M 258 Freitag, den 8. November 1895 22. Jahrgang
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-* Centrum und Handelsverträge.
IV. (Schluß.)
Die Zustimmung zum russischen Handelsvertrag war ferner bedingt durch die Er^kennttnß, daß eine Ablehnung desselben Deutschland gegenüber Rußland in eine überaus schwierige volkswirth- schaftliche und allgemein-politische Lage gebracht haben würde. Wenn die Ablehnung des Vertrages der heimischen Landwirthschaft genützt hätte,so hätte man jene Schwierigkeit in den Kauf nehmen können und müssen. Nützte sie ihr nichts, so war es ehrlicher und um das Vaterland einschließlich der Landwirth- schast verdienstlicher, auf Grund dieser klaren, verstandesmäßigen Erkenntniß der Strömung des Tages Widerstand zu leisten und den Vertrag anzunehmen, um so wenigstens eine Verschärfung unserer internationalen Beziehungen zu Rußland zu vermeiden.
Wenn Jemand die Behauptung, daß die Annahme deS russischen Handelsvertrages für sich allein die Leiden der Landwirthschaft durchaus nicht vermehrt habe, sachlich bekämpft, so wird man sich sachlich mit ihm auSeinandersetzen müssen und können, und zu dieser Auseinandersetzung wird jeder stets bereit sein, der für den russischen Vertrag gestimmt hat. Wer aber jene Behauptung nicht bestreiten kann, sollte denn auch so muthig sein, die Konsequenz zu ziehen, daß also allerdings ein Ablehnen des russischen Vertrags der Landwirthschaft nichts genutzt hätte, oder es doch wenigstens vermeiden, diejenigen mit Borwürfen zu verfolgen, welche durch ihr Amt als Volksvertreter verpflichtet waren, alle Konsequenzen zu ziehen und durchzudenken, und dabei zu der Ueberzeugung kamen, daß der russische Vertrag nicht abgelehnt werden konnte. Eine Fortführung der sachlichen Diskussion über diese sachlichen Gründe könnte nur von Nutzen sein. Wogegen aber alle, welche für den rumänischen und russischen Vertrag gestimmt Haben, sich auf das enschiedenste verwahren müssen, das ist die Verdunkelung der Motive, welche sie zu ihrer Stellungnahme brachten. Darum sei es hier auf das Bestimmteste wiederholt: Richt, weil sie der Ansicht waren, daß die industriellen Interessen den landwirthschaftlichen in diesem Falle vorgehen müßten, auch nicht, obgleich sie einsahen, daß diese beiden Wege der Landwirthschaft abträglich wirken würden, und am allerwenigsten, weil sie glaubten, daß die Landwirthschaft weitere Opfer noch ertragen könne, haben sie für beide Verträge gestimmt, sondern einzig und allein deshalb, weil sie sich gegenüber der Wucht der erbrachten sachlichen Beweise der Einsicht nicht verschließen konnten, daß die Ablehnung der Verträge der Landwirthschaft nichts nützen und auf den Stand des Weltmarkt- wie Inlandspreises keinerlei fühlbaren Einfluß haben werde, und daß die Annahme ebenso der Landwirthschaft nichts mehr schaden würde, weil auch sie auf den Stand deS Weltmarft- wie des Jnlandpreises ebenso wenig einen fühlbaren Einfluß haben werde. Ist man gerecht genug, diese Motive
der Zustimmenden anzuerkennen, so wird man gewiß aus der Zustimmung nicht herleiten können, daß eine sträfliche Vernachlässigung ländlicher Interessen vorliege. Man kann dann behaupten, daß diese sachlichen Gründe nicht zutreffen, und man muß dann mit sachlichen Gegen grün den beweisen, — eine Diskussion, die Niemand zu scheuen braucht, der dem russischen Vertrag zugestimmt hat. ES ist dann aber unzulässig, die Thatsache der Zustimmung zum russischen Vertrag für sich allein agitatorisch zu ver- werthen und sie sogar zu persönlichen Angriffen auS- zubeuten.
Einem Hungrigen ist schlecht Moral zu predigen; und so ist eS denjenigen, welche nicht anders konnten, als auch dem russischen Handelsvertrag ihre Zustimmung nicht zu versagen, jetzt, so lange die Noth- lage der Landwirthschaft anhält, ungeheuer schwer, mit Gründen durchzudringen, weil das Resultat dieser Gründe so sehr den Gefühlen der ländlichen Bevölkerung, sowohl den natürlichen, wie den künstlich genährten und selbst den künstlich erzeugten, widerstrebt. Sobald der Weltmarktpreis und damit der Jnland- preis für daS Getreide sich wieder zu normaler Höhe gehoben haben wird — eine Lage die durch gesetzliche Maßnahme nicht herbeigeführt werden kann, die aber von selbst kommen wird und gar nicht auSbleiben kann, weil zu den jetzigen Preisen nicht nur Deutschland, sondern auch Nordamerika, Argentinien, Rußland, Rumänien und alle anderen Ausfuhrländer that- sächlich nicht mehr produziren können —, wird man über diese Frage viel ruhiger und objektiver sich auseinandersetzen können. Es wäre daher innerhalb der Centrumspartei kollegialischer und vornehmer, wenn man die Agitation hätte ruhen lassen bis zur normalen Gestaltung der Preise und der mit ihr einttetenden Beruhigung der Gemüther, welche sie wieder für reine sachliche Erörterungen empfänglich macht, anstatt die augenblickliche Nothlage und die natürliche Mißstimmung der landwirthschaftlichen Kreise zum Boden einer ausgedehnten Agitation zu wählen gegen alle, welche eS für ihre gesetzgeberische Pflicht hielten, auf Grund der in oft sehr angestrengter Arbeit erworbenen Einsicht trotz und entgegen der in den ländlichen Kreisen vorhandenen Bewegung und Etregung den moralischen Muth zu haben, sür den rumänischen und dann auch für den russischen Handelsvertrag zu stimmen.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. November.
* Der Kaiser nahm heute früh im Neuen Palais die Borträge des Kriegsministers und des Chefs deS MilitärkabinetS entgegen und begab sich darauf zur Vereidigung der Rekruten nach Berlin. Im Laufe des Nachmittags fuhr der Kaiser zu dem Minister des Königlichen Hauses von Wedel nach PieSdorf zur Jagd.
* Der Dank des hl. Vaters für die Protest- Kundgebungen zum 20. September wird den deutschen
Bischöfen durch folgendes Schreiben des apostolischen Nunüus Ajuti mitgetheilt:
München, den 17. Oktober 1895. Sehr verehrter hochwürdigster Herr!
Mit großer Herzensfreude hat der heilige Vater meine Mittheilung über jene Veranstaltungen entgegengenommen, welche bei Gelegenheit der Feier des 25. Jahrestages der Eroberung Roms von Seiten der Feinde der hl. Kirche die Christ- gläubigen in Deiner Diözese getroffen haben, um ihren Abscheu gegen die schreckliche Frevelthat dieser Usurpation aufs neue an den Tag zu legen.
Dieser herrliche und öffentliche Beweis der Liebe und Ehrfurcht gegen den hl. Stuhl hat Seiner Heiligkeit bei den gegenwärtigen Bedrängnissen und Leiden, bei den frevelhaftm Bestrebungen und den schamlosen Angriffen seiner Feinde einen überaus großen Trost bereitet. Er sieht nämlich daraus, daß überall die Katholiken bereit sind, die Rechte des hl. Stuhles auf jede mögliche Weise mit unerschütterlicher Ausdauer zu Vertheidigen.
Deshalb läßt Seine Heiligkeit zunächst Dir für Deinen Eifer, womit Du die Gläubigen angeseuert hast, dann auch de» Vorständen der katholischen Vereine, den Leitern der Zeitungen sowie allen Denen, welche an der Veranstaltung jenes Erweises der Liebe und Ehrfurcht Antheil gehabt haben, von ganzem Herzen den verdienten Dank aussprecheu und ertheilt ihnen zum Unterpfand seiner Dankbarkeit und seines besonderen Wohlwollens gern den apostolischen Segen.
Indem ich dieses meinem Auftrage gemäß Dir mit Freuden mittheile, bitte ich Dich, Du wollest Vorstehendes jenen, welche es betrifft, ohne Zögern in passender Weise zur Kenntniß bringen.
Inzwischen wünsche ich Dir von Gott alles Gute und verharre mit der geziemenden Hochschätzung und Verehrung
. Deiner Bischöflichen Gnaden
ergebenster
f Dr. Andreas, Archiep. Tamiath. Nuntius Apostolicus.
* Zolldirektor Böder und Lieutenant v. Döring kehren demnächst nach Togo zurück; sie fahren mit dem am 11. d. M. von Hamburg abgehenden Dampfer. Der erstere übernimmt vertretungsweise die Geschäfte der Landeshauptmannschaft, da Landeshauptmann Köhler auf Urlaub nach Europa geht. Lieutenant v. Döring übernimmt die Führung einer Expedition, welche die Aufgabe hat, das Terrain behust Bau einer Eisenbahn zu sondiren. — Für Deutsch- Südwest-Afrika hat Lieutenant Trost eine Straßenlokomotive angeschafft, die bestimmt ist, den Verkehr zwischen Swakop und dem Innern zu vermitteln. Zum Anschluß an die von Hamburg nach Swakopamund laufenden Dampfer will Herr Trost noch einen Dampfer einstellen, der den Verkehr von Swakopmund bis Kapstadt zu vermitteln hat. Dieser Dampfer ist auch für den Transport lebender Thiere eingerichtet, um von dem viehreichen Damam- land aus die Westküste Afrikas mit Fleifch versorgen zu können.
KeidooU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neid egg.
(6. Fortsetzung.)
Der Mann kannte sich nicht mehr vor Wuth; er schüttelte das Mädchen an den Schultern, zerrte ihre Rechte, in welche er die Feder gedrückt hatte, und fing an, die Wehrlose zu mißhandeln. Sie sprang auf und suchte zu entfliehen; er ergriff sie am Arm und riß sie mit solcher Gewalt zurück, daß ihr Fuß strauchelte und sie zu Boden fiel. Unwillkürlich entschlüpfte ihr ein Schrei. Der Gedanke, man könne herbeikommen, brachte den vor Wuth halb wahnwitzigen Mann vollends um alle Besinnung. Er warf sich auf seine Tochter, eme seiner sehnigen Hände legte sich ihr aus den Mund, die andere schnürte ihr die Kehle zu . . .
Im selben Augenblick ging die Thüre auf. Langsam, geisterbleich erschien die Baronin auf der Schwelle; starr blickten die weit geöffneten Augen. „Willst Du Dein Kind morden?" kam es über die blutleeren Lippen.
Plötzlich ernüchtert, prallte der Baron zurück und ueß die Tochter loS, die rasch aussprang und zur Thüre eilte; sie kam gerade früh genug, um die Mutter m ihren Armen aufzufangen und zu halten, bis der Vater ihr die Ohnmächtige auf das Bett trugen half.
Anna war durchglüht von Enttüstung gegen den
Vater. „O, wenn es nur Gottes heiliger Wille wäre, daß die Mutter jetzt abberufen würde, auf den Knieen würde ich Ihm danken für diese Gnade!" so dachte sie in wild aufloderndem, maßlosem Schmerze. „Befreit wäre sie von allen Sorgen, befreit von der Bürde, die sie zu Boden drückte, befreit vom Anblick ihres — unseres Peinigers! Nimm sie hin, o Gott! Nimm sie hin! Und nimm auch mich!"
Die leidenschaftliche Klage blieb unerhört. Sie sollten Beide ihr Kreuz noch weiter tragen.
Nachdem Anna lange vergeblich alle Mittel angewandt hatte, um die Bewußtlose in's Leben zurückzurufen, schlug diese endlich die Augen auf. Ihr Blick begegnete dem Antlitz ihres Mannes, ein Schauder durchflog die zarte Gestalt; die Kranke kehrte sogleich ihr Gesicht der Wand zu und schloß die Augen. Die unwillkürliche Regung des Abscheues war Anna nicht entgangen.
„Bitte, Vater, hole Doktor Heimburg," sagte sie zum Baron. „Dies ist kein gewöhnlicher Ohnmachtsanfall; der Mutter Zustand scheint mir bedenklich."
Bereitwillig ging Herr von Neudingen, den Arzt zu holen. Es war ihm ganz lieb, einen Vorwand zu haben, das Haus zu verlassen.
Der Arzt kam. Es gelang ihm, die Kranke aus -
ihrer Ohnmacht zu erwecken und die Gefahr für dm Augenblick abzuwenden.
Mit der Besserung wollte es aber nicht voran gehen. Die Baronin hatte eine geistige Erschüttemng erlitten, die verhängnißvoll werden mußte. An manchen Tagen vermochte sie das Bett nicht zu verlassen. Allerdings kamen auch Augenblicke, in denen sie aufzuleben schien. Ihre Stimme klang dann kräftiger, die Augen gewannen etwas von ihrem alten Glanze wieder. Sobald aber der Baron erschien mit seinem dröhnenden Schritte, seiner rauhen Stimme, schwand sofort jede Spur von Besserung. Bei seinem Anblick zuckte die zarte Frau zusammen, wie von einem plötzlichen Schmerze getroffen. Wenn sie sich auch zu überwinden und den Eintretenden freundlich zu begrüßen versuchte, so trug gerade diese Anstrengung nur zur Verschlimmerung ihres Zustandes bei. Sie vermochte nicht, über den Eindruck Hinwegzukommen, der ihr von jener schrecklichen Stunde verblieben war.
Der Arzt kam täglich, und immer bedenklicher wurde seine Miene. „Wenn es nur Mittel und Wege gäbe, den Mann zu entfernen, dachte er oft; dies arme Leben könnte dadurch vielleicht um Wochen, um Monate verlängert werden. Was ihn hier nur festhalten mag? Liebe zu den Seinen gewiß nicht. Soll