M 252 Donnerstag, den 31. Oktober 1895 22. Jahrgang
mit Urrterhaltungs-Hettage „Sterne und Slumerr
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Des Festes Allerheiligen wegen erscheint die nächste Nummer am Samstag.
f Allerheiligen und Allerseelen.
Verlassen haben uns lange schon des Sommers gefiederte Sänger, nur noch das heisere Krächzen der Raben unterbricht zuweilen die Stille der herbstlichen Fluren. Ja, es ward still draußen in Wald und Feld, denn die Erde bereitet sich vor zu ihrem langen Winterschlafe. Sie hat allen Schmuck des Sommers abgelegt, nur welke Blätter erinnern noch an die Herrlichkeit der warmen, sonnigen Sommerszeit, und ruht nun still in ihrem schmucklosen Gewände in Erwartung der weißen Flockendecke, die gar bald sie bedecken wird. Der Schlaf wird der Bruder des Todes genannt, und wahrlich, Alles an der den Winterschlaf erwartenden Natur erinnert ganz besonders an das Ende alles Lebens.
Wir alle können uns diesen Empfindungen nicht entziehen — wie viele Dichter haben ihnen doch schon Ausdruck verliehen! Gläubige und Ungläubige haben tausendmal den Herbst mit dem Sterben des Menschen verglichen, und wie grundverschieden waren doch ihre Gedanken und Gefühle bei diesem Vergleiche! Der Ungläubige sieht die Blumen welken und dahinsterben, er sieht die Natur den Banden des Todes anheimfallen, aber er weiß, daß sie auferstehen wird zu neuem Leben, zu neuer Herrlichkeit; und er? Auch er wird sterben, aber ohne Hoffnung auf ein Auferstehen! Er, der so stolz ist auf sein Wissen, das ihn die Natur beberr- schen läßt, muß sich doch mit bitterem Neide gestehen, daß er tief unter der Natur steht, denn er wird gar zu bald versinken in das Nichts, in einen Tod ohne Erwachen, wahrend er die Natur sich stets wieder aus ihrem Todesschlafe verjüngt erheben sieht. So wenigstens muß er empfinden, wenn er wirklich an die Unsterblichkeit seiner Seele nicht glauben will.
Aber sollte man nicht meinen, solche Betrachtungen müßten seinen Unglauben erschüttern? Wie kann er stolz sein auf sein Wissen und Können, wie kann er sich für den Herrn und Meister der Natur halten, wenn er selbst nur eine vergängliche Blüthe dieser Natur ist? Und kann sein Geist, der sich so hoch und frei emporschwingt über alles Irdische und Körperliche, der seinen eigenen Körper völlig beherrscht, dennoch so abhängig von diesem sein, daß er erlischt, sobald der Körper dem Tode verfällt, daß von ihm nichts mehr übrig bleibt, während von dem Körper doch wenigstens die Bestandtheile, der Stoff erhalten bleibt?
Man sollte glauben, daß solche Gedanken auch in dem ungläubigsten Geiste die Ahnung einer ewigen Geisterwelt erwecken müßten. In der That hat ja auch der blöde Materialismus bei den gelehrten Forschern schon lange abgewirthschaftet. Aber gegen die einzig mögliche Erklärung des geistigen Lebens im Menschen: den göttlichen Ursprung seiner Seele, wehrt man sich doch noch hartnäckig. Und gelebt wird
Kei-voU und freudvoll.
Novelle von L. v. Neibegg.
(Nachbruck verboten.)
1.
Die Strahlen der Nachmittagssonne fielen in ein ärmliches Stübchen und streiften das Angesicht einer blassen Frau, die, ungeachtet der Wärme des Juni- tcgs in wollene Tücher gehüllt, mit geschlossenen Augen aus einem Ruhebette lag und zu schlummern schien. Daß es eine Kranke war, verriethen die eingefallenen Wangen sowohl wie die tiefen Schatten unter den Augen; das verriethen auch die magern, durchsichtig feinen Hände, welche beinahe unheimlich abstachen von dem dunkeln Tuche, auf dem sie ruhten. Tiefe Stille herrschte in dem kleinen, dumpfen Gemache; dann und wann bewegte ein leises Lüftchen die Blätter der im Fenster stehenden Blumenstöcke; summend umkreiste eine Fliege die schlummernde Frau. Von Außen drang nur bisweilen der allmählich herannahende und wieder verhallende Ton der Schritte eines Vorübergehenden herauf, oder der Wind trug den Schall einer menschlichen Stimme, das Echo eines fröhlichen Lech ns in das Zimmer — dann war wieder Ruhe ringsum.
Plötzlich ertönte scharf und schrill die Glocke im Housgang. Die Kranke fuhr zusammen und richtete sich in den Kissen ein wenig auf. Draußen hörte man
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nach materialistischen Grundsätzen beute mehr denn je, « sowohl bei den Gebildeten, wie bei den Ungebildeten. ! Tie Genußsucht ist das ärgste Uebel unserer Zeit; sie hat den Geist zum Sklaven des Fleisches gemacht, sodaß es ihm kaum noch möglich ist, zu einer höheren Auffassung des Lebens, zum vollen Bewußtsein seiner sittlichen Verantwortlichkeit sich zu erheben. Lieber Genuß auf Genuß und dann der ewige Tod, als fortwährend zu leben nach der strengen Richtschnur des göttlichen Gesetzes mit dem nie schlummernden Gedanken an die Verantwortung für all' unser Thun und Lassen! Das ist ausgesvrochen oder unausgesprochen der Grund, warum so Viele, obwohl die innere Stimme sie oft genug an die Wirklichkeit eines Jenseits gemahnt, dennoch sich nicht aufroffen können zu dem offenen Bekenntniß: Ja, es gibt eine Unsterblichkeit und ein ewiges Gericht!
Auch dem Christen ist dieser Gedanke ernst und furchtbar, aber zugleich auch eine tröstliche Verheißung in den Kämpfen und Mühsalen des Erdenlebens. Sein Glaube gibt ihm die Mittel an die Hand, um bem Tode all' seine Schrecken zu benebmen. Jesus Christus, der den Tod überwunden und die Pforte des ewigen Lebens wieder geöffnet, bat uns auch in die Heilsmitteln seiner Kirche uiwersi-gliche Brunnen dieses ewigen Lebens, der ewigen Seligkeit Hintersassen. Er hat uns die Wege gewiesen, die zum Himmel führen Und srrtdem sind Tausende und Abertausende diese Wege gewandelt und strahsen nun am Throne Gottes als unsere leuchtenden Vorbilder, uns aneifernd und zugleich durch ihre Fürbitte unS stützend. Darum war es ein schöner Gedanke, das Fest dieser unserer glorreichen Vorkämpfer, das Fest Allerheiligen in die Jahreszeit zu legen, die uns in Allem an den Tod mahnt und diesem Feste dann zugleich den Allerseelen-Gedächtnißtag folgen zu soffen. An diesen Tagen vereinigt sich die streitende Kirche im Gebete mit der triumphirenden und leidenden Kirche. Angefeuert durch daS Vorbild der Heiligen, gemahnt durch das Gedächtniß der Tobten an unsere eigene Sterbestunde und an die Buße für unsere Sünden, nehmen wir dann mit neuem Eifer den Kamps gegen alles Böse um uns und in uns auf! Zugleich aber vergessen wir nicht der armen Seelen, die unS für unsere Fürbitten den Lohn ihrer eigenen nicht versagen werden!
Deutsches Reich.
Berlin, 30 Oktober
* Der Kaiser, welcher am Dienstag Abend aus Liebenberg wieder in Potsdam eingetrvffen ist. nahm am Mittwoch Vormittag die Vorträge des Chefs des Geh. CivilkabinetS, Dr. v. Lucanus, des Staatssekretärs des Innern, Dr. v. Bötticher und de? CbefS des MarinekabinetS, Admirals Freiherrn v. Senden-Bibran, entgegen. Um 12 Uhr empfing der Kaiser in Gegen-
erst ein undeutliches Geflüster, dann wurde die Stimme lauter; man unterschied den Klang einer männlichen, rauhen und befehlenden Stimme und den einer wohltönenden Frauenstimme, welche antwortete DaS Geflüster war zum lauten Gespräche geworden — eine kurze Weile, und eS wurde zum Wortwechsel.
Die Kranke hatte mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht; je lebhafter die Stimmen wurden, um so ängstlicher wurde der Ausdruck ihres Gesichtes; endlich konnte sie nicht länger an sich halten.
„Anna! Anna!" rief sie hinaus, so laut sie nur konnte. Keine Antwort erfolgte. Nur das Gespräch draußen verstummte einen Augenblick, dann wurde der Wortwechsel in gedämpftem Ton fortgesetzt.
„Anna!" wiederholte die Frau, und es lag ein schmerzlicher Borwurf in dem Ton ihrer Stimme. „So laß mich doch nicht umsonst rufen."
„Sogleich, liebe Mutter!" erhielt sie jetzt zur Antwort. „Ich muß erst nothwendig etwas besorgen, dann bin ich sofort bei Dir."
Die Kranke machte eine unruhige Bewegung, als wollte sie sich erheben. Die Anstrengung erwies sich jedoch als zu groß für ihre schwachen Kräfte. Mit ! einem Seufzer ließ sie sich in die Kissen zurückfinken, s und lag wieder still do. Nur ein nervöses Zucken, das i zeitweise ihre Fingerspitzen durchbebte, legte Zeugniß ’ ab für ihre innere Erregung.
wart des Siaatssekrktärs des Auswärtigen, Staats- minifters Freiherrn Marschall v. Bieberstein, den bisherigen chilenischen Gesandten am hiesigen Hofe, Don Gonzalo Bülnes, in Abschieds-Audienz. Nachmittags begibt sich der Kaiser nach Groß-Lichterfelde, um dort im Kreise des Osfizierkorps des Garde-Schützenbataillons am Tage der Schlacht bei Le Bourget das Mittagsmahl einzunehmen. Gegen 10 Uhr Abends beabsichtigt der Kaiser in Berlin einzutreffen, im hiesigen König!. Schlosse zu übernachten und morgen früh nach dem Schießplätze Kummersdorf zu reisen. — Bei der Schlußsteinlegung zum Reichsgerichts-Gebäude hat der Kaiser, wie dem ,Leipz. Tagebl' mitgetheilt wird, den Staatsminister Dr. v. Bötticher dadurch in besonderer Weise ausgezeichnet, daß er kurz vor Beginn des feierlichen Aktes, nachdem er sich schon gesetzt hatte, sich erhob, auf den Staatsminister zuschritt und ihm in herzlicher Wnfe die Hand drückte. (Angesichts der Bismarck'schenWühlereien gegen Herrn v. Bötticher ist diese Kaiser!. Auszeichnung bemerkenswerth. D. R.)
* Dem Obersten z. D. v. Spankeren, welcher im Kriege 1870/71 Chef der 2. Kompagnie des Garde- Pionierbataillons war, welches sich in der Schlacht bei LeBourget besonders ausgezeichnet hat, wurde heute, am 25. Jahrestage dieser Schlacht, vom Kaiser der Kronenorden 2. Klasse verliehen. Oberst v. Spankeren wohnte dem heutigen Feste in Groß-Lichterfelde, wo der Kaiser anwesend war, bei.
* Einen Jubiläumstag in der Verbannung kann heute ein Jeiuitenpater feiern. Heute vor 25 Jahren fand die Erstürmung von Le Bvurget durch Der» schiedene Truppentheile des Gardekorps statt. In dem blutigen Kampfe um Le Bourget hat sich der Jesuitenpater Aschenbrenner als Feldgeistlicher der Gardeartillerie durch seine unerschrockene Haltung und aufopfernde Pflichttreue so ausgezeichnet, daß ihm das Eiserne Kreuz verliehen wurde. Den Jubrläums- tag muß nun Pater Aschenbrenner ebenso wie die anderen Jesuitenpatres, welche in dem Kriege von 1870/71 freiwillig dem Vaterlande ihren aufopferungsvollen Dienst widmeten und in demselben sich auszeichneten, in der Verbannung erleben, in welcher er seit langer Zeit weilt. So lohnt das Vaterland treu geleistete Dienste! — Wie lange noch will man das Jesuitengesetz, nachdem der Reichstag zweimal mit wachsender Mehrheit dessen Aufhebung beschlossen hat, im BundeSratbe aufrecht erhalten?
* Wegen Verächtlichmachung des Jesuitengesetzes als einer Staatseinrichtung ist gegen die ,Frankenstein- Münsterberger Ztg.' Anklage erhoben worden. Unseres Wissens ist es der erste Fall, daß eine katholische Zeitung wegen Verächtlichmachung des Jesuitengesetzes als einer Staatseinrichtung in Anklagestand versetzt worden ist. — Wir können nicht finden, daß die Staatsanwaltschaft damit einen glücklichen Griff gethan hätte. Der Reichstag hat sich zweimal veranlaßt gesehen, das Jesuitengesetz zu verurtheilen und die
Ein paar Minuten vergingen; dann wurde die Thüre geöffnet und ein junges, hochgewachsenes Mädchen trat in das Zimmer. Auch sie war erregt; ihre grauen, von dunkeln Wimpern beschatteten Augen blickten finster, und um den feinen Mund mit den fest geschlossenen Lippen lag ein harter Zug. Als aber ihr Blick auf die leidende Frau fiel, kam es wie ein warmer Sonnenstrahl über das Gesicht: der herbe Ausdruck schwand, und nichts als Liebe, hingebende Liebe sprach aus den schönen Augen.
Sie kniete an dem Ruhebett nieder, ergriff der Mutter Hand, die sie küßte und streichelte, und sagte zärtlich: „Verzeih'mir Mütterchen! Es war mir eben nicht möglich, auf Deinen ersten Ruf zu kommen. Ich sprach draußen mit Jemand ..."
„Wer war der Jemand?" unterbrach die Kranke sie mit fieberhafter Hast, indem sie sich aufrichtete. Ihre dunkelblauen Augen leuchteten, ihre bleichen Lippen bekamen eine unheimliche, bläuliche Färbung. „Ich lag im Halbschlaf/ fuhr sie fort, „da erwachte ich durch den Wortwechsel, der im Hausgang stattfand. Deine Stimme hörte ich sogleich heraus, in der andern glaubte ich jene .... Deines Vaters zu erkennen! War er es?" fügte sie ängstlich hinzu.
Einen Augenblick zögerte das junge Mädchen mit der Antwort; wie unschlüssig sah sie vor sich hin. „Ja, er war's," flüsterte sie bann.