JE 254
Montag, dm 4. November 1895
Jahrgang
mit Unterhaltungs Beilage „Sterne und Klnmen«.
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a° Das neue französische Ministerium ist schneller zu Stande gekommen, als man erwarten durste. Das Kabinet Bourgeois — so heißt es nach seinem Präsidenten — ist das 38. der Republik; es kommen also etwa 7—8 Monate Lebensdauer auf jedes Ministerium. Dem Kabinet Bourgeois wird eine noch geringere, als diese durchschnittliche Lebensdauer zugetraut, und es würde sich daher an sich kaum verlohnen, ihm eine eingehendere Betrachtung zu widmen, wenn nicht zugleich mit dem Kabinetswechsel auch ein System»echsel verbunden wäre. Die beiden letzten Ministerien waren „gemäßigt" republikanische oder opportunistische, also ungefähr das, was bei uns mittel- parteilich genannt wird, und nur mit einer geringen radikalen Beimischung — zwei Minister waren Radikale —, das neue Ministerium Bourgeois aber ist rein radikal. Die Radikalen, annähernd unseren „Freisinnigen" vergleichbar, bilden mit den ihnen befreun- dtten Sozialisten die Linke der Kammer. Sie sind Kirchenfeinde wie die Opportunisten, nur lauter und ungestümer; von den übrigen Theilen ihres Programms ist am wichtigsten der, daß sie das in Frankreich auf die Spitze getriebene indirekte Steuersystem durch eine direkte Besteuerung des Einkommens in progressiver Form, nach dem Muster der preußischen Einkommensteuer, erstreben.
war er kurze Zeit Marineminister, jetzt ist er Kriegsminister. Die Generäle sind über die Ernennung eines Civilisten zum Kriegsminister, noch dazu eines so sparsamen and rücksichtslosen Mannes, furchtbar aufgebracht.
Bon den übrigen Ministern sind noch Louis Ricard, Justiz- und Kultusminister, der — wie selbst die kulturkämpferische ,Rat.-Ztg.' bemerkt — „als ein großer Priester Hasser gilt, und der Ackerbauminister Big er hervorzuheben, der schon in einigen früheren Ministerien
„ leid in uns austilgen!"
Herr von Neudingen war sichtlich betroffen über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte. Nach Art gemeiner Naturen verbarg er seine Verlegenheit unter einem rohen Auflachen.
„Ah! Du spielst wohl auf Anna's Herzensangelegenheit an?" höhnte er. „Meinst wohl gar, sie würde an gebrochenem Herzen sterben! Nun, das
so erst im vorigen Winter beim Falle des Kabinets Dupuy; er lehnte aber ab, weil es ihm unmöglich war, ein aus Opportunisten und Radikalen gemischtes Ministerium zu bilden, und zugleich unmöglich schien, mit einem rein radikalen Ministerium in der Kammer durchzukommen. Jetzt hat er doch ein rein radikales Kabinet gebildet, vermuthlich um bald zu erfahren, daß seine ftühere Ansicht die richtigere war.
Neben Bourgeois ist der bedeutendste Mann in dem neuenKabinetGodeftoy Cavaignac, der 42jäh- rige Deputirte von Saint-Calais (Sarthe). Cavaignac wurde zum ersten Male allgemein bekannt, als er zur Zeit des Panama-Skandals in einer Aufsehen erregenden Rede die rückhaltslose Verfolgung aller „Panamisten" forderte. Später hat er sich als der eifrigste Befürworter einer Einkommensteuer und als Berichterstatter über den Militäretat durch schonungslose Aufdeckung zahlreicher Mißbräuche in der Kriegsverwaltung her- vorgethan. Er ist auch der Hauptverfechter des Gedankens der Schaffung einer Kolonial-Armee. 1892
Diese Einkommensteuer bildet daher auch einen
Hauptpunkt in dem Programm des neuen Mini- , „ , , ... , fteriumS. Daneben will dasselbe auch eine Erhöhung I diesen Posten, ebenso wie Ricard^ wiederholt dasJustiz- der Erbschaftssteuer, ferner die Schaffung einer j fach, bekleidete. Niger ist eifriger Schutzzöllner, was Kolonialarmee, Ersparnisse am Militär- und Marine- I in Frankreich dem „Freisinn" keinen Abbruch thut elat, Annexion, nicht Schutzherrschaft von Madagaskar, Zum ersten Male sind die Abgeordneten Do um er und für die Abgeordneten das vollständige Verbot, I (Finanzen) und Mesureur (Handel), sowie die sich an Finanzgesellschasterr zu beteiligen. Der letzte j Senatoren Combes (Unterricht) und Berthe lot Puntt steht im Zusammenhänge mit dem Südbahn- s (Aeußeres) Minister. Der letztere, ein berühmter Chemiker, skandal, über welchen daS Kabinet Ribot gestolpert | hat den gewandten Hanotaux zu ersetzen, der als Beist. Es versteht sich danach von selbst, daß daS neue | rufs-Diplomat, ohne Parteimann zu sein, unter Dupuy radikale Ministerium dem Montagsbeschluß der Kammer | Minister des Aeußern geworden und auch unter Ribot gemäß eine neue strenge und rücksichtslose Untersuchung | geblieben war, weil er sich als sehr tüchtig bewährt des schmutzigen Handels einleiten wird, obwohl der- I hatte und namentlich auch beim Zaren gut angeschrieben selbe bereits durch alle gerichtlichen Instanzen gegangen j war. Jetzt hat er nicht mitmachen wollen, weil Bour- ist — ein Vorgang, der bei einer geordneten Justiz I geoiS den Protektorats-Vertrag mit Madagaskar wieder undenkbar wäre. | umstoßen will. Der Zar wird es sehr übel vermerken,
Diesem Programm, das vielleicht noch durch eine j daß man nicht durch Nachgiebigkeit Herrn Hanotaux Portton Kulturkämpferei ergänzt wird — falls das im Amte erhalten hat, und auch daS übrige Ausland Kabmet solange am Ruder bleibt —, entspricht die I bedauert das Scheiden dieses befähigten Mannes, dessen Zusammensetzung des Ministeriums. Der Präfi- I Verbleiben man erhofft hatte, weil so endlich eine gebeut Leon Bourgeois, zugleich Minister des Innern, I wisse Stetigkeit und Berechenbarkeit in die französische ist ein Mann von 44 Jahren und gehört seit 1888, I Politik gekommen wäre. Von den anderen Ministern wo er Polizeipräfekt von Paris war, der Kammer an. ist weiter nichts zu sagen, als daß sie waschechte Radi- Bald daraus wurde er der Nachfolger des „Boulanger- ! kale sind.
Bezwingers" Constans im Ministerium des Innern I Das Kabinet hat keine günstigen Aussicht und zeichnete sich damals gleich seinem Vorgänger durch | ten, da es — abgesehen von der Südbahnftage — „Schneidigkeit" aus, die ihn aber später als Justiz- I auf keine sichere Mehrheit in der Kammer rechnen kann, Minister etwas int Stiche ließ, als es sich darum I selbst wenn die Sozialisten auch Regierungspartei wür- Handelte, „die Panamisten" zu verfolgen. Inzwischen den. Den Ausschlag gibt die Rechte, die (Monarchisten wurde ihm wiederholt die KabinetSbildung angeboten, I und Ralliirten,) und diese haben zwar an der Seite der
FeidvoU und freiibnull nach jenen traurigen Ereignissen überhaupt Klügeres
® Hnn o h beginnen können, als was er gethcm? Er verwerthet
U(2 Sortfefeu?- b jetzt seine Kenntnisse in der Mathematik; schlecht und
m recht bringt er sich durch. Kämpft er auch bis jetzt
Wo Selbstsucht etn Menschenherz überwuchert hat, I noch mit vielen Entbehrungen — mein Mutterherz ist. für bessere Regungen fein Raum. Einen Augen- | weiß ihn doch wenigstens vor mancher Versuchung blick schien eS, als fei der rohe Mann erschüttert; I bewahrt, die hier an ihn herangetreten wäre. Er ist aber sein altes Selbst brach wieder hervor, und un- I gesund, jung, thatkräftig; mit Gottes Hilfe wird er freundlich erwiderte er: „Verschone mich mit Deinen I sich durchbringen. Um ihn bangt mir nicht. Denke Ermahnungen, Josephine! Du solltest schon längst I ich hingegen daran, wie das Leben unserer Anna sich wiffen, daß ich für ein philistriöseS Leben voll söge- hätte gestalten können, und wie es geworden ist; denke nannter Tugend und Langweile nicht geschaffen bin. ich an das, was ihr, der schutzlosen, noch begegnen Könnte ich mich aber dazu entschließen, geschähe es um I kann: bann muß ich mein ganzes Gottvertrauen zu- Deinetwillen noch am ersten — gewiß nicht um der I sammennehmen, um nicht zu verzweifeln! . . . Und Kinder willen. Hans, der nach Amerika ausgewandert da kommst Du!" fuhr sie in höchster Erregung fort, ist, um, wie er sagte, recht weit weg von mir zu sein „Du, der all' das Elend über uns gebracht hat, und — Anna, die es mir nicht verzeihen kann, daß ich I meinst, wir sollen mehr als Engel sein . . . sollen angeblich chr Glück vernichtet habe: die Beiden ver- I nicht nur vergeben, nein . . . auch die Erinnerung an bienen es wahrlich nicht um mich, daß ich mich in die all' das Herzeleid in uns aus tilgen!" Zwangsjacke eines philiströsen Lebens schnüren ließe." ~ ‘
Frau von Neudingen konnte die Thränen nicht mehr zurückhalten. In ihrer Mutterliebe gekränkt, empörte sich ihr sanftes Gemüth, und die verhaltene Bitterkeit brach hervor. „Ach!" rief sie aus, „wie hätte Hans fortbienen können in bem eleganten Regiment, unter all' ben reichen Leuten? Was hätte er
Radikalen die Sache der öffentlichen Moral gegen das Ministerium Ribot in der Südbahn-Angelegenheit vertreten, aber im Uebrigen trennt sie eine weite Kluft von ben kirchenfeindlichen Radikalen. ES müßte daher die am vorigen Montag unterlegene Partei, die Opportunisten, so guttnüthig sein, Herrn Bourgeois die nöthigen Stimmen zur Verfügung zu stellen, aber das mag wohl in einzelnen Fällen, aber nie für die Dauer zu erwarten sein. Somit wird das Kabinet Bourgeois sehr bald abwirthschafteu. Und bann ? „Kammerauflösung — unb ber Rest ist Schweigen," sagt ein Pariser Blatt, das mit schwerer Sorge in die Zukunft blickt.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. November.
* Der Kaiser hörte heute von 9 Uhr Vormittags ab die Borttäge des Chefs des Generalstabes Graf v. Schlieffen und des Chefs des Militär-Kabinets Generals v. Hahuke. — Der Kaiser hat seinen Grundbesitz in Ostpreußen von Neuem vermehrt. Schon seit Längerem hegte er, wie die ,Kön. Allg. Ztg.' schreibt, die Absicht, das Weller'sche Logierhaus in Theerbude anzukaufen. Dieser Plan ist nunmehr in diesen Tagen zur Ausführung gekommen; bereits hat das Hofmarschallamt mit Herrn Weller einen bezüglichen Kontrakt geschlossen. Herr Weller erhält für sein Etablissement nebst dazu gehörendem Lande von ca. 100 Morgen und noch vier Wohnhäusern den Preis von 120,000 Mk. Er muß die Wohnung bis zum 1. Septbr. nächsten Jahres geräumt haben. — Kaiser Wilhelm wird, wie englische Blätter melden, auch im nächsten Jahre der Gast des Earls von Lonsdale fein. — Zu Ehren des gestrigen Namenstages des Prinz-Negenten Luitpold von Bayern, welcher am Allerheiligenfeste gefeiert wird, hatte die bayerische Gesandtschaft in Berlin festlich geflaggt.
* Der König Karl von Portugal traf am Freitag (Allerheiligen) Vormittags kurz nach 8 Uhr von Paris fommenb in Köln ein unb würbe mit königlichen Ehren empfangen. Um 91!» Uhr bestieg er den kaiserlichen Salonzug, der seinen Weg über Hagen- Holzminden nahm. ES ist für den König übrigens bezeichnend, daß er als katholischer Monarch eS am hohen Allerheiligenfeste nicht einmal der Mühe für werth hielt, eine stille hl. Messe zu hören, wozu er in Köln bequem Gelegenheit gehabt hätte. Bei den deutschen Katholiken wird dies nicht verfehlen, einen recht ungünstigen Eindruck zu machen. Um O1/» Uhr Abends traf der König aus der Station Wildpark ein, wo der Kaiser, Prinz Friedrich Leopold und Staatssekretär v. Marschall ihn erwarteten. Der Kaiser fuhr dann mit dem König im offenen Vierspänner nach bem Neuen Palais. Dort begrüßten alsbalb auch die Kaiserin und die ältesten Prinzen den Gast. Abends 8 Uhr fand im Apollo- faale des Neuen Palais Familientafel statt. — Eine sympathische Begrüßung ist dem König von Portugal liest man wohl in Büchern; meines Wissens aber ist noch Niemand daran gestorben. Anna am wenigsten macht den Eindruck, als ob sie sterben wollte."
„Das nicht!" keuchte die Kranke. „Leider nicht, möchte ich sagen. Was soll aber auS ihr werden, wenn ich von ihr gegangen bin . . . was? . . . was?" wiederholte sie einige Mal mit immer leiserer Stimme, während Blässe ihre Wangen überzog. Ihre Erregung schwand, die Stimme stockte, der Kops sank auf die Brust herab.
Der Baron erhob sich schnell und eilte zur Thüre- „Anna! Anna!" rief er überlaut. „Komm schnell! Die Mutter hat einen Ohnmachtsanfall."
Anna kam sofort aus der Küche herbei, in der sie beschäftigt gewesen war, das Abendessen zu bereiten. „Ich wußte, daß eS so kommen würde!" seufzte sie, während sie unwichtig die nothwendigen Belebunzs- mittet anwandte.
Der Baron blieb im Zimmer, bis seine Frau anfing, Zeichen des erwachenden Lebens zu geben; bann toanbte er sich zum Gehen.
„Ich kann Nervenanfälle nicht mit ansehen!" sagte er zu seiner Tochter, als er sich entfernte.
Beinahe verächtlich war ber Blick, den diese ihm nachsandte.