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Mittwoch, den 6. November 1895
22. Jahrgang
FuIdaerWZeitiiiig
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* Centrmn und Handelsverträge, n.
Die Ausführungen am Schlüsse unseres ersten Artikels, daß nur bei einer möglichst billigen Ausgleichung aller Interessen jeder einzelne Gewerbsstand in seiner Entwickelung gesichert sei, gelten selbstredend nur für das Prinzip der Handelsverträge. Dieses Prinzip darf natürlich niemals dazu führen, auch schlechte Handelsverträge, welche einen wichtigen Stand im Staate zu Ungebühr belasten, zu billigen. Es kann nur Platz greifen, wenn es gelingt, gute Handelsverträge zu Stande zu bringen. Man mag zugeben, daß zeitweilig für eine Uebergangszeit, um einen besiern Handelsvertrag zu erzwingen, eine Periode autonomer Zollpolitik einem schlechten Handelsvertrag vorzuziehen sein kann. Aber daß eine solche Zwischenperiode deS Zollkrieges ein höchst zweischneidiges Schwert ist und ebenfalls als ein sehr großes Nebel sich Herausstellen kann, weiß doch Jeder, der die Geschichte der bisherigen Zollkriege verfolgt hat. Die Erörterung, ob überhaupt noch Handelsverträge geschlossen werden sollen, ist zudem zur Zeit völlig fruchtlos, weil verfrüht. Sie kann erst mit Nutzen geführt werden, wenn das Ablaufen der jetzigen Handelsverträge bevorsteht und man der Zeitperiode, für welche man Vorsorgen soll, näher steht.
Ebenso verwirrend und irreführend, jedoch nach der entgegengesetzten Seite, ist es, wenn bei der Auswahl eines Kandidaten für eine Neuwahl die Parole ausgegeben wird: „für oder gegen die jetzt bestehenden Handelsverträge." Denn wenn bei Ablauf der jetzigen Handelsverträge die Getreidepreise und die Lage unserer Landwirthschast noch so sind, wie heute, oder wenn dann die Möglichkeit noch vorliegt — was sehr leicht der Fall sein kann —, daß die Getreidepreise wieder solchen Schwankungen unterliegen wie von 1891 bis 1893/94, so wird es keinem Menschen, höchstens abgesehen von unbelehrbaren extremen Freihändlern, die im Centrum gar nicht vertreten sind, einfallen können, alsdann wieder Handelsverträge auf derBasis eines Getreidezolles von 3,50 Mark zu schließen. Alsdann wird, soll man überhaupt einen Handelsvertrag billigen können, sowohl dieser Zollsatz höher sein müssen, als auch wird Deutschland sich das Recht Vorbehalten müssen, wenn der Preisstand der wichtigsten Getreidearten unter eine gewisse Grenze fällt, zeitweilig den vereinbarten Zollsatz selbstständig heraufzusetzen. Die Schwankung derGetreidepreise seit Abschluß des österreichischen Handelsvertrages bis heute ist ja die größte und rascheste, welche bisher da war. Es ist daher verständlich, daß man diese Erfahrung vor und bei Abschluß des österreichischen Handelsvertrages noch nicht berücksichtigen konnte. Nachdem aber diese Erfahrung einmal gemacht worden ist, erscheint es als eine gebieterische Pflicht, sie in Zukunft nie mehr aus dem Auge zu lasten. Daher wird jeder Politiker, der auf dem Boden der Politik
KeidvoU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neid egg.
(4. Fortsetzung.)
Der Hofrath seufzte leise. Alle Welt hatte gesagt, und er selbst gestand es sich jetzt auch zu, daß damals, als er feine Ehe einging, auch er nicht ganz hellsehend gewesen sei.
„Der Baron war ein sehr schöner Mann, lieber Doktor," fuhr er fort. „In seiner Jugend hatte er angenehme Formen, viel Mutterwitz. Er war ein kühner Reiter, in allen ritterlichen Künsten gewandt und verstand es, weibliche Herzen zu berücken. Allerdings ging dem jungen Herrn neben diesen Eigenschaften em ziemlicher Ruf des Leichtsinnes voran. Manche wollten sogar wissen, es verberge sich Rohheit unter der einnehmenden Hülle seiner feinen Manieren. Die Kalksdorsts, die Sie als gediegene, echt vornehme Menschen kennen, erklärten sich auch von vorn herein gegen diese Heirath."
„Also!" triumphirte der Arzt.
„Alfo was? lieber Doktor! Haben Sie Ihren Shakespeare vergessen? Wissen Sie nicht mehr, wie es Titania erging? Comteß Josephine, damals ein schwärmerisches Mädchen, hatte sich in den schönen Baron verliebt — wohl gerade deshalb, weil ihre beiden ’
einer Ausgleichung der Jnteresten steht, also vorab jeder CentrumSmann, heute unbedenklich und unbedingt gegen alle heute bestehenden Handelsverträge sich aussprechen können. Damit ist aber dann recht wenig gesagt und im Grunde nur etwas ganz Selbstverständliches.
Noch verwirrender, weil nach Lage der Umstände gänzlich inhaltlos, ist die Parole: „Rur Leute, welche sich für die Landwirthschast interessiren!" Wenn diese Parole im gegenwärtigen Augenblicke einen Sinn haben soll, so kann es nur die Unterstellung sein, daß diejenigen sich nicht für die Landwirthschast inttessiren, welche für den russischen Handelsvertrag gestimmt haben. Tatsächlich haben für alle Handelsverträge, vom österreichischen bis zum russischen, eine ganze Reihe von Männern im Reichstag gestimmt, welche nicht nur „für die Landwirthschast sich interessiren", sondern welche in der. Fürsorge für die landwirthschaft- lichen Interessen ihre erste und vornehmste Lebensaufgabe von jeher erblickt haben und von der gejammten Landwirthschast unseres Vaterlandes sowohl wegen ihrer Kenntnisse der landwirthschastlichen Verhältnisse, als auch wegen ihrer Hingabe für die Interessen der Landwirthschast auf'S Höchste geehrt werden. Diese Männer werden für ihre Haltung doch wohl andere Gründe gehabt haben, als Mißachtung der Interessen der Landwirthschast oder Unkenntniß ihrer Lage. Man sollte mit einer solchen Parole etwas vorsichtiger fein, wenn man sich erinnert, daß felbst ein Herr v. Schorlemer-Alst nicht umhin konnte, öffentlich die Zustimmung zum rufsifchen Handelsvertrag als unvermeidlich hinzustellen.
Für die Landwirthschast sich zu interessiren, ist, wie heute in Deutschland die Dinge liegen, nicht nur schon auf Grund seines Programms die oberste Pflicht eines jeden CentrumSmanneS, sondern die oberste Pflicht eines jeden Politikers, weil heute eben kein Erwerbsstand in so schwieriger Lage sich befindet, wie gerade die Landwirthschast. Die Pflicht, für die Landwirthschast sich zu interessiren, wird voraussichtlich in Zukunft sogar immer stärker werden. Denn wenn, was bevorsteht, über kurz oder lang die städtische industrielle Bevölkerung an Zahl die land- wirthschastliche immer mehr übersteigen wird, dann wird das Interesse für die Landwirthschast noch eine ganz andere Färbung annehmen müssen, wenn nicht die Landwirthschast in Deutschland ebenso unter die Füße getreten werden soll, wie wir es in England heute sehen. Deutschland kann niemals ein Land werden, das sich nur auf Industrie, Handel und Kapitalbesitz stützt. Soll Deutschland bestehen und im ; Kern gesund bleiben, so wird die Landwirthschast auch dann noch bleiben müssen, was sie heute ist, nämlich der immer am ersten zu berücksichtigende Stand, wenn das numerische Berhältniß der Bevölkerung sich so geändert hat, daß sie nicht mehr für sich allein die Mehrheit hat. Es dürste doch nicht klug sein, jetzt, wo diese Zeit schon heranrückt, diejenigen eh r-
Naturen so verschieden sind. Sie hatte sich's zur Aufgabe gemacht, den Sünder zu belehren, und blieb taub gegen alle Mahnungen."
„Da sehen Sie, wie viel besser man thut, ledig zu bleiben," meinte der Arzt. „Man quält da wenigstens Niemand als sich selbst. Sagen Sie mir aber — Sie können das wissen: Sie waren ja besteundet mit dem Bruder, während ich, der obscure Schützling des alten Grafen, damals in allen deutschen Spitälern herum- praktizirte — was bewog die Eltern, die Heirath zu gestatten?"
„Erinnern Sie sich denn nicht, daß der alte Herr von Neuem geheirathet hatte? Josephine, seine jüngste, die einzige noch unvermählte Tochter, und die Stiefmutter waren einander nicht grün. Die Gräfin hatte darum nichts gegen die Heirath der Stieftochter und verstand es, den Widerstand ihres Mannes zu besiegen. Josephrnens Bruder freilich war außer sich. Was fruchtet jedoch der Widerstand des Bruders einem verliebten Mädchen gegenüber? Er, sowie seine Schwestern mußten sich zufrieden geben. Em Riß ging aber durch die ganze Familie, der später zur völligen Entfremdung führte."
„Ich meine, ich habe die Baronin einmal als Neuvermählte in Salzbrunn bei ihrem Vater gesehen, und '
lichen Freunde der Landwirthschaft zu verletzen, welche über den russischen Handelsvertrag zu einem andern Schlüsse kommen, wie die Gegner desselben.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. November.
* Der Kaiser arbeitete heute Vormittag von 9 Uhr ab mit dem Chef des MilitärkabinetS, General von Hahnke, und begab sich um halb 12 Uhr zur Abhaltung der St. Hubertusjagd nach dem Grünewald, von wo er gegen 5 Uhr nach dem Reuen Palais zurückkehrte.
* Der König von Portugal ist am Montag Abend nach London abgereist. Der .ReichSanz.' be- richtigt sich dahin, daß der König nicht L la suite des 3. Brandenburg. Jnfant.-Reg. Nr. 20 gestellt, sondern zum Chef dieses Regiments ernannt ist, ein Rang, den bereits sein Vater bekleidete.
* Der türkische Botschafter in Berlin Ahmed Tewfik Pascha hat sich nach Konstantinopel begeben. Man wird dieS wohl mit den gegenwärtigen Wirren daselbst in Verbindung bringen. Heißt es doch, daß der neue Großvezier Kiamil Pascha sammt seinem Minister des Auswärtigen Said Pascha bereits amtsmüde sei.
* Am Schluffe der letzten Sitzung zählten im Reichstage das Centrum 99, die Polen 19, dieKon- servativen 61, die Reichspartei 27, die deutsch-soziale Reformpartei 13, die Nationalliberalen 49, die steif. Vereinigung 14, die deutsch-freisinnige Volkspartei 24, die Süddeutsche Bolkspartei 12, die Sozialdemokraten 46 Mitglieder; 28 gehörten keiner Fraktion an. Er waren 5 Mandate erledigt; bis heute sind davon 4 wiederbefetzt. In der Zeit seit Schluß des Reichstages wurden 6 Mandate erledigt: Neumanns, Greiß f, Haas, v. Hammerstein, v. Gültlingen, Pflüger. Nach dem jetzigen Stande werden das Centrum mit 93, die Polen 19, die Konservativen 59, die Reichspartei 26, die deutsch-soziale Reformpartei 14, die Nationalliberalen 48, die steistnnige Vereinigung 15, die deutsch-freisinnige Volkspartei 24, die Süddeutsche Bolkspartei 11, die Sozialdemokraten 46 in den Reichstag einziehen. 26 werden keiner Partei angehören; 7 Mandate sind unbesetzt.
* Der Flottenindieustftelluugsplan für das nächste Etatsjahr soll so gestaltet werden, daß der Kreuzerdivision ein Panzerschiff und zwei Kreuzer 4. Klaffe mehr als bisher zugetheilt werden. Aus dieser Aende- rung dürfte sich eine Erhöhung der Position für Instandhaltung der im Dienst befindlichen Schiffe und ihres Inventars im Reichshaushaltsetat für 1896/97 ergeben. Trotzdem dürften sich die Gesammtkosten für die Instandhaltung der Flotte im nächsten Jahr vermindern (?), weil die für das laufende Jahr geforderte zur Instandhaltung der außer Dienst befind-
sie habe mir damals den Eindruck einer glücklichen Frau gemacht," wandte der Arzt ein.
„Anfangs ging ja alles gut," bestätigte der Hofrath. „Als die Baronin aber entdeckte, wie gänzlich verschieden der Baron von dem Jdealbilde sei, das in ihrer Phantasie gelebt hatte, als ihr Götzenbild zertrümmert am Boden lag —, und das geschah bald genug — da war das Glück zu Ende. Sie äußerle wohl nie eine Klage; selbst als ihr Mann längst als der Lump, der er ist, anerkannt war, suchte sie ihn vor ihrer Familie noch zu entschuldigen — mit der Zufriedenheit war es aber vorbei. Dazu kam Unglück aller Art. Bon ihren vielen Kindern starben alle bis auf den einen Sohn und Anna: es war ja ein Glück unter solchen Umständen, für daS Mutterherz aber eine schwere Prüfung. Auch begnügte sich der Baron nicht damit, zu verschwenden: er wurde auch seiner Frau untreu und gewöhnte sich das Trinken an. Ein Gut nach dem andern wurde verkauft; endlich — Anna war gerade achtzehn Jahre — kam der große Krach. Es gehen dunkele Gerüchte von einer ganz gemeinen That, die man ihm damals hätte zur Last legen können. Das jedoch ist unverbürgt; nur eines steht fest, daß er schon Jahre vorher seine Frau überredet hatte, mit ihrem Vermögen für ihn zu bürgen. Daher wurde auch sie mittellos. Zum Glück hatte Anna von einer