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M 259 Samstag, den 9. November 1895 22. Jahrgang

FulixlerMZtitiing

mit Unterhaltungs-Kettage „Kterne und Hlnmen".

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Zweites Blatt.

ZurEtymologie geographischer Namen.

1. Der Name Grabfeld.

Bei der Betrachtung geographischer Namen fühlen wir unS wie in einem Alterthumsmufeum, wo unser Auge überall ehrwürdige Erinnerungen aus der Vor­zeit erblickt. Die Berg-, Fluß- und Ortsnamen find Klänge auS der Urzeit, spärliche Urberreste einer ver­schollenen Sprache, ein theueres Vermächtniß unserer Väter. Manche dieser Namen haben Jahrtausende an sich vorüberziehen sehen. Aber eben deshalb, weil diese Töne aus so weiter Ferne kommen, verstehen wir sie oft nicht, und welcher ihre Bedeutung ist, doS läßt sich nur errathen. Und doch möchten wir so gerne wissen, was unsere Väter sagen wollten, als sie die Berge, Flüsse und Orte so benamset haben; denn einen Sinn haben alle diese Namen gehabt. Trotz der Schwierig­keit darf man die Hoffnung auf eine richtige Deutung nicht ganz aufgeben. Vielleicht läßt sich doch für manchen jener jetzt unverständlichen Namen eine be­friedigende Erklärung finden.

Versuchen wir es einmal mit dem Namen Grab­feld, mit welchem im 8. Jahrhundert die Gegend be­zeichnet wurde, in welcher Fulda liegt.

K. Schwartz, Programm des Gymnasiums zu Fulda vom Jahre 1856, erwähnt die Ableitung des Namens Grabfeld von graben in der Bedeutung: roden — und findet die Benennung Gräberfeld wegen einer angeblich in dieser Gegend stattgefundenen Schlacht zwischen Chatten und Hermunduren wahrscheinlicher. Dagegen gibt I. Gegenbaur, „Das Kloster Fulda im Karolinger Zeitalter," 2. Buch, 2. Abth., S. 2 der Ableitung des Wortes Grabfeld vom flavischen Worte grap, d. h. Buche, den Vorzug. Kuhlmann, der neueste Biograph des hl. Bonifatius, ist von keiner dieser Erklärungen befriedigt und sagt, „woher der Name kommt, ist nicht ganz sicher." Alle seitherigen Deutungsversuche gehen von der Annahme aus, daß erst die Germanen oder gar die Slaven unserer Berglandschaft den Namen ge­geben haben. ES ist aber viel wahrscheinlicher, daß die Benennungen der Gebirge und der bedmtenderen Ge­wässer von den Germanen schon vorgefunden wurden. Denn die Germanen waren nicht die ersten Bewohner im jetzigen Deutschland, und wenn auch die unwirth- liche Gegend zwischen der Fulda und der fränkischen Saale vor der Mitte des 8. Jahrhunderts wahrschein­lich nicht bewohnt war, so konnte sie doch nicht un­bekannt sein, denn es führten alte Heer- und Handels­straßen hindurch, welche vermuthlich schon lange vor der Einwanderung der Germanen benutzt wurden. Vor den Germanen hatten Jahrhunderte hindurch die Kelten unser Vaterland in Besitz. Dieselben haben den Me- libokus, die Sudeten, den hercynischen Wald u. a. be­nannt, warum sollen sie für dre weithin sichtbare Rhön keinen Namen gehabt haben? Es ist also nicht ausge­schlossen, daß der erste Theil des Wortes Grabfeld der Sprache eines älteren Volkes entstammt, welches vor den Germanen in Deutschland ansässig war. Die ältesten Bewohner unseres Vaterlandes wurden bekanntlich von den nachrückenden Germanen nach Süden und Westen gedrängt. Von den Helvetiern, welche zur Zeit Caesar's in der Schweiz wohnten, berichtet Tacitus,*) daß sie vorher am Main und Rhein ihre Wohnsitze gehabt. Möglich ist es, daß auch andere alte Völkerschaften der Schweiz aus einet freundlicheren Gegend Deutsch­lands in die rauhen Gebirge verdrängt worden waren. Jedenfalls waren die Sprachen der verschiedenen Stämme der großen Keltenfamilie nicht sehr verschieden von einander, so daß ganz gut in der Urzeit das nämliche Wörtermaterial am oberen Rhein zur Bildung von geographischen Namen verwendet sein kann, wie am Main und Niederrhein. Nun findet sich in der an alterthümlichen Bestandtheilen reichen rhätoromanischen Sprache ein Wort, welches allem Anscheine nach mit grap, craf, graf in Grap seid, Craffelt, Graffelt (vergl. Dronke, Codex diplom.) nahe verwandt ist und eine Bedeutung hat, welche sehr gut auf unser Grabfeld paßt. Götzinger, „Die romanischen Ottsnamen des Kantons St. Gallen", S. 60, bemerkt zu den Namen

*) Germania, cap. 28: inter Hercyniam silvam Rhenumque et Moenum amnes Helvetii, ulteriora Boji, Gallica utraque gens, tenuere.

Grappe, Gräppelen, Grappenplatten: Die Namen ge­hören ohne Zweifel zu obwaldisch crap, crapa, Stein, Fels, und erwähnt aus einer Graubündener Urkunde: Der große Stein genannt Grappus. Bei Egli, „Nomina geographica“ S. 367 heißt es: Das Wort für Fels heißt im Bündner Oberlande crap, grippa; desgleichen bei Diefenbach, „Celtica“ I., S. 106: Rhät. crap = Stein und S. 241: in Cravo sive in agro lapideo; Steub, „Hebet die Urbewohner RätienS," S. 71: Chur- wälsch crap bedeutet Stein, Fels, und fügt hinzu, daß daS Wort auch in Tyrol vorkomme, wo es Graf laute. Italienisch greppo, Felsstück, Sgreben (Greben) häufig als Bezeichnung eines steinichten Grundes vor- kommend, cf. Schmeller, „Tyrolische Namenforschungen, S. 153, und Greppen, aedicula ruinoaa, bei Schmeller, „Bayerischer Wörterbuch" S. 1006, scheint daS näm­liche Wort zu sein.

Sollte nun die Annahme zu gewagt sein, daß unser Grabfeld ursprünglich Steinfeld heiße? Die Rhön ver­dient die Bezeichnung, welche Bädecket einer Landschaft am Gemmipaß in der Schweiz gibt: wilde Steinwüste. Denn sie ist an vielen Stellen mit Basaltblöcken wie übersäet, und die Steinwand, der Teufelstein, besonders aber der gigantische Trümmerhaufe der Milseburg recht- ferttgen einen solchen Namen.

Eine andere Frage ist es freilich, ob man in späterer Zeit diesen Sinn noch mit dem Worte Grabfeld ver­bunden hat. Es kam nämlich nicht selten vor, daß man einen alten Namen nicht mehr verstand und ihn umdeutete. So ist z. B., wie Egli, N. G. S. 775 an­führt, au? dem rätoromanifchen Val Rin, Val da Rin = Rheinthal ein Rheinwald geworden. So mag man im Mittelalter auch den Namen Grabfeld verdeuffcht und an graba — graben oder an grabo — Graben, Wall, Damm (siehe Schade, Altdeutsches Wörterbuch) gedacht haben. Und diese Auslegung hatte auch ihre Berechtigung. Denn über die hohe Rhön zog sich früher, wie Jäger, „Briefe über die hohe Rhön Frankens", 2. Theil, S. 6—8 mittheilt, eine alte Landwehr, Hol genannt. „Diese Landwehte bestand in einem aufge­worfenen Walle und zween auf beyden Seiten fort» laufenden Gräben, mit Bäumen und Gesträuchen dicht bewachsen und war beyläufig 20 Schritte breit." Sar­torius glaubt sogar, daß „der Höhl, welcher in früherer Zeit ein Gtenzwall gewesen ist, höchst wahrscheinlich mit dem Pfahlgraben in der Wetterau ein und dieselbe Grenze gewesen ist." Siehe Schneiders Beschreibung des hohen Rhöngebitges, S. 304.

Hofbieber. Noll.

Heidvoll und freudvoll.

Novelle von L. v. Neid egg.

(6. Fortsetzung.)

Der Baron lag rauchend auf dem Kanapee und blätterte in einem abgegriffenen Romane. Auf dem Tische neben ihm stand ein Bierkrug, dessen Inhalt er fleißig zusprach. Da öffnete sich leise bte Thür und Anna trot in das Zimmer.

„Verzeihe, daß ich Dich störe!" begann sie zaghaft, was ihrem sonstigen entschiedenen Wesen völlig wider­sprach. Sie blieb vor ihm stehen, mit den Fingern nervös an ihrem Kleide zupfend. „Ich hätte nothwen- dig ein paar Worte mit Dir zu sprechen."

„So sprich!" versetzte er mürrisch.

„Vater!" sagte sie und immer unsicherer wurde ihre Stimme, „die Wohnung hier ist eng, die Mutter bedarf nothwendig eines Raumes, den sie allein be­wohnen kann. Es vermehrt ihre ohnedies so peinliche Athemnoth, wenn ich mich in ihrem Schlafzimmer auf­halten muß. Auch reicht das leiseste Geräusch hin, um ihre Nerven aufzuregen. Darf ich mich nach einer kleinen Wohnung in der Nähe für Dich umsehen,?"

Et lachte laut auf — ein rohes, unangenehmes Lachen. „Ihr Weibsleute wollt mich los sein?" lief er aus. „Eine zärtliche Frau! Eine liebende Tochter! Ich will an Aufrichtigkeit übrigens nicht hinter Dir zurückstehen und Dir bekennen, daß ich heute lieber wie morgen dies entsetzliche Prennbetg verlassen würde. Ich vergehe hier vor Langeweile. Hätte ich nur das Geld dazu! Ja, wenn Du das Papier unterfertigt hättest und mit noch etwa 50 Gulden hättest dazu leihen können, dann hätte sich übet meine Abreise reden lassen." Et sah ihr lauernd in's Gesicht.

„Also, wenn ich das Papier unterzeichne, gehst Du?" begann sie rasch.

„Sogleich, mein Kind! Ich kam nur hierher, um diesen Zweck zu erreichen."

„So gib es her!" rief sie mit verzweiflungsvollem Entschlüsse. „Gib es schnell, ehe ich Zeit habe, meinen Schritt zu bereuen!“

Herr von Neudingen stand auf, ging an die Kom­mode, holte das Dokument heraus und breitete eS auf den Tisch. Mit Augen, die von Habgier funkelten, blickte er übet Anna'S Schütter, während sie mit fester Hand ihren Namm unter die Worte setzte, die sie zur Bettlerin machten.

„Nun hindert mich ja nichts, an meine Abreise zu benten," sagte er so kaltblütig, als handele eS sich'um einen Spaziergang. „Bleibe noch ein wenig hier und hilf mir meine Sachen einpacken." Seine Stimme klang ganz ftöhlich. Die Freude, hinauszukommen aus der Abgeschiedenheit, die Aussicht, sich wieder Gmuß aller Art verschaffen zu tonnen, das Verschwinden der Ge­fahr, von einem ungeduldigen Gläubiger gequält zu werden — das Alles hob seine Laune. Für Gewissens­bisse war in diesem von Selbstsucht dutchftessenen Ge- müth kein Raum. Eine Gaffenhauet-Melodie vor sich hin pfeifend, schob er seine wenigen Habseligkeiten in die Reisetasche, in welcher er sie mitgebracht hatte.

„Nun leihe mir noch 50 Gulden; ich habe augen­blicklich keinen Krmzer bei mir," sprach er so unbe­fangen, als handele es sich um Selbstverständliches.

Anna erwiderte nichts; sie preßte die Lippen fest aufeinander und ging, das Geld zu Holm. So roh der Mann und so verhärtet sein Gernüth auch war, als die bleiche Tochter vor ihm stand und er das Geld aus ihrer Hand nehmen sollte, empfand er, baß eine unangenehme Regung, etwas, das an Scham grenzte, in ihm aufstieg.'

„Ich will mich mit 20 Gulden begnügen, behalte den Rest," erklärte er und stieß die Hand, in der sie die übrigm Geldstücke hielt, beinahe rauh zurück. Fürch­tete er, wenn er das Geld ansehe, der Versuchung zu unterliegen und auch dieses noch zu nehmen?

„Die Mutter schläft. Willst Du aber nicht doch zu ihr? Willst Du nicht wenigstens einen Blick auf sie werfen?" fragte Anna, als er, Hut und Tasche iu der Hand, im Begriffe stand, hinausznschreitm. Sie mochte wohl denken, dies könne das letzte Wiedersehm zwischen dm Eltern sein.

Er zögerte einen Augenblick. Die Erinnerung an Alles, was ihm diese Frau einst gewesen war — an Alles, was sie ihm geopfert hatte, kam über ihn. Er fühlte nicht den Muth, ihr jetzt in bas Gesicht zu sehen. „Nein!" entgegnete er rauh. „Sage ihr, in einiger Zeit käme ich wieder; das wird genügen. Sie wird sich über meine Abreise nicht grämen und ich liebe zum Abschied keine Rührszenen. Adieu."

„Lebewohl, Vater!" sagte die Tochter mit gepreßter Stimme. Er war ein gewissenloser, schlechter Mann — er blieb aber doch immerhin ihr Vater. Sie konnte daS Gefühl nicht unterdrücken, als dränge sie ihn gewissermaßen von dem Sterbebette der Mutter fort. „Wohin sollen wir Dir schreiben? Wohin Dir tele- graphiren?"

„DaL theile ich euch später mit. Heute kann ich nichts Bestimmtes sagen. Adieu, Anna! Grüße die Mutter."

Sie schloß die Gangthür hinter ihm ab und kehrte in das Zimmer zurück, das er eben verlassen hatte. Dort ließ sie sich auf einen Stuhl sinken, verbarg dar Gesicht in beide Hände und fing bitterlich an ju weinen. „Mutter! Mutter!" flüsterte sie vor sich hin. „ES geschah zu Deinem Besten! Deine letzten Tage sollm nicht ein fortgesetztes Martyrium fein. Für Dich wollte ich dm Frieden erlaufen. Bist Du mir genommen — o, bann rst ja Alles einerlei!"

Dennoch konnte sie nicht fogleich ein Grauen über­winden, als sie sich ihre Zukunft ausmalte, und erst allmählich gelang es ihr, sich so weit zu fassen, um ruhig und und unbefangen zu erscheinen, als sie sich zu ihrer Mutter begab.

Fran von Neudingen war ungewöhnlich erschöpft. Wie immer seit jener Szene bei dem leisesten Geräusche, richteten sich ihre Augen ängstlich nach der Thür, durch welche sie dm brutalen Gemahl polternb eintreten zu sehen fürchtete.

। (Fortsetzung folgt.)