M 257 Donnerstag, den 7. November 1895 22. Jahrgang
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* Centrum und Handelsverträge, in.
Bei der Beurtheilung der Haltung des Centrums in der Frage der Handelsverträge darf man, wenn man gerecht sein will, nicht ausgehen von der heutigen Lage, sondern ausgehen muß man von der Lage zur Zeit des Abschlusses der Verträge. Man muß sogar ausgehen von der Lage bei Abschluß des österreichischen Vertrages, also vom Jahre 1890, da der russische Handelsvertrag eine Konsequenz und zwar eine nothwendige, unabweisbare Konsequenz aus diesem ersten Vertrage war.
Als der österreichische Handelsvertrag vor den Reichstag kam, standen die Getreidepreise ganz ungewöhnlich hoch, so hoch, wie sie fett einem Menschenalter nicht mehr gewesen waren. Im preuß. Abgeordnetenhause hatte kein Geringerer wie Gras Kanitz die völlige Aufhebung der Getreidezölle befürwortet. Nun wurde der österreichische Vertrag dem Reichstage vorgelegt. Der wichtigste Punkt bei demselben war die Herabsetzung der Getreidezölle von 5 auf 3,50 M. Bei der damaligen Lage der Getreidepreise war diese Herabsetzung durchaus erträglich. Die meisten Agrarier stimmten dieser Herabsetzung sofort zu, weil sie damit den Zoll von 3,50 M. auf 12 Jahre festlegten, während sie fürchteten, daß eine Fortdauer der hohen Getreidepreise die Getreidezölle ganz und auf lange Zeit fortschwemmen könnten. Genug, im Jahre 1890 machten sich nur höchst schwache Stimmen gegen den Zollsatz von 3,50 M. geltend, und der Vertrag fand im Reichstag eine überwältigende Majorität. Das Centrum stimmte > geschlossen, ohne eine einzige Ausnahme, f dafür. Nur 24 Konservative stimmten gegen ihn. ? Auch außerhalb der Fraktion hatte der Vertrag in Centrumskreisen fast ausschließlich Zustimmung gesunden. Frhr. v. Huene, Graf Hoensbroech, Frhr. v. Pfetten stimmten sämmtlich mit Ja; Frhr. v. Schorlemer, der Vorsitzende des Westfälrschen Bauernvereins, der dem Reichstag nicht mehr angehörte, hatte sich öffentlich für ihn erklärt Aus den Reihen des Rheinischen Bauernvereins hatte sich keine einzige Stimme gegen ihn erhoben.
Und doch war mit dem Vertrag alles entschieden, und zwar, weil so viele Getreide ausführenden Länder mit unS in vertragsmäßigem Mei st begünstigungS- Verhältniß lebten. Mit der Annahme des österreichischen Vertrages wurde zugleich auch allen diesen Ländern der Zoll von 3,50 M. zugestanden. Es waren das u. A. Nordamerika, Argentinien, Bulgarien und die ganze Türkei, Ostindien, Aegypten u. s. w., alles Länder, deren Getreideausfuhr auf dem Weltmarkt eine große Rolle spielen ? und die in ihrer Gesammtheit ihn beherrschen. Alle diese Länder konnten fortan ohne weiteres ihr Getreide in Deutschland zu dem Zollsatz von 3,50 M. einführen. Einem anderen Zollsätze gegen die wenigen
noch übrig bleibenden Getreideländer, Rußland und Rumänien, wurde damit jeder Werth genommen. Diese Konsequenz ist in jenen Tagen auch offen ausgesprochen worden, namentlich aus den Kreisen jener Konservativen, die dem Vertrage widersprachen. Wenn sie vielen Leuten damals nicht zum vollen Bewußtsein gekommen ist, so ist das doch kein Umstand, der in der folgenden Entwicklung einen durchschlagenden Grund gegen andere Handelsverträge abgeben konnte. Zum Theil lag dieser mangelhafte Ueberblick über die Tragweite des Vertrages darin, daß eine Kommissions- berathung des Vertrags nicht vorgenommen worden war. Aber auch damit waren damals alle Vertreter ländlicher Interessen im besondern Sinne ebenso einverstanden, wie mit dem Vertrage selbst.
Es ist darum ganz unzutreffend, wenn der Unterschied gemacht wird zwischen denjenigen Mitgliedern des Centrums, welche nur dem österreichischen, und denjenigen, welch? auch dem rumänischen und russischen Vertrage zustimmten, und zwar i aus diesem Grunde, weil „damals die Verhältnisse f noch nicht zu klar lagen." Schon damals lag für ; alle, welche die Verhandlungen sorgfältig verfolgten, durchaus klar, daß mit Annahme des österreichischen | Vertrages allen Meistbegünstigungsländern derselbe ; Zollsatz von 3.50 M. zugestanden würd', daß em ' Differentialzoll gegen Rußland aut dieDauer un - i möglich war, daß ein russischer Handelsvertrag mit i demselben Zollsatz also mit logischer Konsequenz nach- ' kommen mußte. Was allein nicht „klar" war, und ‘ damals noch Niemand sich vergegenwärtigen konnte, war, daß als bald nachher Annahme des österreichischen Vertrages die Preise Les Getreides bis zu 1 einem früher unerhörten Stande sinken z würden. Daran hat damals allerdings Niemand ge- - dacht, aber auch Niemand denken können, weil so et- \ was in unserem Jahrhundert noch noch gar nicht da- - gewesen war. Daher ist es mindestens nicht schön, ! wenn von Leuten, welche damals die Folgen des österreichischen Vertrages nicht ganz überschaut haben, anderen ein Vorwurf gemacht wird, die damals schon jene Folgen durchaus erkannten, und darum nach reiflichster und ernstester Ueberlegung später zu dem Schluffe kamen, daß der russische Vertrag nicht mehr abgelehnt werden könne.
Bald nach dem österreichischen Handelsverträge begannen nun die Preise unaufhaltsam und unerhört zu sinken und dieses nachträgliche Ereigniß machte das Bestehen des österreichischen Vertrages mit seinen Folgen ' für die Meistbegünstigungsländer zu einer fatalen That- \ fache. Sofort begannen nun auch die Schwierigkeiten ; der Lage der Landwirthschaft und sie wurde bald so ' bedrohlich, daß ein großer Sturm sich erhob. Es ist erklärlich, daß diese veränderte Lage bei Vorlage des rumänischen und russischen Vertrages auch bei denjenigen Centrumsmitgliedern zu erneuter scharfer Prüfung führen mußte, welche schon bei ihrer Abstimmung über s
den österreichischen Vertrag der Meinung gewesen waren, daß alle weiteren Verträge auf der Basis des Zolles von 3.50 Mk. sich nicht mehr ablehen ließen. Namentlich beim russischen Vertrage wurde die Ausregung in der ländlichen Bevölkerung so groß, daß cs, rein menschlich gesprochen, viel leichter war, gegen den Vertrag zu stimmen, als für denselben. Bei Abgeordneten, deren Wählerschaft in der Mehrzahl zur ackerbautreibenden Bevölkerung zählte, gehörte geradezu ein großes Maß moralischen Muthes dazu, für den Vertrag zu stimmen, wenn sie das für das Richtige erkannt hätten, während dem Gefühle ihrer Parteifreunde im Wahlkreise ein Verwerfen viel besser zugesagt hätte. Wer damals zustimmte, wußte ganz genau, daß er vielen Angriffen und Borwürfen begegnen würde, wie diese denn auch thatsächlich gekommen sind, auch ost von Seiten, von denen man es damals noch nicht erwarten mochte. Hat er trotzdem zugestimmt, so sollte man billiger Weise schließen, daß seine Ueberzeugung von der NothWendigkeit dieser Abstimmung sehr stark gewesen sein muß, anstatt ihm mit dem verletzenden Vorwurf zu begegnen, er habe als Abgeordneter „gegen die Interessen seiner ländlichen Wähler gewirkt und gestimmt." ES ist fraglich, ob die Abstimmung zu Gunsten des russischen Handelsvertrages noch ein Interesse der Landwirthschaft verletzt hat. Diejenigen vom Centrum, welche ihm zustimmten, haben ihm ausnahmslos zugestimmt, weil sie die Ueberzeugung hatten gewinnen müssen, daß ein Ablehnen des russischen Handelsvertrages die schwierige Lage der Landwirthschaft um nichts bessern würde und daß die Annahme desselben die so schwierige Lage um nichts mehr zu verschlechtern geeignet war. Wer anderer Meinung ist, sollte nachweisen, wie und wo der russische Handelsvertrag die Lage der Landwirthschaft, so wie sie sich durch den österreichischen Vertrag in Verbindung mit dem MeistbegünstigungS - Verhältniß gestaltet hatte, weiter verschlechtert hat. Statt dessen aber diesen Satz als eine Sache hinstellen, die ohne Weiteres klarer ist als das Licht und dann auf Grund dieser einfachen Behauptung einen schweren Vorwurf erheben, sollte unter guten Freunden nicht vorkommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. November.
* Der Kaiser empfing am Dienstag Abend um 7 Uhr den deutschen Botschafter in Wien, Grafen Eulenburg, der sich darauf wieder auf seinen Posten begeben hat, und um 8 Uhr den österreichischen Botschafter in Berlin, v. Szögyenyi-Marich. Beide Botschafter sowie einige höhere Offiziere, wie Generaloberst v. Loo u. A., waren dann auch zur Abendtafel geladen. In der „hohen Politik" scheint „etwas los zu sein".
* Dr.Peters ist nach der,Post' von demPosten als Landeshauptmann am Tanganjika-See zurückgetreten,weil sich die Beziehungen der Landes-
KeidVoll und freudvoll.
Novelle von L. v. Neidegg.
(5. Fortsetzung.)
3.
Am Tage nach dem Besuche des Hofraths brachte die Post für Herrn von Neudingen einen Brief, dessen Inhalt ihn auf's Höchste aufregte. Enge Wohnungen erschweren es, heftige Gemüthsbewegungen vor den Mitbewohnern zu verheimlichen; die dünnen Wände werden zu Berräthern. Der Baron, dem Selbstbeherrschung von jeher fremd war, dachte auch gar nicht daran, seinen Angehörigen seine Erregung zu verbergen. Rastlos ging er mit schweren Schritten in seinem Zimmer auf und ab, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd. Die Aufwärterin mußte ihm außer- aewöhnliche Quantitäten Bier besorgen. Als er bei Tische erschien, redete er gar nichts und sah nur mürrisch vor sich hin.
In sein Zimmer zurückgekehrt, setzte er sein Auf- und Abwandern fort. Auf einmal wurde es still. Die Baronin, die wie immer auf dem Ruhebette im Wohnzimmer lag, verfiel in einen leichten Schlummer. Anna, die bei ihr gesessen hatte, entfernte sich leise, um sich ihren häuslichen Pflichten zu unterziehen. Als sie auf den Hausgang trat, hörte sie, wie der Vater vorsichtig
seine Zimmerthüre öffnete und mit gedämpfter Stimme nach ihr rief. Sie wußte nun, die gefürchtete Stunde sei gekommen. Tief aufathmend, blieb sie eine Weile unbeweglich, um wenigstens äußerlich ihre Fassung wieder zu gewinnen. Als sie zum Vater eintrat, hatte sie sich insoweit gesammelt, daß der Klang ihrer Stimme, mit der sie nach seinen Wünschen fragte, die Angst nicht verrieth, die sie erfüllte.
Des BaronS Gesicht war noch röther als gewöhnlich, in seinen Augen flimmerte eS unheimlich; doch gab er sich augenscheinl'ch Mühe, unbefangen zu scheinen.
„Ich rief Dich, herein," erklärte er, „weil ich Dich um eine kleine Gefälligkeit ersuchen muß."
„Was ist es, Vater?" fragte sie mit möglichster Ruhe. Sie hatte sich in dem Zimmer umgesehen und bemerkt, daß auf dem Tische ein Papier ausgebreitet lag. Mit beiden Händen stützte sie sich auf eine Stuhllehne. Ihr Äthern ging kürzer und ihr Herz begann zu pochen.
Herr von Neudingen sah seine Tochter scharf und forschend an; auch er war befangen.
„Blicke doch nicht so verstört!" sagte er mit einem Tone, der scherzhaft klingen sollte. „Es geht ja nicht an's Leben — es handelt sich um eine bloße Formalität. Hier mußt Du Deinen Namen hinsetzen . . .
hierher . . . damit ist dann alles abgethan.".....
— Die Erwartung eines Unglückes ist oft schwerer als das Unglück selber; für kraftvolle Naturen ist der f Kampf jedenfalls leichter als das Dulden. Angesichts ! der Gefahr gewann Anna ihre Ruhe wieder.
„Vorher müßte ich aber wissen, um was es sich handelt," erklärte sie mit großer Entschiedenheit.
„Es handelt sich darum, Deinem Vater einen Gefallen zu thun, mein Kind!" sagte der Baron beinahe schmeichelnd. „Das sollte Dir genügen. Du bist Deiner Mutter eine so gute Tochter, Anna! Sei es auch mir."
„Vater!" antwortete sie traurig, „ich will mich nicht stellen, als verstände ich Dich nicht. Leider habe ich Erfahrung genug, um errathen zu können, was Du von mir willst. Um der armen lieben Mutter willen, die einzig auf mich angewiesen ist, muß ich, bevor ich unterschreibe, genau wissen, was ich damit auf mich nehme, zu was ich mich verpflichte."
„Dummes Ding!" brauste er auf. Aber selbst der roheste Mensch versteht sich zu bemeistern, wenn es der eigene Vortheil erheischt. Er zwang sich zu einem grinsenden Lächeln, und ein beinahe pathetischer Ausdruck lag in seiner Stimme, als er fortfuhr: „Wenn Dein Vater Dir ein Papier vorlegt und Dich, seine Tochter, bittet, eS zu unterfertigen, sollte er wahrhaftig erwarten dürfen, daß Du seinen Wunsch erfülltest."