. E 251 Mittwoch, den 30. Oktober 1895 22. Jahrgang
Erscheint täglich, Son» und Ferertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn end Bestellgeld in ftulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmond?,eile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeilc 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
uidlicr
;>
Mr'
mit Unterhaltnngs-KeiLage „Sterne und KLnmen"
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Oktober.
♦ Anläßlich des gegenwärtigen Aufenthaltes des Kaisers in Liebenberg auf der Besitzung des Grafen Philipp Eulenburg wird daran erinnert, daß die Abreise des Kalfers dorthin gerade einen Tag nach dem ersten Jahrestage der Entlassung Caprivi's und des Grafen Botho Eulenburg, des Bruders jenes Grafen Philipp Eulenburg, erfolgte. Auch damals weilte der Kaiser in Liebenberg, hier kam die Krisis zum Ausbruch, die durch die Meinungsverschiedenheit über die Bekämpfung der Umsturzgefahr hervorgerufen war. Man darf sich nicht wundern, daß auch bei dem diesjährigen Besuche des Kaisers in Liebenberg allerlei „kritische" Betrachtungen laut geworden find. Jndesien herrscht doch im Allgemeinen die Ansicht vor, daß Fürst Hohenlohe wohl noch einige Zeit im Amte bleiben dürfte. Allerdings vertritt auch er in Sachen deS „Kampfes gegen den Umsturz" eine besonnene Auffassung, ähnlich derjenigen des Grafen Caprivi, aber es ist ihm anscheinend gelungen, mit dieser Auffassung sowohl beim Kaiser, als bei seinem Ministerkollegen durchzudringen. Und was die Agrarfrage angeht, so ist zwar auch Fürst Hohenlohe beim „Bunde der Landwirthe" schlecht genug ungeschrieben, aber ihm wird das, vorerst wenigstens, kaum sein Amt kosten, nachdem der Kaiser erfahren hat, daß die Preisgedung Caprivi's und das Zugeständnis der „kleinen Mittel" die um Plötz nicht zu beruhigen vermochte. Schließlich hat Fürst Hohenlohe vor Caprivi voraus, daß er auch preußischer Ministerpräsident ist, also sich nicht als Reichskanzler der Eifersucht und Gehässigkeit des leitenden preußischen Ministers zu erwehren hat, wie das Caprivi gegenüber dem Grafen Botho Eulenburg thun mußte.
* Das Staatsministerium trat heute Nachmittag unter dem Vorsitze des Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.
* Der Kolomalrath setzte heute die Berathung über die Kolonialetats fort. Aus der MontagS- fitzung ist nachzutragen, daß beschloffen wurde, daß die Gouverneure von Kamerun und Togo unter Zuziehung der Missionare über die Schnapseinfuhr b «richten sollen. Auf Grund dieser Berichte sollen dann im nächsten Jahre Maßnahmen gegen die Schnapspest berathen werden.
* Der Postctat pro 1896/N7 schließt nach einer offiziösen Meldung mit einem Ueberschuß von 25,580,000 Mark ab, 4,800,000 Mark mehr, als im laufenden Etat angenommen worden ist. Das ist wiederum eine glänzende Rechtfertigung für die Reichstagsmehrheit, welche die Einnahmen im Postetat höher, als vorgefchlagen wurde, veranschlagt hat, wie sehr man sich auch dagegen sträubte Eine „gesunde Finanzpolitik" verlangt doch, daß euch die Einnahmen richtig veranschlagt werden. Freilich, den Mittelparteilern war es mehr darum zu thun, diese
Das Testament.
Original-Novelle von Clarifse Borges.
(Schluß.)
Hilda träumte so friedlich von ihrer rosigen Zukunft, von ihren herrlichen Diamanten, die sie unter ihrem Kopsttffen verborgen hatte; nicht aus Furcht, daß sie entwendet werden könnten, der Gedanke lag ihr -fern, sondern nur, weil sie den Geber so innig liebte, deshalb tvollte sie auch sein Geschenk so nah wie möglich bei sich haben.
Plötzlich glaubte sie ein leises Geräusch zu hören. Ohne sich zu bewegen, halb wachend, halb träumend, öffnete sie die Augen. Bei dem schwachen Schein der Rachtlampe sah sie die dunkle Gestalt eines Mannes. Roch eine Sekunde und Hilda erkannte---— den
Diener Henri, Sara's Mörder. Im ersten Augenblick, in welchem ihr Herz zu schlagen aufhörte, konnte sie weder rufen noch sich bewegen. Schreien durfte sie nicht, sonst hätte der Unmensch sie gelobtet, ehe Hilfe gekommen wäre, das wußte sie. Ihr Entschluß war schnell gefaßt. Sie wollte kein Glied rühren; er sollte glauben, sie sei fest eingeschlafen.
Aber ihr Muth wurde auf eine sehr harte Probe gestellt. Der Elende bewegte sich so leise durch das Zimmer, daß Pe ihn nicht bemerkt haben würde, hätte
Einnahmen niedriger erscheinen zu lasten, um mit einem scheinbaren großen Defizit Stimmung für neue Steuern und für die Fwanzreform zu machen. Das ist nicht gelungen und wird nicht gelingen. Die That- sachen geben der Reichstagsmehrheit Recht, wenn letztere den Voranschlag der Einnahmen erhöht, wo Mehreinnahmen in sicherer Aussicht stehen, und bei den Ausgaben auf Sparsamkeit Bedacht nimmt. Die Grundsätze einer vernünftigen Wirthschaft im P-ivathaushalt haben in gleichem Maße Geltung und Bedeutung für die Aufstellung eines Staatshaushalts in Preußen wie im Reiche.
* Nach den im Reichsversich-rungSamte gefertigten Zusammenstellungen der Jnvaliditäts: u. Altersrenten, welche auf Angaben der Versicherungsanstalten und der zugelasfenen Kasteneinrichtungen beruhen, betrug am 1. Oktober 1895 die Zahl der seit dem Inkrafttreten des Jnvaliditäts- und Alterversicherungsgesetzes erhobenen Ansprüche auf Bewilligung von Altersrenten bei den 31 Versicherungsanstalten und den 9 vorhandenen Kaffeneinrichtnngen 331,422. Von diesen wurden 263,037 Rentenansprüche anerkannt und 57,428 zurückgewiesen, 3085 blieben unerledigt, während die übrigen 7872 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Von den erhobenen Ansprüchen entfallen auf Hesten-Nassau 7117. Die Zahl der während desfelben Zeitraumes erhobenen Ansprüche auf Invalidenrente betrug bei den 31 Versicherungsanstalten urd den 9 Kasseneinrichmngen insgesammr 201,694. Von diesen wurden 142,502 Rentenansprüche anerkannt und 40.654 zurückgewiesen, 9243 blieben unerledigt, während die übrigen 9295 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Von den erhobenen Ansprüchen entfallen auf Hesten-Nastau 4838. Unter den Personen, die in den Genuß der Invalidenrente traten, befanden sich 2774, die bereits vorher eine Altersrente bezogen. Im letztver- flossenen Vierteljahr sind ferner in Folge Ablaufs der Wartezeit von 235 Wochen die ersten Ansprüche auf Erstattung von Beiträgen für weibliche Versicherte, die in die Ehe getreten sind, und für die Hinterbliebenen verstorbener Versicherter (§§ 30, 31 des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes) geltend gemacht worden. Die Zahl der im Ganzen bisher erhobenen Ansprüche dieser Art betrug für das ganze Reich 5080. Davon sind 1931 Ansprüche anerkannt, 1757 abgelehnt, 148 anderweitig erledigt und 1244 unerledigt geblieben.
* Das Ministerium von Elsaß-Lotbringen hat eine Statistik über das Schulwesen veröffentlicht. Aus derselben geht hervor, daß an den 3822 katholischen Klassen der öffentlichen Elementarschulen 1289 Schulschwestern und 19 Schulbrüder unterrichten. Außerdem unterrichten noch 73 Schwestern und 27 Brüder an den 117 vorhandenen Privat - Elementarschulen. An den 309 katholischen Klein linder schulen sind 299 Ordensschwestern beschäftigt. Dies ist unfern Liberalen natürlich em Dorn im Auge und sie Der«
sie ihn nicht durch die halb geschlossenen Augenlider beobachtet.
Jetzt näherte er sich dem Bette, beugte sich über die Schlafende, bis sie feinen Athem auf der Wange spüren konnte, aber sie zuckte nicht und mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung athmete sie leise weiter.
Der Schurke schien befriedigt und schlich leise vom Bette. — Nun begann er das Zimmer zu durchsuchen. Er öffnete die Schränke, warf Kleidungsstücke, Spitzen, Taschentücher durcheinander und wandte sich dann dem Schreibtische zu. Jedes Fach, jedes Kästchen wurde geprüft; die verschlossenen Schlösser öffnete er mit einem Dietrich, doch schien er nicht befriedigt.
„Gr sucht meine Diamanten," dachte Hilda, die zitternd jede Bewegung beobachtete.
Jetzt näherte er sich wieder dem Bette und beugte sich über die Schlafende; dann--eine tödtliche
Angst bemächtigte sich der Armen--sah sie ein
langes blitzendes Meffer in der Hand des entmenschten Schurken. Seine Augen rollten und wild blickte er sein armes Opfer an. — Mit der einen Hand hielt ec daS Messer, während er die andere leise über die Bettdecke gleiten ließ. Er versuchte sogar, unter dir Matratze zu fasten, und hob sie mit feiner ganzen
hehlen auch gar nicht ihren Aerger über diese That- sache. So klagt die Magdeb. Ztg', daß mehr als ein Drittel der öffentlichen Elementarschulen in den Händen von Ordenspersonen sich befindet, die nicht von der Regierung, sondern von den betreffenden Ordensobern angeftellt werden. Dem großen Einfluste der Ordensschwestern (welche nach ihrer Meinung dem Einflüsse des „wenig deutschfreundlichen Klerus" mehr zugänglich sind) schreibt die,Magdeb. Ztg.' auch theil- weise die Schuld zu, daß das Deutsche bei der weiblichen Jugend innerhalb des französischen Sprachgebiets fo geringe Fortschritte aufweist. Ob in den dortigen Gegenden auch die Verrohung der Jugend von Jahr zu Jahr zunimmt, wie wir dies leider in Gegenden konstatiren muffen, wo keine Ordenspersonen mit der Erziehung der Kinder betraut sind und sogar die Thättgkeit des Seelsorgers noch sehr beschränkt ist?
* Dortmund, 29. Okt. Die Stichwahl iül hiesigen Wahlkreise ist auf den 5. November (nächsten Dienstaa) festgesetzt.
* Straßburg i. E., 29. Okt. Der Unterstaatssekretär Zorn v. Bulach scheint ein kurioser Herr zu sein. Vor einigen Monaten machte die .Kölnische Volkszeitung' von den eigenthümlichen Umgangsformen des Unterstaatsfekretärs Zorn v. Bulach in Straßburg in feinem „Berichtigungs"-Schreiben an die Redaktton des .Mülhaufer Volksblattes' Mittheilung. Der Schluß des Briefes an die Redaktion des k a t h o l i s ch e n Blattes lautet: „Diese Erklärung haben Sie in der nächsten Nummer Ihres Blattes aufzunehmen. Straßburg, den 1. Juni." Neuerdings hat nur Hr. v. Bulach wieder eine „Berichtigung" zu versenden gehabt, ober dies Mal an die Redaktion eines national-liberalen Blattes, nämlich der ,Strasburger Post'. Und da sind nun die Umgangsformen des Herrn Unterstaatssekretärs plötzlich ganz andere: „Straßburg den 24. Oktober. Die Redaktton der Straßburger Post ersuche ich ganz ergeben st um Einrückung - folgender Erklärung in die nächste Nummer Ihres w e r t h e n Blattes." Der Ton, den hier ein reichsländischer Unterstaatssekretär gegen den Redakteur eines katholischen Blattes, einen katholischen Priester, einerseits, und gegen den Redakteur eines nationalliberalen Blattes andererseits anschlägt, ist sehr bezeichnend. In dieser Hinsicht reden die beiden Pröbchen Bnlach'fchen Briefstils für die reichsländifchen Zustände ganze Bände.
* Metz, 29. Ott. Dem Metzer Dombauverein ist Allerhöchsten Orts die Erlanbniß ertheilt worden, zu der zum Besten des hiesigen DombaueS beabsichtigten zweiten Geldlotterie von 1,500,000 Loosen im ganzen Bereiche der Preußischen Monarchie Loose zu vertteiben.
Ausland.
* Wien, 29 Oki. Der Gemeinderath wählte heute Dr. Lueger mit 93 Stimmen zum Bürgermeister; 44 leere Stimmen wurden abgegeben, ein Gemeinderath hatte sich schriftlich entschuldigt.
Kraft ein wenig empor, aber Hilda rührte sich nicht. — Endlich, nachdem er noch einmal einen langen prüfenden Blick in das ruhige Gesicht der jungen Dame geworfen hatte, ging er in das Eckzimmer und schloß die Thür hinter sich.
Hilda hörte, wie der Unmensch ein Streichholz anzündete und athmete erleichtert auf.
Schnell schlüpfte sie aus dem Bette, nahm die Diamanten und öffnete leise die Thüre zu Irenens Zimmer.
Das junge Mädchen lag glücklich lächelnd im tiefen Schlaf auf seinem Lager. Schnell preßte Hilda ihr die Hand auf den Mund, um sie am Schreien zu hindern, dann weckte sie die Freundin mit einem Kuß.
„Steh auf, schnell; Henri!" waren die einzigen Worte, die sie Irene ins Ohr fliifterte, und im nächsten Augenblick fl»hen die beiden Damen mit bloßen Füßen und vor Schreck erstarrten Gliedern über den kalten Korridor, bis sie an Bruno's Thur gelangten.
„Irene war nicht im Stande, einen Ton hervor- zubringen, doch Hilda rief laut:
„Hilfe, Hilfe! es find Räuber im Hause!" — dann eilten sie in das Zimmer der Gräfin.
„Was ist geschehen?" rief die Gräfin und hüllte die angsterfüllten Mädchen in warme Gewänder.