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22. Jahrgang

Dienstag, den 12. November 1K95

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sraktion des deutschen Reichstages hat folgende Grundsätze für ihre Thätigkeit ausgestellt:

1. Der Grundcharakter des Reiches als eines Bundes­staates fall gewahrt, demgemäß den Bestrebungen, welche auf eine Aenderung des föderativen Charakters der Reichs­verfassung abzielen, entgegengewirkt und von der Selbst- bestimmung und Selbstthätigkeit der einzelnen Staaten m allen inneren Angelegenheiten nicht mehr geopfert werden, als die Interessen des Ganzen es unabwerslich fordern.

2 Das moralische und materielle Wohl aller Bolksklassen ist nach Kräften zu fördern; für die bürgerliche und religiöse Freiheit aller Angehörigen des Reiches ist die verfasfungs- mäßige Feststellung von Garantien zu erstreben und ms- besondere das Recht der Religions-Gesellfchasten gegen Ein­griffe der Gesetzgebung zu schützen.

3 Die Fraktion verhandelt und beschließt nach diesen Grundsätzen über alle in dem Reichstag zur Beratung kommenden Gegenstände, ohne daß übrigens den einzelnen Mitgliedern der Fraktion verwehrt wäre, im Reichstage ihre Stimme abweichend von dem Fraktionsbefchlusfe abzu­geben."

Das sind die beiden Programms, aus Grund deren das Centrum seither im deutschen Reichstage und preußischen Abgeordnetenhause gewirkt hat.

Gedacht war es ursprünglich als eine Vertretung des katholischen Volkes. Als man die Programme berieth, war die überwiegende Mehrheit der Meinung, daß man nicht, wie früher, eine katholische Fraktion, aus verschiedenen Rücksichten, sondern eine politische Partei bilden wolle, der auch Nicht-Katholiken bei­treten könnten. Das war sehr schön und groß gedacht, aber dieses von den Vertretern des katholischen Volkes vereinbarte und vorgelegte Programm hat außerhalb des katholischen Volkes bisher Zustimmung in werteren Kreisen nicht gefunden; es waren und sind nur wenige Protestanten Mitglieder oder Hospitanten der Fraktion. Dadurch, daß alsbald der Kulturkampf auSbrach, war die Centrumssraktion genölhigt, als Vertheidigerin der Rechte insbesondere der katholischen Kirche aufzutreten; sie war die einzige große Fraktion, welche daS that, und dies hat es bewirkt, daß im Laufe des Kultur­kampfes die Cmtrumsfraktion sich zu der Vertretung des katholischen Volkes herausbildete, als welche sie auch heute angesehen wird. Sie schließt Anders­gläubige nicht aus, und es ist ja denkbar, daß die Entwickelung der Verhältnisse einen breiteren Anschluß von Andersgläubigen auf christlichem Boden ermög­lichen wird. Einstweilen aber müssen wir mit der Thatsache rechnen, daß die in schweren Kämpfen zu­sammengeschweißte Centrumsfraktion auch weiterhin als die Vertretung und die Centrumspariei als die Partei des katholischen Volkes sich fühlt.

Es ist bis jetzt möglich geworden, in allen den Kreisen, in denen man vernünftigerweise eine Majorität für daS Centrum erwarten konnte, eine solche auch zu

gung erleiden.

Auf Grund dieses kurzen Programmes nahmen die Männer des damaligen Cmtrums auch die Vor­bereitungen für die Wahlen zum deutslb-n Reichstage in die Hand, denn am 3. März 1871 wurde zum ersten Male für den deutschen Reichstag gewählt. Im Januar 1871 erschien ein Wahlaufruf, welcher auch für den Reichstag die Bildung einer Centrumsfraktion ankündigte. Diese Aufforderung war von Erfolg gekrönt, denn als im März 1871 der erste deutscke Reichstag eröffnet wurde, fanden gleich 67 Abgeordnete sich zusammen, welche die erste CentrumS- Fraktion im deutschen Reichstage bildeten. Diese Partei vereinbarte darauf das folgende ausführlichere Programm:

„Justitia fundamentum regnorum (zu deutsch: Gerech­tigkeit ist die Grundlage der Staaten). Die Centrums-

Das Jubliläum der Certtrums Fraktion.

Das Jahr 1895 brachte uns nicht nur das Jubi- Num des großen Krieges mit Frankreich und das Jubi­läum des großen Frevels gegen Rom und daS Papst- thum, es brachte uns auch das Jubiläum der Cen­trums-Fraktionen im preußischen Landtage und im deutschen Reichstage.

DerAuSlruch des stanzösiichen Krieges fiel tn eine «eit, m der die Katholiken Preußens um ihre ver­fassungsmäßig garantirten Rechte und Freiheiten besorgt waren. Im Jahre 1869 war der bekannte Klostersturm von Moabit; zwei Dominikaner-Patres waren in das Waisenhaus Moabit gekommen, um dort die Seelsorge für die Waisenkinder zu übernehmen. Die weißen Gewänder wirkten io auf­regend aus manche Theile der Berliner Bevölkerung, welche dann noch anderweit aufgereizt wurden, daß man den sogen. Klostersturm in Szene setzte. In Ver­folg dessen kamen dann an das Abgeordnetenhaus Petitionen, welche gegen den Bestand der Klöster sich richteten. Es gab eine Bewegung, die in vereinzelten Anzeichen sich auch schon weiter richtete. So hatte der große Wormser Protestantentag dieOrden und besonders die Jesuiten als die Feinde Deutschlands und als die Ursache der hierarchischen Gelüste des Papst- thums bezeichnet. Der deutsche Juristentag ver­langte allgemeine Einführung der Civilehe. Kurz, ver­schiedene Anzeichen legten weiter sehenden Geistern den Gedanken nahe: man will an dis Rechte und Frei­heiten der katholischen Kirche heran.

Dies geschah zu einer Zeit, wo tue Katholiken eine Vertretung im Parlamente, nicht hatten. Wohl hatten sie schon früher, seit dem Jahre 1852, eine solche ge­habt; sie hatte sich zu der Zeit gebildet, als man ParitätS-Bischwerden vorzubringen hatte und d,e Frei­heit für die Missionen der katholischen Kirche gefährdet war. Zu ihren hervorragendsten Mitgliedern zählten die Gebrüder Reichensperger und Mallinckrodt. Gegen Ende der 50er Jahre verschwand sie zeitweilig; in den 60er Jahren trat sie°als katholisches Centrum wieder zusammen, aber sie schmolz zusammen, und in der Legislatur-Periode von 1867 bis 1870 gab es feine katholische Fraktion, obwohl dem preußischen Ab­geordnetenhause auch hervolragende Katholiken ange­hörten. Damals, bei der Debatte über den Moabiter Klostersturm, fanden sich die künftigen Führer der preußischen und deutschen Katholiken, Mallinckrodt und Windthorst zusammen und sprachen ein kräftiges Wort. Da nun für 1870 Neuwahlen zum preußischen Land­tage devorstanden, nahm Peter Reichensperger

in der Hand, die thränenleeren Augen auf das Blatt Papier gehestet, das erbarmungslos ihre letzte Hoff­nung zerstörte. So war auch diese Stütze ihr genom­men. O, wenn Gott sich doch erbarmen und sie hin- wegnehmen wollte zugleich mit der Mutter!

Dre Hausglocke ging. Mechanisch stand Anna auf, öffnete und befand sich dem Hosrath gegenüber, der jetzt täglich kam, um sich nach der Kranken zu er­kundigen. Er fuhr zurück, als er das Mädchen vor sich stehen iah: weiß bis an die Lippen, mit starrem, trostlosem Ausdrucke in den Augen.

„Ist sie tobt?" fragte er athemloS.

Anna wollte antworten; sie brachte aber keinen Ton hervor und vermochte nur verneinend den Kops zu schütteln. Stumm reichte sie Herrn Roß den Brief hin und führte ihn dann nach ihrem Zimmer.

„O, Sie armes, bedauernswertheS Kind!" rief der alte "Mann erschüttert. „So soll kein Kummer Ihnen | erspart bleiben? Wenn Ihnen aber auch der Bruder fehlt, wenn auch Niemand Ihnen seine Liebe ersetzen | kann, verlassen sind Sie darum nicht, Fräulein Anna! j Wir nehmen Sie mit Freuden aus; unser Aller Wunsch : war es ja jederzeit, daß Sie unser Haus als Ihre | Heimstätte ansehen möchten."

Das Uebermaß des Schmerzes hatte Anna wie ver- - steinert. Nun fielen diese mitleidigen Worte wie wohl- ' thätlger Thau auf ihr Herz und brachten ihr Linde­rung; große, schwere Thränen perlten ihr langsam aus den Augen.

„Weinen Sie nur. Fräulein Am-a. Weinen Tie sich aus!" sagte der Hosrath und ging an das Fenster, um ihr Zeit zu lassen, ihres Kummers Herr zu werden. '

Als sie sich gesammelt hatte, fragte er: „Wie ist eS? Weiß Ihre Mutter schon um das neue Unglück?"

„Nein", erwiderte Anna; „nein, und sie soll auch nichts davon erfahren. Bald wird sie mit Hans ver­eint sein, — daß er ihr vorangegangen ist, vermöchte sie also nicht zu schmerzen. Aber die liebe Mutter hat niemals an sich selbst, hat immer nur an Andere ge­dacht; es würde ihr das Sterben erschweren, müßte sie denken, ich . . . bliebe . . . allein zurück."

„Sie sind eine seltene Tochter!" sagte der Hosrath tief bewegt. Er bewunderte das Mädchen, daS mitten in dem eigenen tiefen Schmerze selbstlos sich ganz vergaß.

Im Zimmer der Kranken ertönte leise die Klingel. Anna eilte hinein, der alte Herr blieb im Gange stehen. Als sie in das Krankenzimmer eintrat, wandte Frau von Reudingen ihr das Gesicht zu und lächelte sie an.

„Ich bin aus einem erquickenden Schlafe erwacht!" lispelte sie. „Wie immer beim Erwachen, war es mein erster Wunsch, mein Annchen zu sehen. Bist Du allein? Habe ich nicht eine Stimme auf dem Gange gehört?"

Der gute Hofrath ist hier, um nach Deinem Be­finden zu fragen, liebe Mutter," antwortete Anna.

O, führe ihn doch herein. Wer weiß, ob ich mich je wieder so wohl fühle, wie in diesem Augenblick. Ich möchte ihn noch ein Mal sehen, den lieben Freund!"

Leise trat der alte Herr in das Zimmer und setzte sich au das Bett.

„Grüß Gott, lieber Hostath!" sagte sie mit der klangloien, erlöschenden Stimme der Sterbenden. „Die Erlösung naht. Ich würde sie steudig begrüßen, wären

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Novelle von L. v. Reid egg.

(6. Fortsetzung.)

Wieder waren Wochen vergangen, und immer näher rückte die gefürchtete Scheidestunde. Die Kranke war zusehends schwächer geworden; ihre Krast reichte nur noch für Tage aus.' Auf ihren Wunsch mußte ihrem Manne geschrieben werden, daß ihr Ende nahe bevor­stehe.

Antwort auf die Nachricht kam nicht; offenbar trieb sich der Baron wieder ruhelos in der Welt umher. Dagegen erhielt Anna eines Morgens aus Amerika einen Brief von unbekannter Hand. Die Mutter, die schon längst außer Stande war, das Bett zu verlassen, lag still vor sich hinträumend in jenem lethargischen .Zustande, welcher sie jetzt fast beständig gefangen hielt. Anna entfernte sich, um den Brief auf ihrem Zimmer zu öffnen. Bleiern schwer lag derselbe in ihrer Hand. Ihr war, wie sie die fremden Schriftzüge anstarrte, als müsse das kleine, unscheinbare Viereck Ungeheuer­liches umschließen.

Sie riß den Brief auf ; die Buchstaben tanzten vor ihren-Augen. Schonungslos, in geschäftsmäßigem Stile, wurde ihr mitgetheilt, daß Mr. Hans Neudingen bei den Wegebauten, die er in der sumpfigen Gegend ge­leitet, dem Fieber erlegen sei. Bor seinem Hinscheiden habe er gebeten, man möge feiner Schwester die Nach­richt von seinem Ableben mittheilen, was denn hiermit geschähe.

„Allein! Ganz allein!“ so schrie eS auf tn ihrem Herzen. Wie oerfttiaert saß sie da, den offenen Brief

\ Veranlassung, mit einer Anzahl katholischer Manner : aus den verschiedensten katholischen Landestheilen sich i zu besprechen über ein gemeinsames Programm, unter ' dem das katholische Volk zu den Wahlen geben sollte.

Mitte Juni 1870 veröffentlichte er in der .Kölnischen Volksztg/ einen Entwurf für die Wahlen behufs dem- nächstiger Vereinigung der Vertreter des katholischen Volkes. Da brach der Krieg aus und zeitweilig mußten diese Bestrebungen ruhen. Aber waS diese katholischen Männer ersonnen hatten, blieb nicht vergessen; als für Mitte November 1870 die Wahlen für den Land­tag ausgeschrieben wurden, rühtte man sich allerwärts, um katholische Abgeordnete zu wählen, und als Mitte Dezember 1870 der Landtag zusammentrat, fanden sich mehr als fünfzig Abgeordnete zusammen, welche jetzt nicht bloß eine lose Vereinigung, sondern eine feste Fraktton gründeten. Es waren die alten, von früher bewährten Kräfte, die Gebrüder August und Peter Reichensperger — bereit letzten (August) wir in diesem Sommer verloren —, Mallinckrodt, dazu die neu er­worbene Perle von Meppen, Windthorst, Savtgny, die auch jüngere, neu auf den parlamentarischen Boden tretende Kräfte um sich sammelten, so den Frhrn. von Heereman, Herrn Dr. Lieber, Herrn von Kehler, zu denen als Jubilar noch dec protestantische Hospitant des Centrums, Dr. Brüel. tritt. Diese Männer traten auf Grund einer vom 11. Dezember 1870 daürten Einladung, unterzeichnet Dr. Reicheusperger, Savtgny, v. Kehler, zusammen und stellten alsbald folgendes Programm auf:

Die Fraktion stellt sich zur besonderen Aufgabe, für Auf­rechterhaltung und organische Fortbildung verfassungsmäßigen Rechtes im Allgemeinen und insbesondere für die Freiheit und : Selbstständigkeit der Kirche und ihrer Jnstttutionen emzutreten. ; Die Mitglieder derselben suchen dieser Aufgabe auf dem Wege freier Verständigung zu entsprechen und die Freiheit des Einzelnen in Bezugauf seine Abstimmungen soll keine Beeintrachtl-