die Ralum-Pflanzung in Neu-Pom- mern hat ihre sämmtlichen Stationen unter einander mit einer Telephonleitung verbunden, und der Vortheil ist so in's Auge springend, daß z. B. die katholische Mission bereits Schritte gethan hat, - ihre Station anzuschließen. Diese äußerst thätige -Mission hat jetzt eine Station in dem Distritte l Tingenavnddu eröffnet. Es war die Bevölkerung dieser Gegend, welche sich vor 2 Jahren so hartnäckig gegen ' die Verwaltung der Neu-Guinea-Kompagnie wehrte, i und die Anlage einer Missions-Station dort •; wird viel zur endlichen Beruhigung de'r ; Eingeborenen beitragen. Diese Missions-Stanon | ist, obgleich sie nur etwa 10 Kilometer in direkter l Linie vom Strande liegt, dennoch bis jetzt die von l Weißen am weitesten landeinwärts bewohnte Station I im Schutzgebiete."
* Einen großen Börsenkrach hat es am Samstag in Wien, Paris, Berlin, Frankfurt gegeben- Infolge der wilden Haussespekulation der letzten Monate sind die Papiere von Banken, Eisen- und Bergwerken sowie ausländische Staatspapiere, allen voran Türken- loose, plötzlich bedeutend gefallen. Gestern hatten sich die Börsen von dem Schreck schon wieder etwas „erholt" und beruhigt. Inzwischen aber haben die großen Hechte ihren Raub verschlungen. Der Verlust der „Dummen" geht in die Hunderte von Millionen. Die ,Neue Freie Presse, die als Jobberblatt es wissen kann, berechnet ihn auf 213 Millionen allein für Wien.
* In der gestimmten Presse wird der schon mehrfach erwähnte Korpsbefehl, durch welchen die Reservisten vor sozialdemokratischen Schriften rc. gewarnt werden, lebhaft besprochen. Die,Freis. Ztg.' meint, die Mittheilung über den Korpsbefehl bedürfe dringend einer Klarstellung. Die Militärbehörden sind allerdings berechtigt, die Mannschaften des Beurlaubtenstandes während der Dauer und an dem Tage der Kontrollversammlung, so lange die Mannschaften unter dem Militärgesetz stehen, Bestimmungen der ge-
Keidvoll und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(6. Fortsetzung.)
Der Hofrath sollte Frau von Neudingen nur auf dem Todtenbett Wiedersehen. Die Schwäche-Anfälle, denen sie unterworfen war, wurden immer häufiger. War sie bei Bewußtsein, so lag sie mit gefalteten Händen in stillem Gebet da, und Niemand fand mehr Einlaß als der Beichtvater. Schlug sie die Augen auf, so heftete sie dieselben mit stummer Bitte auf daL Muttergottesbild' der Immerwährenden Hilfe, das sie am Fußende ihres Bettes hatte aufstellen lassen. Der himmlischen Mutter empfahl sie die Fürsorge um das Kind, das sie nun verlassen sollte. Halb schon einer anderen Welt angehörend, sprach sie nur selten noch mit Anna. Ein paar Mal fragte sie nach ihrem Manne und trug Anna auf, ihm zu sogen: sie wolle bis zum letzten Augenblick für ihn beten; habe sie gegen ihn gefehlt, so möge er ihr verzeihen; sie habe längst alles vergeben. Für HanS hatte sie immer aus'S neue Segenswünsche; Anna's Reise zu ihm war die einzige irdische Sorge, die sie noch in Anspruch nahm.
So kam allmählich das Ende. Ein Kruzifix in den Händen, lag sie regungslos da ; Anna, die am Bette tnieete, betete ihr laut vor. Ein Zucken durch- bebte die Gestalt der Mutter. Anna erhob die Augen
zu deren Gesicht: die Sterbende hatte die Augen geöffnet, und mit dem Ausdruck innigster Liebe ruhte ihr Blick zum letzten Male auf der Tochter. Langsam schlossen sich die blauen Augen — Frau von Neu- dinzen war heimgegangen. Im Gange ertönten laute Schritte: der Baron war auf daS Schreiben hin doch gekommen.
Als Herr von Neudingen die Leiche feiner Frau vor sich gesehen, war er, von Schrecken ergriffen, zurückgetaumelt und in laute Klagen ausgebrochen. Er war kein gemeiner Komödiant, aber er gehörte zu den rohen Naturen, die bisweilen einer echten Gefühlsaufwallung fähig find, ohne jedoch zu nachhaltiger Besserung die Kraft zu haben.
Bei so maßloser Selbstsucht, wie der Baron sie besaß, ist ohnehin jede wahre Reue ausgeschlossen. Am zweiten Tage hatte er bereits herausgefunden, daß nicht er, sondern der armen Josephine hartherzige Verwandte es waren, die sein und ihr Unglück verschuldeten. Am dritten Tage gestand er sich, daß, da seine Frau von schweren Leiden befreit sei, ihr Tod hingegen ihm selbst keinen materiellen Nachtheil bringe, es" wohl für alle Theile fo am besten fein muffe. Es war ihm immer ein unangenehmer Gedanke gewesen — Gewissensbisse hätten Andere es genannt — die kranke Frau mit Entbehrungen kämpfend sich vorstellen zu müssen. Das war nun überwunden. Em peinlicher Augenblick stand ihm noch bevor; er wollte
Prennberg verlassen, und niemals sollte der Ort ihn Wiedersehen.
Klein war der Zug, der hinter dem Sarge der Baronin sich zum Friedhöfe bewegte. Arm und unbekannt hatte sie in Prennberg gelebt; in Armuth wurde sie zur Erde bestattet. Selbst in dieser kleinen Stadt wurde ihr Heimgang kaum beachtet. Ihr Gatte und Anna, Doktor Heimburg und der Hoftath mit seiner Familie waren die einzigen Leidtragenden. Wie eine Marmorstatue, so falt und bleich stand Anna neben dem Vater am offenen Grabe. Sie konnte nicht beten, nicht meinen; ihr war, als läge ihr Herz kalt und schwer wie ein Stein in ihrer Brust, als sei es Nacht geworden um sie herum. Sie vermochte nichts zu denken, nichts zu fassen, als den einen heißen Wunsch: der Tobten nachfolgen zu können zur ewigen Ruhe.
Als der Sarg hinabgelasien wurde, erwachte sie aus ihrem dumpfen Hinbrüten; sie wandte sich um, und einen Augenblick schwankte ihre hohe Gestalt. Besorgt Jprang der Hoftath vor, um sie zu stützen. Anna blickte in das theilnehmende Gesicht des alten Mannes, in die weinenden Augen seiner Frau und seiner Töchter. Sie preßte die Hand aufs Herz und fing bitterlich zu weinen an. Die Thränen thaten ihr wohl; sie nahmen die Starrheit ihrer Berzweifelung fort. Nun konnte sie erkennen, daß, was ihr als tiefstes Leid erschien, sür die geliebte Mutter Erlösung bedeutete; nun fühlte sie die Kraft, ohne Murren ihr