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Dienstag, Den 5. November 1895
22. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-KeUage „Sterne und Klnmen"
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* Centrum und Handelsverträge, i.
Es ist eine alte Erfahrung im Volksleben, daß schwierige wirthschastliche Lagen, je länger sie dauern, um so mehr nach Gefühlsmomenten zurechtgelegt und um so weniger unter nüchterner verstandsmäßiger Erforschung ihrer wahren Gründe beurtheilt werden. DaS Gefühl sucht sich einen Sündenbock, den eS für das Unheil verantwortlich macht, und diesem wird dann die Schuld aufgebürdet für daS Ganze, während ihm oft nur ein ganz kleiner oder auch gar kein Theil an der Schuld in Wirklichkeit zufällt. Dieselbe Erscheinung sehen wir in unsern Tagen. Der gegenwärtige tiefe Stand der land- w ir th sch aftlichen Hauptprodukte ist die schwerste wirthschastliche Kalamität, welche die deutsche Land- wirthschaft und das ganze deutsche Volk in der zweiten Hälfte dieses ablaufenden Jahrhunderts getroffen hat. Eine Reihe schwächerer Existenzen sind ihr bereits zum Opfer gefallen; dauert sie an, so wird diese Zahl sich immer mehr vergrößern, und man kann nicht einmal die Furcht jener ganz grundlos nennen, welche eine förmliche Katastrophe unter einem erheblichen Theile des gegenwärtigen, ländlichen Besitzstandes für in Aussicht stehend erachten, wenn die Lage länger andauert.
In solchen Zeiten besteht die Hauptaufgabe darin, den Blick sich klar zu halten für die wirklichen Ursachen der Lage; denn nur dann kann man entscheiden, wo man helfen kann, und wo nicht. Setzt sich ein Jrr- thum über den Sitz des UebelS fest, so wird viel Arbeit und Mühe vergeudet auf einem Wege, der nicht zum Ziele führt. In einer solchen Lage befinden wir uns heute in Deutschland. Immer mehr konzentrirt sich die Diskussion um den ru ssischen Handelsvertrag, während jeder, der den Zusammenhang der Dinge sorgfältig verfolgt hat, einsehen muß, daß, wenn der russische Handelsvertrag abgelehnt worden wäre, die heutige Lage der Getreidepreise in Deutschland wahrscheinlich und sogar sicher, so weit man in solchen Dingen überhaupt sicher gehen kann, nur höchstens um eine gar nicht in Betracht kommende Kleinigkeit anders gestattet fein würde.
Zum Nachweise dieses Satzes, von dem wir wohl fühlen, daß er in weiten ländlichen Kreisen nicht ohne Weiteres Glauben finden wird, ist eine historische Erinnerung, wie die heutige Lage allmählich geworden ist, vielleicht am fördersamsten. Denn sowohl diese Entwicklung wie die Gründe, welche einen großen Theil der Zentrumsabgeordneten zur Annahme des russischen Vertrages geführt haben, scheinen in der jetzigen Diskussion und Agitation bereits nahezu vollständig vergessen zu sein.
Nachdem zu Beginn der 90er Jahre der Ablauf unserer älteren Handelsverträge bevorstand, war eS allerdings angezeigt, zu versuchen, neue HandelSver- träq- zu schließen, welche, wie inzwischen die Verhält-
zeidvoU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neid egg.
(3. Fortsetzung.)
War Herr von Neudingen auf Besuch bei seiner Familie, so zeigten sich die beiden alten Herren selten bei der Baronin. Bon einem lächerlichen Dünkel erfüllt, fühlte der Baron sich nur mehr in ganz untergeordneter Gesellschaft wohl, in der allein er noch eine tonangebende Rolle spielen konnte. Die zwei „Bürgerlichen", mit denen er auf gleichem Fuße verkehren sollte, behandelte er mit äußerster Geringschätzung, unbekümmert darum, daß er Frau und Tochter dadurch in tödtliche Verlegenheit setzte.
Der Arzt konnte zwar seine Besuche nicht einstellen, daS machte der Zustand der Kranken unmöglich; der Hoftath hingegen begnügte sich, seine Spenden an Obst, Blumen u. s. w., sowie feine Zuwendungen von Büchern fortzufetzen; er hielt sich den Frauen im Uebrigen so lange fern, bis ihr Peiniger sie verlassen hatte
Mehrere Tage waren verflossen, seit Herr von Reudingen inPrennberg eingetroffen war, und noch schien er an keine Abreise zu denken. In Anna's Stübchen hatte er sich festgesetzt; dort hielt er sich beinahe den ganzen Tag auf, er rauchte, trank und las Romane, ’
nisse der deutschen, europäischen und überseeischen Volks- wirthschast sich ineinander verwickelt hatten, nicht mehr reine Meistbegünstigungs-Verträge sein konnten, sondern nothwendig Taris-Verträge fein mußten. Denn nur solche verbürgen, so wie heute die Verhältniffe liegen, eine einigermaßen ruhige und stetige Entwickelung unserer gesammten Bolkswirthschast, worauf eS doch vor Allem ankommt, wenn die hohe Spannung unserer sozialen Verhältniffe allmählich zu einem versöhnenden Abschluß aufgelöst werden soll. Schließt man keine Tarif-Ber- ttäge, sondern treibt „autonome Zollpolitik," d. h. behält man sich das Recht vor, von Fall zu Fall den internationalen Verkehr nach den eigenen nationalen Interessen durch Zölle zu beeinflussen oder zu regeln, so behält man allerdings die Möglichkeit, in dringenden Fällen die eigenen Interessen besonders kräftig zu wahren; man bleibt aber auch dauernd der Gefahr ausgesetzt, daß die un8 umgebenden Völker genau dasselbe thun und uns dadurch großen Schaden zufügen, namentlich unsere Entwickelung sehr empfindlich stören. Kurz, die autonome Zollpolittk ist ein großes Risiko, welches sehr leicht dazu sichren kann, uns und unsere wirthschastlichen Interessen auf Gnade und Ungnade den Interessen der fremden Völker und sogar bereit Ausbeutung zu überliefern. Die Tarif-Verträge enthalten allerdings auch ein Risiko, aber doch im Allgemeinen, soweit nicht unvorhergesehene Umstände ein- treten, ein febr viel kleineres; ihr Prinzip ist, für eine gewisse Zeit Ruhe und Stetigkeit der Entwicklung zu sichern, während bei einer „autonomen Zollpolitik" auf eine längere dauernde Stetigkeit von vorn herein Verzicht geleistet wird. Gute Tarifverträge erreichen auch ihren Zweck der Stetigkeit, allerdings bald mehr, bald weniger, weil die Entwicklung der Bolkswirthschast und des Verkehrs sich nicht immer an die Vorausberechnung der Tarifpolittker bindet. Darum gehört zur Erlangung eines guten Tarifvertrags auch etwas Glück in der Voraussicht, und daS Glück ist hier wie immer wandelbar.
Diese Gesichtspunkte bleiben vielleicht auch dann noch richtig, wenn die jetzigen HandelSvetträge abgelaufen fein werden. Auch dann wird es aller Voraussicht nach immer noch daS bessere sein, neue Tarifverträge zu schließen, wenn man gute haben kann. Sicher ist daS allerdings durchaus nicht, weil die Entscheidung von den Zuständen abhängt, wie sie sich bei Ablauf der Handelsverträge gestaltet haben werden. Aber daS Gegentheil, daß alle und jede Handelsverttäge, auch gute, welche die landwirthschaftlichen Interessen genügend wahren, verderblich sein werden, ist noch viel weniger sicher. Darum ist es ganz verwirrend, wenn die Parole ausgegeben wird: „Für ober gegen bie Hanbelsverttagspolitik." Diese Parole eignet sich nur für eine ganz extreme Jnteressenpolitik, welche einem einzelnen Interesse alle anderen Interessen immer und unter allen Umständen unbedingt unterordnet, und auch das nur dann, wenn man sicher ist, daß nach den bestehenden Machtverhältnissen tm Staat dieses
welche die Aufwärterin ihm aus der Leihbibliothek holen mußte. Zu den Mahlzeiten begab er sich in das Wohnzimmer, und obwohl er regelmäßig etwas an Anna's Kochkunst auszusetzen hatte, ließ er sich die Erzeugnisse derselben recht gut schmecken Bei Tische war er im Trinken mäßig; hingegen ließ er sich Bier und Wein in großen Mengen auf sein Zimmer bringen. Immer war es Anna, welche den Betrag dafür auSlegen mußte. Das für die Haushaltung bestimmte Monatsgeld fing daher auf bedenkliche Weise zu schwinden an. Im Unmuth darüber vermochte Anna nicht, der Mutter diesen Umstand zu verschweigen.
„Ich muß den Baier auffordern, sein Scherflein zu unseren täglichen Ausgaben beizuttagen," erklärte sie eines Tages. „So geht's nicht länger."
Die Mutter wußte, wie zwecklos solch eine Aufforderung sich erweisen würde. „Ach, laß eS sein!" bat sie. „Wir müssen eS auf irgend eine Weife hereinbringen, wenn er gegangen ist. Er ist und bleibt der Vater, — auf keine Weife dürfen wir ihm die Gastfreundschaft schmälern."
„Ja wohl, er ist der Vater!" wiederholte Anna schmerzlich, und blickte dann in Gedanken versunken vor sich hin. AuS tiefem Sinnen auffahrend, fragte sie leise und scheu: „Ist er denn immer so gewesen?"
Die Mutter zuckte zusammen. „O nein, nein! Ge-
einzelne Interesse immer und unter allen Umständen die Oberhand behält. Ist das letztere nicht der Fall, so kann die autonome Zollpolittk unter allen Umständen ebenso gut zu einer großen Schädigung derjenigen Interessen führen, die man schützen will, wie zu einer Förderung derselben. Oder konttet gesprochen: Dringt im Deutschen Reiche nach Ablauf der jetzigen Handelsverträge der Grundsatz der Zollautonomie durch, so kann diese Zollautonomie zu einer Erhöhung der Ge- tteidezölle führen; sie kann aber auch mit der Zeit eine völlige Wegschwemmung derselben bringen, wie es in England mit der Zollautonomie bekanntlich gegangen ist. Dazu wolle man beachten, daß nach der Ansicht säst aller Statistiker die nächste Volkszählung in Deutschland bereits ein Uebergewicht der städtischen und industriellen Bevölkerung über die ackerbautreibende ergeben wird, während die letzte Volkszählung bekanntlich noch ein, aber keineswegs sehr bedeutendes Uebergewicht der aäerbautreibenben Bevölkerung aufwies. Ob es daher im wohlverstandenen Interesse der Landwirthschast ist, die Entscheidung über die zu schützenden Interessen nur auf Kraftproben — und bei der autonomen Zollpolitik kommt es regelmäßig auf Kraftproben an — zu verweisen, kann also doch einigermaßen zweifelhaft sein. Bei Handelsverträgen dagegen wird, sollen sie überhaupt zu Stande kommen, immer eine gegenseitige Ausgleichung der Interessen von Land- wirthschaft und Industrie ftattfinden müssen. Dabei kann die Landwirthschast hoffen, auch dann zu ihrem Rechte zu kommen, wenn ihre Angehörigen im Deuffchen Reich durch die stärkere Zunahme unserer städtischen und industriellen Bevölkerung in die Minderheit gedrängt sein wird. Sicher in seiner Entwicklung geht überhaupt jeder einzelne Erwerbsstand nur bann, wenn eine Polittk ber Kraftproben nicht bie Oberhand gewinnt, sondern wenn die namentlich vom Centrum geringem Politik einer möglichst billigen Ausgleichung der Interessen der verschiedenen Er- werbsstände in Kraft bleibt.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. November.
* Heute früh unternahm der Kaiser einen Spazierritt in die Umgebung des neuen Palais, hörte von 9 Uhr ab den Vortrag des Wirkt. Geh. Rath Dr. v. Lncanns und nahm anschließend daran die Marine- Vorträge entgegen. — Heute Mittag fand in dem festlich geschmückten Langen Stall die Vereidigung der Rekruten der hiesigen Garnison statt in Gegenwart des Kaisers und Königs von Portugal und der vier ältesten kaiserlichen Prinzen. Rach der geistlichen Handlung, die für die Evangelischen durch den Garnisonpfarrer Keßler, für die Katholiken durch den Divisionspfarrer Hofflichter vorgenommen ward, erfolgte bie feierliche Vereidigung der Rekruten. Alsdann hielt der Kaiser au die letzteren eine längere An spräche, in welcher er unter Hinweis auf den soeben geleisteten
wiß nicht!" rief sie auS. „Er war anders, ganz anders! Und doch . . . man hatte mich gewarnt. Aber an seine Fehler dürfen wir jetzt nicht denken, mein Kind! Was auch immer gescheven möge, ich beschwöre Dich, halte fest an dem Einen: daß wir unentwegt unsere Pflicht gegen Andere erfüllen müssen, unbekümmert darum, ob sie der ihren gegen uns nachkommen. Unter allen Umständen müssen wir dies," wiederholte sie, als sie einen ungeduldigen Zug in der Tochter Gesicht bemerfte. „Das allein bringt Frieden, das allein gibt Glück."
„Glück?" wiederholte Anna bitter. „Wo ist Dein Glück geblieben, arme Mutter? Selbst für Deine Ergebung ist Dein Kreuz fast zu schwer."
Eine leichte Röthe stieg in die bleichen Wangen der Baronin. „Mein Kind," erwiederte sie sanft, „die Fesseln, die ich trage, habe ich selbst geschmiedet. Freiwillig, gegen den Rath meiner Sieben, habe ich sie angelegt. So lange wir jung sind, bedenken wir nie genug, daß unsere Handlungen fortteben in ihren Wirkungen, und daß es Täuschung ist, wenn wir meinen, allein einstehen zu können für unsere Handlungen. Zu spät erkennen wir, daß Unschuldige mit hineingezogen werden in den Kreis unseres Elends; . und gerade dies ist es, was uns dann unsere Bw de ’ schier unerträglich erscheinen läßt. Geduldiges Er-