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Samstag, den 9. November 1895

22. Jahrgang

FiildaerMZeituiift

mit Unterhattnnss-KeiLage „Kterne und Kluwrn".

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wv* Erstes Blatt. "W-

D Sozialdemokraten und Bauern.

So sehr sich auch die Sozialdemokraten bemühen, die Bauern einzufangen, — bis jetzt war eS vergeb­liche Mühe. Ein sogen. „Agrarprogramm" hatten sie entworfen, in welchem dem Bauersmanne allerlei Zusicherungen gemacht wurden, ihr Herr und Meister Bebel selbst hatte es auf dem kürzlich in Breslau abgehaltenen Sozialistentage übernommen, sich mit der ganzen Wucht seines Ansehens und seiner Beredtsamkeit für dieses Programm ins Zeug zu legen. Vergeblich! Er, der ergraute Sozialistenführer, wurde unter dem Beifalle der „Genossen" und „Genossinnen" wegen seiner „Rechthaberei und seines Unfehlbarkeitsdünkels" zuerst gehörig heruntergekanzelt und dann mit seinem Anhänge niedergestimmt Das ganze Agrarprogramm wurde verworfen.

Von einer auch nur Halbwegs vernünftigen und gerechten Versammlung hätte man natürlich erwarten müssen, daß bei einer Berathung über ein Bauern­programm doch vorwiegend auch wirkliche Bauers­leute zugezogen würden, um die „Genossen" aus eigener Erfahrung zu belehren. Allein nicht ein ein­ziger Bauersmann nahm an der Versammlung theil, weil eben noch nicht ein Einziger von ihnen eingefangen worden ist. Wie gern hätte der Parteitag mit einem solchen eingefangenen Bauern „Staat ge­macht" ! Derselbe wäre gewiß im Zukunftsstaate sofort zum „Ordner" avancirt und hätte die Aufsicht erhalten über die Bebel'schen zukunftsstaatlichen Weinstuben, Garküchen, Kellereien und sonstigen leckeren zukunsts­staatlichen Einrichtungen, natürlich mit unbeschränktem Berkostungsrechte. Aber, o Jammer! kein Bauer hat „angebissen," vielmehr wußten die Sozialdemokraten, die da von der Stadt zum „Feldzug ins platte Land" hinausgezogen waren, nicht genug zu klagen über die „harten Bauernschädel" und über den unverwüstlichen „Eigenthumsteufel", von dem die Bauern besessen seien.

So viel von dem in die Brüche gegangenen „Agrar­programm". —

Wie liebevoll die Sozialdemokraten von den Bauern denken, und wie gering ihre Hoffnung ist, die Bauern zu fangen, möge man ferner einem Artikel entnehmen, den einer ihrer „wissenschaftlichen" Führer in ihrem Leiborgane, der ,Neuen Zeit', veröffentlicht. Derselbe Dr. Paul Ernst, früher Redakteur der eingegangenm »Berliner Bolksstimme', schreibt:

„Was die Bauern betrifft, so ist jedenfalls alle Liebesmühe umsonst. Sie werden mit Vergnügen alle die schönen Dinge acceptiren, welche ihnen der neue Agrarprogramm-Entwurf verspricht, im Uebrigen aber den antikollektivistischen (d. h. den dem Zukunfts­staate abgeneigten) Bauernschädel, der gar keine «Sage ist, beweisen. Schon dadurch werden wir sofort in Konflikt mit ihnen kommen, daß wir uns der Arbeiter annehmen, denn es gibt keine gemeineren und niederträchtigerenArbeitsschinder, wie die Bauern. Von dem Hasse, der diese Leute gegen die Arbeiter erfüllt, macht man sich keine Vorstellung. Es ist auch durchaus verkehrt, die Leute zu bedauern und zu bemitleiden, wie das sehr ost von Unkundigen geschieht. Man darf ihre Existenz eben nicht mit dem städtischen Maßstabe messen. Das Beste ist, sie als das anzuerkennen, waS sie wirklich sind: als unsere er­bittert st enFeinde. Anders steht es mit dem Klein­bauern, der im Wesentlichen ohne fremde Arbeitskraft winhschaftet. Auch er ist durchaus Eigenthums- fanatiker und durchaus nicht in der Weise zur Sozialdemokratie zu bekehren, wie etwa ein städtischer Handwerker. Auch wenn seine paar Morgen noch so verschuldet sein sollten, ein paar hundert Mark hat er immer daran, und das ist, noch dazu bei dörflichen Verhältnissen, immer doch mehr, wie daS „Kapital", das ein Schuster in seinem Keller in den paar Leisten und der Schusterkugel stecken hat."

Der offenherzige Dr. Ernst schlägt dann noch vor, die Agitatoren sollten den Bauern versichern, daß „die Sozialdemokratie ihren Besitz garantirt," während das Programm der Partei bekanntlich die Verstaatlichung des gesammten Grund und Bodens, der sämmtlichen Produktionsmittel: Maschinen, Geräthe, Häuser u. s. w. fordert. Also direkten Betrug der '

Landbevölkerung empfiehlt als Bekehrungsmittel ein „wissenschaftlicher" Führer der Sozialdemokratie in ihrem vornehmsten Organ.

Zum Schluffe möchten wir noch hierher setzen, was einer der Hauptlichter der Sozialdemokratie, Schippel, auf dem Breslauer Parteitage erklärt hat: „Wir wollen freilich den Kleinbauern heranziehen, aber wir müffen ihm erklären, daß er keine Zukunft hat als Besitzer, sondern nur als Besitzloser, wenn er unter unsere Fahne geht."

Habt Jhr'S gehört, Ihr Bauern? Zwei Haupt- Wortführer der Sozialdemokraten haben offen erklärt: „Kein Stück Vieh, keine Ackergeräthr, kein Haus, Stall nnd Acker soll Euch gehören, besitzlos sollt Ihr sein — dann erst können wir Euch brauchen." Einer der­selben ist aber unverftoren genug, trotzdem Euch Euren Besitz zu garantiren.

Die „gemeinsten und niederträchtigsten Arbeiter­schinder" schimpfen sie Euch, und weil Ihr mit Recht nicht fingersbreit von Eurer Scholle hergeben wollt, drum nennen sie Euch „harte Bauernschädel", die von einem „unverwüstlichen Eigenthumsteufel" besessen sind.

Wenn also nun solche sozialdemokratische Apostel auf's Land, in die Dörfer kommen und daS neue Evangelium ihrer Volksbeglückung mit süßen Worten und heuchlerischer Miene verkünden, dann wissen die Landleute. waS davon zu halten ist, daß alle ihre ver­lockenden Versprechungen und glänzenden ZukunstSpläne eitel Trug sind. Nicht helfen wollen die Sozial­demokraten dem Bauern, sondern ihn vernichten. Er soll vom Erdboden verschwinden. Am Bauernstände liegt den Sozialdemokraten gar nichts, im Gegentheil, er ist ihnen nur ein Hinderniß zur Verwirklichung ihres Zukunstsstaates. Nun, Gott sei Dank, haben unsere Bauern zum Verschwinden gar keine Lust, und so werden fie die „Bolksbeglücker" gebührend zu em­pfangen wissen.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. November.

* Der Kaiser ist gestern Abend gegen 7 Uhr im besten Wohlsein in PieSdorf eingetroffen. Heute stüh brach der Kaiser zur Jagd auf und trat heute Abend gegen 8 Uhr die Rückreise an. Die Ankunst der Kaisers auf der Wildparkstation erfolgte gegen IVj» Uhr Nachts.

* Der .ReichLanzeiger' meldet die Ernennung des Oberstaatsanwalts Rassig« in Colmar zum Unter­staatssekretär im Ministerium für Elsaß-Lothringen und des Vortragenden Raths in der Kolonialabtheilung v. Schuckmann zum Generalkonsul in Kapstadt.

* General Frhr. v. d. Goltz-Pascha hat, nach der ,K. Z.', seine Entlassung aus dem türkischen Heere nachgesucht. Bei den gegenwärtigen Christen­verfolgungen in der Türkei, an denen auch die Armee sich betheiligen muß, können es die im türkischen Heere dienenden europäischen Offiziere auch nicht mehr mit Ehre und Gewissen vereinigen, in dieser Armee zu bleiben.

* Die sozialdemokratische Agitation in der Armee betreffend hat das Reichsgericht gestern eine Ent­scheidung von prinzipieller Bedeutung gefällt. Der zweite Senat des Reichsgerichts hat nämlich, wie telegraphisch aus Leipzig berichtet wird, das frei­sprechende Urtheil des Landgerichts Berlin I vom 14. Mai d. I. gegen den Arbeiter Zinne auf­gehoben. In der Begründung wird ausgesprochen, daß Korpsbefehle, welche sich gegen die sozialdemo- kraüsche Agitation im Heere richten, als Befehle in Dienstsachen nach § 92 des Militär-Strafgesetz- bucher aufzufassen sind, und daß die Aufforderung an Personen des Soldatenstandes zur sozialdemokratischen Agitation nach § 110 bis 112 des Reichs-Straf­gesetzes zu bestrafen ist. (Die §§ 110 bis 112 be­treffen den Widerstand gegen die Staatsgewalt, die Staatsgewalt, die Aufforderung zu diesem Widerstande und die Aufforderung oder Anreizung einer Person des Soldatenstandes, dem Befehle der Oberen nicht Gehorsam zu leisten, bezw. einer Person des Beur­laubtenstandes, der Einberufung zum Dienste nicht zu folgen. D. Red.)

△ Der Ausfall der Dortmunder Wahl hat natürlich die nationalliberalen und verwandten „Mannes­seelen" in ihrem Gleichmuthe auf's schwerste erschüttert

und chre Blätter bringen noch jeden Tag spaltenlange Betrachtungen über diese Wahl und ihre — Folgen. DaS kennt man! Jedesmal, wenn diesen Herren eine empfindliche Niederlage beigebracht ist, dann ist nicht ihr Parteiinteresse, nein, daS „Staatsinteresse" verletzt. Wer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, der ist ein Reichs­und Staatsfeind, ein Umstürzler. Und darum sind „die rothe und die schwarze Internationale" einander völlig werth. DaS ist die alte Melodie, welche auch jetzt wieder von unseren Mittelparteilern in allen Ton­arten gesungen wird. Merkwürdig, vor der Wahl da klang eS anders. Da entdeckte selbst die,Nat.-Lib. Korr.' „Berührungspunkte" zwischen Centrum und National­liberalen, da wurde vom Zusammenstehen der „staats­erhaltenden" Parteien — Centrum und Nationalliberale — und der gemeinsamen Abwehr der Sozialdemokratie seitens des „Bürgerthums" geschwärmt, kurz, da war das Centrum gar nicht mehr so schwarz und staats­feindlich, daß es nicht gut genug gewesen wäre, der lichten Unschuld des „staatserhaltenden" Nationallibe­ralismus ein Mandat retten zu können. Jetzt ist es damit vorbei. Aber wir trösten uns. Wir wissen ohnehin, daß die sanften Flötentöne auch dann, wenn Centtumswähler den Nationalliberalen daS Dottmunder Mandat gerettet hätten, nicht lange für uns erklungen wären. Man hätte die Centrumswahlhilfe nach Mög­lichkeit herabzusetzen sich bemüht, den Stimmenzuwachs größtentheils durch „Reserven", mit den Stimmen der protestantischen Landwirthschaftsbündler, Freisinnigen rc. zu erklären gesucht und dann gesagt: „Mit diesem Zuwachs hätten wir die Paar Tausend Centrumsstim­men gar nicht mehr nöthig gehabt — sie haben uns also nichts genützt und können daher auf Dank keinen Anspruch erheben." Und wenn dann wieder einmal ein Centrumsmann mit einem Sozialdemokraten in die Stichwahl gekommen wäre, so hätten die Nationallibe- ralen es genau so gemacht wie früher in solchen Fäl­len: nämlich sich der Wahl enthalten oder, wie inMünchenu. s. w., für den Sozialdemokraten gestimmt. Wir trösten uns also, aber noch mehr: es bestand und besteht bei uns überhaupt kein Verlangen, von den Nationalliberalen Lob und Anerkennung zu ernten. Im Gegentheil! Wenn wir einmal von dieser Seite gelobt werden sollten, so müßten wir uns fragen, ob wir noch auf dem rechten Wege seien. Und um­gekehrt ist von vorn herein anzunehmen, daß wir recht gehandelt, da die Nationalliberalen wüthend über uns herfallen.

* Ein doppeltes Landtagsmaudat hat durch die neuen badischen Wahlen das nationalliberale Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses Karl Emil Weder erlangt. Weber, ein Sohn des bekannten Historikers, ist durch seine Geburt in Heidelberg badischer Staats­angehöriger. Später hat er auch die preußische Staats­angehörigkeit erworben und ist zum Abgeordneten für den Kreis Jerichow gewählt. Da Weber auch den Wahlkreis Heidelberg im Reichstag vertritt, so besitzt er, was in Deutschland noch nicht vorgekommen ist, drei durch die Wahl erlangte Mandate gleichzeitig. — DaL ist aber auch das Einzige, wodurch sich Herr Weber parlamentarisch auszeichnet, bemerk dazu die ,Freis. Ztg.'

* Ueber die Markeukleberei hat sich, wie verlautet, der Präsident des Reichsversicherungsamtes, Dr. Bödiker, in der Konferenz zur Revision des Jn- validitäts- und Altersversicherungsgesetzes sehr abfällig geäußert. Nach dem Bericht, dessen Richtigkeit bei der in der Konferenz proklamirten Geheimhaltung nicht kontrolirt werden kann, hat Herr Dr. Bödiker ausge­führt, daß die Beitragsmarken nicht geleistet haben, waS von ihnen erwartet wurde, andererseits eine schwerer empfundene Belästigung der Betheiligten zur Folge gehabt habe, als vorausgesetzt wurde. Mag die Annahme des stellvertretenden Vorsitzenden der JnvaliditätS- und Altersversicherungs-Anstalt Posen, „daß selbst eine wohlwollende Schätzung den Ausfall an Beiträgen auf 40 pCt. taxiren müsse," zu weit gehen, so ist ,es doch eine unwidersprochene, durch Tausende von jährlichen Strafverfügungen der Jn- validitäts- und AlterSversicherungs-Anstalts-Vorstände belegte Thatsache, daß Beitragsmarken in großem Umfange nicht verwandt werden. Abgesehen von diesen grundsätzlichen Bedenken, deren praktische Bedeutung erst die Erfahrung erhärtet hat, spricht gegen die Beitragsmarke und Quittungskarte die