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Umlage ?uv -ffnlSaer Leitung.

M 253

Samstag, öen 2. Wovember 1895.

22. Jahrgang

Leidvoll und freudvoU.

Novelle von 2. o. Neidegg.

(1. Fortsetzung.)

Seine Frau hatte ihn willkommen geheißen und ihm ihre abgemagerte Hand entgegengestreckt. Er schüttelte sie derb, ohne zu berücksichtigen, daß er ihr damit Physischen Schmerz verursache, und setzte sich dann zu ihr.

„Ich mußte doch wieder ein Mal nach Dir sehen, Josephine," sagte er mit lauter Stimme. „Hoffentlich verursacht Dir mein Kommen nicht den gleichen Schrecken, wie es bei Anna der Fall war. Di se liebende Tochter hätte mir, glaube ich, am liebsten die Thüre gewiesen, und die Thränen, die sie jetzt weint, scheinen auch keine Freudenlhränen zu sein."

Die Baronin seuzte.

„DaS arme Annchen hat oft genug erfahren müssen, wie sehr auch die leiseste Aufregung mir schaden kann. Dar Kind, dar mich so aufopfernd Pflegt, geht ganz auf in der Sorge um mich. ... DaS weißt Du aber, Karl," — wieder reichte sie ihm die Hand — „so lange wie ich selbst ein Obdach habe, bist Du bei uns willkommen." Sie wandte sich zu Anna, die regungs­los da saß, den Vater beinahe feindlich anstarrend. „Geh, mein Kind!" sagte sie, richte Dein Stübchen für den Vater her und bringe Deine Sachen zu mir herüber."

Anna stand auf, rückte der Mutter sorgsam die Kissen zurecht, ordnete die Falten des Tuches, dar über die Füße gebreitet war, und schob ihr einen kühlenden Trunk Wasser näher zur Hand. Nachdem sie die Mutter zärtlich auf die Stirn geküßt, verließ sie das Zimmer.

Der Baron blieb stumm seiner Frau gegenüber sitzen. Auch sie sprach kein Wort. So sehr sie sich bemühte, ihre Aufregung zu bemeistern, es wollte ihr nicht gelingen. Ihr Äthern ging rasch, und eine un­heimliche Röthe brannte auf ihren vorhin so bleichen Wangen.

Ihr Mann hatte für alle diese Zeichen eines tiefen Leidens keine Aufmerksamkeit; er sah sich prü­fend in dem kleinen Zimmer um. Dies erfchien ihm viel wichtiger, als mit dem Gesundheitszustände seiner Frau sich abzugeben.

Ein ärmliche- Stübchen war es, in dem er seine Familie gefunden hatte. Die Decke war niedrig, die Dielen waren ausgetreten, die Wände verunziert durch geschmacklose, theilweise fleckige Tapeten. Nur ein zwar abgenutzter, aber immerhin noch schöner türkischer Teppich, auf dem das Ruhebett stand, bildete einen feltsamen Gegensatz zu dem übrigen verwahrlosten Aus- sehen des Zimmers, und ebenso auffällig stachen ein paar gute Gemälde in kostbaren Rahmen — offenbar Familienbildnisse — gegen die häßlichen Schnörkel der Tapeten sowohl, wie gegen die dürftigen Möbel ab, mit denen das Zimmer ausgestattet war. Hier wohnte nicht die genügsame Armuth, die zufrieden ist von der Hand in den Mund zu leben, weil sie nichts Besseres kennt — hier wohnten Menschen, die aus einer glück­lichen Sphäre herabgestürzt worden waren in Niedrig­keit und Armuth.

Der Baron war es, der, als er seine Musterung beendet hatte, zuerst das Schweigen brach. „Als ich im letzten Jahre Dich besuchte, wohntest Du besser, Josephine," bemerkte er.

„Besser und bequemer!" erwiderte seine Frau. „Wrr haben eben gefunden, daß wir die theuere Miethe nicht bestreiten konnten, und sind deshalb kurz nach Deiner Abreise ausgezogen."

„So wenig kann es ja gar nicht sein, waS Ihr habt!" erklärte Herr von Neudingen. „Versteht Anna denn nicht mit dem (Selbe hauSzuhalten?"

Die Röthe auf den Wangen der Kranken wurde lebhafter, ihre Augen funkelten. „Anna ist sehr spar­sam!" tief sie auS; „sie hält mnsterhafte Ordnung. Sich selbst versagt sie alles, damit eS nur mir an keiner Bequemlichkeit mangele. WaS unser Einkommen betrifft, so lebe ich ja gleichsam von Anna'S Gnade, von dem kleinen Vermögen, das ihr durch meine Schwester Marie zufiel. Wäre uns dies Wenige nicht geblieben, wir müßten verhungern — ja, verhungern! Du solltest das am besten wissen, Karl," setzte sie vor­wurfsvoll hinzu, „nachdem Du mich überredet hast, für Deine Schulden zu haften mit allem, was ich besaß ..." Die Stimme versagte ihr, der Athem ging keuchend. Erschöpft hielt sie inne.

„Es blieb Dir ja noch der Schmuck," versetzte er etwas kleinlaut. „Und Du hattest..."

Sie unterbrach ihn mit einiger Heftigkeit: „Mir blieben Dinge, welche man theuer bezahlt, wenn man sie ankauft und die man im Falle der Roth für wenig

; Geld verschleudern muß! Auch meine Krankheit blieb, und der Doktor und die Apotheke! Krankheiten sind der Ruin armer Leute, Karl! Wie oft wurde mir das zur Zeit, als wir noch reich waren, von den Armen gesagt, die ich besuchte. Jetzt, wo ich die Wahrheit dieser Worte.an mir selbst erfahre, thut es mir wohl, zu denken, daß Niemand mir damals vergebens seine Noth geklagt hat."

Herr von Neudingen blieb diesem Ausbruche gegen­über unempfindlich.

„So lange Du noch so kostbare Gegenstände um Dich hast, wie zum Beispiel diesen kleinen Präfenttr- teller, ein wahres Meisterwerk der Goldschmiedekunst, kannst Du doch nicht von völliger Armuth sprechen," versetzte er mit frechem CynismuS. „Weißt Du auch, was das kleine Ding hier werth ist?" Er zeigte nach einer reich in Gold gefaßten Dose aus Kupfer-Email, die auf dem Tische lag. „Dieses unscheinbare Büchs- chen würde gerade jetzt sehr hoch bezahlt werden."

„Diese wenigen Kostbarkeiten find Alles, was mir vom Erbtheil meiner Mutter geblieben ist," gab fie zur Antwort. „Sie sind das einzige . . . ., was ich Anna hinterlassen kann — unser letzter Nothpfennig! Soll ich etwa . . . auch das noch verschleudern, Karl?"

Die Worte kamen nur mehr stoßweise — sie rang förmlich nach Athem. Der Mann, so roh er war, er­schrak.

„Nein! Nein!" beruhigte er sie. „So war es nicht gemeint. Ich wollte Dich nur aufmerksam machen auf den Werth dieser Gegenstände, von dem Du vielleicht keine Ahnung hast. Sie stimmen obendrein so schlecht zu der armseligen Umgebung, in der sie sich befinden." Er schwieg, um ihr Zeit zu lassen, sich zu sammeln; dann, in einen andern Ton fallend, fuhr er fort: „Wie Du es nur hier in der Spelunke aushalten kannst, Josephine! Prennberg ist ein elendes Nest; an jedem andern Orte würdest Du bequemer wohnen; hättest anderwärts wohl auch passenden Umgang für Dich und Anna, an dem es hier fehlt."

Sie lächelte wehmüthig. „Prennberg ist ein bil­liger und abgeschiedener Aufenthalt — darauf müssen wir sehen. An Geselligkeit theilnehmen zu wollen, könnte uns an keinem Orte der Welt einfallen. Dann haben wir auch zu unserem Glücke hier ein paar wahre Freunde gefunden, die uns über manche Schwierigkeiten hinweghelfen."

„Freunde? Wer sind die?"

„Nun Doktor Heimbnrg zuerst, der mich behandelt. Er lohnt es jetzt durch Aufmerksamkeiten gegen mich, durch sorgsame Pflege bei Tag und bei Nacht, daß er als junger Mensch durch meinen Vater in die Lage gesetzt worden ist, seine Studien fortführen zu können. Erinnerst Du Dich denn nicht, daß ich es Dir erzählte, Karl? . . . Hast Du auch vergessen, daß unser anderer Freund, Hofrath Roß, ein Studiengenoffe meines Bruders war? Anna, für die ich leider so gar nichts thun, die ich nirgend? hin begleiten kann," — sie seufzte schmerzlich auf — geht hier und da mit des Hofraths Töchtern spazieren. Zuweilen sitzt sie auch mit der Arbeit int Roß'schen Garten. Jederzeit wird sie dort mit großer Herzlichkeit aufgenommen."

„'Heimburg! Roß!" rief der Baron, mit höchster Geringschätzung in Blick und Ton. „So weit ich mich erinnere, hat dieser Roß eine sehr gewöhnliche Person zur Frau. Wäre dies aber auch nicht, — sind denn solche Leute ein Umgang für das Freifräulein v. Neu­dingen?"

„O!" lachte die Baronin bitter auf. „Dem Frei- fläutern v. Neudingen, das stundenlang in der Küche stehen, das die gewöhnlichsten häuslichen Arbeiten ver­richten muß, stände es übel an, hochmüthige Ansprüche zu machen. Glaube mir, Karl, in unserer Lage können wir nichts Besseres thun, als uns vor Hoffart hüten — vor Hoffart und vor Bettelstolz."

Sie hatte mit ungewohnter Schärfe gesprochen. Ihre Worte mußten einen wunden Punkt berührt haben, denn das Gesicht ihres Mannes röthete sich, und zornig fuhr er auf: „Ich sehe schon, Du hast von Anna gelernt. Auch Du fängst an mir Vorwürfe zu machen über das Unglück, daS sich beharrlich an meine Fersen heftet. Frage lieber Deine übervornehme hof­färtige Familie, warum sie nicht Demuth übt und den Verkehr mit Drr aufrecht erhält? Frage sie, warum sie Dich darben läßt, statt Dir aus der Noth zu helfen? Du bist eine Thörm, duldend und schweigend hier zu verkommen," anstatt Dich an sie zu wenden!"

„An wen sollte ich mich wenden?" fragte Frau von Neudingen schmerzlich bewegt. „Meiner Familie bin ich längst entfremdet. Vor Jahren und Jahren sind die Eltern gestorben; der Bruder ist nicht mehr, auch die Schwestern habe ich verloren. Eltern kann man um Hilfe angehen, geräth man in Noth, allenfalls auch Gefchwister— Neffen und Nichten anzubetteln,

dazu würde ich mich aber niemals verstehen. Ich kann entbehren, Karl, das habe ich bewiesen; nichts in der Welt soll mich aber dazu bringen, mtch zum Betteln zu erniedrigen!"

„Betteln! betteln!" wiederholte er mürrisch. „Im­mer die großen Worte! Ihr gottesfürchtigen Leute wiederholt stets, es sei Pflicht, Nothleidende zu unter­stützen. Diese Pflicht sollten Deine Verwandten nicht außer Acht lassen, am allerwenigsten Dir gegenüber."

„Das ist ein Punkt, in dem wir uns nie ver­stehen werden," sagte die Baronin müde. „Lassen wir deshalb die Erörterung. Ich beklage mich nicht und nehme die Armuth ergeben hin. Aber Eines ertrage ich kaum, um Eines flehe ich unaufhörlich, unter heißen Thränen!" Sie richtete sich auf, faltete die schmalen Hände, und sah ihrem Manne bittend in's Gesicht. „Sagt Dir Dein Herz nicht, waS es ist?" fragte sie angstvoll. „Ich flehe, daß Du in Dich gehen mögest! Laß ab von diesem unsteten Herumwandern, bei welchem Du an Leib und Seele zu Grunde gehst! Lasse Dir's an einem einfachen, zurückgezogenen Leben bei uns ge­nügen, Karl! Ich sage Dir nicht: thue es mir zu Liebe — ich zähle ja kaum mehr. Ich beschwöre Dich aber: thue es Gott zu Liebe, für Deinen Sohn, Deine Tochter!"

Sie schwieg. Thränen stürzten aus ihren Augen und rollten langsam über die schmalen Wangen.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Schwäbisch-Gmünd, 31. Okt. Gestern Nachmittag ex- plodirte mit einer gewaltigen Detonation ein großer Dampf­kessel in dem neuen Wasserwerke. Drei Arbeiter wurden völlig zerschmettert, einer wurde in den Wasserschacht geschleudert und getödtet; drei Arbeiter wurden schwer, zwei leicht verletzt. Unter den Tobten sind Monteur Friedrich Erbsleben aus Magdeburg, Karl Kröger aus Dortmund und Emil Müller aus Dortmund.

* Laibach, 31. Okt. Bon einer derartigen Hochwasser- Katastrophe wie jetzt wurde Krain seit Decennien nicht heim« gesucht. Bon allen Seiten kommen Hiobsposten. Am gefähr­lichsten ist die Lage der Ansiedler des Laibacher Moores, die sich unter das Dach und in die oberen Stockwerke ihrer Häuser flüchteten, wo man sich ihnen mit Schiffen nur sehr schwer nähern kann.

* Rom, 31. Okt Als sich Graf Chi assi, ein bekanntes Mitglied der katholischen Partei, gestern, wie alltäglich, zum An­hören der hl. Messe in die Kirche S. Nicola begab und eben nteber- gekniet war, trat ein Individuum auf ihn zu und feuerte zwei Revolverschüsse auf ihn ab. Der Gras ist an Hals und Brust schwer verletzt. Der Attentäter ist ein entlassener Kam­merdiener.

* Auch eine silberne Hochzeit! Zum Jubiläum der Weg­nahme Rom's wird der,Fr. Stimme' mitgetheilt: Die Jtali- anissimi feierten am 20. September an der Bresche der Porta Pia „die silberne Hochzeit des Königreichs Italien mit der Stadt Rom". Wann fand diese Hochzeit statt? Bor 25 Jahren, 1 70. Wann wurde der Bräutigam, das Königreich Italien, geboren? 1860, war also 1870 10 Jahre alt; die Rechnung ist leicht. Und das Bräutchen? Die Stadt Rom erblickte 754 vor Christi Geburt das Licht der Welt. 754 vor Beginn der christlichen Zeitrechnung und 1870 nachher ergeben aber das schöne Alter von 2624 I hren; ein recht zartes Bräutchen! Eine nette Heirath, der Mann 10 Jahre alt und dazu noch schwindsüchtig (am Geldbeutel), die Frau 2624.

* Zur Ausfechtung eines „Ehrenhandels" borgte sich ein cand. phil. von einem Berliner Waffenhändler einen Pistolen­kasten. Das Duell ging vor sich: die Ehre war wiederherge­stellt; auch die übliche Berurtheilung zu drei Monaten Festung blieb nicht aus. Soweit ging alles „korrekt". Nach der Wieder­herstellung seiner Ehre aber brachte der Herr Studiosus den ge­liehenen Pistolenkaften nicht zurück, sondern — versetzte ihn und der Händler mußte erst die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen, um sein Eigenthum wieder zu finden und — einlösen zu können. Als die Staatsanwaltschaft von diesem Treiben er­fuhr, leitete sie ein Strafverfahren gegen den Studenten ein; der aber zog es vor, diesem „Ehrenhandel" aus dem Wege zu gehen und nach Amerika zu verduften. — Eine nette (Satire aus den Duellunfug!

Literarisches.

Im Musikverlag von A. Maier dahier ist in prachtvoller Ausstattung erschienen: „Heliand. Ein Weihnachts-Festspiel nach der gleichnamigen altsächsischen Dichtung für Soli und gemischten Chor mit Klavier- oder Orchesterbegleitung zur Aufführung mit 6 lebenden Bildern komponirt von Heinrich Fidelis Müller, Domkapitular in Fulda, Ehrenmitglied der Academia St. Caecilia in Rom." Preise netto: Klavierauszug 3 Mark, Textbuch mit Deklamation 20 Pfg., Singstimmen 2 Mark, Orchesterstimmen 12 Mark.

Auch in diesem seinem neuesten Werke zeigt sich der durch eine ganze Reihe ähnlicher Kompositionen (Weihnachtsoratorium, Hl. drei Könige, Passion re.) bewährte Meister der kirchlichen Tonkunst voll und ganz auf der Höhe seiner Aufgabe. Wie der „Heliand" selbst als das Erhabenste und Schönste gilt, was die christliche Poesie hervorgebracht, so dürste dieses, an den­selben sich anlehnende Weihnachts-Festspiel eine wahre Perle unter den geistlichen Festspielen genannt werden. Der Erfolg, welcher dasselbe schon bei seiner ersten Aufführung in Kassel erzielt hat, bestättgt vollkommen die Richtigkeit unseres Urtheils. „Das au musikalischen Schönheiten so reiche, von charakteristischer Instrumentation ge- trageneund von edler Begeisterung durchdrungene Werk", so berichten darüber die Berliner .Neueste Nachrichten', „machte auf alle Anwesenden ersichtlich einen tiefen, bleibenden Eindruck." Namentlich muß der Schlußchor von geradezu überwältigender Wirkung sein. -r.